Die politische Ökonomie der Bisexualität

Manchmal komme ich mir schon ein bisschen kauzig vor, wenn ich über „neue Trends“ lese und feststelle, da mache ich nun echt nicht mit, die haben doch alle einen an der Klatsche. Aber: Es gibt auch andere Beispiele.

Bei den Frauen von heute geht der Trend offenbar immer mehr zur Bisexualität. Eine neue britische Studie hat jetzt herausgefunden, dass heute viermal mehr Frauen als vor zwanzig Jahren gleichgeschlechtliche Erlebnisse haben – oder sie zugeben. Heute sind es 16 Prozent, damals 4 Prozent. So der National Survey of Sexual Attitudes and Lifestyles.  Bei Männern ist die Quote dagegen ungefähr konstant. Zumindest jüngere Frauen haben inzwischen mehr gleichgeschlechtliche Sexualerfahrungen als Männer. Außerdem: Frauen haben heute früher Sex und mehr Sexualpartner als früher. Keine Überraschung. Eine von 10 Frauen wurde schon gegen ihren Willen zum Sex gezwungen, aber nur einer von 71 Männern. Auch keine Überraschung.

Der enorme Anstieg gleichgeschlechtlicher Liebe ist die dramatischste Änderung, die der Survey festgestellt hat. In den USA gibt es ähnliche Trends. Die Sexualforscherin Debby Herbenick von der Indiana University kommt zu ganz ähnlichen Ergebnissen – 15% der Frauen, 8% der Männer haben heute gleichgeschlechtliche Sexualkontakte. Aber die meisten von ihnen würden sich überhaupt nicht als lesbisch bezeichnen, oder nicht als exklusiv lesbisch. So wie die Studentin Laura Leigh Semon, die kurz vor ihrer Heirat mit einer Frau steht und den größten Teil ihres Lebens hinter Männern her war, und zu ihren eigenen Erstaunen sich plötzlich in eine Frau verliebte. Wenn du so etwas feststellst, bist du in der Tat erst einmal sehr, sehr verwirrt.

Woran kann dieser Trend liegen? Biologisch dürften wir uns in den letzten 20 Jahren nicht wesentlich verändert haben. Sexualforscherin Meredith Chivers glaubt herausgefunden zu haben, die weibliche Sexualität sei insgesamt „flexibler“ als die männliche. Kulturelle Faktoren sind wohl in den letzten Jahrzehnten dafür verantwortlich, dass diese Flexibilität nicht mehr so sehr durch gesellschaftliche Normen gebremst wird – die hohe Bisexualität tritt nur bei den 16-34jährigen auf. Wenn sich zwei Frauen öffentlich küssen, ist die gesellschaftliche Toleranz dafür wohl höher – so etwas kannst du auch mal spielerisch machen, ohne homosexuell zu sein. Aber bei zwei Männern geht das nicht. Da hast du dich mit einem einzigen derartigen Akt gesellschaftlich festgelegt.

In der Tat: mehr Männer als Frauen bekennen sich homosexuell zu sein, aber weit mehr Frauen als Männer bekennen sich bisexuell zu sein. Und viele Frauen verheimlichen ihre Bisexualität lieber, immer noch. Was soll mein Partner denken? Was sollen die Leute denken? Man tut immer so progressiv wenn man abstrakt über Homosexuelle diskutiert – aber wenn es dann ernst wird, lieber doch nicht.

Männer reagieren sehr unterschiedlich, wenn sie bisexuelle Neigungen ihrer Partnerin entdecken. Wenn die Frau mit einem anderen Mann im Bett erwischt wird, ist die Beziehung schnell am Ende – aber was, wenn es eine andere Frau ist? Für die einen ist das keine ernstzunehmende Konkurrenz, das wird als Spielerei abgetan, solange die Konkurrentin nicht direkt die eigene Beziehung stört. Für andere bricht dagegen eine Welt zusammen, sie fühlen sich fundamental in Frage gestellt.

Denken wir einen Augenblick weiter. Was könnten die Konsequenzen sein, wenn sich der Trend zur weiblichen Bisexualität verfestigt und aus demografischen Gründen demnächst die ganze Damenwelt von jung bis alt erfasst?

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Die folgenden Meldungen sind natürlich rein fiktional.

BRÜSSEL. Eine Sprecherin des EU-Wettbewerbskommissars hat heute Meldungen begrüßt, wonach immer mehr Frauen ihre Bisexualität offen ausleben. Damit würden die jahrelangen Bemühungen der Kommission, den bislang protektionistisch abgeschotteten wichtigen Markt der Lebenspartnerschaften für Frauen dem europaweiten Wettbewerb zu öffnen, endlich Früchte tragen. Bislang sei dieser Markt fast ausnahmslos Männern vorbehalten gewesen. Mit der Liberalisierung von bereits 16% des Marktes werde sichergestellt, dass sich immer öfter der oder die bester Bewerberin durchsetzt, unabhängig vom Geschlecht. Für die Kundin sei das ein klarer Gewinn an Angebotspluralität. Die Kommission verzichte daher vorerst darauf, verpflichtende Marktöffnungsquoten für die Mitgliedsstaaten zu erlassen.

BERLIN. Vor dem Bundeskanzlerinnenamt fand heute eine Männerprotestaktion statt. Ein Sprecher der Organisatoren erklärte, sitzengelassene Männer und unfreiwillige Singles verlangten von der Bundesregierung ein Verbot der Bisexualität. Lesbische Liebe solle nur noch nach dem von den Organisatoren vorgeschlagenen Optionsmodell möglich sein: eine Frau müsse sich mit 18 verbindlich entscheiden, ob sie lesbisch oder heterosexuell sein wolle. Spätere Änderungen sollen von den Behörden nur noch im Rahmen einer Obergrenze zugelassen werden. Doppelsexualitäten seien unzulässig.

HOLLYWOOD. Die französische Filmschauspielerin  Adèle Exarchopoulos bekam den Oscar für ihr Lebenswerk. Sie war 2013 durch den Film La vie d’Adèle bekanntgeworden, in der sie die erste – lesbische – Liebe eines Mädchens darstellt. Exarchopoulos erschien zur Preisverleihung zusammen mit ihrem Partner und ihrer Partnerin – ein demonstratives Statement für Bisexualität und Polyamorie.

KRAKAU. Ein internationaler Soziologenkongress warnt vor Destabilisierung der Gesellschaft durch verlassene Männer. Die neoliberale Erwartungshaltung, Männer würden auf den gestiegenen Wettbewerbsdruck mit einer Innovationsoffensive und gezielter Attraktivitätssteigerung reagieren, sei ein Trugschluss. Die rasch wachsende Marktöffnung für Frauen auf diesem Markt dränge viele der bisher am unteren Rand der Konkurrenzfähigkeit arbeitenden männlichen Anbieter aus dem Markt, mit unabsehbaren Folgen für die Allgemeinheit.

ROM. Papst Franziskus attackierte heute erneut den neoliberalen Geist, der die heutige Weltwirtschaft durchdringen habe. Selbst die heilige Institution der Ehe werde durch immer mehr Wettbewerbsdruck in Frage gestellt. Es sei  für die Kirche schon ein sehr schwerer Schritt, zu akzeptieren, dass es Homosexualität gebe, sogar in den eigenen Reihen. Die Kirche sei jedoch bereit, sich hier zu bewegen. Vom Monopolcharakter der Lebens-Beziehung können sie dagegen nicht abrücken. Bisexualität sei die ständige Untreue, Frauen suchten sich offenbar immer denjenigen Lebens- oder Sexualpartner, der ihrer augenblicklichen Laune am besten passe. Sexualität à la carte sei unchristlich.

GENF. Ein Sprecher der Welthandelsorganisation WTO wies die Vorwürfe des Papstes zurück. Das Dienstleistungs-Abkommen GATS sehe keinerlei Marktöffnungsklauseln für den Lebenspartnerschaften-Markt vor. Es handele sich um autonom stattfindende Entwicklungen, für die die WTO nicht verantwortlich sei.  Dennoch sei der Vatikan weiterhin aufgefordert, diesen bisher selbst für Männer extrem abgeschotteten Markt innerhalb seines Hoheitsbereiches endlich zu liberalisieren. Männer im Vatikan und den von ihm kontrollierten Organisationen hätten überhaupt keinen Zugang zum Lebenspartner-Markt, und daher laufe der Vatikan Gefahr, von Handelssanktionen betroffen zu werden.

AMSTERDAM. In einem aufsehenerregenden Appell haben sich 999 Frauen und Männer gegen die Kampagne radikaler Feministinnen gewandt, bisexuelle Frauen als „Schlampen“ und „Verräterinnen“ zu stigmatisieren. Teilweise steinalte Feministinnen, darunter die deutsche CDU-Ehrenvorsitzende A.Schwarzer, hatten in einer Zeitschriftenkampagne den um sich greifenden Trend der Bisexualität unter Frauen als Verrat an der reinen lesbischen Lehre gebrandmarkt. Unter den jungen Frauen von heute sei es heute chic, das Leben prinzipienloser konsumsüchtiger Schlampen zu spielen. Der Gegenappell forderte die Medien auf, diesen rückwärtsgewandten Thesen weitaus weniger Raum zu geben. Die Vorsitzende der Junge Union forderte Schwarzers Rücktritt.

Absurde Satire? Vielleicht. Aber mit einem realen Kern. Wie die Gesellschaft, und vor allem die Männer damit umgehen, wenn das Phänomen weiblicher Bisexualität weiter stark zunehmen sollte, ist eine spannende Frage.

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Schätzchen, du glaubst es nicht – Caroline ist jetzt wieder mit einem Mann liiert, was sagst du dazu?

Über sunflower22a

I am a mystery.
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Eine Antwort zu Die politische Ökonomie der Bisexualität

  1. VATIKANSTADT. Sexualität à la carte mag unchristlich sein, à la Magna Carta jedoch gibt sie selbst dem Papst und der Kirche die Unabhängigkeit von der Krone (der Schöpfung) und so gesehen die Freiheit auf dem „Lebenspartnerschaften-Markt“, wo – wie man hört – die Messdiener mit Schokoriegeln bezahlt werden:

    Der protestantische Pfarrer in Vertretung des kranken Katholiken nimmt einem Messdiener die Beichte ab, weiß aber nicht wieviel Ave-Maria / Vaterunser fällig sind und ruft also aus dem Beichtstuhl heraus in die Schlange der wartenden Ministranten: „Was gibts denn bei euch für Oralsex?“

    „Mal ein Snickers, mal ein Mars.“

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