Dow Jones, leck mich doch am Arsch

Eigentlich kommt es selten vor, dass ich aus einer Augenblickslaune heraus einen Blogbeitrag in die Tasten hacke und online stelle. Solche Texte sind zwar manchmal besonders authentisch, aber meist einfach nur – Kraut und Rüben. Ich will hier niemanden langweilen, sondern etwas lesenswertes produzieren. Und ich habe mal gelernt dass man das nicht einfach so runterschreibt. Aber ich mache es jetzt doch.

Heute bekomme ich auf 5 Kanälen eine „Eilmeldung“. Der Dow Jones erreicht ein „Allzeithoch“ von 16000 Punkten. Kürzlich kam schon mal sowas. Da war es der Dax, der ein „Allzeithoch“ erreicht hatte. Madre de Dios, welch eine Neuigkeit. Eilmeldung. Für so einen Blödsinn. Macht doch nächstes Mal eine Eilmeldung, wenn das Klopapier in der Frankfurter Börse ausgegangen ist.

Nichts geht mir mehr gegen den Strich als dieser Börsenfetischismus, dieser Aberglaube dass hohe Börsenkurse irgendetwas mit dem Wohlstand einer Volkswirtschaft zu tun hätten. Wenn Aktienkurse durch die Decke schießen, sollte man eher die Sicherheitsgurte anlegen, dann steht wahrscheinlich der nächste Crash vor der Tür, weil irgendwelche Halbverbrecher wieder besonders intensiv spekulieren.

Warum müssen diese Valerie Hallers und Anja Kohls eigentlich immer vor den gleichen bekloppten Börsenfassaden ihre nichtssagenden Wetterberichte über Dax und Dow Jones verkünden? Wie in einem Hindutempel himmeln sie diese Kurven an, das Auf und Ab – als ob das irgendetwas bedeuten würde. Heute geht es rauf, morgen geht es runter – anschließend kommt der Wetterbericht, heute Sonne morgen Regen, na und? Rauf und runter. Und anschließend irgendwelche Sportberichte, 1:0 für den FC Entenhausen, und morgen 0:1. Rauf und runter, na und, ist doch völlig einerlei. Filmt doch einfach eine Achterbahn im Endlos-Wiederholmodus.

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Der Wirtschaftsjournalismus ist heute so grottenschlecht, weil er nicht mehr über den Tag hinausdenkt. Weil er meint, sinnlose „Eilmeldungen“ produzieren zu müssen mit Nachrichten, die schon wenige Stunden später belanglos geworden sind. Aber was in der Wirtschaft wirklich wichtig ist, ist meist keine „breaking news“. Gefährliche Schieflagen durch extreme Exportlastigkeit der deutschen Wirtschaft – keine Tagespolitik, also nicht wichtig für Haller, Kohl & Co. Geheimverhandlungen über USA-Freihandelsabkommen – nein, wir finden das unkritisch gut, ohne zu wissen worum es geht, einfach nur weil die Nachricht über den Verhandlungsbeginn die „Anleger aufatmen“ und damit die Börsenkurse steigen ließ.  Die Bedrohung des Mittelstands durch den Kasinokapitalismus der Finanzinvestoren. Warum überhaupt soviel Geld herumvagabundiert, das „angelegt“ werden muss und überall nur für Instabilität sorgt. Warum man vielleicht nicht „die Anleger“ zum Maßstab aller Dinge machen sollte. Wie es eigentlich dazu kommen konnte, dass Konzerne wie Google, Amazon praktisch keine Nationalität mehr haben und nirgendwo Steuern zahlen, und warum niemand etwas dagegen tut. Wie Mindestlöhne die Kaufkraft erhöhen können und deshalb eine gute Idee sind. Warum die passiven, angepassten deutschen Gewerkschaften ein Teil des deutschen Lohndumping-Problems sind.

Und so weiter. Fehlanzeige bei den Hallers und Kohls. Bei den Eilmeldungen produzierenden Nachplapperern in den Redaktionen. Sicher, es gibt guten Wirtschaftsjournalismus – für Experten. Wir brauchen endlich guten, populären Wirtschaftsjournalismus, der nicht Börsenkurse anhimmelt sondern normalen Menschen die Zusammenhänge erklärt. Frau Haller, Frau Kohl – bitte werden Sie Sportreporterinnen oder präsentieren Sie den Wetterbericht. Das können Sie bestimmt gut. Aber gute Wirtschaftsreportagen, das müssen wohl andere Leute machen.

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Über sunflower22a

I am a mystery.
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3 Antworten zu Dow Jones, leck mich doch am Arsch

  1. tikerscherk schreibt:

    Manchmal ist es gut, sich einfach hinzusetzen und seinem Ärger freie Luft zu lassen.
    Vor allem, wenn so ein Text dabei heraus kommt.
    Du hast vollkommen Recht. Wer geilt sich eigentlich an steigenden Kurven auf? Wer sind diese Anleger? Wer sind die Märkte?
    Wenn man den Leuten mal erklären würde, was das Freihandelsabkommen eigentlich bedeuet, wenn man ihnen kar machen würde, dass das das Ende der Demokratie und der nationalen Autonomie durch frei gewählte Parlamente bedeutet, dann würden fast alle auf die Barrikaden gehen.
    Stattdessen redet man über Anleger und Märkte, facht Ängste an und leiert inhaltslose Zahlen runter.
    Zum Kotzen.

  2. kiezneurotiker schreibt:

    Hey, nichts gegen eruptives Schreiben – ich schreibe nur so🙂

    Und du hast mal wieder so Recht…

  3. waswegmuss schreibt:

    Was heißt hier Halbverbrecher?

    Ich schweife ab.

    Diese Art der Berichtertatterung ist spottbillig. Kost fast nix. Hackfleisch mit Schwarte dreifuffzig das Kilo unter Schutzatmosphäre verpackt. BlaBla.
    Es muss billtig sein. Das Geld braucht es für Fußball, Prommialimentierung und Verwaltungsräte.
    Sieh‘ das endlich mal ein, Herrgott!

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