Der Übergang vom Mann zur Frau und zurück, Teil 1

Soziologie ist normalerweise endlos trocken und langweilig. Ich habe das genau ein Semester lang ausgehalten. Auf Soziologie-Websites herumzusurfen, ist deshalb nicht unbedingt meine liebste Beschäftigung. Aber es gibt eine Ausnahme: Sociological Images, herausgegeben von der Soziologieprofessorin Lisa Wade. Lisa ist keine hyperintellektuelle Elfenbeinturm-Professorin – sie hat ihre Doktorarbeit über die menschliche Sexualität geschrieben. Immer wieder eine lesenswerte Seite.

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Kürzlich erschien dort ein interessanter Text, der der Frage nachging, was ein Mensch am schwierigsten findet, der vom Mann zur Frau wird. Eine solche Frau beschrieb dort, was gesellschaftlich am schwierigsten war bei der Umwandlung – er lernt sozusagen, Frau zu werden, wie eine Frau zu fühlen und sich wie eine Frau zu benehmen. Mir fällt das echt schwer, mir vorzustellen wie das geht. Wann hört der Mann auf und wann fängt die Frau an? Wann empfindet so ein Mensch keine sexuellen Reize mehr beim Anblick einer Frau mit erotischer Ausstrahlung, fängt sie irgendwann an sexuelle Reize beim Anblick eines Mannes mit erotischer Ausstrahlung zu empfinden, ist sie hinterher bisexuell? Fragen über Fragen.

Wie dem auch sei, hier geht es jetzt um Soziologie. Besagte Frau, die mal ein Mann war, beschrieb als eine der schwierigsten Fragen, welche Frisur sie nun tragen soll. Damit verbunden war die Frage, welche Identität als Frau sie haben will und wie die Frisur diese ausdrücken soll. Es ging also um weit mehr als eine Frage des Aussehens. Noch schwieriger aber sei es gewesen, mit der Frage des Geldbeutels klarzukommen. Nicht im Sinne von, finanziell überleben. Sondern ganz praktisch, wohin mit dem Geldbeutel. Dass Frauen und Männer damit sehr unterschiedlich umgehen, ist ja nichts neues. Im englischen gibt es sogar zwei verschiedene Worte für Geldbeutel oder Portemonnaie: Frauen haben eine purse, Männer ein wallet. Männer stopfen sich den Geldbeutel irgendwie in die Hosentasche, egal wie unförmig das hinterher aussieht. Frauen haben eine eigene ausgesprochen differenzierte Hochkultur entwickelt, die sich nur mit der Frage beschäftigt, wie organisiere ich meine Handtasche, und damit zusammenhängend auch die purse.

Anna Halldin-Maule retail-therapy

Sie sagte, wohin mit dem vom wallet zur purse mutierten Geldbeutel, und was da eigentlich reinkommt, das sei für sie eine der schwierigsten sozialem Fragen beim Übergang zur Frau gewesen. Wer hätte das gedacht – diese Hochkultur ist offenbar eine der großartigsten kulturellen Leistungen der Frau, eine für Männer kaum zugängliche kulturelle Errungenschaft. Und natürlich gibt es dazu auch schon soziologische Studien. Heraus kommt, dass es natürlich Dinge gibt, die in purses und wallets gleichermaßen enthalten sind – Geld und Kreditkarten, aber auch weniger funktionale sondern mehr persönliche Dinge, Fotos der/des Liebsten, der Kinder, oder abgelaufene Studentenausweise und so weiter. Sehr private Dinge, die man am besten niemanden zeigt, wie etwa persönliche Briefe, den Mitgliedsausweis der Anonymen Alkoholiker etc haben auch Männer und Frauen dabei. Große Unterschiede gibt es aber bei einer vierten Kategorie – Dinge die es in jeder purse aber in keinem wallet gibt. Lippenstifte oder Lippenbalsam, Pfefferminzbonbons, Tempotaschentücher, Kaugummi usw.

Aber warum das so schwer zu lernen sein soll, das erschließt sich mir doch nicht ganz.

Über sunflower22a

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3 Antworten zu Der Übergang vom Mann zur Frau und zurück, Teil 1

  1. tikerscherk schreibt:

    Verstehe auch nicht, was daran so schwierig sein soll. Tasche kaufen, alles reinschmeißen, was man als Frau glaubt dabei haben zu müssen, und fertig.
    Die anderen identitätsaufhänger, wie Frisur und Style an sich sind vielleicht nicht so einfach.
    Wobei ich finde, dass es doch zu den meisten Styles eine männliche und weibliche Variante gibt.
    Edel, sportlich, lässig usw.

  2. Umgekehrt haben die „Borstenwürmer“ es einfacher: Wenn man dem Weibchen das Gehirn entfernt, wird es zum Männchen: http://www.neukölln.org/gehirne/

  3. Pagophila schreibt:

    Es zeigt zumindest, dass uns viel mehr zu Männern oder Frauen macht, als lediglich das Geschlecht, ob nun angeboren oder erworben. Wie viel daran in die Wiege gelegt und erlernt ist. Ich stelle mir das mit dem Geldbeutel schon schwer vor. So lange die Person noch als Mann lebte, war es selbstverständlich das wallet in die Hosentasche zu stecken. Als Frau ist dann plötzlich nichts mehr selbstverständlich. Das wallet gehört nicht mehr in die Hosentasche und mit der purse muss man sich als Frau erst vertraut machen. Mich würde das wahrscheinlich umgekehrt auch erst einmal befremden, wenn ich plötzlich ein wallet hätte und es in die Hosentasche stecken sollte.

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