Casual Dating – die heimliche Sex-Welle?

Es gibt viele Zeitschriften voller belangloser schriftlicher Plaudereien, und weil man nicht immer Gehaltvolles lesen kann, blättere ich gern mal drin. Sogenannte „Frauenzeitschriften“ gehören dazu, oder auch sogenannte „Stadtmagazine“, wie zum Beispiel „tip Berlin“.

Das Cover einer der letzten Ausgaben war reißerisch aufgemacht, „Die heimliche Sex-Welle“ und das Wort „Sex“ in einer vorsichtig angedeuteten Hautfarbe.

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Und so was liegt bei Bio Company an der Kasse. Da greife ich natürlich sofort zu.

Die Kassiererin, garantiert älter als ich, schaut mich mit strengem Blick an, als das Heft vor ihr liegt und sie das jetzt anfassen und an den Scanner halten soll. Mit dem Gesicht einer Mutter, die ihre pubertierende Tochter abmahnt, fragt sie mich: „Wollen Sie das wirklich kaufen?“ – „Ja, warum nicht?“

Sie trumpft auf. „Das Programm ist schon zur Hälfte abgelaufen!“ – „Oh, wirklich? Bekomme ich es dann billiger?“ – „Nein, natürlich nicht. Nur damit Sie es wissen.“ – „Danke, ich kaufe es gar nicht wegen dem Programm, sondern wegen der Titelgeschichte“, sage ich fröhlich lächelnd. Der Typ hinter mir kichert hörbar. Die Tante an der Kasse schaut mich komplett perplex an, öffnet den Mund, sagt dann aber nichts mehr und scannt wortlos den Rest durch. Die liest mit Sicherheit „Emma“ und nichts anderes. Ich bezahle, und belustigt verlasse ich den Laden.

Nun denn, mal sehen ob das Blatt hält was es verspricht. In der U-Bahn nach Hause fange ich an zu lesen. Das Intro dämpft schon mal die Erwartungen. „Niemals würden wir unseren Lesern auf dem Titelbild zwei verschlungene Körper bei wilden sexuellen Handlungen zumuten. Das wirkt meist peinlich. Außerdem liegt unser Magazin bei Familien mit Kindern auf dem Küchentisch.“ Und so haben sie es geschafft, Nacktheit nur anzudeuten. Sie zeigen „zwei übereinanderliegende Handgelenke. Nackt natürlich.

Ich kann mir nicht helfen, ich muss laut lachen. Fragend schauen mich die anderen Fahrgäste an. Zwei nackte Handgelenke, welch ein Skandal, welch ein Voyeurblatt! Da kommt der politisch korrekte androgyne Mensch des Jahres 2013 aber ins Schwitzen. Und bei Familien auf dem Küchentisch liegt das, aber hallo! Rate mal, bei wievielen Familien die Bild-Zeitung auf dem Küchentisch liegt, da sind noch viel schlimmere Dinge drin als nackte Handgelenke.

Die eigentliche Geschichte ist dann allerdings doch kein satirischer Beitrag aus einer unfreiwilligen Titanic-Klonzeitschrift.

Online-Partnervermittlungsbörsen gehören zu den Internet-Geschäftsmodellen, bei denen richtig Geld verdient werden kann, und gesellschaftlich akzeptiert ist es mittlerweile auch, seinen Partner so zu finden. Aber es gibt auch viele Frust-Erlebnisse, gerade für Frauen. Ich habe das aus Interesse auch ein paarmal ausprobiert. Während  in diesen Plattformen ein echter Mangel an halbwegs realen und halbwegs cleveren und gut aussehenden Frauen herrscht, entpuppen sich die Typen dagegen in der Realität meist als erheblich dicker, älter und langweiliger als ihre Profile suggerieren wollen. Ist ja eigentlich auch kein Wunder, sonst hätten sie längst woanders ihr Glück gefunden. Und so bleibt es oft beim Kennenlernen oder allenfalls noch kurzlebigen Affären. Und so mancher nutzt diese Portale als Gelegenheit, genau dieses zu machen: kurzlebige Affären.

Kurzlebige Affären können aber nicht nur Frustnummern sein, sondern auch ihren Reiz haben. Warum nicht aus der Not eine Tugend machen, sagen sich immer mehr, und Portale für „schnellen Sex statt ewiger Liebe“ gibt es immer mehr. Das erste, FirstAffair.de, schon seit 2004. Andere heißen C-date.de, joyclub.de, affaire.com und das neueste gehört sogar indirekt (über die Tochter Friendscout24) der Telekom: secret.de. Angeblich gibt es inzwischen schon 50 solcher  Seitenspringerportale. Für Frauen ist es echt schwer, jemanden aus der Unzahl der Uninteressanten herauszufinden. Für viele Männer ist das offenbar eher so etwas Ähnliches wie die Suche nach einer Prostituierten, die noch nicht mal Geld will, sondern einfach nur Sex. Portale mit  Namen wie sofortficken.com oder poppen.de legen in der Tat genau dieses nahe. Wer verirrt sich denn auf sowas?

Das Geld, das Männer auf solchen Seiten lassen, wäre vermutlich bei einer Prostituierten besser investiert. Immer öfter hört man, dass das enorme Frauendefizit solcher Seiten in wirklich noch viel höher als das „offizielle“ 1:5 bis 1:10 ist, weil offenbar viele Frauenprofile Fakes sind, die die Seitenbetreiber einstellen, um die zahlenden Kunden bei Laune zu halten. Das Überleben dieser Portale hängt letztlich davon ab, wieviele Frauen sie in ihre Kundschaft locken können, die Männer kommen dann von alleine. Daher kostet es für Frauen nichts – und sie können sich locker mehrere verschiedene Profile anlegen.

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Mag sein, dass so manche Schüchterne auf diese Weise anonyme Abenteuer erleben können. Mag sein, dass manche Abenteuerlustige solche Online-Casual Dating-One Night stands für ein Abenteuer halten. In ländlichen Gebieten mit stärkerer sozialer Kontrolle als in Großstädten mag das auch extrem hilfreich sein. Sicher, mit solchen Portalen wurde ein neuer „amouröser Spielplatz“ für Erwachsene geschaffen, wie es die Autorin Catherine Hakim beschreibt. Sie hat darüber ein Buch geschrieben „The new rules. Internet, playfairs and erotic power“.

Hakim hat bei ihren Forschungen herausgefunden, dass auf den Seitensprungportalen zwar hauptsächlich Männer unterwegs sind, und die überwiegende Mehrheit der Verheirateten eine stabile Ehe mit zusätzlicher Aufregung ergänzen. Interessant ist aber:  die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern kehren sich hier um. Allein schon das enorme Überangebot an Männern verschaffe den Frauen freie Auswahl. Und sie achten hierbei auf erotische Kompetenz und physische Attraktivität. Diejenigen Attribute, die üblicherweise für eine Ehe oder feste Partnerschaft wichtig sind – Geld, Macht, Prestige – sind für Seitensprünge völlig irrelevant. „Der große männliche Bedarf an attraktiven Frauen verhilft dem erotischen Kapital einer Frau zu ungeheurer Wertsteigerung. Das Ungleichgewicht zwischen männlichem und weiblichem sexuellen Interesse verschafft Frauen in sozialen Beziehungen zu Männern einen bedeutenden Vorteil – so sie ihn erkennen.“, so Hakim.

In der Tat, so sie ihn erkennen. Ich glaube, ich persönlich erkenne das ganz gut. Und deswegen brauche ich eigentlich auch kein Online-Dating mit irgendwelchen Schüchternen, die sich heimlich mit mir treffen ohne ihren Namen zu nennen und dann mal eben irgendwie Sex wollen. Vielleicht hilft dieses Online-Casual-Dating anderen Frauen, diesen Vorteil besser zu erkennen. Mir bringt es nicht viel.

Aber eigentlich halte ich auch nicht viel von heimlichen Seitensprüngen. Die traditionelle Zweierbeziehung hat ihre Defizite, bei so vielen herrscht heimlicher Frust weil ein einziger Mensch eben nicht immer das ganze Spektrum dessen abdecken kann, was man an Liebe, Zärtlichkeit, Sex und Partnerschaft erwartet und braucht. Da können Affären, Affärchen und ab und zu mal ein Seitensprung zwar ein Ventil sein, aber wenn es auffliegt eben auch zum GAU führen. Weil wir am Ideal der 100%igen treuen Monogamie 100% festhalten, obwohl es eigentlich für viele nicht 100% passt. Wäre es nicht besser, damit ehrlicher umzugehen und uns gegenseitig ab und zu amouröse Abenteuer zuzugestehen? Mit oder ohne Internet.

Oder – was wäre, wenn wir das gesellschaftliche Tabu mal infragestellen würde, dass es immer nur Zweierbeziehungen sein müssen? Vielleicht sind irgendwann in Zukunft Lebensformen und Varianten der Polyamorie nicht mehr ganz so außerhalb des gesellschaftlich Akzeptierten, und vieles was heute heimlich abläuft wäre dann nicht mehr heimlich…wer weiß. Homosexualität war auch mal total tabu und heute ist es weitgehend akzeptiert. Und das ist gut so.

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2 Antworten zu Casual Dating – die heimliche Sex-Welle?

  1. kalypso schreibt:

    die sogenannte freie liebe ist für die meisten eine herrliche vorstellung – sie gleicht jedoch einer illusion!! es bedarf immenser reife – die die wenigsten von uns an den tag legen.

    für viele ist es doch nur „rudelbumsen“ – liebe ist etwas ganz anderes.
    und wenn ich jemanden liebe, dann gehe ich auch nicht fremd. denn es hat ja auch immer etwas mit mir zu tun, wenn ich unzufrieden bin. also sich selber mal unter die lupe nehmen, sich was außergewöhnliches, frisches, spontanes für seinen partner einfallen lassen – anstatt nur bequem bei einem seitensprung etwas zu bekommen, was einem eigentlich selber fehlt.

    das motto: beim nächsten mann/frau wird alles anders ist eine hahnebüchene erwartungshaltung. denn: wir nehmen uns überall SELBST mit hin!!🙂

  2. TheNameOfTheRose schreibt:

    quote: „Oder – was wäre, wenn wir das gesellschaftliche Tabu mal infragestellen würde, dass es immer nur Zweierbeziehungen sein müssen?“
    Ich bin für jede Art von Offenheit gegenüber neuen Gedanken. Ich tendiere außerdem vorsichtig zu der Hypothese, dass [das klassische Bild der] Monogamie prinzipiell nicht funktionieren kann, weil das menschliche Leben und v.a. Bewusstsein dazu zu komplex bzw. chaotisch ist.
    Ich frage mich jedoch bei dem Lebensstil Polyamorie (sofern er bewusst gewählt ist, kann man es wohl Polyamorie nennen, anderenfalls ist es eher… ein undefiniertes Etwas aus Beziehungsmatsch), ob das nicht genauso ein Rohrkrepierer ist.
    Oder sagen wir: Ich frage mich, wie das ganze praktisch funktionieren soll. Schon eine Zweierbeziehung ist meinen bisherigen Beobachtungen in meinem Familien- und Bekanntenkreis nach eine so unglaubliche Herausforderung für das menschliche Ego (also das, was wir im Allgemeinen „Ich-Bewusstsein“ nennen, auch wenn wir natürlich nicht nur ein Ich haben, sondern wohl eher ganz viele) – was passiert erst, wenn *drei* oder noch mehr solcher Spinner/Spinnerinnenkonglomerate*) zusammenkommen und versuchen „müssen“, miteinander auszukommen. (Bzw. nicht „müssen“, sie haben ihren Lebensstil ja bewusst gewählt und haben dabei die möglichen Konsequenzen akzeptiert.)
    Da würde ich mich User kalypso anschließen: Es bedarf gewaltiger Reife, damit das klappt, vielleicht sogar der Erleuchtung😉. Die Frage ist natürlich, wie man „klappen“ definiert, sprich ob Polyamorie ein statischer Zustand mit den immergleichen Personen ist oder ob die Personen auch mal wechseln dürfen.

    Puh… irgendwie dachte ich bislang, das Thema Liebe würde durch Polyamorie einfacher werden, aber jetzt wo ich darüber schreibe, merke ich, dass es offenbar dadurch nur auf eine *andere* Art und Weise kompliziert wird.

    *) Mit Spinner[Innen]konglomerat meine ich *einen* Menschen, sprich dasjenige Wesen, das zwar nach außen hin eine physikalische (und auch soziale) Repräsentation hat, aber nach innen hin eben [konform mit den jüngeren Erkenntnissen der Neurobiologie – auch wenn der gute Herr Freud wohl schon länger Bescheid weiß] aus potenziell vielen Ichs oder Ich-Stimmen oder Ich-Zuständen besteht.

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