Tunesien – Arabiens Hoffnung

Der arabische Frühling begann in Tunesien. Ein kleines Land, das sonst nie viele Schlagzeilen macht oder gar Weltgeschichte schreibt. Verglichen mit den anderen Ländern des sogenannten arabischen Frühlings – Libyen, Ägypten, Syrien, Bahrain – hat es wohl auch mit Abstand die geringste Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit erhalten. Tunesien war kein Thema für den Weltsicherheitsrat, Tunesien war kein Thema für die islamistischen Jihad-Söldnerheere die heute Syrien heimsuchen. Das war wohl ein Glück für Tunesien.

Auch in Tunesien gewannen die ersten freien Wahlen nach dem Ende des Diktators Ben Ali die Islamisten eine relative Mehrheit. Gemäßigte Islamisten, aber auch sie hatten eine Agenda, die einer Mehrheit im Volk rasch nicht mehr passte. Es gab politische Morde, Terroranschläge der Salafisten, Regierungskrisen und Wirtschaftskrisen – aber keinen Bürgerkrieg. Tunesien hat jetzt nach zwei Jahren intensiver Arbeit mit geradezu überwältigender Mehrheit eine neue Verfassung angenommen. 200 Ja, 12 Nein, 4 Enthaltungen. Eine geradezu vorbildliche Verfassung, eine liberale demokratische Verfassung. Sie haben es geschafft, die schwierigen Identitätsfragen zu lösen, die die gesamte islamische Welt heimsuchen. Der Islam ist Staatsreligion, aber die Religionsfreiheit und sogar – unvorstellbar in anderen arabischen Ländern – das Recht auf keine Religion. Die Justiz ist unabhängig, die Scharia spielt keine Rolle. Tunesiens Frauen hatten schon unter der Diktatur ihre Rechte durch die fortschrittlichsten Gesetze der Region, aber das waren Gesetze einer Diktatur. Heute werden sie bestätigt durch eine Nationalversammlung mit einer Mehrheit der islamistischen Ennahda-Partei. Frauen und Männer sind gleichgestellt, der Staat hat die Pflicht ihre Rechte zu schützen. Noch vor zwei Jahren wollte die Ennahda eine Verfassung durchdrücken, in der Frau als „Ergänzung des Mannes“ definiert werden sollte.

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Wie schaffen es die Tunesier, woran Ägypter, Syrer, Libyer scheitern? Tunesien ist in vielerlei Hinsicht anders als seine Nachbarn. Der westliche Einfluss ist es vermutlich nicht – den haben fast alle anderen arabischen Länder auch, und ob er so positiv ist sei dahingestellt. Tunesien hat keine Kriege hinter sich wie Algerien oder Ägypten, und deshalb keine starke Armee. Tunesien hat keine konfessionellen Konflikte wie Syrien oder der Irak. Alles das ist wichtig, aber es ist meiner Meinung nach nicht zentral.

Ich glaube, das wichtigste ist: Tunesien hat kein Öl. Tunesiens Bürgerinnen und Bürger mussten immer arbeiten, um zu Wohlstand zu kommen, er quoll nie aus dem Boden. Wer von Libyen nach Tunesien fährt, spürt den enormen kulturellen Kontrast dieser beiden benachbarten und eigentlich so verwandten Völker sofort. Für Libyer ist es eine Schande, wirklich (= körperlich) arbeiten zu müssen. Handwerker werden verachtet, das sind Arbeiten für rechtlose ausländische Gastarbeiter. Libyer waren in ihrer Geschichte immer Beduinennomaden oder Piraten. Gewerbe, Industrie, Produktion…Fremdwörter. Auf so einer kulturellen Basis lässt sich keine Demokratie aufbauen.

In Tunesien dagegen ist ein Handwerksbetrieb Quelle des Stolzes einer Familie. Nirgendwo wird dies deutlicher als in der Wirtschaftsmetropole Sfax. Sfax ist die zweitgrößte Stadt Tunesiens, dorthin verirrt sich kein Tourist, obwohl sie sogar am Meer liegt. Am Meer liegt der große Industriehafen von Sfax, keine Badestrände. In Sfax gibt es nicht nur die typischen Dritte-Welt-Sektoren wie Landwirtschaft oder Textilindustrie, selbst in Branchen wie Maschinenbau, Chemie,  Bau ist Sfax stark. Noch wichtiger: es handelt sich nicht um Staatsbetriebe oder Niederlassungen ausländischer Multis, es ist eine eigenständige Wirtschaft, verwurzelt in und stolz auf ihre Stadt. Auch die Arbeiterbewegung ist stark in Sfax und war eine der treibenden Kräfte der Revolution gegen Ben Ali.

Wer wirtschaftlich auf eigenen Beinen steht und kein Anhängsel staatlicher Großstrukturen oder abhängig von den unkontrollierbaren Konjunkturausschlägen einer Monokultur ist, wie die komplett vom Tourismus abhängige Nachbarstadt Sousse, geht mit anderen Augen durch das Leben. Es sind diese Menschen, die die lebendige Zivilgesellschaft Tunesiens prägen. Und es sind solche Menschen, von denen es in anderen Ländern Arabiens leider einfach – noch – zuwenige gibt. Ausländische Jihadistensöldner  haben in Tunesien keine Chance.

Tunesiens Zivilgesellschaft hat viel Mut bewiesen in den letzten Jahren. Mut gegen die Diktatur, Mut gegen die Islamisierungsversuche der Wahlgewinner von der Ennahda. Leute wie erst 30jährige Anglistikprofessorin und Bloggerin Lina Ben Mhenni – ihr berühmter arabisch-französisch-englischer Blog „A Tunisian Girl“ ist eine unerschrockene Chronik der revolutionären und postrevolutionären Ereignisse. Sogar für den Friedensnobelpreis hat man sie schon vorgeschlagen.

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Wie sehr diese starke Zivilgesellschaft das Land prägt, sah man am besten nach den beiden politischen Morden an den linken Oppositionsführern Chokri Belaid und Mohammed Brahmi. In anderen Ländern Arabiens lösen politische Morde allenfalls noch kurzfristige Empörung aus, in Tunesien brachte sie die Ennahda in eine derartige Legitimationskrise dass sie einlenken musste.

Demokratie ist ein leider sehr sehr schwieriger Zustand, für den es sich zu kämpfen lohnt. Klar. Aber die Voraussetzungen dafür sind leider auch recht anspruchsvoll. Es wäre wunderbar wenn Tunesien den Weg zu einer modernen, arabischen Demokratie schaffen würde. Ich bin wirklich optimistisch.

Über sunflower22a

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