Le pain quotidien – das tägliche Brot

Hochsommer in Brüssel. Wenn es in Brüssel brütend heiß ist, ist es auch noch drückend schwül – das Meer ist nicht weit, ganz anders als das Berliner Kontinentalklima. In meinem Hotelzimmer ist es auch nach Mitternacht kaum auszuhalten. Von Klimaanlagen werde ich leicht erkältet, also liege ich bei offenem Fenster auf der Bettdecke statt unter ihr.

In der Nacht wache ich immer wieder auf, und am nächsten Morgen deshalb spät auf. Die Sonne hat das Zimmer bereits wieder in ein Treibhaus verwandelt. Die Vorstellung irgendetwas etwas anzuziehen ist mir so unangenehm wie unvermeidlich – ich nehme das dünnste Kleid das ich dabei habe und nichts darunter, das geht gerade noch unterhalb der Erregung öffentlichen Ärgernisses durch.

Es ist so spät, dass vom Hotelfrühstück nicht mehr viel übrig ist, außer langweiligstem Toastbrot. Nein, danke. Mal sehen, was es woanders gibt. Das sonst so geschäftige Brüsseler Treiben ist verschwunden, die Straßen halb leer, alles bewegt sich langsamer als sonst. So habe ich die Stadt eigentlich noch nie erlebt. Es ist faszinierend, man nimmt dann Dinge wahr die man sonst einfach übersieht. Eigentlich könnte ich jetzt stundenlang so spazieren gehen, wenn es erstens nichts o heiß wäre und zweitens auf der Suche nach einem guten Frühstück wäre.

Und auf das treffe ich dann bald, in Form einer Filiale von Le Pain Quotidien, das tägliche Brot. Wunderbar, nichts wie rein, bei denen war ich schon lange nicht mehr.

Le pain quotidien ist eine mittlerweile in vielen Ländern (aber nicht in Deutschland) präsente Bäckerei, die eine exzellente Idee propagiert. Selten schafft es ausgerechnet im sprachlich zerrissenen Belgien eine Idee, die die Leute zusammenbringen will,  international auf so viel Zustimmung zu stoßen.

LPQ ist kein Café, kein Restaurant, keine Imbissbude. „Table commune“ nennt sich der Laden, eine gemeinschaftliche Tafel. Wenn wir ins Café gehen, hocken wir für uns, oder in kleinen Gruppen unter Bekannten, die anderen machen es genauso. Cafés und Restaurants sind keine Orte des Kennenlernens (mehr?). Ich weiß nicht, ob es jemals anders war. Bei LPQ ist es anders. Erklärtes Ziel ist es, die Leute ins Gespräch zu bringen. Ja, sie haben auch kleine Tische, und es verwundert nicht, dass es genau diese sind, die zuerst besetzt werden. Da sitzen sie, fummeln an ihren ipads oder Smartphones herum, lesen ihre Zeitung, jede und jeder für sich oder allenfalls mal zu zweit. Aber das Zentrum eines LPQ-Lokals ist die kommunale Tafel. Viel Platz für viele Leute, um beim Frühstück oder Brunch ins Gespräch zu kommen.

Und genau das tat ich – zugegeben wäre ich wohl auch an einen Klein-Tisch gegangen und hätte mich irgendwie beschäftigt, wenn einer frei gewesen wäre. Aber es gab keinen mehr. Und so setzte ich mich an die große Tafel, zu zwei netten  jungen Ladies. Amerikanische Touristinnen, wie sich dann herausstellte. Lauryn und Sheena, zum ersten Mal in Europa. Fasziniert von der Alten Welt, und fasziniert von LPQ. Schon zum dritten Mal hier. Und sie kennen LPQ aus New York. Total hip sei es dort, die einzigen Orte wo es gutes Brot in einer tollen Atmosphäre gibt.

Brotkorb zum Teilen ist die Nummer 1 auf der Speisekarte. Eine Auswahl von Broten frisch aus dem Ofen, aber sie haben auch Tartines, Salate, Eierspeisen, tolle Schinkenvariationen, arabischer Humus, süße Kuchen, und für die Liebhaber eines späten Brunches gibt es gute Weine und Sekt. Neben dem guten Brot gibt es auch Konditorei, und eine Reihe eigener Brotaufstrich-Kreationen zum Mitnehmen, allen voran die wunderbaren Schoko- und Pralinencremes aber auch Marmeladen. Vorsicht, Suchtgefahr.

LPQ hat – natürlich – auch einen unverkennbaren Öko-Touch. Alain Coumont, der Brüsseler Gründer von LPQ, lernte in seiner Kindheit von seiner Großmutter backen – und sagte, nirgendwo habe er so gutes Brot kaufen können, also wurde er selber Bäcker. Gutes Brot – das ist die Mission von LPQ. Und deswegen nimmt er überwiegend Öko-Zutaten. Bio auf unaufdringliche, sympathische Weise, wie man sie in bestimmten Berliner Szenebezirken kaum finden würde. Auch die Möbel sind aus recyceltem Holz. Aber wer das nicht nachliest, würde es auch nicht merken. Aufdringlich bio ist LPQ nur in New York – da ist sowieso alles schriller als woanders. Auf den ganzen Vegan-Vegetarier-Hype verzichtet LPQ völlig, sehr angenehm.

Und so kommen wir ins Plaudern, über Amerika, Europa, die gegenseitigen Vorbehalte. Warum McDonalds, PizzaHut und Kentucky Fried Chicken weltweit US-Lifestyle verbreiten, es aber nichts vergleichbares gibt. Le Pain Quotidien könnte diese Lücke füllen. Gutes Brot gibt es nur in Europa. Hier wird mehr europäische Identität kreiert als in allen Hallen des Europaparlaments und des Berlaymont zusammen.

Irgendwann kommen wir dann auch auf die heikleren Themen. Politik. Obama. Snowden. Amerikas religiöser Fundamentalismus und die öffentliche Prüderie. Und wie ich denn mit nur so mit einem Hauch von Stoff hier sitzen könne, ohne BH, nein, das könnten sich die beiden für sich gar nicht vorstellen. Ihr einziger Tribut an die Hitze sind Hot pants – aber oben ist alles gut gepolstert und erfordert bestimmt Klimaanlagen…Lauryn wird bei diesen Themen etwas wortkarg, aber Sheena dreht plötzlich richtig auf. Ja, Amerika sei verklemmt geworden, ihr gehe das mächtig auf die Nerven, aber wer aus der Reihe tanze, werde von Konservativen ebenso wie von angeblich aufgeklärten Politisch Korrekten sofort wieder auf Linie gebracht.

Sheena verschwindet irgendwann unauffällig in der Toilette – und als sie wiederkommt, machen Lauryn und ich große Augen. Sie hat sich BH und Unterhemd entledigt und nur noch ihre hauchdünne Bluse an. Breit grinsend sagt sie, das probiere sie jetzt mal aus. Lauryn murmelt etwas missbilligendes, und Sheena und ich fangen kichernd an zu spekulieren, was ihr in diesem Outfit wohl in Kansas City passieren würde… und was Lauryn dann tun müsste um sie wieder rauszuhauen.

Plötzlich merke ich, es ist 13.50 Uhr. Hilfe, in 10 Minuten ist mein Termin. Der ist wichtig und der Grund warum ich hier bin. Keine Chance, noch ins Hotel zurückzugehen und mich umzuziehen. Also heute mal nicht seriös, sondern sexy. Den Slip hatte ich zum Glück noch in die Handtasche gepackt. Eine rasche Verabschiedung von meinen neuen Bekannten von der table communale und ab ins Taxi und gerade noch halbwegs pünktlich gekommen…

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