Der böse Blick

Es gibt Tage, die sind einfach so gründlich verkorkst, die überstehst du nur noch mit Galgenhumor. Zum Beispiel gestern. Ja, es wurde spät am sonntagabend. Sehr spät. Drei Stunden Schlaf ist zuwenig. Wenn du dann schlaftrunken aufstehst und das Radio anwirfst, und du hörst als erstes dieses Stück „Evil Eyes“ von Franz Ferdinand. Grauenhaft. Ich mag es nicht. Aber es übt eine merkwürdige Faszination auf mich aus, und damit war das Leitmotiv für diesen Tag gesetzt.

Well I have the evil eye
Well I see your soul
You wear it on your face
and its worn and what you’re doing?

Gedankenverloren höre ich mir das Stück im Stehen an. Meine liebe Mitbewohnerin kommt aus dem Bad und wünscht mir einen guten Morgen. Ich muss sie wohl sehr verwirrt angesehen haben. „Was ist denn los, warum schaust du mich denn so böse an?“ fragt sie mich. „Böse? Es ist wohl dieses Stück.“ – „Stück? Was meinst du?“ – „Na im Radio. Evil Eyes.“ Sie lacht. „Ich glaube du frierst. Zieh lieber was an.“

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Spätestens jetzt hätte ich mich wieder ins Bett kuscheln sollen.

Stattdessen zog ich mir wirklich etwas an, aber schon 2 Minuten später dachte ich, nein das nicht. Ungefähr fünf mal zog ich mich um. Meine Güte, wie ich das hasse, unausgeschlafen mir den Look für den Tag auszudenken.

Ach ja, ich wollte noch frühstücken. Schweigsam stopfe ich irgendwas in mich hinein, bin dankbar dass eine meiner Lieben genug Kaffee gemacht hat. Heute bin ich äußerst schweigsam, beteilige mich kaum an der Unterhaltung. Sie machen sich schon Sorgen um mich.

Ich werde schon noch aufwachen. Denke ich. Im Badezimmer vertrödele ich doppelt so viel Zeit wie sonst. Ich finde selber, mein Spiegelbild schaut mich nicht freundlich an. Vielleicht nicht böse, aber auch nicht freundlich. Was soll’s.

Irgendwann stehe ich endlich am Bahnsteig. Die frische Luft macht etwas munterer. Als die S-Bahn eintrifft, schnappt mir einer den letzten Sitzplatz weg. „ist das jetzt so schlimm?“ fragt er mich. – Warum? – Sie sehen mich so böse an, meinetwegen können Sie den Sitzplatz haben. – Nein, danke, schon gut. Ich versuche zu lächeln.

„Fahrscheine bitte“ bellt es dann durch die Bahn. Kontrolletti, au weia. Wo ist mein Ticket? Ich durchwühle meine Handtasche. Was liegt hier alles rum. Beim Wühlen bricht mir auch noch ein Fingernagel ab. Ich finde nichts.

Aussteigen, Personalien bitte, das macht 40 Euro. Nun, wo ist der Personalausweis. Auch weg. Ich finde ihn zwar nicht, aber in der Manteltasche – das Ticket. Hihi. „Sie brauchen meine Personalien nun doch nicht, ich hab das Ticket gefunden.“ So böse wie der mich ansieht, habe ich ihm wohl eine stattliche Fangprämie versaut.

Darauf erstmal einen Coffee to go. Beinahe verkleckere ich mir den schönen roten Mantel, so heiß ist die Brühe. Die Frau neben mir schaut mich bissig an, beinahe hätte ich stattdessen sie bekleckert. „Entschuldigung, tut mir leid!!“ und darauf sieht sie mich nur noch böser an.

Aber immerhin, ich schaffe es, den halben Lippenstift auf den Becher zu übertragen. Dann merke ich, leider habe ich von den schwarzen von gestern abend mitgenommen. Mit schwarzem Lippenstift ins Büro, das wäre doch auch noch was Neues. Dann erklären sie mich wohl für endgültig übergeschnappt.

Nein, aber so verschmiert geht auch nicht, stelle ich im Spiegel fest. Und warum habe ich noch den lila metallic Lidschatten von gestern abend? Habe ich den heute morgen etwa nochmal aufgetragen?

Was ist nur heute los? Langsam wird mir klar, wenn ich so weiter durch Tag tölpele, werden die anscheinend überall auftauchenden bösen Blicke irgendwann durch belustigte Blicke abgelöst. Vielleicht sollte ich wieder nach Hause. Oder ich ziehe das jetzt durch. Entweder ich gehe hier im Bahnhof in den dm und schminke mich in irgendeiner Toilette um, oder in den Bijou Brigitte daneben und hänge mir noch was Schrilles um. Ach ja, umhängen, genau, Ohrringe habe ich auch völlig vergessen.

Ich überlege nicht lange, die Wahl fällt auf Durchziehen. Meine Laune hebt sich spürbar. Mit den größtmöglichen Ohrringen, drei schrillen Halsketten und ungefähr zwanzig Armreifen komme ich raus, schwarzer Lippenstift auf die Lippen, und los geht’s.

In der Tat: die bösen Blicke hören auf. Freundlich-belustigte und interessierte Blicke begleiten mich auf dem Weg ins Büro. Unter meinen werten Kolleginnen und Kollegen gibt es die zwar auch – aber auch wieder einige böse Blicke. War zu erwarten. Aber ich fühle mich jetzt irgendwie ganz anders als vorhin, und so ertrage ich die ganz easy, sie belustigen mich geradezu.

Nein, viel zustande gebracht habe ich gestern nicht. Das war von vornherein klar. Aber irgendwie wurde es doch ein halbwegs lustiger Tag, und das war anfangs nun gar nicht zu erwarten. Als ich nach Hause komme, lacht sich meine liebe Mitbewohnerin halb kaputt über mein Outfit, und ich mit ihr. Lachen kann so gut tun. Und dann lege ich türkische Popmusik auf und versuche mich im Bauchtanz. Oh what a day. Alles im grünen Bereich.

Über sunflower22a

I am a mystery.
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3 Antworten zu Der böse Blick

  1. waswegmuss schreibt:

    Fünfmal umziehen für den Look. Nie werde ich Frauen verstehen. Nie!

    • kalypso schreibt:

      @ waswegmus

      nicht alle frauen ziehen sich fünfmal oder mehr um…….
      im grunde geht es doch ums gefallen – mir, den anderen und überhaupt.

      ich kenne auch diese zeiten – klamotten an, klamotten aus, hach was denn jetzt?!?!
      dies hier, das hier oder lieber jenes?!

      mit dem „alter“ wirds dann echt gelassener. je mehr du in dir selbst ruhst, desto
      weniger wird „außen“ wichtig. weil, ich bin einfach mehr, als ich nach draußen scheine!!

      herzlichst
      kalypso

  2. tikerscherk schreibt:

    Ich hab dir ein #Stöckchen zugeworfen. Wenn du auf mein Blog gehst, findest du die Fragen.
    Bin gespannt!

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