Der ausgefallene US-Angriff auf Syrien und wer den großen Krieg wirklich will

Die Tragödie in Syrien ist zum Heulen. Und die Oberflächlichkeit der Diskussion und Berichterstattung darüber auch. Wirkliche Analysen findet man in den Mainstream-Medien nicht. Selten hat sich die Perspektivlosigkeit amerikanischer – oder westlicher – Nahostpolitik so krass gezeigt wie in diesen Tagen. Nach der blamablen Unterhaus-Abstimmungsniederlage Camerons wurde deutlich, wie sehr den Anhängern der „militärischen Bestrafung Assads“ das Gespür für die Stimmung im Volk, ja sogar in ihrer eigenen Parlamentsfraktion verlorengegangen ist. In der Disziplin des machiavellistischen Durchsetzens eigener Interessen sind Putin und Assad offensichtlich dem Westen zurzeit klar überlegen. Obama hat gerade noch die Kurve gekriegt. Der Chemiewaffendeal war quasi die Unterwerfung unter ein meisterhaft inszeniertes Moskauer Machtspiel, aus purer Not, weil man irgendwie aus seiner selbstverschuldeten Sackgasse wieder rausmusste.

Aber was wollte „der Westen“ eigentlich? Längst war doch klar, der arabische Frühling führt alles andere als direkt zu einer „westlichen Demokratie“. In Syrien ist aus dem bewundernswerten Aufbegehren einer zivilen Opposition für mehr Freiheit längst ein sinnloses Gemetzel geworden, bei dem religiöse Fanatiker das Regime und genauso die nicht auf ihrer Linie liegende Zivilbevölkerung brutal angreifen und das Regime mit ebenso skrupelloser Brutalität seine Macht sichert. Es gibt genug Grund zu der Annahme, dass nach einem Fall des Regimes der Bürgerkrieg alles noch viel schlimmer würde.

Die Gutmenschen im Westen schwanken zwischen dem Ruf nach „humanitärem Bombardement“, um angeblich Assad zu bestrafen – den sie aber nicht treffen würden. Bestraft würde wie fast immer bei sowas in erster Linie die Zivilbevölkerung. Andere schreien, um Himmels willen, „kein Krieg“. Als  ob es dort nicht bereits einen Krieg mit 100 000 Toten geben würde. Für diese Sorte Gutmenschen zählt ein Krieg nur als Krieg, wenn US-Flugzeuge mitmischen.

Ich habe prinzipiell nichts gegen „humanitäre“ Interventionen, wenn sie wirklich humanitär sind. Der französische Einmarsch in Mali war humanitär, er bringt Frankreich nichts, aber die Zivilbevölkerung Malis wurde mit wenig Aufwand vor einer marodierenden islamistischen Verbrecherhorde gerettet. Und wenn diese Taliban dabei draufgehen, ist nichts verloren. Nur ein toter Taliban ist ein guter Taliban. Als Frau in Mali wäre ich heute der größte denkbare Frankreich-Fan. Das einzige, was man Frankreich vorwerfen kann, ist solange gewartet zu haben. Aber solche „humanitären“ Interventionen gibt es nur, wenn sie leicht und reibungslos ablaufen, also nicht viel kosten. Alles was viel kostet, dient in erster Linie eigenen Interessen. So ist es in Syrien.

Also, was sind die eigenen Interessen in Syrien? Da fängt das Problem an. Eine prowestliche Halbdemokratie ist so ziemlich das einzige Ergebnis des Krieges in Syrien, was man definitiv ausschließen kann. Kaum zu fassen ist aber, dass einflussreiche Kreise in Washington vor diesem Hintergrund überhaupt noch auf die Idee kommen können, Assad anzugreifen. Ziehen die USA jetzt wieder gemeinsam mit Al-Qaida in den Krieg, wie schon in den 80er Jahren mit den Mudschahedin  in Afghanistan? Gegen die Russen und ihre Vasallen ist anscheinend immer noch jeder Verbündete  recht. Wer kann ein Interesse daran haben, dass sich in Damaskus ein sunnitisch-fundamentalistisches Terrorregime etabliert, das im Gegensatz zu Assad nicht berechenbar wäre?  Wahrscheinlich würde ein solches sunnitisch-fundamentalistisches Regime die schiitische Hizbollah im Libanon in Kürze angreifen, und damit ein weiteres Land ins Kriegschaos stürzen. Im westlichen Interesse?

Nein. Aber im Interesse einer aggressiven sunnitisch-fundamentalistischen Strömung, die in den Golfmonarchien den Ton angibt – allen voran in Qatar, und die in Erdogans Türkei immer stärker wird. Mit Geld aus Qatar und Saudi-Arabien. Geld, das letztlich von uns europäischen und amerikanischen Erdöl-Süchtigen stammt. Auch die sunnitisch-islamistische Türkei hat die von Außenminister Davutoglu einst ausgerufene Politik der „null Probleme mit den Nachbarn“ längst ad acta gelegt. In Ankara träumen immer mehr Erdogan-Anhänger von einer Neuauflage des Osmanischen Reiches. Und auch dafür passt die ständige Destabilisierung des schiitisch dominierten Irak ins Bild. Dafür lässt Erdogans Türkei sogar die irakischen Kurden, lange die Erzfeinde der nationalistischen Militärs, in Ruhe – die Kurden sind schließlich Sunniten.

Selbst halbwegs rational denkenden Israelis -kann es angesichts einer Perspektive eines von sunnitischen Extremisten dominierten Syrien nur den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Sie würden sich bald nach ihrem alten Erzfeind Assad zurücksehnen.

Aber rational denkende Israelis sind eine aussterbende Spezies. Lange vorbei die Tage eines Yitzhak Rabin, der wirklich Frieden mit den Palästinensern und der arabischen Welt wollte. Lange vorbei auch die Tage eines Menachem Begin, der Frieden mit Ägypten schloss, und eines Yitzhak Shamir, der zum ersten Mal mit den Palästinensern verhandelte. Heute regieren in Israel nationalistische Kriegstreiber, religiös-fundamentalistische Kolonialisten und chauvinistische Halbfaschisten, die sich gegenseitig in antiarabischem Rassismus überbieten. Gegenüber diesen Typen wirkt selbst Netanyahu noch „gemäßigt“. Und sie werden getragen von einer immer aggressiveren Stimmung im Volk. Sie wird hauptsächlich getragen von jungen Israelis, die in ihrer chauvinistischen Grundhaltung gegenüber ihren arabischen Nachbarn immer schlimmer werden. Sie wollen in großer Mehrheit den Krieg, sie wählen diese ganzen rechtsradikalen Fanatiker, die in Israel heute den Ton angeben. Sie sind immer noch frustriert, dass die USA immer noch nicht den Iran bombardiert haben – einen Frust, den sie mit den Saudis teilen. Solange der verrückte Ahmadinedschad noch den Iran regierte, konnte man noch hoffen dass es irgendwann noch klappt mit dem US-Angriff. Der unerwartete Wahlsieg des Reformers Rohani war für diese Leute eine Katastrophe.

Wer also will einen US-Militärschlag gegen Assad? Geht es wirklich nur darum, dass Obama ein Problem damit hat, sein „Gesicht zu wahren“, seine „Glaubwürdigkeit zu retten“, nachdem er mal den dummen Spruch mit der roten Linie gebracht hatte? Nein. So plump läuft diese Entscheidung nicht.

Wer also pusht wirklich für einen Angriff der USA auf? AIPAC. Die neokonservative Hardcore-Israel-Lobby in Washington. Das American-Israel Public Affairs Committee. Diese Leute haben enormen Einfluss in Washington, und zwar in beiden Parteien.  Sie machen enorme Lobbyarbeit für einen Militärschlag gegen Assad.  Ein Äquivalent  für AIPAC gibt es zum Glück in keiner europäischen Hauptstadt. Auch nicht in London.

Es gibt vieles im Nahen und Mittleren Osten, was einen zum Heulen bringen kann, Diktaturen Unterdrückung und Kriege. Solange sich der Westen raushält, hat allerdings weder die Neo-Militärdiktatur in Ägypten noch der syrische Bürgerkrieg noch die dünne Pseudo-Frieden im Irak das Potenzial, die ganze Region in einen Flächenbrand zu stürzen.

Dieses Potenzial haben die neokonservativen Israel-Hardliner, und die sunnitischen Kreuzzügler am Golf, allen voran in Qatar und Saudi-Arabien – wenn sie die USA für ihre Zwecke instrumentalisieren können.

Und so kommen wir zum perversen Kern des Problems: die größte Kriegs- und Konfliktgefahr im Nahen Osten sind also neokonservative Hardliner in Israel und sunnitische Kreuzzügler gegen die Schia. Qatarisches und saudisches Geld und israelische und israelfreundliche Strippenzieher sorgen dafür, dass der Irak nicht zur Ruhe kommt, dass Syriens Opposition heute von terroristischen Islamisten dominiert wird, dass der Palästinakonflikt nicht gelöst sondern die zionistische Kolonisation Palästinas immer weiter vorangetrieben wird bis es auch dort zum einem Bürgerkrieg kommt, und so weiter.

Und der eigentliche Skandal: diese beiden Kriegstreiberfraktionen sind beide mit „dem Westen“ verbündet. „Wir“ brauchen ihr Öl und liefern ihnen dafür die vielen Milliarden. Und die Israel-Lobby darf sowieso alles, vor allem in Washington und Berlin.  Israel ist der einzige Staat der sich um das Völkerrecht nicht zu scheren braucht. Und die allerbeste Rolle spielen die Deutschen: wir suchen uns nur die Rosinen aus. Die unangenehmen Seiten, die echten Kriege überlassen wir getrost den Amis und Briten. Aber bei den „angenehmen“ Teilen dieser zynischen Politik sind wir gerne dabei – deutsche Wertarbeit in Form modernster Waffen liefern wir den Israelis und den Golfmonarchien immer gerne. Widerwärtig.

Und P.S.: Putin ist ein Halunke ersten Ranges. Aber wir können froh sein, dass er die USA und ihre Freunde, die neokonservativen Israel-Hardliner und sunnitischen Kreuzzügler gegen die Schiiten, so gekonnt in die Schranken verwiesen hat. Aus purem Eigeninteresse, natürlich. Wie alle anderen auch. Der Region steht noch viel, viel Leid bevor. Es ist einfach furchtbar.

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