Fifty Shades of Grey

Ich mag es nicht wenn der Arbeitstag gleich mit Besprechungen in großer Runde beginnt. Schon gar nicht wenn es draußen neblig und regnerisch ist. Am schlimmsten ist es, wenn ich auch noch zu spät komme und die Runde schon begonnen hat.

Es war dann mal wieder soweit. Ich komme rein. Der Raum ist verdunkelt, wegen Powerpoint. Sie haben schon angefangen. Zwanzig Damen und Herren, die meisten Anfang Dreißig. Ernste Gesichter, emotionslose Gesichter, seriöse Gesichter. Auch müde Gesichter. Der älteste ist um die 50 und sitzt im karierten Pulli da, natürlich braun. Alle anderen tragen Kostüme und weiße Blusen oder Anzüge und weiße Hemden. Dunkelgrau, hellgrau, dunkelbraun, hellbraun, schwarz, beige, erdfarben (welch ein Wort) oder oliv. Dezenter Schmuck, meist Perlenkettchen und Perlohrstecker, ob echt oder falsch, ich weiß es nicht. Lippenstifte nur in dezenten Farben. Stiefeletten. Alle hochgeschlossen. Die Krawatten der Herren alle in denselben Farben – nur einer hat einen königsblauen Schlips. Der einzige Farbtupfer.

Und nun komme ich rein, wie ein Ufo lande ich in dieser Runde. Knallroter Mantel, kein Kostüm mit weißer Bluse sondern rotschwarzes Kleid, Netzstrümpfe und High heels. Lila Strähnchen, rote Lippen, auffälliger Schmuck. Au weia.

In der Kaffeepause gratuliere ich dem Herrn mit dem königsblauen Schlips für seine Farbenfreude. Eine der jungen Damen meint schnippisch, ich sei wohl etwas aus der Zeit gefallen. – Warum? Weil ich leider zu spät kam? – Nein. Weil Sie rumlaufen wie in den 70er Jahren. – Woher wissen Sie denn wie man in den 70er Jahren rumlief, da waren Sie doch noch gar nicht auf der Welt?

Blöder Spruch, merke ich sofort, da kannst du dich ja gleich als alte Oma outen. Dabei bin ich auch nur 10 Jahre älter als sie, aber anscheinend hat sich in diesen 10 Jahren die Welt fundamental verändert. Ich verkneife mir eine weitere Antwort, sie dreht ab.

Der Kollege mit dem königsblauen Schlips meint prompt, so sei das eben, die jungen Leute von heute wählen CDU und sind konservativ. Das sei weder schlimm noch unnormal, auch wenn es früher anders war. Da müsse man sich eben einfügen.

Au weia. Einfügen.

Nein, das mache ich nicht. Ich antworte, dass ich sowas bekloppt finde. Ob er schon mal was von Diversität gehört habe? Große Unternehmen holen sich heute absichtlich Frauen, Schwarze, Hindus und so weiter bis in die Vorstände rein, weil die Monokultur weißer Mittelschichtskinder nicht mehr angesagt ist, für Fehleinschätzungen sorgt, einfach schlecht für das Unternehmen in einer nun mal sehr diversen Welt ist. Hier dagegen, hier laufen sogar noch alle gleich rum. Das ist nicht wie in den 70ern, sondern wie in den 60ern!

Leider war ich wohl etwas zu laut. Ich bekomme einen Rüffel. Giftige Blicke. Seufz.

Irgendwie finde ich, diese farblosen langweiligen jungen Leute sind gefühlt älter als ich.

150mix-087

Über sunflower22a

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3 Antworten zu Fifty Shades of Grey

  1. kiezneurotiker schreibt:

    Word! Diese nachfolgende Generation macht mir Angst. Das Gute ist nur eines: Ihnen werden ihre eigenen Kinder um die Ohren fliegen.

  2. Garfield schreibt:

    ich hab dan Artikel quer gelesen, also wörtlich: von unten nach oben, und dann wieder zurück…
    jedenfalls war der erste Absatz der mir in den Blick kam dieser, was mir den Text auch gleich sympathisch machte:
    Große Unternehmen holen sich heute absichtlich Frauen, Schwarze, Hindus und so weiter bis in die Vorstände rein, weil die Monokultur weißer Mittelschichtskinder nicht mehr angesagt ist, für Fehleinschätzungen sorgt, einfach schlecht für das Unternehmen in einer nun mal sehr diversen Welt ist.
    nach dem 2. Lesen hab ich aber gemerkt, die vermutete Aussage war wohl doch nicht ganz die eigentliche Intention…

    Sich extra (gemischt-)farbige Leute in den Betrieb zu holen – aus reiner Berechnung, weil es nicht mehr „angesagt“ ist – ist das nicht tausendmal verlogener & opportunistischer, als jede Einfügung, die sich darin ausdrückt daß alle mausgrau rumlaufen (was ja immerhin nur Oberfläche ist) …?

    Wahrscheinlich ging’s dir um was anderes & hast nur ein leicht unglückliches Bsp gewählt – passiert auch mir oft… aber bei diesem Bsp lief’s mir schon kalt den Rücken runter.
    Wenn Menschen i.d. Vorstand geholt werden – wg ihrem Nutzen durch Religion / Hautfarbe, die sie dann zur Profitmaximierung zu Markte tragen dürfen – und diese kalte Berechnung am Ende noch als aufgeschlossen-menschenfreundlich rüberkommt… das macht mir Angst.
    Sorry, nur meine 20 cents

    • sunflower22a schreibt:

      Das sehe ich ein bisschen anders. So gut wie alles was Unternehmen machen, machen sie aus kalter Berechnung. Wenn sie für gute Zwecke spenden oder als Sponsor auftreten, tun sie das aus Imagegründen. Nicht weil im Vorstand lauter gute Menschen sitzen. Für Wohltaten sind andere zuständig, nicht Unternehmen. Damit kann ich leben. Allerdings muss nicht alles was Unternehmen aus eigennützigen Gründen tun, deswegen „tausendmal verlogener & opportunistischer“ sein. Auch die Einführung von Betriebsräten nützt einem Unternehmen in letzter Konsequenz. Frauenquoten auch. So ist es mit der Diversität auch.

      Es gibt aber auch Unternehmen, deren Chefs so blöde sind, dass sie das nicht kapieren. Die nur stur Profitmaximierung bis zum Umfallen machen, und auch Betriebsräte für kommunistisches Teufelszeug halten, das unbedingt verhindert werden muss. Siehe Schlecker. Am Ende stolpern sie oft über ihre eigene Dummheit. 100% mausgraue Leute in Unternehmen machen nicht nur das Arbeiten in und den Umgang mit einem solchen Unternehmen (zumindest für mich) langweilig und nervig, sondern sind in letzter Konsequenz auch für das Unternehmen selbst ein Eigentor. Finde ich. Und so war es gemeint.

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