Saudi-Arabien – You’re like no other

Saudi-Arabien ist ein Land, das schwer mit anderen arabischen Ländern vergleichbar ist. Seine Nachbaremirate am Golf sind verglichen mit Saudi-Arabien stinkend neureiche Angeber, völlig bestimmt von Größenwahn und Materialismus. Saudi-Arabien ist zwar auch mit Öl reich geworden, aber pro Kopf ist für seine relativ zahlreiche Bevölkerung viel weniger übrig geblieben. In den Golfemiraten arbeiten Ausländer, die Einheimischen lassen es sich gut, sehr gut gehen. In Saudi-Arabien gibt es zu viele Menschen und zuwenig Öl  für so ein Modell. Es gibt Armut unter den 28 Millionen Einwohnern Saudi-Arabiens, es gibt Menschen die sich irgendwie durchschlagen, und es gibt Menschen die – unfassbar – hart arbeiten müssen, um zu überleben.

Saudi-Arabien ist zwar eine absolute Monarchie, eine Diktatur, aber selbst mit einem liberal und reformerisch gesinnten König stehen den Menschen nicht nur ein erzreaktionärer, mächtiger Klerus im Weg, sondern auch die eigenen Traditionen. Durch das Öl direkt vom Nomadenzeitalter in die Moderne katapultiert, ist es für die meisten Saudis schwierig, eine dazu passende Identität zu finden. So halten viele krampfhaft an der Vergangenheit fest, die doch längst vorbei  ist.

Wie fast immer macht sich in islamischen Ländern dieser Identitätskonflikt an der Rolle der Frau fest. Die Vorstellung, dass Frauen einfach gleiche Rechte haben könnten wie Männer, ist für die weitaus größte Mehrheit der Männer – aber auch für viele Frauen – derart beängstigend, dass der ganze islamistische Furor sich fast überall in erster Linie darauf konzentriert, Frauen zu unterdrücken oder geradezu zu versklaven.

Vor diesem Hintergrund ist es um so bewundernswerter, dass der mittlerweile 88jährige König Abdullah, Hüter der Heiligen Stätten von Mekka und Medina –  Allah schütze ihn und schenke ihm ein langes Leben – sich an diese Frage heranwagt und zaghaft Rechte für Frauen einführt. Saudi-Arabiens Frauen sind klug genug, den Hüter der Heiligen Stätten von Mekka und Medina nicht offen herauszufordern und keine Showdowns zu provozieren. Das Autofahrverbot ist ein Anachronismus, der irgendwann fallen wird – aber in dieser Frage sind die Verhältnisse so verfahren, dass es keine gesichtswahrende Möglichkeit für Fortschritte gibt. Da steht der Klerus Gewehr bei Fuß. Abdullah hat letztes Jahr erlaubt, dass Frauen Fahrrad fahren dürfen und den Klerus damit überrumpelt.

Die Emanzipation der Menschen Saudi-Arabiens findet nicht über Demonstrationen für Demokratie, nicht über Kundgebungen auf Tahrir-Plätzen, und auch nicht über heldenhafte Intellektuelle statt, die im Untergrund oder im Exil gepfefferte Texte schreiben. Die Menschen schaufeln sich im Alltag millimeterweise frei. Am meisten zeigt sich der allmähliche Wandel der Gesellschaft in der Kultur. Für eine Stammesgesellschaft wie Saudi-Arabien ist es schon revolutionär, dass Menschen in der Gesellschaft bekannt werden, einen Namen haben, weil sie etwas Herausragendes leisten – nicht weil sie Stammesführer sind. Schon das ist eigentlich ein weitaus radikalerer Bruch mit der Nomadenzeit als eine autofahrende Frau – und es ist etwas, was auch der übelste Kleriker nicht grundsätzlich verbieten kann.

Dazu gehören Leute wie Ibrahim Abdallah  und Fares El Madani – sie traten für Saudi-Arabien beim letzten „Arab Idol“-Wettbewerb auf. Arab Idol  ist im Fernsehsender MBC so etwas wie Deutschland sucht den Superstar. Jeder anspruchsvolle Deutsche rümpft die Nase, wenn man so etwas im Kontext von „Kultur“ erwähnt. Aber es ist Kultur, und die Tatsache dass bei Arab Idol Saudis auftreten, ist nicht nur für Saudi-Arabien ein kultureller Fortschritt. Die beiden verschaffen dem Land Saudi-Arabien unter den anderen arabischen Ländern damit Sympathie-Pluspunkte, die das Land sonst nie bekommen würde: sie machen nämlich deutlich, dass es auch dort ganz einfach normale Menschen gibt und nicht nur religiöse Extremisten und petrodollarschwere Angeber.

Schon sehr viel schwerer hat es Mashael, eine saudische Popsängerin die aber eigentlich nur im Ausland auftreten kann. Popsängerin darf eine Saudi eigentlich nicht werden, das ist verboten. Sie tarnt sich auch nicht als Libanesin, was der naheliegendste Weg wäre (Libanesinnen dürfen das), sondern singt absichtlich im Dialekt ihrer Heimatregion. Eine Provokation. Ihre Songs auf youtube zu finden, gleich einem Hürdenlauf, sie sind ständig gesperrt. Neben der berüchtigten deutschen Zensurbehörde Gema, die mit dem Unblocker umgangen werden kann, sind auch andere eher nahöstliche Kräfte am Werk.  Allah werfe sie alle in die Hölle.

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Zurzeit im Kino in Deutschland zu sehen ist der erste Kinofilm, der in Saudi-Arabien gedreht wurde, von einer Frau als Regisseurin, Haifaa al-Mansour – mit Mitteln deutscher Filmförderung: Das Mädchen Wadjda.  Er beschreibt ein Mädchen, das sich nichts sehnlicher wünscht als ein Fahrrad und es am Ende auch bekommt. Ein wirklich schöner Film, sehr gut rezensiert bei Stil in Berlin.

Eher anspruchsvolle avantgardistische Hochkultur findet man vor allem in der Malerei. Eine meiner liebsten Facebookseiten ist Arab Women Artists. Jowhara al-Saud ist eine beeindruckende Fotografin, die mit den Grenzen der Zensur spielt – nicht nur der staatlichen Zensur, sondern auch der Zensur durch die Tradition. Sie macht auf vielen ihrer Fotos die Gesichter der Menschen unsichtbar.  „In an attempt to comment on this censorship, I tried to apply the language of the censors to my personal photographs. I began by making line drawings from the photographs to abstract them. I omitted faces, referencing the aforementioned adverts. And kept only the essentials. This preserved the anonymity of my subjects, which allowed me more freedom since it is still a taboo to have one’s portrait hanging in a gallery or someone else’s home. This is true of many Middle Eastern countries. It became a game of How much can you tell with how little.“

Halos SandJ

So beschreibt sie ihre Arbeit auf dem Contemporary Art Blog „I like this art“.

Saudi-Arabien geht seinen eigenen Weg. Niemand kann wissen wie er enden wird. Er muss keineswegs zu Krieg und Gewalt führen. Dieses so verschlossene Land könnte die Welt noch überraschen mit einem langsamen, aber friedlichen Weg zu einer menschlicheren Gesellschaft, wie auch immer sie aussehen mag. Manchmal denke ich, je weniger der Westen daraufschaut und vor allem je weniger er sich einmischt, desto besser.

Über sunflower22a

I am a mystery.
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Eine Antwort zu Saudi-Arabien – You’re like no other

  1. Sebastian schreibt:

    Ein interessanter Bericht über ein Land, das in Deutschland selten zur Sprache kommt.

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