Rucksäcke

Warum spazieren erwachsene Menschen mit Rucksäcken durch eine Stadt? Rucksäcke so groß wie Mülltonnen, prall gefüllt, an denen mindestens 20 Riemen herunterbaumeln. Ein Ausbund an Hässlichkeit. Wer Urwälder erkunden will, braucht sowas sicherlich. Aber spätestens seit Erfindung des Rollkoffers muss doch niemand mehr seinen ganzen Kram derart mit sich herumschleppen, außer man will seinen Rücken mit Gewalt kaputtmachen.

Aber es gibt solche Menschen. Früher nannte man sie Rucksacktouristen, sie waren der Schrecken aller Länder die von ihnen heimgesucht wurden: Sie brachten zwar keinerlei Vorteile des Massentourismus mit sich (sprich Geld auszugeben) aber alle Nachteile.

Heute gibt es sie nicht mehr so oft, aber es gibt sie. Sie können dir auf die Nerven gehen wie summende Moskitos. Sie wissen nämlich eines nicht: mit solchen Lasten auf dem Rücken sollte man sich nicht umdrehen, wenn andere Menschen in der Nähe sind. Die meisten Vertreter der Gattung „homo rucksackensis“ wissen das aber nicht. Zwei dieser Exemplare suchten mich unlängst im Bus heim.

Während ich im Bus sitze und an meinem Smartphone herumspiele, die Lieblingsbeschäftigung aller jüngeren Passagiere, besteigen zwei Menschen mit enormen Rucksäcken den Bus. Ein Mann und eine Frau. Auf den ersten Blick sieht er aus wie Edward Snowden, allerdings wohl kleiner. Außerdem ist er grau, durchweg grau – graue Haare, graues Gesicht, grauer Stoppelbart, grauer Pulli, graue Hose, graue Schuhe – und vor allem: grauer Rucksack. Praktisch alles von The North Face. Seine Begleiterin hat das Gesicht einer sowjetischen Grenzpolizistin, und bei ihr ist alles in Khaki. Vollkommen einfarbig. Und von bei ihr ist alles von Jack Wolfskin. Und weil der Bus schon voll ist, und sie mit ihrem Monstergepäck sowieso nirgendwo sitzen könnten, bleiben sie stehen. Hintereinander, und leider neben mir.

Ohne Vorwarnung dreht sich der Typ um, um seiner  Begleiterin etwas in einer mir gänzlich unbekannten Sprache zu sagen. Dabei donnert er mir seine pralle North Face-Mülltonne mehr oder weniger direkt an den Kopf. Und dann dreht er sich wieder zurück. Klatsch. Offenbar müssen die beiden immer in Fahrtrichtung sehen, aber sich gegenseitig anzusehen kommt nicht in Frage.

Jetzt reicht es – „Hey, Typ, hallo?? Lass das“ protestiere ich. Er reagiert nicht. Stattdessen hat er seiner Begleiterin noch etwas zu sagen, und dreht sich erneut um. Klatsch, wieder habe ich die Mülltonne am Kopf. Ich probiere es wütend mit Englisch – „hey guy you won’t do that again or I’ll get you off the bus“. Wieder keine Reaktion, und erst jetzt sehe ich das stattliche Messer-Halfter am Gürtel dieses Nervensägen-Pfadfinders. Au weia. Soll ich es ihm klauen? Aber solche Auseinandersetzungen liegen mir nicht. Abhauen ist auch nicht, überall stehen Leute, nirgendwo ist noch Platz.

Die beiden Ladies die mir gegenübersitzen schauen mich mittlerweile mitleidig an, der Typ der neben mir sitzt kriegt nichts mit und ist mit vollgestöpselten Ohren in einer anderen Welt.

Erneut meint der Mülltonnen-Hanswurst seiner Begleiterin etwas mir Unverständliches sagen zu müssen, Klatsch. Was für eine wirre Sprache ist das? Albanisch? Ungarisch? Andererseits – südlich der Alpen und des deutschen Sprachraums rennt kein Mensch so rum. Niemals. Das können nur Germanen, Angelsachsen oder Skandinavier. Aber Skandinavier können alle Englisch.

Himmel nochmal. Vielleicht Russisch? Aber ich kann kein Russisch. Die Translator-App hilft weiter. Es macht wieder klatsch, und ich brülle ihn an „Возьмите свой гребаный мешок от моего лица!“

Wieder: Keine Reaktion. Das kann doch nicht wahr sein.

Die junge Frau im roten Kleid mir gegenüber, die mich immer so mitleidig anlächelte, ergriff jetzt die Initiative. In der obskuren Sprache des Homo Rucksackensis radebrecht sie irgendetwas an ihn ran, und er schaut plötzlich total verblüfft, als hätte man ihm soeben etwas ganz Grundlegendes erklärt. Er murmelt etwas, und tatsächlich: ab sofort redet er mit seiner Begleiterin nur noch, indem er seinen Kopf um etwa 150 Grad nach hinten dreht, aber ansonsten stocksteif bleibt.

Als ich mich bei der Lady bedanke und frage, was das denn wohl für eine Sprache war, schaut sie mich fragend an. Hm – ich probiere es wieder mit dem Translator „Спасибо, что это было для языка?“

„Эстония“, antwortet sie mit einem mitleidigen Blick, als hätten wir gerade über Rumpelstilzchenland gesprochen. Estonia. Na da wäre ich ja nie darauf gekommen. Wir lachen herzhaft.

Während wir so weiterfahren, stelle ich mir diese beiden Exemplare im Bett vor. Ach was Bett, im Schlafsack. „Lady Wolfskin, darf North Face mal rüberkommen?“ Gibt es von North Face auch Kondome? Allwettertauglich? Hat Jack Wolfskin auch Spitzenunterwäsche im Programm? Nehmen die beiden ihre Rucksäcke überhaupt zum Schlafen ab? Sex mit Rucksack, das muss ja ein irre komischer Anblick sein. Ich kichere immer wieder vor mich hin, und die Russin gegenüber denkt offenbar dasselbe und kichert mit. Giftige Blicke der konsequent schweigenden Rucksacktouristin treffen uns und lösen neuerliche Heiterkeit aus.

Homo rucksackensis. Bitte bleibt im Wald. Da könnt ihr euch umdrehen. So oft ihr wollt.

 MOLLE-Rucksack-3

Über sunflower22a

I am a mystery.
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Eine Antwort zu Rucksäcke

  1. kinderschubser schreibt:

    großartiger Text … werde mich jetzt sicherlich eine Woche nicht mit dem Rucksack vor die Tür trauen

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