Die Diktatur der Karnisten

Wahrscheinlich habe ich mal irgendeinen online-Aufruf gegen Massentierhaltung oder Tierquälerei unterschrieben und unvorsichtigerweise meine email-Adresse hinterlassen. Oder sie haben sich die Adressen bei der NSA eingekauft. Keine Ahnung. Jedenfalls bin ich ins Visier des „VeBu“, des Vegetarierbunds Deutschland geraten. In ihr email-Visier, genauer gesagt. Jetzt habe ich zum ersten Mal gelesen, was die mir schicken.

Ich bin erschrocken.

Tipps und Strategien für den Umgang mit Fleischessern“ lautet da ein Text. Und dann kommt es:

„Wir leben in einer Gesellschaft, in welcher das Essen von Fleisch als normal, natürlich und notwendig angesehen wird. Die Sozialpsychologin Melanie Joy taufte diese Überzeugung „Karnismus“ (engl. „carnal“ = fleischlich, „ismus“ = Ideologie). Karnismus ist eine tief verwurzelte Ideologie, welche unsere soziale Norm prägt. Die karnistische Ideologie zieht sich durch alle sozialen Institutionen in unserer Gesellschaft – von Staat und Gesetzeslage über alle pädagogischen Einrichtungen: Kinderbetreuungsstätten und Schulen, Wissenschaft und Professionen bis hin zu unserem Arbeitsumfeld, Freunden und Familien.“

Das muss man sich mal reinziehen. Die karnistische Ideologie zieht sich durch alle sozialen Institutionen in unserer Gesellschaft. Dass mir das bisher gar nicht aufgefallen ist, was bin ich für eine Ignorantin.

Wie schrecklich. Ich erkenne schlagartig: ich bin eine Krypto-Karnistin. Ohne es zu wissen. Ich war auch schon mal Kryptokommunistin. War mir auch nicht richtig klar, aber andere haben es erkannt und mich entsprechend beschimpft. Feministin – ich wurde schon beschimpft weil ich eine bin und auch weil ich keine (mehr) sei, nach Auffassung bestimmter Ladies. Krypto-Kapitalistin war ich auch schon, in den Augen mancher Leute, wenn ich mal richtig gut verdient habe. Irgendeine Ist-in bin ich wohl immer.

Jetzt also Karnistin, bis vor kurzem wusste ich noch nicht mal dass es das gibt. Und jetzt haben sie sogar unsere ganze Gesellschaft unterwandert, sogar mich.

Ich lese weiter. „Um eine häufig abwehrende oder abwertende Haltung von fleischessenden Menschen besser verstehen zu können, ist es wichtig, das karnistische System in unserer Gesellschaft zu erkennen und zu verstehen.“ Genau. Wo ist eigentlich der Verfassungsschutz? Dieses System ist bestimmt gefährlich. Aber – ein Lichtblick am Horizont: „Eine Strategie, fleischessenden Menschen optimistisch zu begegnen, ist, sie als verhinderte beziehungsweise blockierte Vegetarier wahrzunehmen.“ Auch eine Böse kann also ein guter Mensch werden. Das Heilsversprechen. Bekenne deine Sünden, tue Abbitte, und du wirst erlöst.

Der Meinung waren schon zahlreiche Propheten vor dem VeBu. „Um zu verstehen, warum Fleischesser blockierte Vegetarier sind, hilft es, uns an unsere eigene Vergangenheit zu erinnern. Wie haben wir die Welt gesehen, bevor wir vegetarisch/vegan wurden?“

Der Satz ist eigentlich beliebig variierbar.

Um zu verstehen, warum Ungläubige blockierte Gläubige sind, hilft es, uns an unsere eigene Vergangenheit zu erinnern. Wie haben wir die Welt gesehen, bevor wir gläubig wurden?

Oder auch andersrum.

Um zu verstehen, warum Gläubige blockierte Ungläubige sind, hilft es, uns an unsere eigene Vergangenheit zu erinnern. Wie haben wir die Welt gesehen, bevor wir ungläubig wurden?

 „Die karnistische Ideologie lehrt uns, dass es normal, natürlich und notwendig ist, Fleisch zu essen.“

Soll ich euch mal was sagen, ihr Missionare?

Ihr seid genau die Typen, die die Fleischindustrie braucht, um alle Kritiker als Spinner dastehen zu lassen. Wer will schon in eine Ecke gestellt werden mit Leuten, die von karnistischen Ideologien schwadronieren? Ihr habt doch nicht mehr alle Tassen im Schrank.

Ich habe auch was gegen Massentierhaltung, Riesen-Fleischfabriken und mit Antibiotika vollgepumpte Tiere. Ich esse sowas nicht gern. Ja, ihr habt recht, so etwas gehört boykottiert und abgeschafft.

Döner, Currywurst, Hamburger – alles Schund. Und Tierquälerei. Weg damit. Ich boykottiere das weitestgehend. Nicht konsequent. Dazu bin ich zu launisch und flatterhaft. Manchmal esse ich es doch. Konsequent irgendwas durchhalten war noch nie meine Stärke.

Aber ich esse gern Parmaschinken, Kaviar, argentinische Pamparindersteaks, kanadische Bisonsteaks, Schinken vom Schwäbisch-Hällischen Urschwein, und noch einiges mehr. Teurer Spaß, stimmt, aber himmlisch. Das geht nicht  jeden Tag. Finanziell nicht, aber auch nicht weil es ja was Besonderes sein soll.

Und ich lasse mir das von keinem VeBu verbieten. Und auch von keinen grünen Veggieday-Abrahams. Ja, die Viecher wurden getötet um sie zu essen. So was ist in der Natur auch üblich. Und alle diese Viecher gäbe es gar nicht, würde nicht irgendwann jemand sie essen. Deutschland wäre entvölkert von Schweinen, Rindern, Hühnern, Schafen – wenn diese VeBus sich durchsetzen würden und die Karnisten besiegen würden. Die Hardcore-Truppe, die Veganer, würden ja sogar noch die Bienen abschaffen, weil die noch nicht mal Honig essen (Bienenquälerei) – und dann würde die ganze Pflanzennahrung, die die zu sich nehmen, knapp weil die Pflanzen nicht mehr bestäubt würden.

Wollt ihr das?

Leute, streift eure Zeugen-Jehovas-Ideologie ab und löst euren VeBu auf. Ihr missioniert mich nicht. Ihr solltet überhaupt niemanden missionieren. Löscht eure Internetseiten, höchstens die Rezepte könnt ihr lassen. Gebt auf. Ihr seid die Hofnarren der Fleischindustrie.  Esst doch was ihr wollt. Aber lasst mich in Ruhe mit eurer Propaganda. Und überlegt euch mal, wie ihr wirklich was gegen tierquälerische Massentierhaltung tun könnt.

 0577AP (197)

Die Karnistin erwartet ein Festmahl

Über sunflower22a

I am a mystery.
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5 Antworten zu Die Diktatur der Karnisten

  1. tikerscherk schreibt:

    Alles muss anscheinend zur Religion stilisiert werden, die zwischen Gläubigen und Ungläubigen unterscheidet. Immer geht es um Regeln, die man einzuhalten hat. Und statt sich von Fesseln zu befreien, denken sich Leute immer neue Religionen aus.
    Ich esse kein Fleisch. Freiwillig, und aus ethischen wie auch ökologischen Gründen.
    Mein Freund isst Fleisch, weil diese Gründe für ihn nicht ausreichen.
    Seine Entscheidung.
    Das Veganer Bienen abschaffen wollen stimmt nicht. Ihre Haltung, nichts vom Tier zu essen, ist eigentlich die letzte logische Konsequenz, wenn man gegen diese Art der Landwirtschaft ist.

    • nextkabinett schreibt:

      Richtig, Es geht hier um Politik, Politik des Bauches, Politik mit dem Bauch, Politik für den Bauch. Industrialisierte Landwirtschaft ist ein perverses System, das uns genau wie die Atomindustrie noch gehörig um die Ohren fliegen wird. Sorry für die schiefe Metapher. Und dass diese alles religiöse Züge trägt, ist völlig logisch, denn in Religionen gibt es bestimmte Ernährungs- und Fastenvorschriften. Leider existiert hier zu wenig Trennschärfe und wird vieles zu sehr miteinander vermanscht.

  2. Der Emil schreibt:

    Ich gründe und propagiere hiermit die Ideologie des Omnivorismus:

    Verzehrt wird, was mit Genuß verzehrt werden kann, unabhängig von seiner Herkunft, Beschaffenheit oder Zubereitung. Die Ermordung von Abermillionen unschuldigen Pflanzen, die industrielle Zerstörung der pflanzlichen Nachkommenschaft (z.B. in Mühlen) ist nicht anders zu bewerten als die Tötung von Tieren oder das Zubereiten von Eiern oder die Nutzung der für die Tiernachkommenschaft bestimmten Milch.

    Zucchini kann nicht mit Genuß verzehrt werden und ist daher illegalen Drogen gleichzustellen.

    Zur Heilbehandlung erhalten alle sich bekennenden und missionierenden VeganerInnen und / oder VegetarierInnen wöchentlich eine als aus reinem Soja hergestellt deklarierte Portion Bock-, Brat- oder Weißwurst.

    Missionierende VeganerInnen und / oder VegetarierInnen haben eine staatlich genehmigte Missionserlaubnis mit sich zu führen und zahlen eine Missionsduldungsgebühr von monatlich 4% der zu entrichtenden Einkommenssteuer, mindestens aber 10 Euro. Die nicht genehmigte Mission dieser Art sowie der Versuch, VeganerInnen und / oder VegetarierInnen zum Fleischverzehr zu bekehren (mit Ausnahme der staatl. angeordneten Hailbehandlung) ist ein Offizialdelikt und wird mit 4 Wochen Unterbringung in einer Kantine eines fleischverarbeitenden Betriebes bestraft.

    Hab ich was vergessen?

  3. Pingback: «Das Omnivore Manifest als Versuch einer Kritik einer jeglichen Eß-Ideologie (Nº 303) | «Gedacht | Geschrieben | Erlebt | Gesehen

  4. Pingback: Vegane Lingerie – Hilfe! | sunflower22a

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