Die politisch korrekten Lohas und meine überraschenden Gemeinsamkeiten mit ihnen

Mit Menschen, die so richtig politisch korrekt sind, habe ich privat nicht viel zu tun. Manchmal kommt es aber vor, dass man in andere Kreise gerät. Durch einen Zufall lande ich auf einer Geburtstagsparty, bei der ich nur das Paar kenne, das mich da hingeschleppt hat.  Ich bin ja von Natur aus neugierig, und wer sich auf türkische Hochzeiten und russische Trinkgelage traut, kann auch mal bei der „Lohas-Mittelschicht“ vorbeischauen. Lohas, Lifestyle of health and sustainability. Das sind Leute, die die Welt durch bewusstes Einkaufen verbessern wollen, während Leute wie ich dem hirnlosen Konsumwahn verfallen sind.

Es ist nicht so, dass sie nicht nett wären. Sehr nett sogar, so wie die oberflächliche höfliche immer freundlich lächelnde Nettigkeit der Amerikaner. „Schön Sie zu treffen“ werde ich begrüßt, genau, kommt von „nice to meet you“. Ich gratuliere dem Geburtstagskind, junge Anwältin, 35 ist sie geworden. Bei aller Nettigkeit mustert sie mich doch aus dem Augenwinkel mit einem Röntgenblick, der nichts Gutes verheißt. Das Buffet ist vegetarisch, überwiegend vegan, meine flapsige Bemerkung wo denn die Hackfleischbällchen seien, kommt nicht gut an. Außer mir kichert niemand. Hm.

Man kommt ins Gespräch, das Wetter, Probleme der Kindererziehung, der Immobiliensuche, die Talkshow gestern abend und wer da so alles mögliche zum besten gegeben hat. Und irgendwie auch Politik, oder das was sie dafür halten.

Der Veggie-Day. Soll man den jetzt fordern, vorschreiben, oder ablehnen? Da sind die Meinungen sehr geteilt. Am Ende setzt sich die Meinung durch, gesetzlich vorschreiben sollte man es nicht aber durch sozialen Druck sollte es sich als politisch korrekte Verhaltensweise etablieren.

Das Asylbewerberheim in Hellersdorf. Also nein, diese Nazis im Osten, ganz furchtbar. Für die habe ich ja auch keine Sympathie, aber jetzt spiele ich mal advocata diaboli. Ich mime die Konservative, kaum zu glauben. »Ja sicher sind die Hellersdorfer unzivilisierte Halbnazis, aber mal ehrlich: wollen Sie neben so einem Heim wohnen? Sicher, niemand hier würde dagegen so protestieren wie die, aber wehren würden Sie sich doch auch, oder?« Schweigen. Niemand widerspricht mir. Eine sagt dann, so ein Heim müsse schon in sein Umfeld passen, und generell müssten wir wirklich mehr Flüchtlinge aufnehmen, es sei ja beschämend. Ich beharre weiter, und es dauert nicht lange, und es stellt sich heraus: niemand von ihnen will neben Flüchtlingen wohnen, niemand von ihnen kennt irgendwelche Migranten oder Flüchtlinge, aber alle sind für Multikulti und finden es gut, dass die Parteien türkische Kandidaten aufstellen.

Ja, überhaupt die Parteien, die seien ja nicht überzeugend, meint dann die Gastgeberin, aber die Merkel, die sei schon gut. Ach je. Warum, will ich wissen. Sie sei überzeugend, ruhig, nicht so ein Raufbold wie Schröder, nicht so arrogant wie Steinbrück, irgendwie sympathisch. Ich ahne, dass ich schon wieder auf dem Weg bin, mich unbeliebt zu machen. Aber was ist mit ihrer Politik? Sympathisch, ruhig, arrogant, ist doch egal – wenn die Politik stimmt ertrage ich auch Unsympathen, und wenn die Politik falsch ist nützt mir Sympathie auch nichts. Aber sie findet nicht viel Falsches an Merkels Politik, das sei doch eigentlich alles mehr oder weniger Konsens. Die CDU habe sich auf die Rot-grünen zubewegt, Energiewende Homoehe Wehrpflichtabschaffung undsoweiter, und die Rotgrünen hätten sich auf die CDU zubewegt.

Da widerspreche ich noch nicht mal, außer dass ich diesen Tatbestand eben nicht so gut finde wie sie. Anfangs denke ich noch, bald bekommen wir richtig Streit. Die Anwesenden haben klare Sympathien für entweder CDU oder Grüne oder beide. Ich nicht. Steuererhöhungspläne der Opposition finden sie alle hochgradig Mist, aber sie glauben, Merkel werde das nach der Wahl auch machen. Also eigentlich egal wen man wählt. Irgendwie alles dasselbe. Eigentlich könne man auch zuhause bleiben, Merkel gewinne sowieso und mit wem sie koaliere sei eigentlich egal.

Stimmt. Finde ich auch. Sehr komisch, dass ich mit Leuten zu derart vielen Übereinstimmungen gelange, deren ganzen Habitus und deren Meinungen ich eigentlich überwiegend nicht gut finde. Ich wollte advocata diaboli spielen und bin abgeprallt, nirgendwo eine Gelegenheit für eine schöne Kontroverse, alles ist irgendwie egal.

Selbst  bei dem überraschend auftauchenden Thema Barbie House muss ich den jungen Lohas-Müttern noch zustimmen, Hilfe. Sie verstehen gar nicht worüber sich da manche Leute und diese extremistischen Feministinnen so aufregen, das sei doch völlig harmlos und echt ein totales Randproblem. Sehe ich auch so. Ich finde Barbie bekloppt und eine Linke, die sich lieber darüber aufregt statt Politik zu machen, ist ein Teil des Problems.

Ich verlasse die Party und bin echt ratlos. Ich verstehe: Politik ist beliebig, austauschbar und egal. Debatten über individuelles (politisch korrektes) Verhalten sind en vogue und werden immer mehr zum Ersatz für Politik. Das sehen die so und ich auch. Nur ich finde es doof und sie finden es okay. Wie man das wieder ändern kann, ich habe absolut keine Ahnung.

Und zum Schluss empfehle ich noch einen wunderbaren Blogbeitrag von kiezneurotiker über die Hysterie über politische Korrektheit, die inzwischen an die Stelle von Politik getreten ist und die jeden Tag das System Merkel aufs Neue stabilisiert. Pointiert und 100% ins Schwarze getroffen.

 0408AP (11)

Politisch korrekt ist es, nicht mehr Bier aus der Flasche zu trinken, sondern Öko-Darjeeling aus der Kanne

Über sunflower22a

I am a mystery.
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