Ein Frauenfilmfestival an einem Ort, wo es so etwas eigentlich gar nicht geben kann

Der Gazastreifen. Aus westlichen Augen betrachtet ein verfluchter Ort, eine Art Vorhof zur Hölle, regiert von der islamistischen Hamas, ständig bombardiert von den Israelis, ein Ort voller Armut und Angst. Auch aus palästinensischen Augen ist Gaza kein schöner Ort, sondern in erster Linie ein großes Gefängnis, immer noch unter der Knute Israels, einer der am dichtesten bevölkerten Gegenden der Welt. Ein Flüchtlingslager am anderen, so nahe der alten Heimat und doch so fern von ihr.

Kein Ort für Filmfestivals, oder überhaupt für kulturelle Veranstaltungen welcher Art auch immer. Anfang Oktober fand dort das 3. Gaza Film-Festival statt, und es war ein feministisches Filmfestival. Das Palestinian Women’s Affairs Center veranstaltete es, und gezeigt wurden – von 5 Ausnahmen abgesehen – 21 Filme von Frauen über Frauenthemen. Sexuelle Tabus – und davon gibt es in der konservativen Gesellschaft Gazas jede Menge – wurden zuhauf angesprochen. Die Jungfräulichkeit vor der Ehe, sexuelle Belästigung durch angeblich so fromme Männer – alles Dinge über die sonst nie öffentlich gesprochen wird. Festival-Direktorin Itimad Washah, selber Regisseurin eines der gezeigten Filme, schaffte es sogar für alles die Genehmigung der Kulturbehörde Hamas-Regierung zu bekommen, praktisch ohne Zensur. Sie hatte intensive Diskussionen mit der Behörde. Zwei Tage vor Festivalbeginn kam die Genehmigung. Nur eine einzige Szene durfte nicht gezeigt werden: in einem indischen Film massierte ein Mann den Rücken einer Frau. Eine andere Konzession war: gezeigt werden durften die Filme nicht im Dunkeln, es sei denn es gibt abgetrennte Sitzplatzbereiche für Frauen und Männer. Washah entschied, dann eben nicht zu verdunkeln.

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Viele der Filme lösten intensive Diskussionen aus. Die lokalen Produktionen hatten es schwer, Schauspielerinnen zu bekommen. Islam Abu al-Said ist die – verschleierte – Hauptdarstellerin eines Kurzfilms namens „Red Stain“, roter Fleck, und spielt eine Braut die in der Hochzeitsnacht keinen Blutfleck im Bett hinterlässt, aber ihre Jungfräulichkeit doch nachweisen kann. Der Unsinn dieses „Problems“ ist für uns im Westen offensichtlich, aber für Palästinenserinnen und viele andere Musliminnen ein veritables, manchmal geradezu existenzbedrohendes Problem. Islam Abu al-Saids Mutter wollte ihre Tochter unbedingt davon abhalten, diesen Film zu drehen. Sie tat es doch, weil es ein Problem sei, das bisher nicht öffentlich diskutiert werde.

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Ich bewundere diese Frauen. Was sie tun, erfordert so viel mehr Mut und Courage als sich alle diese Talkshow-Schwafler in unserem selbstzufriedenen Land vorstellen können, die sich über Luxusprobleme den Mund fusselig reden. Die Realität in den Flüchtlingslagern Gazas und des Libanon ist noch weit brutaler als in den Dörfern und Städten in der Westbank. Frauen zählen nichts in den zerrissenen Sozialstrukturen der Lager. Schaut euch den 12-Minuten-Kurzfilm Ana Ahlaam an (bitte tut es wirklich, es sind nur 12 sehr bewegende Minuten), und ihr versteht was ich meine. Der Film zeigt die Realität einer gebildeten und an ein Macho-Arschloch zwangsverheirateten und dann verstoßenen jungen Frau aus dem Flüchtlingslager Rashidiye in Libanon, die ihr eigenes Schicksal in einem Solo-Theaterstück verarbeitet. Frauen wie Ahlaam sind die größte Hoffnung in dieser ganzen furchtbaren, wunderbaren arabischen Welt.

Über sunflower22a

I am a mystery.
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