Die gesellschaftliche Akzeptanz von Massenmördern

75 Jahre Reichs-Kristallnacht, eine Pogromnacht wie es sie seit dem Mittelalter in Mitteleuropa nicht mehr gegeben hatte. Zweiter Weltkrieg, millionenfacher Massenmord durch den deutschen Staat. Niederlage, Zusammenbruch – und übrig waren nur noch Mitläufer, keiner wollte es gewesen sein. Mit dieser Vergangenheit klarzukommen, war für die deutsche Nachkriegsgesellschaft nicht einfach. Erst heute ist dieses Land wohl in der Lage, damit angemessen umzugehen. „Vergangenheitsbewältigung“ nennt man das.

Millionenfacher Massenmord durch die Staatsmacht ist aber seitdem immer wieder vorgekommen. Maos gewaltsame Kollektivierung endete mit mindestens 20  Millionen Toten: verhungerte und umgebrachte Bauern. Kambodschas Rote Khmer haben von 6 Millionen Kambodschanern 2 Millionen umgebracht, ein Drittel der Bevölkerung. Am wenigsten bekannt in unseren Breiten ist wohl der Putsch von 1965 in Indonesien.

Die neue Militärjunta unter dem langjährigen Diktator Suharto, ein Freund Helmut Kohls, fachte ein beispielloses Pogrom an. Zuerst wurden „nur“ Kommunisten gejagt, dann Intellektuelle, chinesische und andere Minderheiten, und schliesslich alle diejenigen, mit denen irgendwer noch eine Rechnung offen hatte. Mit der Verteilung von Todeslisten wurden auch normale Bürger und paramilitärische Gruppen dazu aufgerufen, sich an den Ermordungen zu beteiligen. Ein Jahr lang herrschte Blutrausch. Niemand weiß, wieviele umgebracht wurden – eine oder zwei oder drei Millionen?

Wie gehen solche Länder und Gesellschaften damit um? Chinas Kommunisten sind zwar nur noch dem Namen nach Kommunisten, aber sie regieren immer noch. Massenmörder Mao ist der Staatsheilige, sein Konterfei ziert öffentliche Plätze und Gebäude, Geldscheine und vieles andere mehr. Kambodschas Rote Khmer wurden zwar von Vietnams Armee besiegt, in den Untergrund gezwungen und schließlich entwaffnet. Aber ein internationales Tribunal gegen die Roten Khmer wurde zwar immer wieder angekündigt und halbherzig begonnen, es wurde jedoch so gut wie niemand verurteilt. Die Hauptverantwortlichen starben friedlich einen biologischen Tod. Nicht, dass irgendwer mit ihnen sympathisiert hätte. Aber in den buddhistisch geprägten Kulturen Südostasiens ist der Rache- und Sühnegedanke nicht so ausgeprägt wie in den monotheistisch geprägten Kulturen des Westens und des Orients. Man glaubt, wer zu sehr am Unglück der Vergangenheit rührt, belebt die bösen Geister neu und schafft nur neues Unheil. Schwamm drüber, könnte man sagen – auch bei Völkermord. „Vergangenheitsbewältigung – dafür gibt es wahrscheinlich kein kambodschanisches Wort.

Dass Völkermörder auf ihre Taten stolz sind und damit prahlen, das ist wohl eine indonesische Spezialität. Man kann das jetzt live besichtigen in dem Film „The Act of Killing“. Ein Film eines jüdisch-amerikanischen Regisseurs, dessen Vorfahren rechtzeitig aus  Nazideutschland fliehen konnten, in dem Täter des indonesischen Völkermords von 1965 ihre eigenen Taten stolz nachspielen. Freundliche ältere Herren, denen man den Massenmörder niemals ansehen würde. Ganz normale Menschen. Die stolz zeigen, wie sie eigenhändig hunderte Menschen umgebracht haben – mit Draht erwürgt. „Zuerst haben wir sie zu Tode geprügelt, aber dabei ist zu viel Blut geflossen. Das hat angefangen zu stinken. Wir haben dann ein besseres System entwickelt„, sagt die zentrale Figur Anwar Congo und führt bereitwillig vor, wie er seinen gefesselten Opfern statt sie tot zu prügeln eine Drahtschlinge um den Hals legte und so fest zuzieht, bis sie sich nicht mehr regen. Etwa 1000 Mal hat er auf diese Weise gemordet, so genau hat er nicht mitgezählt.

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Der Film zeigt, wie diese Massenmörder durch ihre Taten vom Kleinkriminellen zum angesehenen Bürger aufsteigen konnten. Das ist ein derart starker Tobak, dass es nur vergleichbar wäre mit SS-Kommandanten, die heute in einem nachgebauten KZ auftreten und ihre Verbrechen von damals stolz nachspielen. Irre? Irre! Aber es ist ein Abbild der indonesischen Realität, ein auf den ersten Blick einigermaßen friedliches und demokratisches Land voller freundlicher Menschen. Aber alle diese freundlichen Menschen Indonesiens – nur die wenigsten der knapp 200 Millionen lebten damals schon – glauben bis heute die Staatspropaganda vom „großen Sieg über den Kommunismus“.

The Act of Killing wird auch in Indonesien gezeigt. Er zeigt Wirkung, Menschen werden nachdenklich, fangen an Fragen zu stellen. Langsam. Fast 50 Jahre danach.

Es gibt eine Handvoll wirklich großer Filme, die zeigen, zu welchen Extremen Menschen fähig sind – im Guten wie im Schlechten – und die mich tief beeindruckt haben. Orwells „1984“ gehört dazu, „Holocaust“, „Z“ – aber auch „Gandhi“. The Act of Killing gehört in diese Reihe.

Über sunflower22a

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2 Antworten zu Die gesellschaftliche Akzeptanz von Massenmördern

  1. tikerscherk schreibt:

    Gerade heute sitze ich vor einem Text, den ich über Snuff-Videos, bzw. die Täter in, und die Konsumenten solcher Videos, schreiben möchte.
    Im weitesten Sinne geht es da um menschliche Abgründe, am Beispiel des sexuell motivieten Mordes.
    ich komme aber nicht weiter, weil es mich fertig macht, mich in das Thema zu begeben.
    Und dann lese ich deinen Artikel. Über Mord und menschliche Abgründe.
    Vielleicht werde ich mir diesen Film anschauen. Wenn ich es aushalte.

  2. Pingback: Hin und hergerissen | sunflower22a

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