Businesswoman mit Kopftuch

Es war knapp, den Flieger in Istanbul noch zu bekommen. Fast wäre ich im Stau stecken geblieben. Erschöpft sinke ich in  den Sitz und döse kurz weg. Ich wache auf, als sich eine Frau neben mich setzt. Huch, warum so eine, denke ich mir. Eine Türkin mit Kopftuch. Sie sieht mich nicht besonders freundlich an, wahrscheinlich denkt sie dasselbe – warum ausgerechnet so eine neben mir.

Tagelang habe ich mir angehört, wie besorgniserregend die schleichende Islamisierung der Türkei sei. Ich habe bereitwillig allem zugestimmt, gegen Islamisierung und überhaupt gegen den Herrschaftsanspruch von Religionen habe ich etwas mit jeder Faser.  Und nun sitzt so eine neben mir.

Sie wirkt trotz ihres islamischen Outfits elegant, liest ausgerechnet in der Vogue und hat sogar dunkelrot lackierte Fingernägel. Ich fange an, neugierig zu werden. Ich stelle mir vor, bestimmt ist sie gebildet und klug und verpackt sich so aus freien Stücken, nicht weil sie unter der Kuratel irgendeines Macho steht. Zumal weit und breit kein Macho zu sehen ist, der auf sie aufpasst. Aber nein, ich fange kein Gespräch an.

Als wir die berühmte Reiseflughöhe erreichen, schreibe ich in meinem Notebook noch einiges auf, leider ist es unvermeidlich dass sie mitlesen kann. Irgendwann spricht sie mich in makellosem Deutsch an. „Erstaunlich, was Sie alles über die türkische Wirtschaft wissen. Gut beobachtet.“

Ich bin platt. Warum erstaunlich, frage ich. Sie schaut herablassend zu mir und sagt, nun ja, Businesswomen sehen eigentlich anders aus. Ich meine, ich sei keine Businesswoman, ich schreibe nur über Business. Ich antworte, ob sie denn eine Businesswoman sei? Ja, das sei sie. Sie komme aus Hannover. Aber sie habe Deutschland den Rücken gekehrt. Sie könne in Deutschland nichts werden, trotz MBA, wegen ihres Kopftuches werde sie diskriminiert. Ich antworte keck,  nun ja, die Deutschen stellen sich eine Businesswoman eben nicht so vor wie sie aussehe. Zornig schaut sie mich an. Aber solche Vorurteile wie Businesswomen auszusehen haben, habe sie ja auch, füge ich noch hinzu.

Sie sagt nichts mehr, schaut wieder in ihre Vogue. Ich klappere wieder mit den Tasten. Als ich aufhöre, schaut sie mich an. Sie sind keine Businesswoman, aber Sie sind eine kluge Frau, sagt sie zu mir, und zum ersten Mal klingt sie nicht kühl und abweisend.

Vielen Dank, und Sie sind das bestimmt auch, sage ich unsicher.

„Entschuldigen Sie, dass ich vorhin so hart zu Ihnen war. Ja, ich finde Sie sehen nicht  aus wie eine Businesswoman. Aber das tut mir leid. Verzeihen sie mir. Ich habe genau das getan, was ich an den Deutschen so schlimm finde. Und übrigens auch an den kemalistischen Türken. Sie schauen nur auf das Äußere. Die Person dahinter spielt keine Rolle. Bitte, ich würde mich nie so anziehen wie Sie, aber wenn eine Businesswoman das tun will, dann soll sie es tun.“

Ich bin erstaunt und verunsichert. „Ja, Sie haben recht. Und ich gebe zu, das was Sie gesagt haben habe ich über Sie nicht gesagt, aber gedacht. Wie wohl fast alle Deutschen. Sie denken wahrscheinlich ich bin ein Flittchen oder so ähnlich, ich denke beim Anblick von Frauen wie Ihnen an gehorsame unmündige Hausfrauen. Es tut mir auch leid.“

Sie schaut mich mit einem eigenartigen Gesichtsausdruck an.

„Schauen Sie, der Islam ist für mich eine Kraftquelle. Ich bin nicht verheiratet. Ich brauche das nicht. Warum glaubt ihr, religiöse Menschen und erst recht religiöse Frauen sind minderbemittelt?“

Au weia, es geht ans Eingemachte. Ich dementiere. Nein, das glaube ich nicht.

„Seien Sie ehrlich. Ich habe Ihren Gesichtsausdruck gesehen.“

Ich fühle mich unwohl. Sie hat mich in die Defensive gebracht, mit wenigen Worten. Das ist sehr ungewohnt für mich.

„Naja, das machen Sie doch auch. Frauen mit betont sexy Outfit halten Sie doch auch für Huren, oder?“

Jetzt sagt sie nichts mehr.

„Nein so schlimm ist es nicht. Aber ich verstehe was Sie sagen wollen.“

Der Typ neben uns versteht zum Glück kein Deutsch, aber er mustert uns misstrauisch.

Ich fasse mir ein Herz und sage ihr, warum müssen gerade Frauen sich eigentlich immer so schnell gegenseitig in Schubladen stecken. Warum können wir uns nicht einfach so akzeptieren wie wir sind?

Sie schweigt aber sieht mich zustimmend an.

Kennen Sie Fereshta Ludin, fragt sie mich.

Nicht persönlich. Aber der Name ist mir bekannt. Die Afghanin, die gegen das Kopftuchverbot an baden-württembergischen Schulen geklagt hat, den Prozess verloren hat und sich lieber kündigen ließ als auf ihr Kopftuch zu verzichten. Ich gebe zu, ich habe sie für bekloppt gehalten.

Sie meint, sie hätte es genauso gemacht. Sie bewundere Fereshta. Aber sie habe im Gegensatz zu ihr die Option gehabt, in die Türkei zu gehen, Fereshta sei aus Afghanistan geflohen, da könne sie natürlich nicht zurück. Deutschland sei ihre Heimat, aber Deutschland habe sie verstoßen. Jetzt sei die Türkei ihre Heimat. Aber sie habe einen deutschen Pass.

Ich fühle mich schuldig. Ja, ich auch. Auch ich bin intolerant gegenüber den Kopftuchträgerinnen, ich halte sie für dumm und beschränkt, eigentlich halte ich sie für Opfer die man retten muss. Zwangsassimilieren. Alles verbieten. Meine eigene lange Jahre mit Vehemenz vorgetragene Überzeugung wird mir peinlich. Schlagartig. Sowas ist mir noch nie passiert.

Ich schaue betreten auf den Boden.

Das tut mir leid, sage ich.

Sie deutet an, dass sie mir das nicht abnimmt.

Okay, ich gebe zu, ich hätte als Richterin dasselbe geurteilt im Falle Ludin. Aber warum eigentlich? Ja, Sie haben recht. Es ist ungerecht. Und dumm.

Die Durchsage kommt, wir beginnen den Landeanflug.

Wie heißen Sie, frage ich sie.

Nilüfer.

Nilüfer, schöner Name. Er klingt wirklich schön.

Nilüfer, ich danke Ihnen. Ich habe in ganz kurzer Zeit sehr viel verstanden. Nur wegen Ihnen. Danke.

Wie ist Ihr Name? – Isabel. – „Sie haben den Namen von Isabella, der Katholischen  Königin Spaniens. Sie hat die letzten Muslime aus Andalusien vertrieben. Andalusien war das liberalste, toleranteste islamische Land das es je gab. Eine Kultur, zerstört von Isabella und ihren  Vorfahren. Die Geschichte des Islam wäre ohne Isabella und ihresgleichen anders verlaufen, friedlicher, europäischer.“

Sie hat recht. Aber ich bin ja mit Isabella der Katholischen nicht verwandt. Leider fällt mir keine historische Nilüfer ein, die ich jetzt anführen könnte, die andere Schreckenstaten begangen hat.

„Nilüfer, bitte lassen Sie uns in Kontakt bleiben. Ich bin sehr von Ihnen beeindruckt.“

Sie sagt nichts.

Kurz vor der Landung  gibt sie mir ihre Karte. „Überlegen Sie es sich. Wenn Sie morgen immer noch mit mir in Kontakt bleiben wollen, schicken Sie mir eine Mail.“

Ich gebe ihr meine Karte. Wir landen. Am Gepäckband tut Nilüfer so als kenne sie mich nicht.

Ich schreibe ihr tags darauf die Mail. Keine Reaktion.

Irgendwie betrübt mich das, sie ist wirklich eine sehr interessante Frau.

Zwei Monate später kommt eine Mail von ihr. Sie komme wieder nach Deutschland, sie fände es schön mich zu treffen. Diese Mail hat mich sehr gefreut. Ich bin sehr gespannt auf sie.

 0646AP (17)

Ich bevorzuge solche Outfits. Aber ein Kopftuch ist auch okay.

Über sunflower22a

I am a mystery.
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3 Antworten zu Businesswoman mit Kopftuch

  1. Rano schreibt:

    Schöner Artikel! Und er hat – wenig überraschend – mit Istanbul zu tun. Eine fazinierende Stadt voller interessanter Menschen.

    Allerdings habe ich trotzdem was gegen Kopftücher (und dicke Goldkreuze, Verschleierung u.ä.). Weil sich Erstens zwar jeder gerne einen beliebigen virtuellen Freund zulegen kann, wenn er sich damit besser fühlt und die Nichtigkeit unseres Daseins leichter ertragen kann. Aber Religion ist meiner Meinung nach etwas Privates und hat in der Öffentlichkeit nichts verloren.

    Und Zweitens soll sich wegen mir jeder so kleiden dürfen, wie es ihm/ihr behagt, aber ich glaube, dass man meiner Familie und mir umgekehrt diese Freiheit nicht zugestehen würde, wenn man denn könnte.

  2. Pingback: Besuch aus Ankara | sunflower22a

  3. Andi Latte schreibt:

    Nilüfer, aus dem Persischen: Seerose. Wirklich schön!

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