Kleidervorschriften – was soll all der Irrsinn

Warum machen sich so viele Leute eigentlich immer Gedanken darüber, anderen Leuten vorschreiben zu wollen, wie sie sich zu kleiden haben, was sie nicht anziehen dürfen, welchen Schmuck sie tragen dürfen und welchen nicht? Frau von der Leyen wird Verteidigungsministerin und hat nichts besseres zu tun, als gleich einen neuen Erlass herauszugeben, wie Soldatinnen und Soldaten auszusehen haben. Minimaler Ohrschmuck ist erlaubt, Piercings (Amtsdeutsch: „Körpermodifikationen“) müssen bedeckt werden, Tätowierungen (Amtsdeutsch „Körperbemalungen“) auch, Nagellack ist verboten, Lippenstift ebenso wie Lidschatten und Wimperntusche  nur in „dezenter Form“ und nur für Frauen und so weiter. Überraschung: Regenschirme sind jetzt erlaubt.

Da werden also Beamte dafür bezahlt, sich so einen Schwachsinn auszudenken. Wahrscheinlich würde der Taliban schon in Ohnmacht fallen, wenn er einen voll tätowierten gepiercten blonden Wikinger oder eine Lady mit knallrotem Lippenstift und Nagellack vor sich sieht. Aber das ist ja verboten.

Québec will jetzt eine neue umfassende Regulierung beschließen, welche religiösen Symbole im öffentlichen Dienst erlaubt sind. Die frankophon-nationale Parti Québecois meint nämlich, 600 000 Angestellte des öffentlichen Dienstes hätten sich deutlich sichtbarer religiöser Symbole zu enthalten. Turbane, Kopftücher, große Kreuze, jüdische Kippas und all so ein Zeug sind künftig verboten.

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Bei den öffentlichen Hearings waren zwar die meisten Leute klar gegen solche Vorschriften, aber das interessiert Regierungen ja selten. Stattdessen werden plötzlich Kronzeugen für die Regierung herangezogen, die sonst eher wie der letzte Dreck gelten: Michelle Blanc, eine Transgender-Lesbe, meint, wenn sie Frauen mit Kopftuch sehe, denke sie an die öffentlich gehängten Homosexuellen in arabischen Ländern, und weil spezifisch auf Kinder gerichtete Werbung verboten sei, dürfe man solche Kopftuch-Tussis nicht als Erzieherinnen beschäftigen. Ex-Nonnen die nun Kampagnen für Atheismus machen, oder ähnliche Zeitgenossen müssen plötzlich herhalten als Kronzeugen für ein Gesetz das vor Intoleranz nur so strotzt. Du greifst dir echt an den Kopf.

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Interessant ist in diesem Zusammenhang eine jüngste Umfrage der University of Michigan in 7 islamischen Ländern. Wie sollten sich Frauen in der Öffentlichkeit kleiden? So etwas ist ein hoch umstrittenes Thema in islamischen Ländern – wie sich Männer kleiden sollten, ist dagegen völlig egal, solange sie nicht nackt herumlaufen. Die Totalverhüllung mit Burka finden selbst in Saudi-Arabien nur 11% angemessen, in allen anderen Ländern – selbst Pakistan – sind es unbedeutende Bruchteile. Der Niqab, also schwarze Totalverhüllung abgesehen von Sehschlitzen, kommt in Saudi-Arabien auf niederschmetternde 63% und in Pakistan auf 32%, in den anderen Ländern sind es ebenfalls nur Bruchteile. Gar keine Verhüllung finden im Libanon 49% angemessen und in der Türkei 32%, in Tunesien 15%. Die Huffington Post hat dazu ein sehenswertes Videointerview mit drei muslimischen Frauen. Rozina Ali, Mitherausgeberin des Cairo Review of Global Affairs, fand es völlig zu recht vor allem ärgerlich, dass sich so viele Leute ständig über die Frage den Kopf zerbrechen, wie Frauen sich kleiden sollten. Sie stellt fest, die konservativen Werte für Ägypten stehen mehr im Widerspruch zur gelebten Realität Ägyptens – nirgendwo ist die Diskrepanz zwischen der Realität wie sich Frauen kleiden und der öffentlichen Meinung, wie sie sich kleiden sollten, größer als in Ägypten.

Interessant die Meinung der zugeschalteten Sobia Massood aus Marlboro,  New Jersey. Sie studiert Modedesign und ist Bloggerin – und trägt seit 6 Monaten den Hijab, also ein Kopftuch. Sie fühlt sich damit besser, “fashion is a form of self-expression, and the hijab is a form of religious self-expression”.  Sie stellt fest, Modedesign boome total in der muslimischen Welt, die Frauen wollen chic sein und zwar im Einklang mit ihrem Glauben. Eine Einblendung von Sobia in einem wirklich eleganten Outfit zeigt, was sie meint. Respekt, Madame. Mutig, sowas in USA zu machen.

Sobia

Natürlich darf auch die Totalverschleierte nicht fehlen, Javeriya Siddiqui aus Malaysia, geboren in Pakistan und aufgewachsen in Saudi-Arabien (da wundert dich nichts mehr). Sie macht das aber auch erst seit kurzem und kam dazu in einem Selbstfindungsprozess. Das sei islamisches Gesetz für Frauen, das müsse so sein – aber sie gibt immerhin zu, it’s not compulsory. Die Frage, wie sie andere Frauen sieht, die das nicht machen, beantwortet sie wohl ganz ehrlich damit, das hänge ganz von der Frau ab um die es gehe. Der Islam verbiete, über andere Menschen Urteile zu fällen, auch über Frauen die sich nicht bedecken. Sie habe auch Freundinnen mit denen sie ausgehe, in High Heels und Makeup.

Diese Einstellung kann ich ehrlich gesagt akzeptieren. Und vielleicht kann die Modebranche hier tatsächlich mal wieder produktiv und kreativ werden – über die boomenden Modedesigner der Türkei habe ich hier schon mal geschrieben. Sehenswert die neue Frühjahrskollektion von Donatella Versace – ganz viele superschöne Kleider plus Kopftuch. Kein Witz, das würde sogar ich anziehen.

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2 Antworten zu Kleidervorschriften – was soll all der Irrsinn

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