Das Fest der Liebe

Das Fest der Liebe wird es genannt, Weihnachten – eigentlich ein idealer Zeitpunkt für ein besonders liebevolles Geschenk. Unsere liebe Freundin N. aus der Schweiz ist zu Besuch. Sie kommt gerne zu uns, und sie ist immer wieder eine Überraschung. Ständig hat sie neue Pläne, und sie steht nie still. Was sie aus der Schweiz erzählt, passt so gar nicht zum betulich-bieder-langweiligen Image des Landes. Immer wieder hat sie eine Überraschung parat. Sie macht jetzt Tantra-Massagen. Der neueste Trend in der Schweiz. Tantra, Sanskrit, deutsche Übersetzung: ungefähr so etwas wie „Befreiung“. Ein Jahr hat sie sich ausbilden lassen. Es ist eine interessante, schöne Nebenbeschäftigung. Andere Frauen glücklich machen, selber Schönes erleben, nackt sinnliche Berührungen zu erfahren. Sie schwärmt.

Ihr Geschenk für mich: eine Massage, zwei Stunden. Die intimste, intensivste Variante. Ich habe so etwas vor vielen Jahren einmal gemacht und fand es zu esoterisch. Esoterik finde ich ziemlich lächerlich. Auch N. hält nicht viel von Esoterik, das ging ihr in den Kursen und in der Szene ziemlich auf die Nerven. Sie hat sich auch keinen indischen Namen zugelegt. Was soll das? Nichts gegen die jahrtausendealte altindische Spiritualität, aber das müsse man nicht modern verklären.

Ich bin sehr gespannt. Schon das Eingangs-Zeremoniell macht sie sehr ansprechend, statt esoterischem Hokuspokusritualen plaudern und kichern wir über Alltägliches, und so ganz nebenbei zieht sie zuerst mich und dann sich aus. Sie macht daraus keine Kulthandlung, es geht sehr witzig zu, Kichern kommt nicht zu kurz. Sehr feinfühlig massiert sie Rücken, Schultern, Hintern, Brust, Bauch, einfach alles. Mit den Händen, mit ihrem ganzen Körper. Diese Berührungen sind ein wunderbares Gefühl. Und dann die Yoni. Fachjargon für die Vulva. Sanft und endlos. In allen Einzelheiten. Ein tiefes sinnliches Erlebnis. Der schönste, intensivste, langanhaltendste Orgasmus seit langem. Unbeschreiblich.

Sie erzählt, Tantra war früher eigentlich nur etwas für Männer, schmuddelig, in der Grauzone zur Prostitution. Heute werden es immer mehr Frauen, die Tantra wollen. Sie würden niemals einen Callboy bestellen, keine One-Night-Stands mit Fremden machen – sie wollen eigentlich gar keinen Sex im engeren Sinne, sondern körperlich und auch seelisch liebevoll berührt und verwöhnt werden. Wenn es zum Orgasmus kommt, schön – wenn nicht, macht nichts. Schön ist es so oder so. Viele erkunden ganz neue, verborgene Seiten ihrer Sinnlichkeit, und zwar in fast allen Altersstufen. Als „Fremdgehen“ wird die eigene Tantramassage von so gut wie keiner Frau wahrgenommen, schließlich lässt sie sich von einer anderen  Frau verwöhnen (würde sie dagegen  erfahren, dass der Mann Tantramassagen nimmt, sind sie in der Regel empört).

Oft kommen die Kundinnen heimlich. Niemand soll es erfahren. Da ist sie wieder, die Scham. Der Partner soll es nicht erfahren, so es einen gibt, weil sie Angst haben, das  könne die Beziehung belasten. Die Freundinnen sollen es nicht erfahren, weil man nicht als Schlampe oder Hure gelten will. Weibliche Sexualität hat ausschließlich im Schlafzimmer der heterosexuellen Zweierbeziehung stattzufinden, als andere ist verboten, anrüchig, unanständig. Während Männer das noch nie so eng gesehen haben, sind Frauen sich gegenseitig schon immer die schlimmsten Moralpolizistinnen gewesen. Schon bei der mittelalterlichen Hexenverbrennung waren angeblich die meisten Denunzianten andere Frauen. Im Grundsatz hat sich daran bis heute nicht viel geändert.

Andere kommen dagegen gleich in der Clique und lassen es sich zusammen gut gehen. Gehen wir einen Kaffee trinken, Eis essen, zur Tantramassage oder machen wir alles zusammen? Café, Sauna, Tantra – Wellness in Vollendung. Schöne Vorstellung J

Für Männer mag dieser weibliche Trend  erst einmal wie eine neue, weitere Bedrohung aussehen. Noch etwas, wo die Frauen sie nicht mehr brauchen. Jetzt holen sich die Tussis auch noch ihre schönsten sexuellen Erlebnisse, ihren wunderbarsten Orgasmus außerhalb der Paarbeziehung. Unverschämtheit. Für Männer entsteht, machen wir uns nichts vor, zusätzlicher Druck, sich Neues einfallen zu lassen, die Wünsche der Partnerin zu erfüllen.

Viele Frauen kommen in ihrer Paarbeziehung nicht weiter, ihre sexuellen Wünsche bleiben unerfüllt. Zum Teilen kennen sie diese gar nicht so genau, trauen sich aber nichts Neues auszuprobieren. Viele haben ein distanziertes Verhältnis zum eigenen Körper, den sie einfach nicht schön finden und lieben können.  Manche schämen sich für ihre Lust, zutiefst geprägt von Scham und der Angst, als eine „Schlampe“ zu gelten. Der Trend zu Tantra kann dazu führen, dass manche Frauen ihre Sexualität im wesentlichen außerhalb von Paarbeziehungen verwirklichen – oder auch dazu, dass Frauen ebenso wie Männer ihre Sexualität besser erkunden und dann auch besser miteinander ausleben können.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto schöner finde ich es. Die fein säuberlich gezogenen Grenzen zwischen Erotik und Sexualität seinerseits und dem Rest des Lebens andererseits verschwimmen. Die westliche und viele andere Zivilisationen setzen alles daran, Sexualität und Erotik aus dem Alltag auszugrenzen, zu tabuisieren, zu verbieten. Mit Sicherheit ist das eine Ursache für so viele Frustrationen und Aggressionen, mit denen wir es überall zu tun haben. Ein wunderbares Geschenk zum Fest der Liebe und eine schöne Entdeckung.

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3 Antworten zu Das Fest der Liebe

  1. rocknroulette schreibt:

    wo wir gerade beim schlampenthema sind, was du bei mir ja auch kommentiert hast – ich mag diesen (ab)satz von dir: „Während Männer das noch nie so eng gesehen haben, sind Frauen sich gegenseitig schon immer die schlimmsten Moralpolizistinnen gewesen. Schon bei der mittelalterlichen Hexenverbrennung waren angeblich die meisten Denunzianten andere Frauen. Im Grundsatz hat sich daran bis heute nicht viel geändert.“ recht hast du.

  2. Pingback: Etwas mehr Respekt, bitte | sunflower22a

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