Wer teilt, hat mehr vom Leben.

Ist das so? Vielleicht. Wahrscheinlich. Zumindest auf der emotionalen Ebene ist das schon lange bekannt – geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist doppelte Freude, sagt ein altes Sprichwort. Aber auf der materiellen Ebene ist das natürlich eine andere Sache. Dinge besitzen definiert ja weitgehend den Status eines Menschen in der Gesellschaft. Dinge mit jemandem teilen zu müssen, war eigentlich immer ein bisschen armselig, vom geteilten Telefonanschluss in der DDR bis zum geteilten Zeitungsabo.

Aber jetzt ist es trendy. Kürzlich entdeckte ich am Zeitschriftenstand ein Heft namens SHARE. Klar, teilen ist langweilig, aber SHARE ist toll. Alles ins englische übersetzen, schon ist es toll. Egal. Ich habe es mir gekauft (es gab gerade niemanden, mit dem ich es hätte teilen können).

Es hat sich gelohnt. Lesenswertes Heft!  Vielleicht wird der Trend gerade etwas gehypt,  aber egal.

Geteilte Wohnungen als Alternative zu Hotels. Nicht wirklich neu, aber voll im Kommen. Car Sharing sowieso. Geteilte Designerklamotten und Luxusaccessoires….Klamotten mit einer anderen teilen ist natürlich schon eine Herausforderung, aber dafür gibt es sehr gute Gründe. Der Blog thebudgetfashionista hat die „cost-per-wear Ratio“ entwickelt: damit kannst du feststellen, was das schicke Teil wirklich kostet. Der Preis geteilt durch die Anzahl der Male, die du es tragen wirst. Je seltener du es aus dem Schrank holst, desto teurer ist es faktisch. Stimmt eigentlich. Und außerdem ist der Schrank sowieso notorisch überfüllt.

Gemeinsame Hunde für Zeitgestresste – für den Hund anscheinend kein echtes Problem.

Skill Sharing – man tauscht sich gegenseitig Dienstleistungen: du installierst mir den Computer, ich bringe dir das Schminken eines perfekten Lidstrichs bei. Du baust mir das Ikea-Regal auf, ich übersetze dir einen Text. Tolle Sache.

Crowdfunding – seit Amanda Palmer

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ein Modell nicht nur für Musiker, sondern auch Qualitätsjournalisten, Filmproduzenten und andere, sozusagen die Finanzierungsseite der Share Economy.

Warum ist Teilen plötzlich sexy, insbesondere wenn es „share economy“ heißt? Nach den Exzessen des Neoliberalismus ist die Reduktion des Menschen auf einen „homo oeconomicus“ wohl out (abgesehen von der Politik). Konsumieren allein schafft keinen Lebensinhalt. Und damit sind wir wohl auf der Suche nach einem neuen Verhältnis zu den Dingen. Man liest ja auch immer mehr von Menschen, die ihre Wohnungen radikal entrümpeln, sich von all dem Plunder trennen den sie mehr als Last denn als Freude empfinden.

Vermutlich muss man erstmal materiellen Überfluss haben, bevor man die Schnauze voll davon hat. In Entwicklungsländern boomt die Share Economy nicht, allenfalls aus den gleichen Gründen wie im Deutschland der 1950er Jahre, als Vorstufe zum Allein-Besitzen.

Und natürlich, eigentlich ist die ganze Idee ein Anschlag auf die Ideologie des ewigen Wirtschaftswachstums. Wer teilt statt neu anzuschaffen, senkt das Bruttosozialprodukt, und wer das tut führt uns direkt ins Elend. So bekloppt ist ja unser Wirtschaftsmodell, dass alle Entscheidungsträger das mit tiefer Überzeugung glauben.

Mir doch egal. Ich finde es gut und praktisch, da brauche ich keine Ideologie dahinter, dass der Konsumterror relativiert wird und vielen Leute das Besitzen von möglichst viel Plunder nicht mehr so wichtig ist. Wieviel emanzipatives Potenzial dahinter steht, werden wir sehen.

Das Heft spekuliert auch über die Frage „Können Frauen besser teilen? – In der Share Economy sind Teamfähigkeit und Empathie gefragt. Typisch feminine Eigenschaften. Sind Frauen damit einen Schritt voraus?“  Schöne Idee. Tatsächlich hat sich das Schweizer Gottlieb Duttweiler Institut damit intensiv befasst und herausgefunden: Frauen sind die besseren Sharer. Angeblich sind wir ja mehr zur Kooperation bereit und besser fähig, gemeinsam Erfolge zu erzielen. Männer dagegen haben angeblich als Kernkompetenz Selbstmarketing und Durchsetzungsstärke. Naja. Sehr viel Klischee dabei. Wenn Share Economy ein richtiges Erfolgsmodell wird, werden die Männer dabei sehr schnell vorne mitmischen.

Völlig überrascht war ich, als ich in diesem Heft – immerhin aus dem konservativen Burda-Verlag – sogar noch einen Beitrag über Polyamorie fand: Wir teilen uns den Lebenspartner. Offen gelebte Mehrfachbeziehungen, das akzeptieren die weitaus meisten Menschen nicht, weder bei sich selbst noch bei anderen. Egal wie progressiv oder konservativ sie sonst sind. „Was früher ein Tabu war, zieht heute mehr und mehr in den Mainstream“, so Franziska Wiegand in dem Heft. Mainstream sicher noch lange nicht, aber wenigstens nicht mehr tabuisiert. So fängt es an.

Und da sind wir wieder ganz bei den Emotionen und nicht mehr beim Materiellen.

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Wollen wir uns unsere Partner teilen? Wäre doch mal was Neues, was meinst du?

Über sunflower22a

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3 Antworten zu Wer teilt, hat mehr vom Leben.

  1. tikerscherk schreibt:

    Interessanter Text. Wusste nicht, dass es jetzt sogar schon ein Heft von Burda zum Thema Teilen gibt.
    Mich beschleicht ja der Verdacht, dass die Gründe zu Teilen bei Vielen wenig mneschenfreundlich motiviert sind, sondern beispielsweise bei Klamotten dafür sorgt, dass man Zugriff auf noch mehr hat, ohne den vollen Preis dafür bezahlen zu müssen.
    Im Grunde sind mir die Motive aber egal: ich finde es einen guten Hype.
    Und den Partner teilen? Da Liebe sich nicht teilt, geht es ja nur um Körper. Warum also nicht.

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