Entschleunigung

Entschleunigung ist en vogue. Zumindest verbal. Seit vor über 10 Jahren die ersten Philosophen und Kulturkritiker den Begriff erfanden, wurde er rasch populär. Diese Philosophen und Buchautoren mussten dann mit ansehen, wie sich ihr persönliches Leben wieder beschleunigte, weil ihre Vorträge so gefragt waren. Real hat sich aber auch für alle anderen Menschen nichts entschleunigt, weil die Idiotie der ständig steigenden Effizienz immer noch alles andere dominiert und uns alle terrorisiert. Man kann sehr wohl Entschleunigung toll finden und trotzdem nichts davon umsetzen, so wie die Raucherin die immer davon redet, sie würde aufhören.

Da brauche ich nur mich selber anzusehen. Wer kennt nicht die schreckliche Szene, wenn du im Zeitdruck bist und nur noch schnell was einkaufen willst. Und dann ist jemand vor dir an der Kasse und sagt den entsetzlichen Satz „Moment, ich habs passend.“ Und dann geht es los, das Kleingeld-Kramen, und dann verrechnet sie sich – „Nein, das stimmt noch nicht, es fehlen noch vier Cent“ – „Das kann nicht sein, ich hab es genau gezählt“ – „hier, schauen Sie, zehn, zwanzig, dreißig, und dann sind das hier aber nur zwei Cent“ – „ach so, also gut“. Wie oft habe ich diese Leute verflucht.

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Oder du versuchst auf dem leider recht vollen Bürgersteig voranzukommen, ständig dieser langsam schlendernden Zweier- und Dreiergruppen vor dir, und dann trottet auch noch diese Tussi vor dir die überhaupt nicht auf ihre Umgebung achtet sondern an ihrem Smartphone rummacht. Und natürlich im Schneckentempo geht.  

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Oder der Aufzug, der in unerträglicher Langsamkeit nach oben kriecht und die Tür erst nach gefühlten 5 Minuten Wartezeit aufmacht.

Oder die Analphabeten, die am Automaten nichts kapieren und ständig von vorne anfangen, während dein Zug schon einläuft und due jetzt wohl doch ohne Fahrschein einsteigen musst.

Oder die Egoisten, die die ganze Breite der Rolltreppe belegen und einfach niemanden durchlassen wollen.

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Wie oft habe ich sie verflucht, wegen denen komme ich jetzt zu spät, verdammter Mist. In Wirklichkeit komme ich natürlich nicht wegen denen zu spät, sondern weil ich zuviel in völlig unrealistische „effiziente“ Zeitpläne packen will. Weil ich mir meine Zeit eben nicht richtig einteile und selber natürlich nie schuld bin.

Heute will ich euch Nervensägen und Phlegmaten mal danken. Ihr seid der wahre Sand im Getriebe der Effizienz-Idiotie. Es sollte noch mehr von euch geben. Und der Clou ist: es werden immer mehr von euch. Je mehr der Beschleunigungs-Wahn um sich greift, desto mehr Leute bleiben auf der Strecke und werden zu genau den Effizienzbremsen, über die ich mich jeden Tag ärgere. Irgendwann gehöre ich selber dazu.

 rolltreppe

Über sunflower22a

I am a mystery.
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