Danke an die Antifa – und das im Tagesspiegel

Heute mache ich was Ungewöhnliches. Ich zitiere einen Tagesspiegel-Kommentar in voller Länge. Nicht weil mir nichts besseres einfallen würde, nein , sondern weil er mich komplett verblüfft hat. Und natürlich weil es 100% auch meine Meinung ist. Wirklich gut, hätte ich dem Blatt nicht zugetraut.

Chaoten oder Heilsbringer? Danke, liebe Antifa!

von Sebastian Leber

Sie gelten als Krawallmacher, Störenfriede, Chaoten. Dabei ermöglichen sie uns ein Leben, in dem Rechtsextreme die Rolle spielen, die ihnen zusteht: keine. Verteidigung einer viel gescholtenen Subkultur.

Wer diese Typen im Fernsehen sieht oder in der Zeitung über sie liest und selbst halbwegs richtig im Kopf ist, muss zwangsläufig ein fürchterliches Bild von ihnen bekommen: Die schwarz gekleideten Vermummten, die sich selbst „Antifaschisten“ nennen, haben einen miserablen Ruf. In Berlin machen sie andauernd Stress, nerven jedes Jahr zum 1. Mai, aber im Grunde auch die vier Monate davor und die acht Monate danach.

Es ist leicht, die Leute als hirnlose Krawallmacher abzustempeln. Dabei übersieht man aber, dass es auch eine ganz andere Seite gibt. Wenn wir ehrlich sind, haben wir ihnen viel zu verdanken.

Am Image der „Antifas“ sind ausnahmsweise nicht nur die Medien schuld, sondern vor allem sie selbst: Traditionell verschwenden sie kaum einen Gedanken daran, ihr Tun zu erklären. Wenn doch, benutzen sie unverständliche Floskeln und einen überheblichen Tonfall, der sie gleich noch eine Ecke unsympathischer macht. Die Antifa betreibt vermutlich die schlechteste Öffentlichkeitsarbeit dieses Planeten.

Ich bin trotzdem sehr froh, dass es sie gibt. Denn wäre die Antifa nicht da, gäbe es viel mehr Nazis in meinem Leben. Dass sie im Zentrum Berlins nicht ständig mit Infotischen, Fackelläufen und Aufmärschen präsent sind, ist im Wesentlichen ein Verdienst der Antifa und ihrer Unterstützer.

Wollen Nazis heute durch Straßen ziehen, werden sie von einem riesigen Polizeiaufgebot abgeschirmt. Die gesamte Wegstrecke ist von Hundertschaften abgesperrt, es gibt Gitter und Polizeiketten – Passanten sind weit weg, Hetzparolen verhallen ungehört. Das alles passiert nur, weil der Staat genau weiß, dass militante Linke sonst Radau machen.

Unter diesen Bedingungen einen Nazi-Aufmarsch zu veranstalten, bedeutet nicht nur für die Polizisten einen gewaltigen logistischen Akt, sondern auch für die Rechtsextremen selbst. Das können sie bloß ein paar Mal im Jahr leisten, und dann müssen sie durch eine Geisterstadt laufen. Wie frustrierend.

Was wäre, wenn es keine Antifa gäbe?

Gäbe es den Widerstand nicht, hätten Rechtsextreme bald keine Hemmschwelle mehr, in der Öffentlichkeit zu agieren. Sie könnten ungestört Flugblätter verteilen: vor Supermärkten, vor Schulen, in Fußgängerzonen. Sie könnten Druck ausüben und anderen ihre Werte aufzwingen. Mich stört es schon, dass ich zu Hause in der Bergmannstraße ständig von Umweltschützern angesprochen werde, die mich zu einer Mitgliedschaft überreden wollen. Ich bin dankbar, dass es keine Rechtsextremen sind, die über den Holocaust diskutieren möchten. Wer sagt, man müsse sich mit Nazis argumentativ auseinandersetzen, hat keine Ahnung von der Realität in ostdeutschen Provinzen.

20130729_Spontandemo_Bahnhofstraße

„Gegen Nazis protestieren ist gut, aber das kann man doch auch anders machen.“ Dieser Satz kommt meist aus dem Mund von Leuten, die überhaupt nichts gegen Nazis unternehmen. Oder Symbolpolitik machen, ohne irgendwas zu erreichen außer dem eigenen guten Gefühl. Ein Beispiel dafür ist der jährliche Naziaufmarsch in Dresden: Der wurde schon mehrfach gestoppt, weil Antifa-Gruppen zu Blockaden aufgerufen hatten. Hinterher werden aber stets die Bürger gelobt, die sich auf der anderen Elbseite im Kreis an den Händen festhielten. In der Tagesschau werden jedes Jahr die Falschen gefeiert.

Nicht alle Linken sind gute Menschen. Es gibt ausgesprochene Dummköpfe unter ihnen, und wenn sie – jede andere Form von Gewalt ist natürlich nicht tolerierbar – Mülleimer anzünden oder Bushaltestellen demolieren, ist das ärgerlich und falsch. Aber auch zu verkraften.

Man kann das wohl zynisch finden, aber es ist wahr: Zur Aufgabe der Polizei zählt es, gewalttätige Linke festzunehmen. Und zur Aufgabe der Antifa gehört es, unnachgiebig mit Widerstand zu drohen.

Mich beruhigt es, in einer Stadt zu leben, die eine starke, aktive Antifa hat. Weil ich dann sicher bin, dass in meinem Kiez keine Nazis die Meinungshoheit übernehmen.

Ach ja, übrigens: Diese Menschen machen das ehrenamtlich.

El-001

So etwas lese ich gern zum Frühstück😉

Über sunflower22a

I am a mystery.
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Politik abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Danke an die Antifa – und das im Tagesspiegel

  1. Luc schreibt:

    Man muss die Antifa nicht gleich verteufeln, das ist sicher richtig. Die Argumentation hier steht und fällt aber mit der Behauptung, ohne die Antifa würden die (anscheinend zahlreichen) Nazis ganz schnell den öffentlichen Raum übernehmen.

    Dass sie im Zentrum Berlins nicht ständig mit Infotischen, Fackelläufen und Aufmärschen präsent sind, ist im Wesentlichen ein Verdienst der Antifa und ihrer Unterstützer.

    Ist das der Fall? Es einfach als Tatsache hinzustellen ist jedenfalls nicht ohne weiteres plausibel.

    Die zum-Glück-haben-wir-für-die-Drecksarbeit-die-Antifa-Logik kann man ja auch umdrehen: zum Glück haben wir die Nazis, die die Antifa beschäftigt, sonst würde die ganz schnell die bürgerliche Mitte zur neuen Rechten erklären, die man bekämpfen muss.

    Ganz so einfach ist es natürlich auch nicht. Die Antifa ist nicht einfach das Gegenstück der Nazis auf der anderen Seite des politischen Extremismus, schon klar, sondern sie ist konstitutionell eine Gegenbewegung (wider den Faschismus), während Nazis die Antifa nicht brauchen, um Nazis zu sein. Das darf nur nicht darüber hinweg täuschen, dass für viele Antifa’ler das Feindbild „rechts“ zwar zum Selbstverständnis gehört, die Frage aber, was eigentlich „rechts“ ist im Zweifel sehr flexibel beantwortet wird, hauptsache man hat etwas, wogegen man auf der richtigen und guten Seite kämpfen kann.

    Generell halte ich die Antifa auch für besser als ihr Ruf, aber eher aus allgemeinen Überlegungen. Es sind diese Gruppen am (gesellschafts)politischen Rand, die die Mehrheitsgesellschaft zu Entwicklungen und Auseinandersetzungen zwingen, welche dann die Kompromisse und Konsense erzeugen, die wir gesellschaftlichen Fortschritt nennen.

    Aber einfach zu sagen, danke Antifa, ohne euch haben wir übermorgen wieder Hitler (als wäre das ein unvermeidlicher Automatismus wenn man nicht aktiv dagegen ankämpft), ist doch einfach drei Nummern unterkomplex.

  2. kiezneurotiker schreibt:

    Hey Sunflower, ich möchte kein Spielverderber sein, aber hast du die Genehmigung für das Fullquote? Wenn nein, würde ich nur einen winzigen Ausschnitt zitieren und den Artikel verlinken. Oder besser was ganz eigenes schreiben und den Text nur verlinken. Stichwort Leistungsschutzrecht: http://de.wikipedia.org/wiki/Leistungsschutzrecht_f%C3%BCr_Presseverleger

    Es sind schon Blogger für geringeres abgemahnt worden. Ich würde es ungern sehen, wenn sie dich deswegen angehen. Je bekannter dein Blog wird desto schwieriger wird das auch mit den Bildern werden, die du hier regelmäßig einbindest, es sei denn, die sind von dir.

    Lies dich mal ein in die Problematik. Ich vermeide es komplett, die Holzpresse auch nur zu zitieren und auch von anderen Bloggern zitiere ich maximal einen Satz. Und die Bilder bei mir sind selbst geschossen, es sei denn sie sind unter CC-Lizenz, dann schreibe ich das drunter wie verlangt.

    Das Bloggen besteht inzwischen aus vielen Fallstricken und je bekannter du wirst, desto heikler wird die Sache.

    Gruß🙂

    • sunflower22a schreibt:

      danke, natürlich bist du kein Spielverderber. Die Spielverderber sitzen natürlich in der Politik, unsere sogenannten Volksvertreter. Allerdings würde ich mich als Tagesspiegel freuen, derart lobpreisend zitiert zu werden. Nur wer weiß wie clever oder kleinkariert die beim Tagesspiegel wirklich sind.. Danke jedenfalls für den Hinweis, hätte mir auch selber klar sein müssen. Und ein Grund mehr, möglichst nicht so bekannt zu werden.

  3. Pingback: Bloggen kann Ihre Freiheit gefährden | sunflower22a

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s