Stoppt Frau S.

In der Landwirtschaft und in der Fleischindustrie kommt es bekanntlich immer wieder zu schweren Verletzungen elementarer Arbeitnehmerrechte. Für die körperlich harten, unangenehmen Tätigkeiten wie Erdbeeren ernten, Spargel stechen oder Tiere zerlegen gibt es wenige Arbeitnehmer, die diesen Job unter normalen Bedingungen als sozialversicherungspflichtig beschäftigte Arbeiter mit Arbeitsvertrag und halbwegs anständiger Bezahlung machen. Es ist absolut üblich, dass Rumänen, Bulgaren oder Ukrainer unter menschenunwürdigen Bedingungen und Hungerlöhnen in diesen Branchen arbeiten. Dubiose Arbeitsvermittlungsfirmen sorgen mit Werkvertrags-Konstruktionen dafür, dass das deutsche Arbeitsrecht ausgehebelt wird. Gewerkschaften und Journalisten sprechen von organisiertem Menschenhandel – die Menschen werden mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt und müssen erst viele Monatslöhne an Provisionen abstottern und überteuerte Mieten für miese Absteigen bezahlen, so dass sie letztlich so gut wie nichts verdienen.

Und jetzt kommt die Heldin des Kampfes gegen Sklaverei und Menschenhandel ins Spiel. Sie fordert das Totalverbot der Branche. Weg mit der Landwirtschaft und weg mit der Fleischverarbeitung. Sie fragt die Betroffenen natürlich nicht. Sie weiß, dass es sich um Sklaven handelt, die sehnsüchtig auf ihre Befreiung warten. Würde sie die „Opfer“, denen sie helfen will, selber fragen, käme vielleicht heraus, dass diese etwas anderes wollen. Faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen, zum Beispiel. So wie in anderen Branchen und Betrieben auch. Das war ja der Grund, warum sie überhaupt irgendwann hier gelandet sind. Sie wollten einen Arbeitsplatz. Der Name dieser Heldin: Alice Schwarzer.

Frau S. kämpft natürlich nicht gegen die Landwirtschaft und auch nicht gegen die Fleischwirtschaft oder für die dort prekär Beschäftigten und Ausgebeuteten. Das interessiert sie alles nicht. Zum Glück gibt es dafür Gewerkschaften, die sich vielleicht ab und zu um diese Arbeitnehmer kümmern. Frau S. aber kämpft nur gegen die Branche der sexuellen Dienstleistungen, gemeinhin auch Prostitution oder Sexgewerbe genannt. Und gegen diejenigen, die dort arbeiten. So würde sie das natürlich nie sagen. Sie behauptet, dort gibt es nur versklavte Opfer, die nur auf ihre Errettung vor bösen Menschenhändlern durch Frau S. warten.

Das tut sie schon lange. Es ist quasi ihr Geschäftsmodell. Zu diesem Geschäftsmodell gehört es, rechtzeitig vor dem Erscheinen eines neuen Buches das Thema wieder hochzukochen. Und nächste Woche kommt wieder ein neues Opus heraus, das muss beworben werden. Notfalls auch auf Kosten anderer Frauen.

Daher hat sie jetzt wieder einen „Aufruf gegen die Prostitution“ initiiert, mit dem Ziel Druck auf die neue Regierung auszuüben. Das Prostitutionsgesetz der rot-grünen Regierung von 2002 soll weg. An dem kann man zwar vieles kritisieren, aber es war ein großer Fortschritt. Durch die rechtliche Anerkennung hat sich die Situation für Sexarbeiterinnen in Deutschland verbessert. Sie können ihren Lohn einklagen und haben die Möglichkeit, sich zu versichern. Außerdem ist die Schaffung angenehmer Arbeitsbedingungen nicht mehr als „Förderung der Prostitution“ strafbar.

Frau S. und ihre konservativen Graue-Maus-Feministinnen wollen dieses Gesetz loswerden und Prostitution wieder kriminalisieren. Nein, nicht mehr die Prostituierten selber, soviel hat sie immerhin dazu gelernt. Jetzt sollen nach skandinavischem Vorbild die Kunden kriminalisiert werden. Seit dort Freier auf Druck von Graue-Maus-Feministinnen à la Frau S. kriminalisiert werden, hat zwar die sichtbare Straßenprostitution abgenommen, aber weder die Prostitution an sich, noch den Menschenhandel gingen zurück. Die Arbeitsbedingungen haben sich indes extrem verschlechtert. Ist das Feminismus? Auf so einen Bevormundungs-Feminismus scheiße ich.

Erfreulich ist aber, dass immer mehr Betroffene sich diese matriarchale Bevormundung durch Frau S. und ihre Promi-Unterschriftenmafia nicht mehr bieten lassen. Als Reaktion kursiert jetzt ein Aufruf für die Prostitution. Die Unterzeichner-innen fordern als allererstes: Beteiligung von Sexarbeiterinnen an politischen Prozessen, die sich mit dem Thema Prostitution befassen.

Und sie fordern: Kampagnen gegen Stigmatisierung und für einen respektvollen Umgang mit Prostituierten. Sie sind wohl die einzige Gruppe von Menschen, die im Zeitalter der grassierenden politischen Korrektheit noch bedenkenlos niedergemacht und diskriminiert werden dürfen, gerade auch von sogenannten Progressiven.

Eine Kriminalisierung der Prostitution führt nicht zu weniger Sexarbeit, sondern zu mehr Kriminalität“, sagt Undine de Rivière, die Sprecherin des „Berufsverbandes erotische und sexuelle Dienstleistungen“. Wenn Prostitution kriminalisiert werde, würde das den Zuhältern in die Hände spielen, auf die die Frauen dann angewiesen wären. Das interessiert Frau S. nicht. Sie hält Sexarbeiterinnen für unmündig, sie spricht ihnen die Fähigkeit ab, selbst zu entscheiden, was sie tun. Für Frau S. geht es ums Prinzip. Frau S. befördert eine „die reaktionäre Welle, die seit geraumer Zeit bei diesem Thema über Deutschland schwappt“, sagt Undine de Rivière. Recht hat sie. Da passt es nur ins Bild, dass Vanessa Eden und andere Befürworterinnen selbstbestimmter Sexarbeit von Emma aus den Diskussionsforen wegzensiert werden.

Auch in Frankreich regt sich Widerstand gegen Pläne der Regierung, die Sexbranche wieder verschärft zu kriminalisieren. In einem Manifest der Dreckskerle „Hände weg von meiner Hure!“ fordern 343 Männer das Recht auf käuflichen Sex. Courage, meine Herren. Es geht voran. Schämen Sie sich nicht. Wenn Sie gut bezahlen und freundlich zu Ihrer Sexarbeiterin sind, brauchen Sie sich nicht zu schämen. Auch in Frankreich machen Prostituierte gegen die Pläne der Regierung Front – „Die Kunden angreifen heißt uns angreifen“, so hieß es bei einer Kundgebung vor der Nationalversammlung, als dort über den Text beraten wurde.

French Prostitutes Protest Against New Law Penalizing Clients

Andere Branchen machen das schon lange – Autohersteller und Autofahrerlobby sind gemeinsam doch nahezu unschlagbar. Davon kann die Sexbranche lernen. Gegen eine gemeinsame Front der Anbieterinnen und ihrer Kunden dürften die Moralprediger in Erklärungsnöte kommen.

Wer wirklich etwas gegen illegale Praktiken, gegen Menschenhandel, gegen Zwangs-Prostitution und Ausbeutung tun will, ist nur glaubwürdig, wenn sie sich für die Rechte dieser Betroffenen einsetzen und gemeinsam mit ihnen für gute Arbeitsbedingungen kämpft – was auch die Wahl einer anderen Erwerbsmöglichkeit einschließt. Das ist ein Fall für ver.di, nicht für Frau S. Wer solche selbstbestimmte, gut bezahlte Sexdienstleistungen nicht als flächendeckenden Mindeststandard für die ganze Branche fordert, sondern kriminalisieren will, hat etwas anderes im Sinn – nämlich einen ideologisch motivierten Kampf gegen das Selbstbestimmungsrecht von Frauen (und natürlich auch einigen wenigen Männern). Und das ist reaktionär und fundamentalistisch. Gehen Sie endlich in Rente, Frau S.

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So hätte es Frau S. gern – ohne Rechte in die Illegalität gedrängt.

Über sunflower22a

I am a mystery.
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4 Antworten zu Stoppt Frau S.

  1. Sonia Dolinsek schreibt:

    Schöner Beitrag, den ich – wenn das ok ist – „Rebloggen“ würde.
    Nur ein Hinweis: In Frankreicht hat eine Sexarbeiter_in auch berechtigte Kritik an den 343 Salauds geübt: „Wir sind nicht Eure Huren“
    http://www.lexpress.fr/actualite/manifeste-des-343-salauds-l-abjection-n-a-plus-de-limites_1295514.html

  2. sunflower22a schreibt:

    danke fürs Kompliment und fürs Verlinken. ansonsten: Die französische Sexarbeiterin hat natürlich recht, aber ihr scheint die Pointe entgangen zu sein, nämlich die anspielung auf die frühere Kampagne gegen Ausländerfeindlichkeit „Touche pas à mon pote/ Mach meinen Kumpel nicht an!“

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