Eine Zugfahrt, die ist lustig

Nein, keine neue Horrorstory über den Pleiten, Pech und Pannen-Konzern Deutsche Bahn. Es soll sie ja noch geben, die Züge, die planmäßig fahren, wo alles klappt. Ehrlich gesagt, mehr als man glaubt. Ich liebe sie, diese Zugfahrten. Wenn du zu verkehrsarmen Zeiten fährst, kann das sehr komfortabel sein, sogar in der 2.Klasse. Jede und jeder hat genug Platz und machen was sie will. Filme schauen, dösen, sich unterhalten, endlos telefonieren, futtern, lesen, laptoppen oder ipadden….alles kein Problem.

Aber wehe wenn es voll wird. Da nützt dir auch die erste Klasse nichts mehr. Du wirst Teil eines Soziogramms, das genau so skurril wie das Leben ist. Der alltägliche Wahnsinn. Und es hängt ganz von deiner aktuellen Laune ab, ob du es verfluchst oder als  kostenlose Satireveranstaltung empfindest.

Ich habe mir rechtzeitig einen Sitzplatz reserviert, Fenster, Tisch, Onlinezugang, klingt nach allem was du brauchst. Leider, leider – die Fahrt ist fest eingeplant in einen eng getakteten Tag, und die Fahrzeit ist als Arbeitszeit eingeplant. Eine Recherche will geschrieben werden, eigentlich sind alle Rohinformationen gespeichert aber wer weiß, ab und zu mal ins Netz gehen kann schon nötig werden.

Und dann komme ich an den reservierten Platz, und an dem Tisch sitzen vier Menschen. Zwei Männer mit Laptop belegen mindestens drei Viertel des Tisches. Und 100% der Steckdosen. Glücklicherweise sitzt einer davon auf meinem Platz, den darf ich jetzt vertreiben. Er hört aber nichts. Oder will nichts hören. Vollgestöpselte Ohren und ein anscheinend sehr spannender Film. Sieht nach irgendwelchen Außerirdischen aus, die sich mit der US-Armee kloppen, wie doof. Ich tippe ihn an. Keine Reaktion. Noch ein Versuch. Sinnlos. Ich klappe ihm den Laptop zu.

Wütend faucht er mich an, was soll das.

„Sie sitzen auf meinem Platz, junger Mann. Tut mir leid.“

„Na und?“

„Entweder Sie stehen jetzt auf oder es gibt Ärger.“

Fluchend macht er Platz.

Die zwei Frauen schauen mich an wie einen Eindringling. Was will die denn hier, ist die Botschaft. Beide wohl Mitte Dreißig, mit Lady Diana-Frisur und unauffällig gekleidet. Sie könnten aus dem Modemekka Minden kommen, denke ich….

Nun habe ich meinen Platz. Ach ja, ich wollte ja arbeiten. Als ich nun meinen Laptop raushole, treffen mich die giftigen Blicke aller drei anderen am Tisch. Der Typ am Laptop verschiebt sein Gerät, um rechtzeitig noch etwas mehr Platz zu besetzen, und die Hand mit der Maus bewegt sich mehr als 10 cm vom Gerät weg, er okkupiert jetzt mehr als die Hälfte des Tisches.

„Entschuldigung, darf ich auch ein bisschen Platz haben?“

Keine Reaktion. Dabei hat er gar keine Ohrstöpsel.

Jetzt schiebe ich seinen Kasten weg und schaffe mir Platz.

Er grunzt. „Alte, was soll das?“

„Sie sind ein Imperialist, junger Mann. Aber Sie haben ein Recht auf genau ein Viertel dieses Tisches. Mehr nicht.“

Er grunzt wieder.

Vom Tisch gegenüber gibt jemand gerade eine komplette Umsatzstatistik eines Unternehmens über das Handy durch, ständig unterbrochen von „Hallo? Bist du noch da?“. Sein Nebensitzer verbreitet den Geruch eines Cheeseburgers durch den ganzen Waggon, den er gerade schmatzend und mit glücklichem, in sich selbst ruhendem  Buddha-Lächeln verspeist. Mein Magen meldet sich. Ach nein, Aufstehen und meinen hart erkämpften Platz räumen um mir was zu holen? Nein, auf keinen Fall.

Die beiden Lady Dianas an meinem Tisch haben leider nichts dabei, was sie beschäftigt. Solche Zug-Zeitgenossen sind sie schlimmsten. Manche diese Leute versuchen krampfhaft, dich in ein Gespräch zu verwickeln und merken einfach nicht wenn du nicht willst.

Das versuchen die  beiden nun nicht, die haben ja sich selbst. Noch nicht.

Sie mustern mich mit durchdringendem missfallendem Blick. Richtig unangenehm.

Es hilft nichts, ihre tiefschürfenden Gespräche in hessischem Dialekt lenken mich wirklich ab. Und ich habe keine Kopfhörer dabei. Bei der Lautstärke würden sie wohl auch nicht viel helfen.

„Ja die Christina, die will ja unbedingt ein Kind, aber es wird nix. Kee Eischprung. Da kommt nix. Aber sie hat en reichen Freund, der zahlt da jetzt so e Behandlung.“

Na wunderbar. Gut dass wir das jetzt alle wissen.

„Womit i ja au ned arbeide könnd, das wärn alde Leud. Des könnd i ned. Dann schon eher mit Kinder.“ – „Nee, mit Kinder, das wär nix für mich“ – „Ja, stimmt, normale Leud, des isch scho am beschde“.

Kinder und  Alte sind keine normalen Leute. Au weia.

Danach geht es um Inga. Inga, also die, schlimm. Wirklich schlimm. Ganz entsetzlich. „Du kennsch se ja. Mit de  Männer hat die ja scho immer Scheiß baut. Kennsch ja den Hänger mit dem sie zuletscht zusamme war, dem alles egal war und die Freundin im Stich ließ. Ja dann ging sie fremd mit so einem Arzt, Ausländer, Südamerikaner oder so, der ihr was vorgemacht hat, so abartige Sachen beim Sex, der hat sie reingelegt. Und dann ist sie zusammengekracht, und nimmt jetzt  nur noch Psychopharmaka.“  – „Du, da isch se selber schuld, wie kammer au sowas mache.“

Nichts wie weg. Aber nirgendwo auch nur Andeutungen eines freien Sitzplatzes.

Es war wohl unvermeidlich, dass ich  irgendwann mit denen aneinandergerate. Irgendwann muss ich mal auf Toilette. „Darf ich mal raus?“ Missbilligende Blicke der Lady Diana neben mir. Sie steht auf.

Als ich wiederkomme, ignoriert sie mich.

„Darf ich mal wieder an meinen Platz?“

Wortlos steht sie auf.

Als ich sitze, schaut sie mich an wie Mama ihre 17jährige Tochter. „Sage Se emol, isch Ihne eigentlich zu warm?“

„Nein, ich musste mal auf Toilette, das ist doch nix schlimmes?“

„Nee, weil Se so rumlaufed mit dem naggde Bauch.“

„Nur deswegen ist mir nicht zu warm. Sollten Sie auch mal machen, wenn Ihnen  zu warm ist. Das wirkt.“

„Aasgeschlosse, des is jo unanständig.“

„Finden Sie?“

„Jo nadierlisch. So wie Sie däd i uf keene Foll rumlaafe. Ned blos der naggde Bauch, mit so Riese-Ohrringe, des isch doch a gfährlich, wenn man da wo hängebleibd.“

„Übungssache, glauben Sie mir.“

„Trotzdem, wemmer Sie so sieht, do komme die Männer auf dumme Gedanken.“

Der Laptop-Typ  mir gegenüber sicher nicht. Der würdigt mich keines Blickes, sondern nutzt die Gelegenheit, sein Territorium wieder auszuweiten. Ist mir jetzt egal. Irgendwie muss ich Lady Diana jetzt mal abschütteln.  Ich beschließe, in die Offensive zu gehen.

„Das ist doch gut, wenn die Männer auf dumme Gedanken kommen, glauben Sie mir, das ist ganz einfach. Sie brauchen dafür nur ein bauchfreies Top und natürlich einen schönen Bauch, Lippenstift, Nagellack, ein bisschen mehr Schmuck als üblich…“

„Um Himmels wille. Nagellack kommt mir ned in die Tüde.“

Jetzt schaltet sich endlich auch mal die andere Lady Diana ein. „I hob des aa scho emol gemacht. Aber doch ned rot. Klarlack, das hat schön geglänzt.“

„Ja, aber damit fallen Sie bei den Männern nicht wirklich auf. Rot ist besser. Schwarz oder lila geht auch. Aber rot ist am besten.“

Eine dröhnende Durchsage der Bahn unterbricht das Gespräch. In a few minutes we arrive at Hanau. Sänk yu for träwelling Deutsche Bahn.

Ich versuche endlich das zu tun was ich unbedingt vorhabe. Ich mache mich an meinen Text.

Die Diana neben mir verstummt. Mit Argusaugen beobachtet sie was ich mache. Und liest mit. Unverhohlen. Es nervt richtig.

„Sage Se emol, dass Sie so anspruchsvolle Tegschde schreibet, hätt ich Ihne jo gar ned zugetraut.“

„Warum?“

„Ja so wie Sie rumlaafed.“

Ich kann mir nicht helfen und muss schallend lachen. Auch im Hintergrund unüberhörbares Gekicher, offenbar haben wir Publikum.

Bevor Diana antworten kann, muss sie eine Bedrohung abwehren. Ein dicker Mann mit einem noch dickeren Rucksack ist in Hanau zugestiegen und kommt an unseren Tisch. Alleine möchte ich dem nicht begegnen. Er erklärt im Kommandoton: „Aufstehen! Das ist mein Platz! Ich habe reserviert!“

Diana faucht ihn an „Nein, ICH habe reserviert.“

Hervorragende Gelegenheit, mich wieder meinem Text zu widmen.

Die Situation eskaliert als die rollende Minibar auftaucht. Das dicke Hindernis ist unüberwindlich und weigert sich, die Minibar durchzulassen. Beide Dianas nutzen die Gelegenheit und bestellen einen Kaffee. Der Dicke verkündet: „Sie werden hier gar nichts mehr bestellen, sondern endlich aufstehen.“ Der Minibarmensch kann nur rudimentär Deutsch, schafft es aber charmant die Lage zu entschärfen: der Dicke hat sich im Wagen geirrt. Grummelnd zieht er ab, allerdings muss die Minibar dafür erst einmal 50 Meter rückwärts fahren, weil er sonst nicht durchkommt mit seiner Mülltonne auf dem breiten Rücken.

Ich schalte ab, höre nur noch „Soviel Drinkgeld hosch du dem gebbe? Des machsch du doch sonschd nedd“,  und komme endlich dazu produktiv tätig zu werden. Okay, der ICE-Online-Zugang entpuppt sich als leeres Versprechen, was solls. Eigentlich stört mich jetzt nur noch, dass Diana alles mitliest, so war das nicht gedacht. Irgendwann wird es ihr zu langweilig und sie plappert wieder mit der anderen. Ich höre im Hintergrund irgendwas von Belastungsgrenzen und Psychosen und Inga und Karin.

Der Laptop-Imperialist versucht periodisch neue Gebietseroberungen, die ich zunehmend routiniert abwehre.

Tatsächlich, ich habe am Ende den Text fast fertig. Der Zug kommt pünktlich an. Ich freue mich schon auf die nächste ICE-Fahrt in einem vollen Zug. Aber die Ohrstöpsel, die sollte ich doch besser mitnehmen.

 dlw

Zuhause ist es doch gemütlicher als im ICE…

Ausgefallene schöne bauchfreie Mode gibt es übrigens  hier zu sehen.

Über sunflower22a

I am a mystery.
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2 Antworten zu Eine Zugfahrt, die ist lustig

  1. kiezneurotiker schreibt:

    „Sie sind ein Imperialist, junger Mann.“ Fantastisch!🙂

  2. Pingback: Lesebefehle, Metal-Bands, NSA-Affäre, Kanzlerduell, Zugfahrt, Mietpreise, Reisebericht, Feierregeln, Demokultur – 1ppm von Johannes Mirus

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