Fakten, Fakten, Fakten…

Mein vorhergehender Beitrag, Männer im Selbstmitleid-Modus, eine Replik auf einen Beitrag von kiezneurotiker, hat eine sehr lebhafte Diskussion ausgelöst. Sie zeigen, dass vielen diese Diskussion sehr ans Herz geht – und dass sie notwendig ist. Ich wurde vielfach kritisiert, weil ich „keine Fakten“ anführe:

Du führst Emotion gegen Fakten ins Felde. Das muss scheitern, weil es nicht passt. So gut er sich wie gewohnt liest, dein Text, so dünn ist er inhaltlich.

Das lasse ich mir ungern vorwerfen. Hier nun also einige der vermissten Fakten:

Frauen sind seltener in Führungspositionen, verdienen weniger als Männer und rutschen in die Grundsicherung, wenn sie arbeitslos werden. Frauen sind eben viel öfter teilzeitbeschäftigt als Männer. Und sie arbeiten in Deutschland sogar im EU-Vergleich überdurchschnittlich oft in Teilzeit. Das Statistische Bundesamt hat für das Jahr 2010 ermittelt, dass hierzulande 45,6 Prozent aller berufstätigen Frauen einem Teilzeitjob nachgehen. Der europäische Durchschnitt liegt mit 30,8 Prozent deutlich niedriger. Nur in den Niederlanden ist die Teilzeitquote mit 74,4 Prozent höher. Allerdings arbeiteten dort weniger Frauen „unfreiwillig“ weniger Stunden. Als Hauptgrund für den Teilzeitjob nannte jede zweite Frau in Deutschland die Betreuung von Kindern, Pflegebedürftigen oder andere familiäre Verpflichtungen. Fast jede fünfte Frau arbeitete verkürzt, weil sie keinen ganztägigen Arbeitsplatz finden konnte. (sueddeutsche.de)

Grafik Hans-Böckler-Stiftung 1 - Befristung und Berufserfahrung

Frauen in Europa: Deutschland ist bei Lohn-Diskriminierung spitze – Weniger Gehalt, geringere Karrierechancen und kaum familienfreundliche Strukturen: Frauen in Deutschland haben im Beruf viel weniger Chancen als Männer, kritisiert die OECD. In keinem anderen europäischen Land ist der Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern demnach größer. Vollzeitbeschäftigte Frauen verdienen durchschnittlich 21,6 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, teilte die OECD mit. In den 34 Industriestaaten, die sich in der Organisation zusammengeschlossen haben, liegt die Differenz im Schnitt bei 16 Prozent. In Norwegen etwa bekommen Frauen lediglich 8,4 Prozent und in Belgien 8,9 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Deutsche Behörden haben sogar eine noch krassere Lohnkluft errechnet als die OECD. Laut Statistischem Bundesamt verdienten Frauen 2010 im Schnitt 23 Prozent weniger als Männer. (Spiegel)

Grafik Hans-Böckler-Stiftung 2 - Dauer befristeter Arbeitsvertrag

Laut einer Untersuchung des Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bekommen Frauen bei gleicher Ausbildung, gleichem Alter und gleichem Beruf im selben Betrieb im Schnitt zwölf Prozent weniger Lohn als ihre männlichen Kollegen. An dieser Situation habe sich – anders als in allen übrigen EU-Ländern – in den vergangenen 15 Jahr en nichts geändert. (Die Zeit)

Grafik Hans-Böckler-Stiftung 6 - Einkommensrückstand Frauen

Gleich, ungleich, Deutschland – Halb so viel Rente für Frauen, ein Fünftel weniger Gehalt als Männer – in der Bundesrepublik ist das Lohngefälle besonders groß. Eine OECD-Studie zeigt: Nur in Japan und Südkorea stehen Frauen im direkten Vergleich noch schlechter da. … Im Alter wird der Unterschied demnach noch größer: In Deutschland erhalten Frauen im Durchschnitt nur halb so viel Rente wie Männer. Damit landet Deutschland sogar auf dem letzten Platz, nirgendwo in der OECD ist die Ungleichheit krasser. Laut Studie sind zwei von drei deutschen Rentnern Frauen, zehn Prozent von ihnen leben in Altersarmut. Beides, Ungleichheit bei Löhnen und Renten, begründet die Studie vor allem mit unterschiedlichen Erwerbsbiografien. Häufiger als anderswo arbeiten Frauen in Deutschland in Teilzeit, vor allem wenn sie Kinder haben. Zwei von drei berufstätigen Müttern zwischen 25 und 54 Jahren haben hier eine Teilzeit-Stelle. In Frankreich beispielsweise ist das Verhältnis genau umgekehrt, dort haben mehr als zwei von drei berufstätigen Müttern einen Vollzeitjob. … Schuld an der Frauen-Teilzeit ist laut OECD auch das Gesellschaftsbild: „Wir haben immer noch ein männerzentriertes Alleinverdienermodell.“ Deutschland hat demnach das einzige Steuer- und Sozialmodell, in dem es sich für Eltern schulpflichtiger Kinder nicht lohnt, dass beide arbeiten. Meistens bleiben die Frauen zu Hause. Als Anreize dafür nennt die OECD Ehegattensplitting und das Betreuungsgeld. Außerdem kritisiert sie, dass es in Deutschland oft an bezahlbarer Kinderbetreuung fehle. Lob gab es für die Reform der Elternzeit, die dazu geführt habe, dass jeder vierte Vater eine Auszeit nimmt. Wie sich das auf die Karrierechancen der Frauen auswirkt, muss sich erst noch zeigen. Bisher stehen diese deutlich schlechter als bei Männern. In deutschen Chefetagen stellen Frauen 28 Prozent des Personals, in Vorständen und Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen nur 3,5 Prozent. Damit ist Deutschland einmal mehr Schlusslicht, der OECD-Schnitt liegt bei zehn Prozent Frauenanteil. Doch selbst diejenigen, die es bis nach ganz oben geschafft haben, verdienen weniger als ihre männlichen Kollegen – OECD-weit 21 Prozent weniger. Damit wird die Lücke größer, je höher man die Karriereleiter empor steigt. Das zeigen auch die Zahlen des Statistischen Bundesamtes für Deutschland: 2010 verdienten Frauen in Führungspositionen demnach 30 Prozent weniger als männliche Führungskräfte – dieser Unterschied ist um acht Prozentpunkte größer als die allgemeine Gehaltslücke. … Anders als vor zwanzig Jahren unterscheidet sich die Qualifikation von Frauen und Männern dabei kaum. In Deutschland haben sogar mehr Frauen als Männer im Alter zwischen 25 und 34 Jahren einen Uni-Abschluss oder Meisterbrief. Doch häufig entspricht ihr Job danach nicht ihrer Qualifikation. Ein Beispiel: Von den Frauen, die in der OECD ein naturwissenschaftliches Fach studiert haben, arbeiten nur 43 Prozent später als Mathematikerinnen oder Ingenieurinnen. Öfter als Männer werden sie stattdessen Lehrer. (betriebsrat.de)

Grafik Hans-Böckler-Stiftung 7 Monatseinkommen nach Geschlecht und Betriebsgröße

Lohn-Kluft: Warum die Arbeitswelt Frauen benachteiligt – Es ist eine sehr umfangreiche Studie – und das Ergebnis ist erschütternd: Obwohl es als gesellschaftlicher Konsens angesehen werden kann, dass Frauen und Männer gleich viel verdienen sollten, ist die Realität quer durch die Republik eine andere. Trotz steigender Qualifikationen werden Frauen im Berufsleben – und vor allem bei der Entlohnung – noch immer eklatant benachteiligt. Viele Chefs verteilen das Gehalt nach Geschlecht. … Die Benachteiligung von Frauen basiert der Studie zufolge nur zum Teil auf objektiv messbaren Fakten. „Der geschlechtsspezifische Einkommensrückstand lässt sich weder durch unterschiedliche Bildungsvoraussetzungen noch durch eine spezifische Berufswahl vollständig erklären“, sagte Projektleiter Reinhard Bispinck am Donnerstag bei der Vorstellung der Studie auf einer WSI-Fachtagung zur Gleichstellung. „Die Ergebnisse verweisen vielmehr auf das Fortbestehen geschlechtsspezifischer Lohndiskriminierung.“(Hans Böckler Stiftung, zitiert nach Der Spiegel)

Grafik Hans-Böckler-Stiftung 8 - Monatseinkommen und Einkommensrückstand bis zu 3 Jahren

Es gibt kaum ein größeres Armutsrisiko in Deutschland, als als alleinerziehende Frau ein Kind großzuziehen. Vierzig Prozent aller alleinerziehenden Frauen in Deutschland leben von Arbeitslosengeld II (ALGII). Die Armutsquote unter den Alleinerziehenden ist in den vergangenenJahren stetig angestiegen.(wir frauen)

Grafik Hans-Böckler-Stiftung 9 - Einkommensrückstand von Frauen gegenüber Männern

Von den 35,3 Millionen „ArbeitnehmerInnen“ in Deutschland sind 23,45 Millionen Vollzeitbeschäftigte, darunter lediglich 8,4 Millionen Frauen. Unter die 11,83 Millionen Teilzeitbeschäftigte fallen dagegen 9 Millionen Frauen.(Kritisches Netzwerk)

Grafik Hans-Böckler-Stiftung 10 - Einkommensrückstand von Frauen nach Alter

Die strukturellen Benachteiligungen im Vollzug für erwachsene Frauen setzen sich bei den weiblichen Jugendlichen fort. Durch die Einbindung in den Erwachsenenvollzug ergibt sich für weibliche Jugendliche und Heranwachsende eine erhebliche Schlechterstellung gegenüber ihren männlichen Altersgenossen, was die Umsetzung des Erziehungsauftrags und konkrete Maßnahmen wie Bildung, Therapie, Beratung oder eine differenzierte Unterbringung betrifft. An konkreten Konzepten zur Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit und zur Aufhebung der offensichtlichen Benachteiligung von Mädchen und jungen Frauen im Jugendstrafvollzug mangelt es. Inwiefern die neuen Jugendstrafvollzugsgesetze der Länder, vor allem aber die konkrete Ausgestaltung vor Ort, diesem Ansinnen angemessen Rechnung tragen, bleibt abzuwarten. (Senatsverwaltung für Justiz Berlin)

 Gender pay gap im europäischen Vergleich nach Berufserfahrung

Reicht das fürs erste? Leute, ich gebe kiezneurotiker ausdrücklich recht, wir leben in Deutschland nicht mehr (nicht MEHR!! Das war auch schon mal anders) im Patriarchat. Aber wir leben auch nicht im Matriarchat, und es hanebüchener Unsinn zu behaupten, Männer würden heute strukturell von Frauen und Kampflesben unterdrückt. Es gibt Benachteiligungen von Männern, es gibt Benachteiligungen von Frauen – ich behaupte und erlebe, dass ersteres immer noch seltener als letzteres ist. Vielleicht mit steigender Tendenz, mag sein. Darüber kann man meinetwegen streiten, aber was bringt das dann? Frauen haben sich erfolgreich gegen patriarchale Unterdrückung gewehrt, weil sie immer mehr Männer für ihre gerechte Sache gewinnen konnten. Davon können Männer, die sich unterdrückt fühlen, viel lernen. Den Wettbewerb „wir sind noch benachteiligter als ihr, wir sind noch größere Opfer als ihr“ brauchen wir doch wirklich nicht anzutreten.

1452561_633915096650890_1716727733_n

Über sunflower22a

I am a mystery.
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Ladies (and gentlemen) abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Fakten, Fakten, Fakten…

  1. Tim schreibt:

    „Frauen sind seltener in Führungspositionen“

    Ich gehe hier nur mal auf Dein erstes Argument ein und möchte Dir eine simple Frage stellen: Ist es schlimm dass Frauen seltener in Führungspositionen vertreten sind und wenn ja – wieso?

    Ich spiele einmal Teufels Advokat und stelle eine Hypothese auf: Es gereicht den Frauen zur Ehre, dass sie in Führungspositionen in der Minderheit sind.

    Wusstest Du dass der Beruf mit dem höchsten Anteil an Psychopathen der des „Managers“ ist? Um an die Spitze einer Organisation mit großer vertikaler Hierarchie zu gelangen (wie einer Staatsbürokratie oder eines DAX-Konzerns) bedarf es Charaktereigenschaften die, wie ein ehemaliger Außenminister einmal sagte, man sich bei keinem seiner Freunde wünschen würde.

    Wikipedia schreibt zu Psychopathen:
    „Psychopathie bezeichnet eine schwere Persönlichkeitsstörung, die bei den Betroffenen mit dem weitgehenden oder völligen Fehlen von Empathie, sozialer Verantwortung und Gewissen einhergeht.“

    Psychopathen sind fast nie Serienkiller à la Dexter, sondern oft funktionierende und angesehene Mitglieder der Gesellschaft. Nehmen wir einmal Männer wie Maschmeyer oder Berlusconi als Beispiel. Oder Maggie Thatcher, um auch eine Frau zu nennen. Ihre Persönlichkeitsstörung erlaubt es ihnen, besonders effektiv Macht anzusammeln, Karriere zu machen und in verantwortungsvolle Positionen vorzudringen.

    Wir werden von Psychopathen regiert, also genau demjenigen Persönlichkeitstyp, der am Wenigsten dafür geeignet ist mit Macht über die Mitmenschen verantwortungsvoll umzugehen.

    Dass der Anteil von Männern in Führungspositionen drei Mal so hoch ist wie der von Frauen hängt also vielleicht auch einfach damit zusammen, dass der Anteil von Männern bei den Psychopathen ebenfalls drei Mal so hoch ist.

    Kurzum: Es gibt mehr Männer als Frauen des Typs mitleidsloses Arschloch die prädestiniert für solche „großen“ Karrieren sind.

    Das Grundproblem in dieser Hinsicht ist für mich also nicht, dass es weniger Frauen in solche Positionen schaffen, sondern dass sie vorrangig von Psychopathen besetzt werden. Ob ein Mitarbeiter von Yahoo oder Siemens von Marissa Meyer oder von Joe Käser gefeuert wird weil jene ihre Quartalszahlen (und damit ihre Bonuszahlungen) optimieren wollen ist da völlig nachrangig. Selbst wenn auch dort Frauenquoten eingeführt werden ändert sich am Grundproblem nichts – noch immer werden genau die falschen Menschen in Führungsverantwortung gelangen.

    Darüber hinaus ist die Vorstellung dass solche Frauen in Führungspositionen den normalen Mitarbeiterinnen zugute kommen würden reichlich naiv. Frau Meyers erste Entscheidung nach dem Amtsantritt bestand darin, die Heimarbeit zu verbieten – die Gruppe Mitarbeiter welche darunter am meisten litten, waren nicht Männer, sondern Mütter mit Kindern. Sich selbst hat die Dame übrigens auf Firmenkosten eine Betreuung für ihr eigenes Kind in die Vorstandsetage einbauen lassen.

    Derart eiskalt hätte es auch ein Mann nicht perfider hinbekommen. Die Frage ist, ob solche Menschen nachahmungswürdig und bewundernswert sind. Wenn sie das nämlich nicht sind, dann ist es auch nicht tragisch, wenn sich Frauen aus dieser Riege der Psychopathen fernhalten. Ich jedenfalls kann mir einen besseren Lebensinhalt vorstellen, als 100 Stunden die Woche damit zu verbringen mich in einer Hierarchie nach oben durchzubeißen, Kollegen zu manipulieren, gegeneinander auszuspielen und Mitarbeiter abzuservieren.

    Ich vermute, den meisten Frauen geht es ebenso – wie übrigens auch den 99.99 % aller Männer, die ebenfalls nicht das Interesse oder „Talent“ haben, Vorstandschef oder Bundeskanzler zu werden.

  2. Anonymous schreibt:

    Du scheinst mir sympathisch, intelligent und zu einem ausgewogenen Diskurs fähig zu sein. Aus diesem Grund spare ich mir Häme und das Zerpflücken all dieser Anfängerfehler, die die meisten Menschen machen, wenn sie unbedarft in die Geschlechterdebatte hineinstolpern.
    Ich bin aber sicher, das werden andere tun, und du wirst ganz schön staunen, wie vielen feministischen Mythen du bis heute aufgesessen bist.

    Es reicht leider nicht, „Frauen werden benachteiligt + Studien“ in Google einzugeben, um die Oberhand in einem inzwischen ziemlich ausdifferenzierten Diskurs zu behalten.

    Die Unterschiede die du aufzählst sind entweder falsch dargestellt, sind in Nachteile umgedeutete Vorteile oder aber haben ganz andere Gründe als Diskriminierung.

  3. Neuer Peter schreibt:

    Na, da hast du uns ja mal eine ganze Menge Hausaufgaben gegeben. Ich bezweifle, dass ich es heute noch schaffe, auf alles zu reagieren. Leider braucht es immer sehr viel mehr Zeit, die Validität einer Studie und darauf aufbauender Schlüsse zu überprüfen, als sie zu verlinken.

    Ich fange mit dem Gender Pay Gap an:

    „In keinem anderen europäischen Land ist der Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern demnach größer. Vollzeitbeschäftigte Frauen verdienen durchschnittlich 21,6 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, teilte die OECD mit. In den 34 Industriestaaten, die sich in der Organisation zusammengeschlossen haben, liegt die Differenz im Schnitt bei 16 Prozent. In Norwegen etwa bekommen Frauen lediglich 8,4 Prozent und in Belgien 8,9 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Deutsche Behörden haben sogar eine noch krassere Lohnkluft errechnet als die OECD. Laut Statistischem Bundesamt verdienten Frauen 2010 im Schnitt 23 Prozent weniger als Männer.“

    Die 23 Prozen Lohnunterschied, auf die du dich beziehst, geben den absoluten Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen an. Diese Lohnlücke wird auch als unbereinigter Gender Pay Gap bezeichnet und hat mit ungleichem Lohn für gleiche Arbeit nichts zu tun.

    Die Lohnlücke besteht, weil Frauen im Schnitt öfter in Teilzeit arbeiten (87% aller Teilzeitbeschäftigten sind Frauen), weniger Überstunden machen, mehr Lücken in ihrer Erwerbsbiografie aufweisen, weniger lukrative Beschäftigungsfelder ansteuern, sich weniger für hochkompetitive Bereiche interessieren und sich seltener für ein MINT-Studium entscheiden.

    Der unbereinigte Gender Pay Gap ist demnach etwa ebenso aussagekräftig, wie auf die Lohnlücke zwischen leitendem Ingenieur und teilzeitbeschäftigtem Kindergärtner hinzuweisen. Man vergleicht Äpfel mit Birnen.

    Gleiche Leistung hingegen wird gleich entlohnt. (1)

    Du wertest einige der Faktoren, die zum Pay Gap führen, selbst als Beleg für eine Diskriminierung. Schauen wir sie uns einmal an:

    „Und sie (Frauen) arbeiten in Deutschland sogar im EU-Vergleich überdurchschnittlich oft in Teilzeit. Das Statistische Bundesamt hat für das Jahr 2010 ermittelt, dass hierzulande 45,6 Prozent aller berufstätigen Frauen einem Teilzeitjob nachgehen.“

    Ich nehme an, dass ein Großteil dieser Frauen das tun kann, weil diese Frauen einen Partner an ihrer Seite haben, der sie finanziell unterstützt.

    Mir ist allerdings schleierhaft, wie man der Bewertung einer Arbeitsteilung, in der ein Partner in Vollzeit einen Großteil des Geldes verdient und der andere Partner entweder gar nicht oder in Teilzeit arbeite und sich um die Kinder kümmert, eine dieser Rollen pauschal als die privilegierte bezeichnen kann. Inwiefern es ein Privileg darstellt, Vollzeit arbeiten zu müssen und seine Kinder seltener zu sehen, muss man mir noch einmal erklären.

    „Als Hauptgrund für den Teilzeitjob nannte jede zweite Frau in Deutschland die Betreuung von Kindern, Pflegebedürftigen oder andere familiäre Verpflichtungen. Fast jede fünfte Frau arbeitete verkürzt, weil sie keinen ganztägigen Arbeitsplatz finden konnte.“

    Ich habe mir die Zahlen mal angeschaut. Das kommt tatsächlich hin: Wir hatten 2004 etwa 6,36 Millionen teilzeitbeschäftigte Frauen (2) und 2010 hatten wir 2,84 Millionen teilzeitbeschäftige Mütter mit einem Kind unter 18 Jahren (3). 2011 wurden 1,76 Millionen Pflegebedürftige zuhause versorgt (4). Das Ganze muss natürlich noch einmal nach unten korrigiert werden, da Teenager schwerlich so pflegeintensiv sind, als dass sie jemanden davon abhielten, einer Vollzeitarbeit nachzugehen und ich keine Angaben über den Frauenanteil unter den Pflegern der Pflegebedürftigen und über die Schnittmenge zwischen diesen Pflegern und den Müttern gefunden habe, aber im Großen und Ganzen scheint es zu stimmen.

    Aber jetzt kommt der Clou: Nicht oder nur in Teilzeit zu arbeiten scheint weitgehend den Präferenzen der meisten Frauen zu entsprechen. Einer 1995 getätigten Befragung zufolge gaben nur 42 Prozent der erwerbstätigen Frauen eine Wunscharbeitszeit (bei Lohnanpassung) von über 35 Stunden an. Im Osten waren es 63%. (5)

    Von den nicht-erwerbstätigen Frauen gaben insgesamt nur 27 % den Wunsch an, in Vollzeit arbeiten zu wollen. (15% wäre jede Arbeitzeit recht gewesen und 8 waren unentschlossen).(5)

    Wir haben es also weder beim Ausmaß der Teilzeitarbeit von Frauen noch bei der Lohnlücke mit einer Diskriminierung zu tun, sondern mit den Konsequenzen freier Entscheidungen, die den Präferenzen mündiger Bürgerinnen entsprechen.

    Ich mache hier erst mal Pause, das war aufwendig genug.

    (1) http://www.iwkoeln.de/de/presse/pressemitteilungen/beitrag/beschaeftigungsperspektiven-von-frauen-nur-2-prozent-gehaltsunterschied-102500

    (2) http://www.bmfsfj.de/doku/Publikationen/genderreport/2-Erwerbstaetigkeit-arbeitsmarktintegration-von-frauen-und-maenner/2-7-Erwerbstaetigkeit-in-atypischen-beschaeftigungsverhaeltnissen/2-7-1-teilzeitarbeit.html

    (3) http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/Ausge_C3_BCbte-Erwerbst_C3_A4tigkeit-von-M_C3_BCttern,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf

    (4) http://www.welt.de/wirtschaft/article112865655/Pflegebeduerftige-werden-meistens-zu-Hause-versorgt.html

    (5) http://www.boeckler.de/pdf/p_edition_hbs_10.pdf

  4. kalypso schreibt:

    liebe sunflower,

    wow……ich war gestern total perplex anhand der detail-fülle. nach einem sehr anstrengenden arbeitstag war ich abends auch nicht mehr in der lage, dies alles aufzunehmen……..

    und jetzt mal darüber geschlafen…….ja, es sind fakten, zahlen und berichte.

    eine „geschlechterdebatte“ wie ja das wort schon beeinhaltet – debattieren – ich habe recht, ich gewinne, bringt uns jedoch nicht weiter. wir haben die kunst eines „DIALOGES“ vergessen. dazu gehört unter anderem: zuhören, ausreden lassen, nachdenken, nicht gleich zurückschlagen, andere sichtweisen mit einbeziehen, und vor allem eine objektive, wenns geht nicht persönliche sichtweise.
    mit anderen worten: ein gewisses maß an empathie!
    was bei den ganzen diskussionen im tv oder sonstwo rüberkommt ist eher ein verbaler macht-
    abgleich, in dem unterbrochen, nicht auf fragen eingegangen wird, und vor allem RECHT haben. das bringt eigentlich gar nix, außer dem gefühl, daß einer gewinnt und einer verliert. und das ist – mit verlaub – eigentlich keine günstige ausgangsposition um gegenseitigen respekt und wertschätzung aufzubauen und darzustellen.

    es gibt die aussage, dass wir nur 3% des „bösen potentials“ in uns wahrnehmen müssten, anstatt auf den 97% „der anderen“ rumzuhacken. ich glaube nicht an gott, aber der spruch
    „bevor du auf den splitter im auge deines gegenüber deutest, schau auf deinen eigenen balken“ finde ich sehr treffend. (weiß jetzt nicht ob genau bibeltreu wiedergegeben, war jetzt einfach mal zu faul zum nachgucken……hehe)

    und dieses pauschalisierte „die frauen“ und „die männer“ ist generell blöd. ist mir zu schwarz/weiß.
    es gibt männer, die haben viele weibliche anteile in sich und frauen, die eher männlich sind.
    ich bin mehr die macherin und eigenbestimmt, und trotzdem hüte und „bemuttere!“ ich kind, kann lecker kochen, habe ein gemütliches haus in dem sich sehr viele wohlfühlen, bin eine gute freundin für meine mädels und lache mir mit meinen männlichen freunden oft den arsch ab.
    das sind für mich unter anderem attribute von „weiblichkeit“. und nicht dicke titten, lange haare und stöckelschuhe!
    weiblichkeit hat einen aspekt von nähren und kümmern. vor allem und in erster linie zuerst um sich selbst! denn wie gesagt: es kommt keiner, der einen rettet!
    und dieses opfer-dasein und anhand dieser und jender umstände habe ich mir jetzt das leben genommen und schaut mal wie böse die welt mit mir umgeht……kann ich teilweise nachvoll-
    ziehen – aber aufgeben und resignieren war und ist und wird nie mein ding sein!!!

    einen schönen mittwoch!
    herzlichst
    kalypso

  5. Pingback: Das Minenfeld muss weg. | Was weg muss

  6. Neuer Peter schreibt:

    Hm, mein Kommentar scheint in der Warteschleife hängen geblieben zu sein.

  7. Pingback: Frauen im Selbstmitleid-Modus | sunflower22a

  8. Luc schreibt:

    Hallo sunflower,

    Ich hatte deinen Männer im Selbstmitleids-Post damals tatsächlich gelesen aber mangels Zeit nicht kommentiert und dann wieder vergessen, und stolpere gerade darüber. Mir ist bewusst, dass sich das, was ich dazu sagen kann, teilweise mit schon getätigten Kommentaren überschneidet und generell das Thema einen Monat alt ist. Deine Entscheidung ob du noch mal einsteigen willst🙂

    Eins vorweg. Ich denke du bist klug genug um zu wissen, dass du, wenn du als Beleg für deine Thesen die SZ oder den Spiegel zitierst, davon abhängig bist, dass die durch die jeweilige Redaktion vorgefilterten Primärquellen korrekt widergegeben und zu ebenso korrekten Folgerungen verarbeitet werden.

    Ist das hier geschehen?

    Du zitierst als erstes die SZ. Die bezieht sich auf diese Erhebungen. Danach ist die Teilzeitquote von Frauen ist in Deutschland höher als OECD-Durchschnitt, das stimmt. Die SZ schreibt weiter:

    Allerdings arbeiteten dort weniger Frauen “unfreiwillig” weniger Stunden. Als Hauptgrund für den Teilzeitjob nannte jede zweite Frau in Deutschland die Betreuung von Kindern, Pflegebedürftigen oder andere familiäre Verpflichtungen. Fast jede fünfte Frau arbeitete verkürzt, weil sie keinen ganztägigen Arbeitsplatz finden konnte.

    Und das ist grober Unsinn. Es gibt nicht eine Studie, die erfasst, inwiefern Frauen „(un)freiwillig“ weniger arbeiten. Insbesondere verlieren die hier maßgeblichen Erhebungen kein Wort über Freiwilligkeit. Dass einer der Hauptgründe für Frauen, teilzeit zu arbeiten, „familiäre Verpflichtungen“ ist, sagt über Freiwilligkeit nichts aus.

    „Fast jede fünfte Frau arbeitet verkürzt, weil sie keinen Vollzeitjob findet“ ist dabei schlicht falsch verstandener Aussagewert. Gefragt wird in „Ungenutztes Arbeitskräftepotential in der Stillen Reserve“ danach, ob sich Befragte „unterbeschäftigt“ fühlen. Das werden aber sowohl Teilzeit- als auch Vollzeitbeschäftigte gefragt, weil es um inhaltliche Unterbeschäftigung geht. Wenig überraschend führt die Untersuchung dann neben den 16,5% („fast jede Fünfte“) Teilzeitbeschäftigten auch auf, dass 7% der Vollzeitbesch. sich ebenfalls unterbeschäftigt fühlen. Mit Arbeitsstunden oder dem Wunsch nach Vollzeit hat das überhaupt nichts zu tun.

    Nochmal in aller Deutlichkeit. Ich kenne das Thema relativ genau. Es gibt keine Studie, die erhoben hätte, dass ein Fünftel aller Teilzeitfrauen lieber VZ arbeiten würde und nur keine Stelle findet.

    Als nächstes der SPIEGEL.

    Frauen in Deutschland haben im Beruf viel weniger Chancen als Männer, kritisiert die OECD. In keinem anderen europäischen Land ist der Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern demnach größer. Vollzeitbeschäftigte Frauen verdienen durchschnittlich 21,6 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, teilte die OECD mit.

    Das hat die OECD schon deshalb ganz sicher nicht kritisiert, weil sich der 21,6% Gender-Pay-Gap nicht auf Vollzeitbeschäftigte bezieht. Das ist einer der häufigsten unredlichen bzw. dummen Fehler, die in dem Zusammenhang gemacht werden, und eben auch gern beim Spiegel. Der unbereinigte Gender Pay Gap heißt unbereinigt, weil darin zunächst einfach alle Frauen, egal wo und wie lange sie arbeiten, mit allen Männern verglichen werden. Dass dabei Frauen im Schnitt 21,6% weniger verdienen ist eine mathematische Binsenweisheit, haben wir doch erst oben festgestellt, das fast die Hälfte nur Teilzeit arbeitet und natürlich weniger verdient als der durchschnittliche Mann. Berücksichtigt man möglichst viele Gehaltsfaktoren wie Teil/Vollzeit, Branche, Art der Ausbildung, Uniabschluss, Länge der Betriebszugehörigkeit, usw., (StaBA Verdienstunterschiede Männer – Frauen S. 43ff.), bleibt davon noch 8% Gehaltsunterschied bei tatsächlich vergleichbaren Berufswegen übrig. Selbst dazu sagt das Statistische Bundesamt dann aber: „Da nicht alle lohndeterminierenden Merkmale in die Analyse einbezogen werden konnten, ist dieser Wert eher als Obergrenze anzu­sehen. Der bereinigte Gender Pay Gap würde möglicher­weise geringer ausfallen, wenn weitere lohnrelevante Eigen­schaften für die Analysen zur Verfügung gestanden hätten.“ (S.44/47)

    Und tatsächlich fehlen bei den 8% z.b. bezahlte Überstunden. Seriöse Statistiker gehen heute davon aus, dass vom Gender Pay Gap so gut wie nichts übrig bliebe, wenn man alle lohndeterminierenden Merkmale mitberechnen könnte. Ich persönlich halte die gerne erzählte Geschichte von den armen Frauen, die sich bei Gehaltsverhandlungen nicht durchsetzen können, im Einzelfall für nicht unrealistisch, aber diese Fälle sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um ein Vielfaches seltener, als das gerne angenommen wird. Dieses Bild der Frau an sich, durchsetzungsschwach und schutzbedürftig (Ausnahmen bestätigen die Regel), ist das eigentlich reaktionäre.

    Soviel generell zum Gender Pay Gap. Das hier gesagte trifft auf alle deine weiteren Zitate zu, soweit sie diesen thematisieren.

    Dann kurz zu deinem Zitat aus der Zeit. Der verlinkte Artikel beginnt mit den Worten: „Im Schnitt betrage der Unterschied im Brutto-Stundenlohn 23 Prozent, erklärte Bundesfamilienministerin vdLeyen am Donnerstag in Berlin.“ Dass vdL selbst hier genau den Gender Gap Fehler von oben macht (23% bezieht sich nicht auf Bruttostundenlohn) ist von ihr ehrlich gesagt nicht besser zu erwarten. Dass die Zeit den groben Fehler einfach übernimmt, nun, so sind die Zeiten im Journalismus. Das Zitat ist deshalb wichtig, weil auch dein Zitatausschnitt die Widergabe eines Satzes von vdL ist:

    Laut einer Untersuchung des Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bekommen Frauen bei gleicher Ausbildung, gleichem Alter und gleichem Beruf im selben Betrieb im Schnitt zwölf Prozent weniger Lohn als ihre männlichen Kollegen.

    Und, was soll ich sagen, er stimmt genauso wenig wie das erste vdL-Zitat. Der Bericht der IAB, den vdL meint, ist der hier (S.4). Und, natürlich, ergeben sich die 12% gerade nicht aus gleichem Betrieb und gleicher Tätigkeit, sondern im Schnitt über alle Azubis hinweg, egal welche Branche. Also z.b. Friseuse vs. Mechatroniker. Da gibts tatsächlich Lohnunterschiede, no shit Sherlock.

    An der Stelle vielleicht mal ne Pause. Wenn ich ein morbides Interesse geweckt habe, kann ich das gleiche noch mit allen Quellen machen, die du zitierst. Es wird nicht besser.😉

    Deshalb anzunehmen, es gebe keinerlei Nachteile für Frauen auf dem Arbeitsmarkt ist natürlich genauso Quatsch. Ein paar nennst du auch, z.b. die Ausgestaltung des Ehegattensplittings, das Anreize setzt, nur einen von beiden arbeiten zu lassen. Oder die erst im Entstehen begriffene Kinderbetreuung – wobei da je nach Regionen auch bereits Überkapazitäten gemeldet werden. Oder überhaupt die Frage, wie wir als Gesellschaft Familie und Beruf in Zukunft leben wollen. Es gibt sie, die Benachteiligungen, und darüber muss man sachlich reden.

    Das Problem ist hier und jetzt, bzw. war Anfang Dezember einfach, dass die objektive Datenlage, die Statistiken und Erhebungen, wenn man sie einfach nur anschaut, so einen Post wie dein „Männer im Selbstmitleid-Modus“ überhaupt nicht hergeben. Dagegen kann man den kiezneurotiker in seiner Wut fast verstehen, denn wie du siehst, gibt es quer durch so gut wie alle großen, meinungsbildenden Medien einen Konsens der Borniertheit, den gender Pay Gap und die grassierende Frauendiskriminierung einfach nachzuplappern, weil damit gehört man zu den Guten™, und das Ganze sind dann wahlweise „das Patriarchat“ oder „die Männer“ „schuld“. Ich habe gar nicht so viele Anführungszeichen, wie ich fassungslos auf eine solche antiintellektuelle Verkürzung gesamtgesellschaftlicher Herausforderungen schmeißen will.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s