Fast Food ist ungesund – am meisten für die Mitarbeiter

Samstagnachmittag ist eigentlich nicht die Zeit für völlig überfüllte Züge, denke ich mir. Wochenend-Ausflüge beginnen doch spätestens Samstag vormittag. Also verzichte ich auf Platzreservierung. Welch ein Irrtum. Völlig überfüllt ist der ICE. Es bleibt also bei einem Sitzplatz auf dem Boden, ständig steigt jemand über dich hinweg (wohin wollen die eigentlich immer????). Und dann die Durchsage, der Zug hat einen technischen Schaden und darf nicht so schnell fahren wie üblich. Haben wir soviel Übergewicht durch die vielen Leute? Also – der Anschlusszug ist schon mal weg.

Und so strande ich in Braunschweig Hbf. Ein kalter, zugiger Bahnhof ohne DB Lounge. Und ich merke, ein bisschen was zu futtern wäre jetzt eine gute Idee. Als erstes gibt es da eine zwielichtige Dönerbude, Eurodöner heisst sie – Eurodönerkrise fällt mir da sein, nein das esse ich nicht. Dann kommt Burger King, und gleich daneben McDonalds. Und so ein Stehimbissbäcker, nur alte Brötchen. Ist ja eine kulinarische Wüste hier. Schauen wir mal vor dem  Bahnhof, Ditsch… immer das gleiche stundenlang vorgewärmte Zeug. Und dann kommt da noch eine unscheinbare Imbissbude. Normalerweise hätte ich sie keines Blickes gewürdigt, aber ich habe jetzt langsam keine andere Option mehr.

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Eine freundliche ältere Dame steht in dieser „Mobilgastronomie“, vielleicht schon an die 70, ich erschrecke, Altersarmut, wie furchtbar, muss die Ärmste hier etwa ihre Hungerrente auffrischen? „Junge Frau Sie sehen hungrig aus“, welch eine charmante Begrüßung, und so ist es ja auch. Aber so richtig vertrauenerweckend sieht das Angebot nicht aus, doch die gute Frau zerstreut wortreich alle Zweifel, und am Ende wird es die Currywurst. Die Charmeoffensive nimmt ihren Höhepunkt als ich eine vermutlich doppelte Portion bekomme – „Sie müssen etwas essen, glauben Sie mir! Ich weiß wovon ich rede!“ – Widerstand ist zwecklos. Das Zeug schmeckt besser als erwartet, jedenfalls die Wurst, die Pommes dagegen….naja ranzig ist übertrieben, aber geschmacklos trifft es in etwa.

 Ich kämpfe redlich, alles schaffe ich nicht – „Junge Frau, das können Sie doch nicht stehen lassen!“ – nun jetzt muss ich mir etwas einfallen lassen. „ich muss gehen, mein Zug kommt!“ Pustekuchen – die gute Oma ist nicht so einfach auszutricksen, in Braunschweig fahren nämlich gar nicht so viele Züge, und sie weiß, der nächste Zug fährt erst in einer Viertelstunde. „Sie haben noch Zeit, essen Sie!“. Ach je. Nur mit dem allerfreundlichsten Lächeln zu dem ich imstande bin, gelingt es mir, sie davon zu überzeugen dass mehr nicht geht. Und nun aber zum Zug – der kommt zwar noch nicht, aber jetzt ist der richtige Zeitpunkt sich zu verabschieden. War irgendwie nett, aber ein bisschen alarmiert bin ich schon wie tief bei der alten Frau die Angst vor dem Hunger sitzt…

 Irgendwie ist es schon pervers. Wegen miserabler Arbeitsbedingungen, Mini-Jobs und Mini-Löhnen (zum Beispiel in der fast Food-Branche) bekommen die Leute Mini-Renten. Das bedeutet, sie müssen auch als Rentner was dazuverdienen – zum Beispiel in genau der Fast Food-Branche, in der sie um ihre verdiente Rente gebracht wurden. Also einfach arbeiten bis zum Umfallen – früher konnte man mit 65 in Rente gehen und es hat zum Leben gereicht. Kalte Enteignung durch asoziale Politik. Das Endergebnis sind dann Leute wie Bill McDudley, mit 88 Jahren der weltweit älteste McDonalds-Mitarbeiter. Angeblich auch noch voller Begeisterung.

Vielleicht können die deutschen Fast-Food-Arbeiter sich noch glücklich schätzen, dass es ihnen noch nicht so übel geht wie ihren Kollegen in den angelsächsischen Epizentren der neoliberalen Ideologie. In Britannien haben mittlerweile 90% der Beschäftigten in den Fast-Food-Ketten sogenannte „Null-Stunden-Verträge“. Wie moderne Tagelöhner haben sie keinerlei garantierte Arbeitszeiten und damit auch keinerlei garantiertes Einkommen. Bleibt die Kundschaft aus, arbeitest du Null Stunden und verdienst Null. In den USA läuft zur Zeit der ausgedehnteste und massivste Streik in der Fast Food Branche aller Zeiten – darüber berichtet die gleichgeschaltete Dax-Dow Jones-Jubelpresse hierzulande natürlich nicht. Die Gewerkschaften haben enorm in diesen Streik investiert und ihn sehr sorgfältig geplant, weil er für sie ein Pilotprojekt ist, im Niedriglohnsektor wieder Fuß zu fassen. Ich kann nur hoffen dass sie erfolgreich sein werden.

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