Männer im Selbstmitleid-Modus

Neue Männer braucht das Land. Das war vor vielen Jahren ein Hit von Ina Deter, einer Sängerin, die heute niemand mehr kennt. Ich habe dieses Lied sehr gern gehört und den Text finde ich bis heute toll.

Ich sprüh`s auf jede Wand,
Neue Männer braucht das Land,

und das war nicht böse gemeint, denn sie sucht einen:

Hab` die Männer noch nicht ganz satt,
setz` es fett in die BILD-Zeitung,
E-man-ze sucht `ne Begleitung,

und zwar keinen Softi, sondern

Laß`s im Werbefernsehn laufen,
Notfalls würd` ich einen kaufen,
singe es von allen Bühnen,
Große Chancen haben Hünen,

Damals waren mir Männer sehr wichtig und mir ging es genauso wie Ina Deter.

Ungefähr 25 Jahre ist das jetzt her. Haben wir die neuen Männer jetzt?

Ich glaube ja. Sie sind nicht mehr wie früher. Soweit man das generalisieren kann. Sie sind oftmals netter, ja, und auch stärker bereit, Frauen als gleichberechtigte Menschen zu akzeptieren. Machos und Chauvis haben heute einen weitaus schwereren Stand – auch unter Männern, und darauf kommt es am meisten an. Sowas ist heute out. Es gibt zunehmend Paare, bei denen die Frau mehr verdient als der Mann – und der Mann das nicht als Deklassierung unter seiner Würde empfindet. Natürlich bedeutet die wachsende Teilhabe der Frauen an Status und Macht und Geld in der Gesellschaft auch, dass Männer auf den Anteil von über 50% verzichten, den sie bisher innehatten. Das fällt vielen schwer, aber das ist unumgänglich. Mein Kompliment, liebe Männer – alles in allem managt ihr das nicht schlecht. Auch wenn ihr mir persönlich längst nicht mehr so wichtig seid wie damals.

Soweit so gut.

Manchmal werde ich aber daran erinnert, dass unter der freundlichen Oberfläche so manches brodelt an Unmut, an Wut und zum Teil auch an Hass, und dass viele eben doch nicht mehr damit klarkommen, dass sie heute nicht mehr das „starke Geschlecht“ von früher sind. Dann wird von feministischen Weltverschwörungen fantasiert, die alle Männer unterdrücken wollen und dann wird es ganz schnell ziemlich reaktionär. Zum Beispiel bei der Lektüre des neuesten Beitrags des Blogs des kiezneurotikers, den ich generell sonst sehr schätze, und noch viel mehr bei der Lektüre der durch diesen Beitrag provozierten Leserkommentare.

Seine Behauptung ist, es gebe gar kein Patriarchat (mehr). Durchgeknallte Feministinnen haben die gesellschaftliche Meinungshoheit erlangt, behandeln Männer und vor allem Väter als Menschen zweiter Klasse, die sich jede Beschimpfung und Diskriminierung gefallen lassen müssen und sich dagegen nicht wehren dürfen. Bei jeder Debatte über das Geschlechterverhältnis könne er als Mann nur verlieren, so vermint sei das Gelände:

Sobald sich ein Mann dazu äußert ohne die selbstanklagende Pose eines Hundes einzunehmen, der auf den Perserteppich gepinkelt hat, wird er bezichtigt, eine Debatte zu dominieren, zu manipulieren oder zu verharmlosen. Im Extremfall wird einem Mann sogar per se abgesprochen, sich zur Geschlechterfrage äußern zu dürfen, egal in welchem Duktus und mit welcher Haltung, da der Mann qua Geschlecht (und inzwischen auch qua Hautfarbe) immer „Teil des Problems“ ist. Rabulistik. Reinform. Wie man es dreht und wendet, man verliert immer.

Er hat das Gefühl, Frauen dürfe er einfach nicht kritisieren (außer vielleicht die Kanzlerin?). Immer wenn er das tue, breche ein Shitstorm empörter Mails politisch korrekter Personen über ihn herein, die sich woanders im Netz immer weiter zensierend breitmachen:

Ich beschreibe, dass mich als Mann etwas stört, das eine Frau tut, weil ich ein Mann bin. Darf das nicht sein? Und wieso nicht? Ist eine Frau nie verantwortlich für das, was sie tut? Sind es immer die Umstände? Wieso gelten da unterschiedliche Maßstäbe? Wieso bin ich als Mann immer voll verantwortlich für das was ich tue, aber eine Frau ist das nicht? Kann eine Frau wirklich nie etwas dafür, egal was sie tut? Kann man das alles wirklich nonchalant auf die (patriarchale) Gesellschaft schieben und den, der eine Sache aktiv tut, von jeder Verantwortung freisprechen?

Du hast ja so recht. Und es gibt so viele Bekloppte. Allein schon die Sprachpolizei, die immer zuschlägt, wenn man nur von Kunden spricht statt von KundInnen oder Kundinnen und Kunden. Die Studenten abgeschafft hat und in Studierende verwandelt hat. Die an der Leipziger Uni gar alle Professoren abgeschafft hat und zu Professorinnen ernannt hat, unabhängig vom Geschlecht. Komplett durchgeknallt. Beispiele für diesen Hirnriss gibt es ohne Ende.

Und dann treiben sie sich auch noch in den Blogs und den sozialen Medien rum und verbreiten ihren wirren Kram überall. Ja, es nervt. Aber: warum so weinerlich? Irgendwer hat mal gesagt: viel Feind‘, viel Ehr‘. So ist es. Durchgeknallte politisch Korrekte gehen nicht nur auf dich los. Auch auf mich. Ich bin Feministin, aber was das bedeutet, bestimme ich selbst. Durchgeknallte Feministinnen oder Pseudo-Feministinnen gehen deswegen auch auf meinen Blog los. Weil er ihnen nämlich zuviel Erotik (ekelhaftes Zeug, wie furchtbar) enthält und weil ich Alice Schwarzers blindwütige Attacken gegen Sexarbeiterinnen für reaktionär erkläre. Ich bekomme mehr Kommentare die ich wegklicke als Kommentare die ich freischalte. Wilde Beschimpfungen und Beleidigungen. So what? Darüber jammere ich nicht, das erwarte ich. Wer nicht mit dem mainstream mitschwimmt, muss damit leben. Und es macht mir Spaß, offen politisch unkorrekt zu sein.

Soweit so gut – das kann man alles noch abtun unter der Rubrik „wie geht man am coolsten mit politisch korrekten Nervensägen um“.

Was mich dann aber echt nervt, ist der Umgang mit einigen – wahren oder weniger wahren, ich weiß es nicht – Fakten in deinem Blog. Da wird dann die Legende geschrieben vom Mann als dem diskriminierten Geschlecht. Strafrabatt für Frauen vor Gericht. Geringere Lebenserwartung für Männer. Männlicher Exhibitionismus wird bestraft, weiblicher nicht. 80% der Obdachlosen sind Männer. Männliche Bildungsverlierer mit schlechteren Noten. Höhere Arbeitslosigkeit bei Männern mit der Folge von mehr Depressionen bei Männern. 1900 Gleichstellungsbeauftragte für Frauen, keine für Männer, Frauenförderprogramme allenthalben. Im Fernsehen werden Frauen gezeigt, die Männern in die Fresse hauen. Und nun auch noch Frauenquote für Aufsichtsräte. Es reicht. Das ist die Botschaft.

Mir kommen gleich die Tränen. Ihr Ärmsten.

Natürlich könnte ich jetzt eine Litanei auflisten wie es Frauen so geht. Dass wir noch viel ärmer dran sind. Jede dritte Frau weltweit, jede vierte Frau in Deutschland ist von häuslicher Gewalt betroffen, rund 80 Prozent der Opfer von Gewalt sind Frauen und Kinder und die große Mehrzahl der Täter sind Männer. Häusliche Gewalt ist herkunfts-, bildungs- und religionsunabhängig die häufigste Gefahrenquelle für Verletzungen von Frauen. Zwei Drittel der Täter von Gewalt in Beziehungen sind deutscher Herkunft. Und so weiter. Die Liste könnte noch viele Seiten füllen.

Aber was bringt das? Ja, die Welt ist schlecht, für Männer und für Frauen, und welchen Anteil wer daran hat, darüber zu streiten ist sinnlos. Dennoch wage ich die Behauptung, weder in Deutschland noch in Europa und erst recht nicht weltweit haben Männer auch heute einen ernsthaften Grund, sich über Unterdrückung durch Frauen zu beklagen. Wir haben kein Matriarchat.

Das organisierte Patriarchat als die ganze Gesellschaft durchdringendes Prinzip, das gibt es heute nicht mehr, jedenfalls nicht in Deutschland. Und das ist gut so. Sehr gut. Da hast du sicher recht, das ist allerdings keine sonderlich neue Erkenntnis. Viele politisch korrekte Eifererinnen und auch Eiferer wollen das nicht wahrhaben, weil es nicht in ihr Weltbild passt. Alles d’accord.

Leider erinnert mich der weinerliche Grundton deines Beitrags sehr an genau diese Menschen. Willst du jetzt einen Wettbewerb mit den missionierenden Gutmenschen, den Graue-Maus-Feministinnen, den ganzen Nervensägen die du so schön beschreibst anfangen – wer ist das größere Opfer? Frauen oder Männer? Oh je. Aber gut angefangen hast du, du bist nicht völlig chancenlos in diesem Wettbewerb, so du ihn denn beginnen willst.

Was mir an deinem Blogbeitrag aber am allermeisten stört, sind dann die Kommentare. Nein, da kamen keine dieser politisch korrekten Blogpolizisten auf die du so schimpfst (oder du hast sie weggeklickt). Stattdessen Sprüche wie:

Mein letzter Aufreger war übrigens die Mütterrente. Als nächstes werden wirder Mutterkreuze verteilt…

Patriarchiat ist nur noch eine Vorstellung von Kampflesben, meiner Meinung nach. Eine unwichtige Minderheit, allerdings laut und schrill. Alice Schwarzer ist ja wieder schwer in den Medien. Der Verweis auf Faschismus ist übrigens wirklich interessant. Fehlte nur noch der Hinweis auf die beleidigten Holocaustopfer. Widerlich.

Der Auslöser der Sache ist auch für mich eindeutig sexuelle Belästigung. Wenn ich auf der Arbeit bin, wo ich manche Kontakte zu anderen Menschen zwangsläufig habe – Teil des Jobs, für den ich bezahlt werde – , möchte ich auch nicht, dass mir aus taktischen Gründen nur noch rudimentär verhüllte sekundäre Geschlechtsteile ins Gesichtsfeld gerückt werden. Ich glaube, es wäre sogar ganz gut, wenn von Männerseite der Terminus „sexuelle Belästigung“ für solches Verhalten offensiver eingesetzt wird.

deshalb: men,women and trans – united and equal – against crasy bitches!

Und dann noch die wirklich erhellende Erkenntnis:

Ich glaube auch nicht, dass es je ein Patriarchat gab

So ist das also, und schon sind wir dann in der rechtspopulistischen Szene, die macht dann tabula rasa mit all dem linken Mist. Da werde ich dann hellhörig und halte dagegen.

 ??????????????????????

Meine Liebe, meinst du wir unterdrücken die Männer? – Warum? Weil wir lieber ohne sie Urlaub machen?

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20 Antworten zu Männer im Selbstmitleid-Modus

  1. Neuer Peter schreibt:

    „Jede dritte Frau weltweit, jede vierte Frau in Deutschland ist von häuslicher Gewalt betroffen, rund 80 Prozent der Opfer von Gewalt sind Frauen und Kinder und die große Mehrzahl der Täter sind Männer. Häusliche Gewalt ist herkunfts-, bildungs- und religionsunabhängig die häufigste Gefahrenquelle für Verletzungen von Frauen. Zwei Drittel der Täter von Gewalt in Beziehungen sind deutscher Herkunft. Und so weiter. Die Liste könnte noch viele Seiten füllen.“

    Sie könnte. Nur ist vieles von dem, was du bisher aufgeführt hast, schlicht falsch.

    Hunderte von Studien zeigen, dass Männer mindestens genau so oft, wenn nicht öfter von Gewalt betroffen sind als Frauen und Frauen ebenso häufig wie Männer zu den Tätern gehören. Hier eine Übersicht über 221 Studien dieser Art:

    https://www.csulb.edu/~mfiebert/assault.htm

    Im Übrigen erinnert dein Beitrag stark an feministische Beschämungsstrategien (wobei ich dich mitnichten diesem Lager zurechnen möchte.)

    Es sollte in einer mitfühlenden und aufgeklärten Gesellschaft doch auch als Mann erlaubt sein, Missstände anzusprechen und zu beklagen, ohne als weinerlich bezeichnet zu werden. Noch einmal: Das ist eine beliebte feministische Beschämungsstrategie, um den politischen Gegner mundtot zu machen. Darüber hinaus knüpft er an reaktionäre Rollenmuster an: Ein Mann hat nicht zu jammern, zu weinen und zu fühlen. Er hat zu ertragen.

    Auf dieses Niveau musst du dich nicht herablassen.

  2. Neuer Peter schreibt:

    „Dennoch wage ich die Behauptung, weder in Deutschland noch in Europa und erst recht nicht weltweit haben Männer auch heute einen ernsthaften Grund, sich über Unterdrückung durch Frauen zu beklagen. Wir haben kein Matriarchat.“

    Nun, du schreibst es selbst:

    „Strafrabatt für Frauen vor Gericht. Geringere Lebenserwartung für Männer. Männlicher Exhibitionismus wird bestraft, weiblicher nicht. 80% der Obdachlosen sind Männer. Männliche Bildungsverlierer mit schlechteren Noten. Höhere Arbeitslosigkeit bei Männern mit der Folge von mehr Depressionen bei Männern. 1900 Gleichstellungsbeauftragte für Frauen, keine für Männer, Frauenförderprogramme allenthalben. Im Fernsehen werden Frauen gezeigt, die Männern in die Fresse hauen. Und nun auch noch Frauenquote für Aufsichtsräte.“

    Hinzu kommen dann noch die mangelnde Chancengleichheit für Männer im Beruf und die mediale Dämonisierung männlicher Sexualität und die massive Diskriminierung von Vätern durch unser Sorgerecht.

    Nein, von Frauen werden Männer sicherlich nicht unterdrückt. Aber sie werden durch Strukturen diskriminiert, die von Feministen – oder solchen, die sich dafür halten – durchgesetzt, gestützt und verteidigt werden.

    Kein Grund, sich zu beklagen? Ich glaube nicht.

    Und das hat nichts mit Weinerlichkeit zu tun oder der Angst vor dem Verlust unverdienter Privilegien (die haben Männer lange nicht mehr). Es hat damit zu tun, dass sich niemand gern aufgrund eines angeborenen Merkmals benachteiligen lässt.

    Das solltest du doch nachempfinden können – gerade als Feministin.

  3. whose schreibt:

    Es gibt da noch eine weitere Sache, über die Männer (ich bin einer) „jammern“ könnten: Warum, zum Geier, wird eine von einem Mann gestellte kritische Frage (bzw. eine ganze Serie davon) zum Status Quo sofort als „Jammern“ abqualifiziert? Ist man kein „Hüne“ mehr, sobald man kluge Fragen stellt? Wenn ja: Ich habe ganz starke Zweifel, daß Ihr Frauen wirklich das haben wollt, was Ihr Euch seit über 30 Jahren heranzieht. Wissen schon, Pudel und so…

    Gleichberechtigung im Diskurs zum Status Quo fehlt definitiv immer noch. Kritik von Männern ist pauschal Jammern, Argumente von Frauen sind pauschal Fakt.

    So funktioniert das mit der Gleichberechtigung definitiv nicht.

  4. tikerscherk schreibt:

    Guten Abend sunflower,
    den Beitrag vom Kiezneurotiker finde ich nicht weinerlich. Keine Spur. Eruptiv, das ja. Parteiisch auch.
    Und wenn ich auch nicht mit allem d´accord gehe, was er schreibt finde ich das, was er da schreibt im Großen und Ganzen sehr nachvollziehbar. Es geht ihm ja auch nicht um die Situation der Männer weltweit, sondern hierzulande.
    Ich bin froh um diese Diskussion, zu der dein Text auch beiträgt, und hoffentlich noch viele weitere.
    Heute erst stieß ich bei Robin auf diesen Text, der sich mit Maskulisten befasst, und dann noch auf diesen, wo es um male tears geht http://robinsurbanlifestories.wordpress.com/2013/11/11/die-tranen-der-vater/. Beide absolut lesenswert und gut passend. Die Kommentare sind auch sehr interessant.
    Robin gehört zu den Feministinnen, die immer mal wieder auch einen Blick darauf werfen, wie es Männern geht. Sie hat einen sehr guten Text zur Beschneidung von Jungen geschrieben, und ich finde ihren Umgang mit dem Thema wirklich klug und ausgewogen.
    In jedem Fall fühle ich mich von deinem, Robins und Mikes Text angeregt mir dazu weiter Gedanken zu machen.
    Zu den Kommentaren bei Mikes Text: stimme dir zu. Die sind z.T. wirklich armselig und dumm.

  5. Handkäsfan schreibt:

    Mal etwas runter die Emotionen. Bitte.
    Underdogs Beitrag war ein Folgebeitrag zu den Folgen von zu „zieh dir was an!“
    Ein echtes Aúsbilderproblem, wirklich. Bin auch einer.
    Rant halt.
    Ich werde mich, als Frauenberufstätiger auch dazu äußern. Demnächst. Ohne Emotion.
    Entspannt. Das ist das Verhältnis zwischen Geschlechtern ohne Deter, Schwarzer und ohne Sexismusmachokram.

  6. Tim schreibt:

    Jedem humanistischen Menschen muss Diskriminierung gegen den Strich gehen. Per se. Egal ob sie Deine eigene peer group betrifft, oder nicht. Die Diskriminierung auch nur eines Einzelnen ist ein Angriff auf die Menschheit und Menschlichkeit als Ganzes.

    Deshalb bin ich zuerst Mensch. Weiter unten auf der Kommode voller Schubladen bin ich auch Mann, Linker, in Deutschland Geborener, Blauäigiger Blondhaariger und so weiter.

    Als humanistisch geprägter Mensch geht mir die Diskriminierung von Frauen ebenso gegen den Strich wie die Diskriminierung von Männern, das Verstümmeln der Genitalien von Mädchen mit der Rechtfertigung durch Steinzeittraditionen ebenso wie das Verstümmeln der Genitalien von Jungen mit der Rechtfertigung durch Steinzeitreligionen.

    Wir leben nun einmal alle gemeinsam auf dieser Welt und müssen uns bemühen sie in Frieden miteinander zu teilen, ansonsten gibt es in ein paar Generationen keine Menschheit mehr. Die Welt ist dafür mehr als groß genug, nur der menschliche Geist macht (sie) sich gerne klein.

    Ein Vorschlag zur Güte: Setze Dich mit legitimen Fragen auseinander, recherchiere selbst die Fakten statt den faktenbasierenden Beitrag des Kiezneurotikers einfach als Selbstmitleid abzukanzeln. Letzteres ist wohl eins der ältesten Totschlagargumente und ich bin mir sicher, dass Du ihm selbst schon häufiger ausgesetzt warst – zum Beispiel wenn Du wegen Deiner Einstellung zur Sexarbeit dumm angemacht wirst.

    Klar, dumme Kommentare hier auf einem kleinen Internetblog kann man blocken, die können Dir den Buckel runterrutschen, an der Tatsache dass Diskriminierung aber ernste, mitunter tödliche Konsequenzen im echten Leben hat ändert das Nichts. Wenn Du das nicht glaubst, darfst Du gerne einmal den Namen „Horst Arnold“ googlen.

    Ich habe bisher gute Erfahrungen damit gemacht, Menschen die über Alltagsdiskriminierung berichten einfach mal per Vorschussvertrauen ernst zu nehmen statt ihre Lebensrealität von vorneherein lächerlich zu machen. Wenn die Person sich in Widersprüche verwickelt, kann ich das Vertrauen schließlich immer noch entziehen. Das ist für mich diskursoffener, relaxter und schlicht und einfach menschenfreundlicher und es lebt sich damit entschieden leichter. Nicht von ungefähr sind viele dieser Internet-Moralwächter verbitterte Menschen – kein Vorbild dem wir nacheifern sollten.

  7. torsten schreibt:

    Und so weiter. Die Liste könnte noch viele Seiten füllen.

    Hm. Nur dass dein einziger Punkt (häusliche Gewalt) nichts mit allgemeiner weiblicher Unterdrückung zu tun hat. Du solltest vielleicht die Forschung zur Kenntnis nehmen, die seit etlichen Jahren zeigt dass häusliche (körperliche!) Gewalt symmetrisch verteilt ist. Quellen die behaupten dass die „große Mehrzahl der Täter“ im häuslichen Kontext Männer seien, liegen falsch.

    Was an Kiezneurotikers Beitrag weinerlich sein soll, verstehe wer will. Offenbar gestehst du einem Mann nicht zu, geschlechtsbezogene Missstände anzusprechen. Wirkt halt unmännlich, nicht wahr?
    Wenn du sagst, die „Sprachpolizeit schlägt wieder zu“ könnte man sagen dass du dich da auch „weinerlich“ äußerst.

    Aber mal im Ernst: dein Artikel ist im Groben gut gelungen, da steckt schon was drin.

    Nur wenn du dich als Feministin bezeichnest, wirst du allen Menschen zugestehen, dass sie sich über Benachteiligungen beklagen, denn das ist der Kern des Feminismus. Vielleicht hilft auch ein wenig Differenzierung, anstatt Männer und Frauen als homogene Gruppen zu betrachten die in Gänze profitieren oder leiden.
    Nicht alle Männer sind obdachlos oder versagen in der Schule. Aber wenn es gehäuft vorkommt, sollte man untersuchen ob nicht ein gender bias das produziert.
    Nicht alle Frauen werden im Beruf benachteiligt. Aber wenn Frauen beim Berufseinstieg ständig nach ihren Familienplänen befragt werden und dadurch schlechter an Jobs kommen, besteht vielleicht Handlungsbedarf.
    usw.

  8. tikerscherk schreibt:

    @Tim- ich kann deiner Argumentation, bzw. der Sichtweise der Dinge gut folgen. Es geht um Menschen und Humanismus, um Gerechtigkeit.
    Der Fall Horst Arnold ist ein besonders dramatischer. Wir haben die Hexenjagd erlebt, als Kachelmann angeklagt wurde. Da stand für viele sofort seine Schuld fest.
    Dramatisch sind allerdings auch all die Fälle, wo ein Täter nicht verurteilt wird.
    Was mich im Falle Arnold freut, ist, dass eine Frauenbeauftragte des Schulamtes der Lehrerin und ihrer Falschbeschuldigung auf die Schliche gekommen ist.
    @Handkäsfan: es ging dem Kiezneurotiker nicht einfach um die Geschichte mit der Azubi. Sie war der Auslöser. Ebenso wenig lese ich seinen Text nur als Rant, wo sich mal jemand eben Luft machen möchte.
    Es geht um strukturelle Probleme und nicht mehr um individuelle Befindlichkeiten, wo einzelne Menschen ein Fehlverhalten an den Tag legen. So verstehe ich ihn jedenfalls.
    Bin schon gespannt auf das, was du als Frauenberufstätiger berichten wirst.

    • Tim schreibt:

      In unserem Rechtsstaat gilt das Prinzip in dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten. Die Schuld muss jenseits berechtigter Zweifel feststehen. Diese Rechtsstaatsauffassung folgt der Vorstellung dass es schlimmer ist, einen Unschuldigen einzukerkern als zehn Schuldige freizulassen. Das ist der Grundpfeiler jedes modernen Justizsystems und insofern nicht „dramatisch“, sondern der einzig gangbare Weg wenn wir nicht wieder zu einer Willkürjustiz zurückkehren wollen.

      Die juristische Aufarbeitung von Sexualdelikten ist naturgemäß schwierig wenn sie erst Monate, manchmal Jahrzehnte später angezeigt werden und es keine harten forensischen Beweise mehr gibt. Oft steht dann nur noch Aussage gegen Aussage – wie im Fall Kachelmann. Es ist in solchen Situationen nicht die Aufgabe von Richtern den Daumen nach Gutdünken zu senken wie weiland der römische Kaiser im Kolosseum. Wenn es Zweifel an der Schuld eines Angeklagten gibt ist er freizusprechen – so einfach ist das. Oder sollte es sein, wenn Richter ihren Beruf ernst nehmen.

      Herr Kachelmann wurde freigesprochen, aber das halbe Jahr im Gefängnis bekommt er ebensowenig zurück wie seinen Job bei den Öffentlich-Rechtlichen. Im Vergleich zu Horst Arnold hatte er allerdings noch großes Glück – er konnte sich die besten Anwälte leisten und mediale Aufmerksamkeit auf seinen Fall lenken, eine Möglichkeit die der kleine Mann von der Straße nicht hat.

      • tikerscherk schreibt:

        Offene Türen und volle Zustimmung ohne Wenn und Aber.
        Dramatisch bleibt es dennoch für die Opfer, bei denen der Täter straffrei ausgeht.
        Nicht zu ändern, ich weiß.

      • Tim schreibt:

        Dabei sollte man allerdings berücksichtigen, dass entgegen der landläufigen Meinung Vergewaltigungs- und Missbrauchsopfer in der Mehrzahl männlich sind und die Verbrechen an männlichen Opfern besonders selten zur Anzeige gebracht und gesühnt werden.

  9. sunflower22a schreibt:

    danke für die gehaltvolle Diskussion. Ich will die auch gar nicht abwürgen. Sie inspiriert mich zu einem demnächst hier folgenden Beitrag mit dem Titel „Frauen im Selbstmitleid-Modus“. stay tuned…

  10. kiezneurotiker schreibt:

    Ein wie immer rhetorisch sehr ansprechender Text in dem Bauchgefühl-Stil, den ich bei dir so schätze und der bei so vielen Texten so angebracht wie passend ist, aber heute will er nicht so recht zünden.

    Du führst Emotion gegen Fakten ins Felde. Das muss scheitern, weil es nicht passt. So gut er sich wie gewohnt liest, dein Text, so dünn ist er inhaltlich. Ich habe mich drei Tage lang durch verschiedene seriöse (und leider auch durch unseriöse) Quellen gelesen, um die Fragen, die sich mir stellten, so wie ich es getan habe zu formulieren und mit Links untermauern zu können. Diese Fragen, die nun wirklich nicht aus der Luft gegriffen sind, nimmst du zur Kenntnis, zählst sie sogar achselzuckend noch einmal auf, ohne sie jedoch zu beantworten oder die Quellen zu widerlegen.

    Stattdessen Emotion pur, ein Text mit reinstem Bauchgefühl, den man – sofern man auf deine gut gemachte Rhetorik keinen Wert legt – wie folgt zusammenfassen kann:

    Stell dich nicht so an. Hab dich nicht so. Sei ein Mann. Oder auch ganz kurz: Mimimi.

    Ich weiß deswegen nicht, was ich dir antworten soll, weil ich keinen argumentativen Anknüpfungspunkt finde und keine Lust habe, bei dem Thema und überhaupt dir gegenüber emotional zu werden. Vielleicht ist es so wie du sagst. Vielleicht hätte ich all die Fragen gar nicht stellen sollen, weil es unattraktiv wirkt, weil es das falsche Publikum anzieht oder weil man so etwas tatsächlich als Mann nicht tut, weil die Rolle das nicht hergibt, diese Rolle, die offenbar – und damit stehst du auf keinen Fall allein – nach wie vor gewünscht ist und erwartet wird. Kurz: Ich bin ratlos. Was soll ich dir antworten?

    Was du hier schreibst, das kann man schreiben, man kann dazu Mimimi sagen, na klar, insbesondere an die Adresse eines Bloggers, den die meisten seiner aufgeworfenen Fragen gar nicht selbst betreffen, der kein Problem mit Obdachlosigkeit, Sorgerecht oder Hartz IV-Sanktionen hat. Würdest du jedoch die Aussagen, die du triffst, auch gegenüber einem Obdachlosen, der registriert, dass ein Bundesministerium die Minderheit der weiblichen Obdachlosen besonders fördert, beibehalten? Oder gegenüber einem Vater, der durch viele Instanzen um das Sorge- oder wenigstens das Umgangsrecht kämpfen muss? Ich finde nicht, dass die Grundaussage deines Textes denen gegenüber moralisch haltbar wäre. Als Reaktion auf meinen Text kannst du das machen, das ist als rhetorisches Stilmittel im Binnenverhältnis zwischen uns beiden okay und ich komme damit locker klar, aber als allgemeingültige Aussage zu gesellschaftlichen Missständen finde ich es verwerflich.

    Natürlich hat mein Text Reaktionen hervorgerufen, das ist bei dem Thema sicherlich nicht ungewöhnliches. Sehr überrascht haben mich jedoch die weit überwiegend positiven Reaktionen, zum Teil auch von Frauen. Damit habe ich offen gesprochen nicht gerechnet. Erwartet habe ich Hass. Der ist bisher ausgeblieben, wenn man von einzelnen Aussetzern in die andere Richtung absieht, deren Duktus (und Inhalt sowieso) ich nicht teile.

    Gelöscht habe ich übrigens nichts, ernsthaft. Ich lösche bei mir prinzipiell nichts, es sei denn, es ist strafrechtlich relevant. Ich lösche nichts, weil ich gerade Polarisierendes spannend finde und wissen will, wen etwas aus welcher Motivation heraus zu einem Kommentar bewegt. Wenn ich immer nur meine eigene Meinung hören wollte, dann würde ich beim Rasieren mit meinem Badezimmerspiegel und beim Kacken mit der Glasfliese sprechen.

    So. Du hast geschrieben. Du hast dich auf einen Text von mir bezogen. Ich möchte, dass du weißt, dass ich deine Antwort gelesen habe und zur Kenntnis nehme, aber nicht weiß, wie ich damit umgehen soll, weil sie mich nicht nur ratlos zurücklässt, sondern zu meinem Bedauern – und das finde ich wirklich schade – auch das Klischee und die ungute alte Rollenerwartung wiedergibt, die einem als Mann an jeder Ecke begegnet: Nimm alles hin. Halt es aus. Mach dich nicht lächerlich. Indianer. Schmerz. Die Kinder in Afrika würden sich über deine Probleme freuen.

    Damit kann ich leider dieses mal nichts anfangen. Sorry.

    So long

    • Tim schreibt:

      „Sehr überrascht haben mich jedoch die weit überwiegend positiven Reaktionen, zum Teil auch von Frauen. Damit habe ich offen gesprochen nicht gerechnet. Erwartet habe ich Hass. “

      Es überrascht mich dass Dich das überrascht. Es gibt Heute eine Menge kluger junger Frauen die sich nicht mehr so einfach vor den mainstream-feministischen Karren spannen lassen wie noch vor 20 Jahren. Das erlebt Frau Schwarzer gerade mal wieder bei ihrem Prostitutions-debakel. Ihre schärfsten Kritiker sind Frauen – und deren Kritik lässt sich dummerweise auch nicht so einfach mit dem Hinweis auf das falsche Geschlecht abkanzeln. Die Karriere der BLÖD-Kolumnistin wird auch nur noch von befreundeten Funktionärinnen der Medien-„Elite“ wie Will und Maischberger künstlich am Leben erhalten. Diese Frauen leben in einer filterbubble die mit der Realität des Normalbürgers nullkommagarnix zu tun hat.

      Ich kenne keine Frau unter 30, die den Schwarzers nicht mit Abscheu oder zumindest völliger Gleichgültigkeit begegnet – deren Generation ist eben eine der verbitterten alten Frauen die jungen Menschen nichts mehr anzubieten hat.

      Kluge Frauen wissen, dass ihre eigene Lebensqualität in vielerlei Hinsicht davon abhängt, wie es Männern in unserer Gesellschaft geht. Sie spüren, dass die vorrangig männlichen Verlierer die unser Bildungssystem mittlerweile produziert ihre Frustration in die eigenen Familien hereintragen werden. Alkoholismus, Obdachlosigkeit, Suizid und Co. – all diese vorrangigen Männerprobleme wirken sich in vielerlei Hinsicht auch auf unsere Mütter, Schwestern, Töchter und Ehefrauen aus.

      Frauen und Männer sind eben keine einsamen, isolierten Inseln auf einem riesigen Ozean, sondern leben zusammen und miteinander in dieser, unserer Gesellschaft. Geht es dem Einen schlecht, geht es über kurz oder lang auch dem Anderen schlecht.

      Das ist eine ganz simple Lebensweisheit welche die Feministinnen der alten Schule nie begriffen haben. Sie glauben weiterhin – und haben das auch, wie Frau Schwarzer, ganz offen so gesagt – dass es Männern schlechter gehen müsse damit es Frauen besser gehen kann. Wenn Du das im Hinterkopf behältst verstehst Du auch, wieso diese Frauen es überhaupt nicht schlimm finden wenn Männer viele Jahre früher sterben, in Sorgerechtsstreitigkeiten oft keine Chance haben, häufiger in Drogensucht und Obdachlosigkeit abgleiten – sie sehen es als Wettbewerbsvorteil für sich.

      Gottlob stirbt dieser Typ männerhassender Frau aber langsam ebenso aus wie der erzkonservative Patriarch.

  11. „Dennoch wage ich die Behauptung, weder in Deutschland noch in Europa und erst recht nicht weltweit haben Männer auch heute einen ernsthaften Grund, sich über Unterdrückung durch Frauen zu beklagen. Wir haben kein Matriarchat.“

    Haben wir nicht, in der Tat. Es kann einen aber stören, dass einem das immer wieder vorgehalten wird und so getan wird als hätte man eins. Und natürlich kann man auch die im Männerbereich bestehenden Ungerechtigkeiten ansprechen. Letztendlich erfordern faire Kompromisse eine gewisse Lobby auf beiden Seiten, damit alle Argumente vorgebracht werden können

    • albert schreibt:

      @sunflower, ein fuer mich erfrischend ehrliche feministische argumentation, ohne verbraemte theorie und jammern. gefaellt mir. am besten uebrigens dieser satz

      *Und dann treiben sie sich auch noch in den Blogs und den sozialen Medien rum und verbreiten ihren wirren Kram überall. Ja, es nervt. Aber: warum so weinerlich? Irgendwer hat mal gesagt: viel Feind‘, viel Ehr‘. So ist es.*

      warum ist dies dir, @christian, so zuwider? selbst feministinennen fordern die direkte auseinandersetzung ein.

  12. War ja klar schreibt:

    Das war ja klar. Bloß keine Widerrede zulassen. Männer sind und bleiben böse. Das ist genetisch.

  13. m schreibt:

    Männer machen den überwiegenden Anteil an Gewaltopfern aus. Wer hat dir was anderes erzählt? Bist du verrückt?

    Und zu häuslicher Gewalt: die war in meinem Fall, als ich noch Kind war, ausschliesslich weiblich. Mein Vater hat uns nie angerührt. Es war meine Mutter, die sich nicht im Griff hatte.

    Weinerlich, netter Vorwurf. Woher kommt der noch? Ach ja, wir dürfen uns ja nicht beschweren. Niemand nagelt uns fester und nachhaltiger an unsere Traditionelle Rolle als Frauen und vor allem Feministinnen. Schluss damit!

  14. Pingback: Zwei Jahre | sunflower22a

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