Blurred lines and blurred minds

Im Radio läuft wieder der neueste Ohrwurm. Blurred lines von einem Robin Thicke. Vorher noch nie gehört von dem Typ. Musikalisch auch eher anspruchslos. Aber genau deshalb ein Ohrwurm der hängen bleibt. Aufsehen erregt der Typ aber weniger mit der seichten Musik als mit dem Video dazu – davon gibt es eine jugendfreie Version, amerikakompatibel, und eine sogenannte NSFW-Version. Gnadenlos sexistisches Stück, halbnackte Ladies tanzen um den Sänger herum. In der NSFW-Version haben sie ihre knappen Tops ausgezogen, auf den ersten Blick sehen sie aus wie ganz nackt, aber die Slips haben die Farbe „nude“, gut getäuscht.

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Bei youtube in Deutschland gibt es beide Versionen aber nicht zu sehen – „Dieses Video ist in Deutschland nicht verfügbar, weil es möglicherweise Musik enthält, für die die erforderlichen Musikrechte von der GEMA nicht eingeräumt wurden.“ Na super.

Und natürlich wird darüber heftig diskutiert und geschimpft. Ich finde das super lustig. Da gibt es beispielsweise die Tirade auf vice.com.

„Es ist bei Weitem das schlimmste Videomaterial, das ich je gesehen habe… Betrachte es wie eine mathematische Gleichung: Wenn X gleich oder weniger als 1 Kleidungsstücke an hat und Y mehr als 5, dann ist Y ein dreckiger Perverser und sollte wegen moralisch fragwürdigem Scheiß eingesperrt werden….I ch rege mich hier nicht grundlos auf. Mal ehrlich, wenn wir nichts dagegen tun, werden wir zusammen mit Hunter Moore und allen anderen trotteligen Frauenhassern in der Hölle schmoren. Willst du wirklich für immer mit Männern eingesperrt sein, die denken, es sei OK, wenn sie in der Öffentlichkeit furzen und drei Tage dasselbe Comedy-T-Shirt anhaben?… Es ist ein Meisterwerk des Schwachsinns und das Level an Dummheit und Arroganz, das für so ein banales, beleidigendes und einfallsloses Video nötig ist, ist schon fast beeindruckend. Es ist sexistischer, schwungloser Bullshit, der als Ungezogenheit getarnt ist.“

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Wunderbar, unschlagbar, welch ein Adrenalinspiegel, dafür würde ich die Autorin gleich für den Orden Wider den tierischen Ernst vorschlagen.

Und dann erst die Kommentare, gleich der erste von „Achwiegut Dassniemandweiss“: „Ich glaub die Alte die das geschrieben hat sollte einfach mal wieder ordentlich durchgebumst werden, dann würde sie hier nicht sonen frustrierten bullshit verbreiten“. Und postwendend: „Es ist ein dummes Video. Die Idee 10 nackte Mädels von rechts nach links laufen zu lassen ist simpel, primitiv und ja dumm. dümmer ist nur, es gut zu finden, leute anzuprangern, die es scheiße finden und so dumm zu sein, nicht zu raffen warum es dumm ist.“ Aha. Verstehe.

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Ja, das sind die Dinge, die humorlose Traditionsfeministinnen zum Kochen bringen, zur Anzeige beim Deutschen Werberat oder zur öffentlichen Empörung. Solche sexistischen Videos gab es vor der Jahrhundertwende noch viel mehr – Alice Cooper, Prince, oder Massive Attack mit dem unschlagbaren „Be thankful for what you’ve got“.  Da war viel Müll dabei, aber auch manches Meisterwerk.

Emma & Co hatten schon fast gewonnen und den sexistischen Schweinkram ausgerottet, alles sauber und politisch korrekt und langweilig, und jetzt so ein Knilch daher und alles geht von vorne los. Und dann  ruft es natürlich die dümmsten Macho-Sexisten auf den Plan, die genau nach dem vorhersehbaren Muster reagieren und Chauvi-Blödsinn zum Besten geben. Irgendwie finde ich das einfach nur lustig. Das Leben ist manchmal seine eigene Parodie.

Dabei ist Blurred Lines eigentlich nur  ein harmloses Stück verfilmtes Kopfkino, und ich gebe zu: es gefällt mir auch noch. Ohrwurm und nettes Video. Hätte mir jemand angeboten, in dem Video mitzutanzen, ich hätte es wahrscheinlich gemacht (aber am liebsten ohne Slip).

Und das Schöne – es gibt Hoffnung, dass Feminismus auch mal witzig und kreativ statt verbissen sein kann. Ein regelrechter Wettbewerb um Blurred-Lines-Parodien hat begonnen. Beim MsMagazine gibt es einige zu sehen (der beleidigte Begleittext sorgt für zusätzliche Heiterkeit). Nackte Tänzer umwerben die coole Sängerin. Oder: Feministische Aktivistinnen in Aktion, leicht genervt von den ständig um sie herumschwirrenden halbnackten Männern, denen sie ab und zu eine klatschen. Auch da hätte ich gerne mitgemacht…

Ladies, mehr davon. Für jedes sexistische Musikvideo eines Sängers machen wir künftig kreative Parodien und lassen die wütenden Tiraden gegen die Chauvis einfach sein. Macht doch viel mehr Spaß.

Über sunflower22a

I am a mystery.
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