Kadavergehorsam, gelehrt an deutschen Schulen

Heute morgen war auf Spiegel online wieder eine dieser Meldungen zu lesen, die mich fassungslos machen und bei deren Lektüre ich ernsthaft glaube, dass eine Diktatur auch in der ach so demokratischen und freiheitlichen deutschen Gesellschaft von 2013 leichtes Spiel hätte.

 Nicht entwertetes Gruppenticket: Schaffnerin wirft ganze Klasse aus dem Zug 

Bad Oeynhausen – Eine gnadenlose Schaffnerin hat einer Klasse einen Zwangsstopp beschert. Obwohl die Lehrerin und ihre mehr als 20 Schüler eine Fahrkarte hatten, mussten sie den Zug verlassen. Das Gruppenticket war nicht entwertet. Noch nicht einmal 20 Kilometer trennen Bad Oeynhausen und Herford – und auf dieser kurzen Bahnstrecke traf eine Schulklasse auf eine kompromisslose Schaffnerin. Die Lehrerin, die mehr als 20 Siebtklässler begleitete, hatte zwar ein Gruppenticket dabei, doch vergessen, dies zu entwerten. Die Schaffnerin habe die Lehrerin und mehr als 20 Schüler vor die Wahl gestellt, entweder 40 Euro pro Kopf zu zahlen oder auszusteigen. Die Klasse 7e habe daraufhin in Löhne den Zug verlassen und sei mit dem Bus zur Schule gefahren. Sie hatte in Herford die Synagoge besucht….Im Zug habe es keinen Entwerter gegeben. Darum habe die Lehrerin der Schaffnerin das Problem geschildert. Diese hat die Klasse barsch, in sehr unhöflichem Tonfall vor die Wahl gestellt. … Die Deutsche Bahn betonte, wenn das so vorgefallen sei, habe die Schaffnerin zwar korrekt, aber ohne Augenmaß gehandelt….Die Deutsche Bahn will, wenn sich der Sachverhalt bestätigen sollte, auf die Klasse zugehen. „Dann wären etwa ein Reisegutschein oder ein Blick hinter die Kulissen der Bahn ein mögliches Angebot“, sagte der Sprecher.

Nein, die Bahn sollte sich nicht entschuldigen. Warum auch. War doch alles formal korrekt. Entschuldigen sollte sich vielmehr diese Lehrerin, dieser Ausbund an Kadavergehorsam. Weil sie ihren Beruf verfehlt hat. Eine Lehrerin, die ihre Kinder auf ein Leben als mündige Bürger vorbereiten soll, müsste in einem solchen Fall ihr Smartphone auf Videofilmfunktion stellen und seelenruhig folgende Szene durchspielen:

Aussteigen? Vergessen Sie es. Wenn unser Ticket entwertet werden muss, dann entwerten Sie es doch. – Sie müssen das selber machen, vor dem Einsteigen. Sie müssen aussteigen und das am nächsten Bahnhof machen und dann können Sie mit dem nächsten Zug weiterfahren. ­ – Vergessen Sie es, das habe ich Ihnen bereits gesagt. Wenn Sie das Ticket nicht entwerten wollen, dann werfe ich es in den Müll. Dann ist es auch wertlos. – Wenn Sie nicht machen was ich sage, kostet das pro Person 40 Euro, und das ist mein letztes Wort. – Wir zahlen nicht und wir steigen nicht aus. Haben Sie das jetzt endlich kapiert? – Dann behandle ich Sie als Schwarzfahrer. – Das ist uns egal. Wir sind 25, Sie allein. Was wollen Sie denn machen, wenn wir uns ganz einfach weigern? – Dann muss ich die Bundespolizei rufen und dann werden Sie erkennungsdienstlich behandelt. – Dann rufe ich schon mal die Presse an und Sie werden in der Öffentlichkeit bloßgestellt. Ich freue mich sehr auf diese Show, das dürfte für Sie einen schweren Karriereknick bedeuten. Ich habe schon mal alles gefilmt, das läuft ab heute abend auf Youtube. – Das dürfen Sie nicht, ich verlange die Herausgabe des Films! – Vergessen Sie auch das. Sie sind die Hauptdarstellerin und Sie sind gerade dabei, diesen Film immer toller zu machen. Kinder, seht euch das gut an, und ihr wisst ja: wenn ihr ungerecht behandelt werdet, müsst ihr euch wehren. Und jetzt schreien wir alle zusammen so laut wie wir können: Wir wehren uns! Wir wehren uns!

Auf so eine Idee kommt diese Dame nicht. Nein, die Anordnungen einer durchgeknallten Schaffnerin werden natürlich bedingungslos befolgt. Was sind das für Beispiele, die diese Lehrerin ihren Schülern gibt? Schon mal was von „mündigen Bürgern“ gehört?

Da fällt mir wieder das Milgram-Experiment ein, jenes seit 1944 in vielen Varianten durchgespielte Experiment, das zeigt, wie leicht es ist, ganz normale Menschen dazu zu bringen, Anordnungen vermeintlicher Autoritätspersonen zu befolgen. Eine Uniform reicht dafür völlig aus. Menschen bringen sich selbst in Lagen, unter denen sie leiden, oder quälen andere – alles auf Befehl, oder sogar auf eine höflich als „Bitte“ deklarierte Anordnung. Wenn hier mal ein Putin oder Orban eine Wahl gewinnt, wir sollten nicht allzuviel Widerstand erwarten. Ziviler Ungehorsam? Nur eine kleine Minderheit. Die Masse trabt dummdoof der Autorität hinterher. Wenn Schulklassen so erzogen werden wie von dieser westfälischen Lehrerin, ist das nur folgerichtig.

 VillemotUneNuit

Madame Schaffnerin, seien Sie höflich, sonst beiße ich!

Über sunflower22a

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6 Antworten zu Kadavergehorsam, gelehrt an deutschen Schulen

  1. tikerscherk schreibt:

    Du hast sowas von Recht, und über dein imaginäres Gespräch mit der verkniffenen Schaffnerin musste ich lachen. Genau so!
    Und ja: Kadavergehorsam nennt man das. Erschreckend.

  2. bucca_t schreibt:

    …meist packt mans in der Situation nicht auf den Punkt zu kommen und die von Dir imaginierte Reaktion umzusetzen. Iich glaub das ist wesentlich: so eine Art innerer (deutscher) Verhaltenskodex blockiert. Nur eine Szene, für die ich mir die Pril-Blumen aufs Revers heften kann: im Regio zwischen zwei zivilisatorischen Ansammlungen eine Station der DB mitten im Wald. Die Kontroleuse hat gerade einen armen Säufer rausgezogen, dessen Billet nicht mehr für die aktuelle Zone taugt. „Sie müssen jetzt aussteigen“ Draußen -10 C. Ich: was kost der Nachschlag? „Das ist doch nicht Ihr Ernst, SIe wollen dem Mann doch nicht sein Ticket bezahlen?“ Ich: ich zahle mit FReude bevor ich mich mit Ihnen auf eine Stufe stelle. Der Säufer: danke mein Großer. Hat mich berührt, echt.

  3. tikerscherk schreibt:

    @bucca_t- Heldenhaft und genau richtig. Auf eine Stufe- sehr gut!

  4. Janusz schreibt:

    Liebe sunflower, was du hier also mögliche Alternative schilderst, mag zwar das Ego stärken, ist aber – aus meiner Sicht – auch ohne Augenmaß. Die Lehrerin wird wohl nicht sofort beim bösen Blick der Schaffneuse winselnd zu Kreuze gekrochen sein. Aber was soll sie machen? Sie ist mit über 20 pupertierenden Judendlichen allein unterwegs, was schon ein Unding ist, finde ich. Und wenn die knallharte Schaffnerin ihr Ding wirklich durchgezogen hätte mit Bundespolizei und Strafanzeige, dann wären alle in der Gruppe inklusive der Lehrerin vorbestraft. Das könnte dann wiederum dienstrechtliche Konsequenzen für sie haben. Und wenn man dann auch noch filmt und den Film ohne Erlaubnis der (unfreiwilligen) Hauptdarstellerin veröffnentlich wäre die nächste Straftat begangen.
    Das Ganze ist zwar ärgerlich und spricht für die Service-Wüste Deutsche Bahn, aber ist letztendlich für alle Beteiligten die bessere Lösung. Man könnte auch sagen eine kleine Lösung und nicht die ganz große.
    Der Klüge sollte also auch mal nachgeben. Allerdings nur so lange bis er zum Dümmeren wird.🙂

  5. kalypso schreibt:

    kennst du „das experiment“ – sehr guter deutscher film mit moritz bleibtreu.
    20 männer, zwei gruppen – wächter und gefangene………..wie hoch ist das aggressionspotential
    in einer künstlichen gefängnissituation?

    sehenswert!

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