Dreiviertelmond

Kürzlich strahlte die ARD nochmal den schönen Film „Dreiviertelmond“ aus. Ein unglaublich bewegender Film, bei dem mir oft die Tränen kamen. Vor Begeisterung und, ja, vor Rührung. Ganz sentimental. Ein Film, der mit dem Thema Migration und dem schwierigen, unglaublich komplexen Verhältnis Deutschland-Türkei auf eine Weise umgeht, dass ganz ohne jeden erhobenen Zeigefinger, ganz ohne Moralappelle sehr viel rüberkommt. Nämlich ganz einfach durch Menschlichkeit.

Kaum jemand könnte dies besser verkörpern als Elmar Wepper, in der Hauptrolle. Für mich spätestens seit dem Film „Kirschblüten – Hanami“ einer der besten deutschen Filmschauspieler – um Klassen besser als all die Krimikommissar-Hampelmänner. Er fängt an als ewig missmutiger, fremdenfeindlicher Taxifahrer Hartmut Mackowiak, der eine türkische Mutter und ihre kleine Tochter Hayat zur Grossmutter fährt und dabei die ganze Zeit ablästert über Türken, über den von ihnen bevölkerten Stadtteil Nürnberg Gostenhof als „Gostanbul“. Hayats Mutter fliegt wieder nach Istanbul, doch Hayats Grossmutter bricht zusammen, kommt ins Krankenhaus und Hayat steht allein im fremden Nürnberg – und spricht kein Wort deutsch.

Sie schafft es, wieder zu Hartmut Mackowiak ins Taxi zu steigen, denn niemand anders kennt sie in Deutschland, und er will sie dann wieder bei der Oma abliefern und lässt sie in der leeren Wohnung zurück. Doch dann bricht das schlechte Gewissen aus, er kehrt zurück und fängt an sich um sie zu kümmern, nachdem seine eigene Tochter dafür keine Zeit hat. Er sucht Angehörige, begibt sich zum erstenmal in eine Dönerbude, entdeckt ganz neue Seiten an sich. Er findet den leiblichen Vater, ein Deutscher Yuppie der mit Hayats Mutter längst nichts mehr zu tun hat und es ablehnt, sich um seine Tochter zu kümmern.

Überlagert wird die Geschichte durch die zerbrechende Ehe Mackowiaks. Seine Frau trennt sich nach 35 Ehejahren von ihm, und auch wenn sie von seiner Wandlung zum Menschenfreund sehr angetan ist, ist es zu spät. Er spioniert ihr nach, gemeinsam mit Hayat, und stellt fest: sie hat einen Neuen. Dabei freunden sich Hayat und er immer mehr an, es ist wirklich wunderbar zu sehen, wie die beiden zueinanderfinden und wie der Grantler zu einem sehr warmherzigen Ersatz-Opa wird.

Als Hayats Mutter aus der Türkei zurückkommt zu ihrer im Koma befindlichen Mutter und Tochter, kann sie es kaum fassen, was der von ihr am Filmanfang noch als Nazi bezeichnete alte fränkische Taxifahrer getan hat. Mackowiak ist jetzt schon längst nicht mehr der Alte. Als die beiden wieder in die Türkei fliegen, beschließt er, hinterherzureisen. Er fliegt schließlich allein nach Istanbul, einfach so, und erfährt dort was Hayat bedeutet. Als er eine Mineralwasserflasche bekommt, auf der Hayat steht, fragt er zum ersten Mal danach. Hayat bedeutet Leben. Genau das hat er jetzt gefunden.

Es bleibt offen, wie es weitergeht. Kein Happy Ende, keine Katastrophe, es ist alles möglich. Solche Filme liebe ich.

Schön wäre eine Fortsetzung. Hartmut Mackowiak erlebt Istanbul. Diese wunderbare, faszinierende Stadt voller Hayat, voller Leben. Daraus könnte man was machen.

Anyway. This is WAY BETTER THAN ANYTHING HOLLYWOOD COULD EVER MAKE. Hollywood COULD NEVER PRODUCE  ANYTHING LIKE THAT. It’s AUTHENTIC. That is the difference. Ein wunderbarer Film aus Deutschland. Und wie eigentlich immer, viel zu wenig beachtet.

Wer ihn sehen will – die Mediathek hat ihn noch.

 ku-medium

Du kannst missmutig durchs Leben gehen – aber es geht dir besser, wenn du es nicht tust

Über sunflower22a

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Eine Antwort zu Dreiviertelmond

  1. Bei Interesse, ich habe den Film aufgezeichnet. (235 MB / http://www.onlinetvrecorder.com)

    Dreiviertelmond Tragikomoedie Deutschland 2011. Der Taxifahrer Hartmut ist ein alter Grantler, der vor Kurzem von seiner Frau verlassen wurde. Ausgerechnet er ist Hayats einzige Bezugsperson: Das kleine Mädchen aus der Türkei ist in Deutschland ganz auf sich allein gestellt, weil ihre Großmutter im Koma liegt. Doch allmählich kann die Sechsjährige das Herz des Griesgrams erweichen. Eine bezaubernde Geschichte über den Zusammenprall zweier Kulturen, die mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde.

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