Syrien vor einem weiteren schrecklichen Jahr

Wie interessant, die Mainstream-Medien entdecken jetzt die islamistische Gefahr. Schlimmer als Assad und die Ayatollahs. Blutrünstige Islamisten besetzen Städte in Syrien und Irak, wollen den Gottesstaat mit äußerster Brutalität durchsetzen…ach so? Das tun sie nicht erst seit jetzt. Das tun sie schon länger, aber es hat den Westen und seine Mainstream-Medien bisher nicht interessiert – solange Assad der Feind war.

Warum interessiert es sie jetzt? Weil ein weitreichender Strategiewechsel vorbereitet wird. Assad ist bereits jetzt ein Partner des Westens. Man kann das nur noch nicht zugeben. Assad lässt die Hardcore-Jihadisten – alle samt und sonders Sunniten – noch einige Monate im Norden Syriens wüten. Auch in den sunnitischen Gebieten des Irak schlagen sie, logistisch massiv erleichtert durch ihre Rückzugsgebiete in Syrien, immer brutaler zu. Das Problem wird im Westen erkannt. Die leidgeprüfte Bevölkerung Syriens kommt immer weniger, wenn auch sehr widerstrebend, an der Erkenntnis vorbei: es gibt Schlimmeres als Assad. Nämlich die Aufständischen an der Macht, und die Aufständischen – nein, das ist nicht mehr das syrische Volk. Das sind inzwischen internationale Söldner, Hardcore-Jihadisten, die ein weitaus schlimmeres Regime als Assad errichten (wollen). In einem halben Jahr hat das auch der letzte Assad-Gegner in Syrien verstanden. Solange dürfen die Jihadisten noch morden. Auch Iraks Sunniten erkennen: es gibt Schlimmeres als die Schiiten in der Bagdader Regierung. Nämlich die eigenen Glaubensbrüder von Al-Qaida. Noch ein paar Monate Jihadisten-Terror, und die Sunniten Iraks stehen zum erstenmal hinter ihrer schiitisch dominierten Regierung in Bagdad.

Im Laufe des Jahres 2014 werden wir erleben, dass der Westen, das (schiitisch-alewitische) Assad-Regime, die (schiitisch dominierte) Regierung des Irak und der (schiitische) Iran ein gemeinsames Interesse in eine gemeinsame Politik umsetzen: die (sunnitischen) Jihadisten der Al Qaida und noch extremerer Gruppierungen in Syrien und dem Irak zu zerschlagen. Und ich sage dazu, gut so, ich hoffe, dass sie jeden einzelnen dieser Verbrecher abschießen. Nur ein toter Taliban ist ein guter Taliban – jeder einzelne, der entkommt, würde kurz darauf im Jemen oder in Mali oder in Afghanistan wieder morden.

Das Nachsehen haben die bisherigen Verbündeten des Westens, die Ölmonarchien am Golf. Amerika braucht das blöde Öl vom Golf nicht mehr. Das haben die Saudis, die Kataris, die Bahrainis nur noch nicht begriffen. Die dort herrschenden Familiencliquen stecken beträchtliche Millionen Petrodollars in die Finanzierung der sunnitischen extremistischen Jihadisten, die im Irak, in Syrien und letztlich im Iran die Schiiten bekämpfen. Solche Söldnerheere kosten Unsummen – diese Summen können nur in den herrschenden sunnitischen Cliquen der Golfstaaten aufgebracht werden. Dabei reden wir weniger von den Staatskassen, sondern von den mit den Staatskassen symbiotisch verwobenen Privatkonten saudischer, katarischer oder bahrainischer Prinzen oder sonstiger Günstlinge der Herrscherfamilien. Leute wie Osama Bin-Laden eben.

Dieses zynische Spiel ist ebenso rational wie brutal. Um diesen weitreichenden Strategiewechsel vorzubereiten, muss es in Syrien und dem Irak zunächst einmal noch viel schlimmer werden. Man muss die sunnitischen Jihadisten noch eine Zeitlang morden, plündern, vergewaltigen lassen – bis die Öffentlichkeit verstanden hat: Assad ist das kleinere Übel. Vor wenigen Monaten noch wollten die republikanischen Ultras und ihre hirnlosen Verbündeten in London an der Seite von Al-Qaida Assad wegbomben. Das ist vorbei.

Ende 2014 werden wir das schiitische Dreigestirn Assad, Teheran, die Regierung in Bagdad gemeinsam mit dem Westen die sunnitischen Jihadisten ausradieren sehen. Und wie gesagt, ich hoffe, sie tun es so gründlich und tödlich wie möglich. Diese ganzen frustrierten, hasserfüllten jungen Männer aus der gesamten islamischen Welt und aus Europa, die sich diesen Terrorbrigaden anschließen, mögen sie endlich in ihr „Märtyrer-Paradies“ entschwinden, in dem sie nach ihren eigenen Wahnvorstellungen jeden Tag sieben Jungfrauen vergewaltigen dürfen. Mit diesen Typen darf es keine Gnade geben. Das Schlimme ist, der Westen und seine neuen Verbündeten werden sie erst in einigen Monaten killen – aus machtpolitischen Gründen ist es erforderlich, dass sie noch einige Monate weiter morden. So zynisch, so brutal ist es.

Assad wird danach nicht offiziell rehabilitiert werden. Er wird weder in Washington noch in Brüssel oder Berlin empfangen werden. Das dürfte ihm auch egal sein – der Westen wird ihn in Ruhe lassen. Irans Rohani dagegen dürfte über kurz oder lang die Aussöhnung mit dem Westen vollziehen –  Khamenei und die Mullahs werden  ihn gewähren lassen, weil er dadurch die sunnitischen Ultras in Riad, Doha und Manama in die Isolation treiben kann. Das ist es, was in Teheran zählt, was der tumbe Ahmadinedschad nicht geschafft hat. Iran, Russland und der Westen werden sich in diesem Jahr verständigen, über Syrien, über den Irak, über die Region.

Das weitgehend mit sich selbst beschäftigte Europa wird von den USA genauso vor vollendete Tatsachen gestellt wie die komplett ausmanövrierten Israelis. Europa braucht im Gegensatz zu den öl-autark werdenden Amerikanern die Ölmonarchien noch. Aber es hat keine Außenpolitik. Das ist die große Unbekannte in diesem Spiel – werden die Sunniten vom Golf ihre Wut über die neue amerikanisch-schiitische Allianz an den Europäern als dem schwächsten Glied auslassen? Und wie soll das gehen? Vieles ist offen im „Great Game“ des Mittleren Ostens. 2014 werden viele Karten neu gemischt. „Wir“ können froh sein, dass wir nicht mitten drin sitzen, sondern es von außen beobachten.

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Syriens Frauen werden sich nicht in die Burkas stecken lassen..

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2 Antworten zu Syrien vor einem weiteren schrecklichen Jahr

  1. kultgenosse schreibt:

    ich glaube, du hast in vielen Punkten recht. Was die schiitische Achse angeht, lässt sich das hier aber schlecht verkaufen. Die hiesigen Medien bekommen es ja zum Teil noch nicht mal hin zu unterscheiden und die USA müssten über einen ziemlich breiten Schatten springen (USA Botschaftsbesetzung). Was Syrien angeht, fürchte ich, du könntest recht haben und hoffe, nicht nur für die Frauen, dass die Realität weniger zynisch ist. Viel Hoffnung habe ich nicht.

  2. Pingback: ISIS – Die Zauberlehrlinge machen sich selbständig | sunflower22a

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