Nacktheit als Befreiung

Religionen sind jahrtausendealte, bis zur Perfektion weiterentwickelte Instrumente, Menschen zu kontrollieren, und sie ohne körperlichen Zwang (vermeintlich freiwillig) zu einem bestimmten Verhalten zu bringen. Der kürzlich in London bekanntgewordene Sklaverei-Fall scheint ja völlig ohne Ketten und Gitter ausgekommen zu sein, sondern beruhte wohl einzig und allein auf sektenartiger Gehirnwäsche. Natürlich können Religionen auch Menschen spirituell etwas bringen, und können Menschen die nötige innere Orientierung geben, mit denen sie ein glückliches Leben führen können. Dafür braucht man aber eigentlich weder einen Klerus noch dogmatisch verklärte „heilige Schriften“ – und erst recht keine dieser abstrusen Vorschriften was man essen oder anziehen darf oder nicht darf, und erst recht keine dieser abstrusen Vorschriften und Verbote über Sexualität. Leider konzentrieren sich Religionen in der Praxis weitgehend auf all diesen Unfug, insbesondere die monotheistischen Religionen der Christen, Muslime und Juden. Lassen wir einmal die Vorschriften über Sex, Essen und Kleidung weg und die allermeisten religiösen Konflikte lösen sich wohl weitgehend in Luft auf.

Auch im 21.Jahrhundert leiden immer noch sehr viele Menschen unter der Unterdrückung ihrer Persönlichkeit, ihres Rechts auf ein selbstbestimmtes Leben – auch im vermeintlich so freien Westen. Es ist keine Überraschung, dass davon vor allem Frauen betroffen sind – alle Religionen halten für Frauen weitaus mehr Vorschriften und Zwangsjacken bereit als für Männer. Damit das so bleibt, sind Religionsfunktionäre fast überall Männer. Betroffen davon sind nicht nur Musliminnen mit Migrationshintergrund, die von ungebildeten anatolischen oder arabischen Familien zur Zwangsheirat und zur Verschleierung gezwungen werden. Auch christliche Sekten praktizieren das, wenn auch nicht so sehr in Deutschland. Die Mormonen zum Beispiel, die immer wieder Missionierungsversuche in Europa starten, auch in hochsommerlicher Hitze immer von „korrekt“ gekleideten jungen Männern in Europas Fußgängerzonen…und die bis vor nicht allzu langer Zeit zwar Polygamie zuließen, aber umgekehrt Frauen natürlich nicht das Recht zur Polyandrie (Vielmännerei) einräumten. Die Mormonen sind eine besonders verklemmte Sekte, der Körper ist latent etwas Sündiges, und zwar natürlich vor allem der weibliche. Mormoninnen sind angehalten, sich stets züchtig zu kleiden und auf keinen Fall zu attraktiv zu sein, aber natürlich sollen sie auch nicht hässlich sein, sondern dem Mann gefallen. Der typische Unsinn verklemmter Religionen, mit denen Frauen unter Kontrolle gehalten werden und daran gehindert werden, sich selbst zu verwirklichen.

Die Fotografin Katrina Barker Anderson – selber Mormonin – hat jetzt ein bemerkenswertes Projekt gestartet, mit dem sie Mormoninnen zur Sünde verführt. Sie fotografiert Mormoninnen, in allen Altersstufen, dicke und dünne, schöne und weniger schöne, blonde und dunkelhaarige, mit und ohne Brille, im Freien und in der Wohnung, mit und ohne Baby – und zwar splitternackt.

katrina-0834 Anderson

Angeregt wurde sie durch den wachsenden Konservatismus in „ihrer“ Kirche, der sich auch darin äußert, dass Frauen immer stärker unter denjenigen Druck gesetzt werden, den man sonst aus Gesellschaften kennt, in der der islamische Fundamentalismus auf dem Vormarsch ist. Junge Mädchen, die ausgegrenzt werden, weil sie sich nicht „züchtig“ genug kleiden, die vom mormonischen Lehrer nicht zum Test zugelassen werden weil sie enge Jeans tragen – USA 2013. Anderson sagt, das war in ihrer Jugend noch anders. Und sie beschloss, dagegen etwas zu tun. Nein, keine Flugblätter drucken, keine Propagandawebseite aufmachen, keine Leserbriefe schreiben. Sie macht Kunst.

“Mormon Women Bare is about reclaiming. It is about women reclaiming our bodies from a culture that teaches us that we belong to men, to God, to the society that objectifies us. It is about reclaiming the female body as more than just an object of lust or resistance. Through images and personal stories, this project breaks taboos by unabashedly showing what is supposed to be covered- our female form- while also exposing  the often not talked about price of a culture that places a woman’s ultimate value on her so-called “virtue”.

Women around the world deal with objectification, body shame, and the burden of the male gaze. Mormon women have an added layer of complexity and heavy expectations: while being warned against becoming “walking pornography,” we also face immense pressure to be attractive and fit. We must both attract and protect against male desire. Even though Mormonism teaches us our destiny is to become like our embodied Heavenly Parents, the hyper-focus on modesty leaves many of us feeling disconnected and ambivalent about our bodies. Our sense of self can feel so eclipsed by the expectation to be a wife and mother that we no longer see our bodies as our own. Separated from our skin by layers of clothing, many Mormon women lose touch with the capabilities and power we innately possess. Mormon Women Bare seeks to empower women to reclaim our bodies. Through photography and personal narratives, women are seen as beautiful, flawed, vulnerable and real. Women of different shapes, sizes, and ages demonstrate that bodies need not bring shame but can be owned, celebrated, and honored. By showing women’s bodies as natural, normal, and diverse, I feel we can help combat the shame many women feel about our bodies.”

Mit einem ähnlichen Projekt hat sie sich schon mal künstlerisch gegen die zunehmende Stigmatisierung des Stillens gewandt. Alle Achtung. Und nun 12 nackte Mormoninnen, die Lebensfreude und Glück ausstrahlen – jede mit ihrer eigenen authentischen Geschichte zu den Bildern:

Grace: Mormonism taught me to believe that my body is not entirely my own. I was taught to remain passively in restraint until my eventual husband could make my body ours. I think that too often Mormon women wait for and rely on their husbands or the births of their children to validate the beauty, divinity and power of their womanhood. I am continuously seeking to fully realize that my femininity and sexuality are as present and valid as that of the wives and mothers around me. I am learning more and more that simply being a woman is enough to make me a whole person.

grace-0568

Jane Anne: I don’t remember how or when I became comfortable with my body. Certainly I recall being mortified at the thought that my middle school PE teacher might ask us to actually, you know, shower. But somehow I got from there to modeling in the buff for artist friends within the space of just ten years. At some point I decided that I looked better naked than clothed (many people do), and to stop being self-conscious about or ashamed of my body.

janeanne-0777

Macy: Believed my body was not my own.
Believed my body was tempting, evil.
Believed my body was only a tool.
Was too carnal for perfection, too ugly to be loved.
Was simply a gift for a matrimonial man,
A means to bear and raise children for the delight of God,
Was only for serving, working, and nothing more…..
my body is mine to worship, my body is mine to please.
My body is a beautiful piece of art, my body is a well oiled machine.
My body is mine and no one else’s, my body follows no rules.
My body is my expression, my body is strong and smooth.
My body is and my body isn’t.
My body belongs to me.
My body I love.
My body I treasure
My body is now completely free.

macy_web-0196

Wenn man das liest, kann man sich vorstellen, welchen Druck aus Selbstzensur und sozialer Kontrolle diese Frauen beginnen zu überwinden. Nacktheit als Befreiung – unvorstellbar für die Graue-Maus-Feministinnen rund um die konservative Publizistin A.Schwarzer, die derzeit wieder Deutschland missionieren wollen. Ich bewundere den Mut dieser Frauen und der Fotografin Katrina Anderson. Sie ist immer noch gläubige Mormonin, und sagt, es habe sie einen enormen inneren Kampf gekostet, sich von diesen verklemmten Moralvorstellungen zu befreien.

Und ich freue mich sehr, dass es mir glücklicherweise erspart bliebt, in solchen verklemmten Moralvorstellungen gefangen gewesen zu sein.

Über sunflower22a

I am a mystery.
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Eine Antwort zu Nacktheit als Befreiung

  1. man.in.th.middle schreibt:

    „Religionen sind jahrtausendealte, bis zur Perfektion weiterentwickelte Instrumente, Menschen zu kontrollieren …“

    Ich frage mich, wieso alle Religionen ziemlich ähnliche Gesetze und Vorschriften entwickelt haben, obwohl sie sich völlig autonom in verschiedenen Kontinenten der Erde entwickelt haben. Wenn man die Evolutionstheorie auf Kulturen anwendet, haben die Religionen und Weltanschauungen, die überlebt haben und die wir heute noch kennen, einen evolutonären Vorteil gegenüber den anderen Kulturen gebracht. Möglicherweise war auch die Prüderie einmal ein Vorteil.

    „Dafür braucht man aber eigentlich weder einen Klerus noch dogmatisch verklärte „heilige Schriften“ – und erst recht keine dieser abstrusen Vorschriften was man essen oder anziehen darf oder nicht darf, und erst recht keine dieser abstrusen Vorschriften und Verbote über Sexualität.“

    Heute vielleicht. Vor 1000 – 3000 Jahren, also sich viele heutige Religionen gebildet haben, waren aber die meisten Menschen weitaus ungebildeter als heute, das meiste relevante Wissen war noch gar nicht bekannt. Die Erde war eine Scheibe. Die Drohung mit Hölle und Teufel war vermutlich das einzige „intellektuelle“ Mittel, erfolgreich Überzeugungsarbeit zu leisten.

    „alle Religionen halten für Frauen weitaus mehr Vorschriften und Zwangsjacken bereit als für Männer.“

    Ich bin nicht so sicher, ob solche Aussagen verifizierbar sind. Was ist 1 Vorschrift? Wie zählt man die? Bringt uns diese Zählerei überhaupt weiter?

    „Die Fotografin Katrina Barker Anderson – selber Mormonin – hat jetzt ein bemerkenswertes Projekt gestartet, mit dem sie Mormoninnen zur Sünde verführt.“

    Sogar noch mehr als Sünde. Sie verführt dazu (was mich als überzeugten Atheisten natürlich freut), religiöse Dogmen prinzipiell infragezustellen und nach der Wahrheit zu suchen. In diesem Fall: wie die Menschen wirklich aufgrund ihrer biologischen / psychologischen Dispositionen mit Sexualität umgehen (können) und wie eine konkurrenz- und überlebensfähige Gesellschaftsordnung aussehen kann.

    PS: ein sehr schöner Blog zum Thema Religion vs. Aufklärung / Wissenschaft ist http://evidentist.wordpress.com/

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