Kampfplatz Stadt

Meine Freundin C. hat mir kürzlich gesagt, sie werde bald aufs Land ziehen. Richtig aufs Land, nicht in eine Vorstadt, weit weg. Pampa. Mit Kind und Kegel, Mann und Maus. Ein Wohnprojekt in einem alten Anwesen, das wird erstmal jahrelang renoviert, gemeinsam mit zwei anderen Paaren. Ein neues Leben anfangen, sich von der großen Stadt verabschieden. Großstädte hätten keine Zukunft, Griechenland sei der Vorbote: in zwanzig Jahren könne man nur noch überleben, wenn man seine eigenen Lebensmittel anbaut. Urban Gardening reiche nicht aus. Die Bewohner der Städte werden die großen Verlierer des Zusammenbruchs der globalisierten Wirtschaft und des Euro. Meine Güte.

Einen Tag später. Detroit hat offiziell seine Bankrotterklärung eingereicht – eine Stadt im freien Fall, oder besser Zerfall. Eine Stadt wie eine Kulisse für düstere Science Fiction Filme, wo Leute erschossen werden und die Leiche in ein leerstehendes Haus gelegt wird, das dann angezündet wird. Eine Stadt, wo ganze Stadtviertel leer sind, wo öffentliche Infrastruktur eigentlich nicht mehr existiert: wo Krankenwägen aus Benzinmangel nicht mehr fahren, wo die Feuerwehr den Brandort nicht mehr erreicht weil das Fahrzeug unterwegs den Geist aufgibt. Gruselig. Hat C. doch recht? Ein Vorbote für andere Städte? Durchaus denkbar.

Aber sicher nicht für alle. Die Welt urbanisiert sich, und in erster Linie leeren sich die ländlichen Räume und nicht die Städte. Es sind die Städte, in denen Gesellschaften ihre Konflikte austragen, die modernen Schmelztiegel und die Orte, die den sozialen Wandel vorantreiben. Mubarak und Mursi wurden in Kairo gestürzt, die Unzufriedenen Brasiliens gingen in Sao Paulo und Rio den Janeiro auf die Straße, die Wut der Türkinnen und Türken entlud sich in Istanbul und bald auch in Ankara und Izmir – und die Wut der Frauen Indiens über die alltägliche Frauenverachtung entlud sich in den Großstädten Indiens. Nicht auf dem Land.

Der britische Marxist David Harvey (ja, so etwas gibt es noch) hat dazu ein interessantes Buch geschrieben: Rebel Cities – From the Right to the City to the Urban Revolution. Marxisten sind ja immer auf der Suche nach dem revolutionären Subjekt, und Harvey hat die Städte als solches ausgemacht. War früher das Proletariat das revolutionäre Subjekt, so sind heute die vielfältigen Auseinandersetzungen und Konflikte in den Städten die Triebfeder für revolutionäre Dynamik. Die großen Städte der Welt unterliegen ihm zufolge einem zunehmenden Druck zur kapitalistischen Verwertung. Die Immobilienwirtschaft auf der Suche nach shareholder value, vom Makler-Parasiten bis zum Finanzinvestor auf der Flucht aus dem kriselnden Euro in Sachwerte.  Die ganz banale sogenannte Gentrifizierung, in der der „Aufwertung“ die schleichende Verdrängung der bisherigen Bewohner folgt. Die Kommerzialisierung und Privatisierung des öffentlichen Raums – die Shopping Mall statt der Einkaufsstraße. Die Wohlhabenden mauern sich in ihren gated communities ein, die selbst in Berlin immer mehr um sich greifen, in sogenannten „Marthashöfen“ und anderen Festungen, die man früher nur aus Dritte-Welt-Metropolen oder den USA kannte.  Langweilige, sterile Orte, die in jeder beliebigen Stadt placiert werden können und überteuert verkauft werden.

Die traditionelle „Arbeiterklasse“ ist fast schon eine aussterbende Spezies – wer in den Städten nicht an der Spitze der Pyramide steht, ist ein urbanes Prekariat oder droht es zu werden. Eine traditionelle Mittelschicht mit Abstiegsängsten, Universitätsabsolventen ohne reale Arbeitsplatzperspektive, usw. Unsichere, befristete und immer diffuser werdende Beschäftigungsverhältnisse greifen um sich. Für diese Leute gibt es eigentlich keine Gewerkschaften, keine Betriebsräte, keine Organisationsformen. Und manchmal kocht die Frustration, die Unzufriedenheit fast blitzartig hoch, wie vor einigen Jahren in London, und flaut auch ohne erkennbaren Anlass wieder ab. Sie richtet sich zwar vordergründig gegen Staat und Reiche, in der Realität kriegen es aber nur diejenigen ab, die selber nicht zu den Gewinnern gehören, wie etwa kleine Ladenbesitzer oder meinetwegen auch die armen Würste, die in Polizeiuniformen da rein müssen.

In Wirklichkeit sind viele der Akteure der Gentrifizierung noch nicht einmal böse Menschen. Wer eine Wohnung saniert und mehr Geld ausgeben kann als andere, tut seinem Kiez subjektiv wahrscheinlich sogar etwas Gutes – und auch objektiv ist das noch nicht einmal per se schlecht. In der Realität zerstört die Summe dieser Menschen meist genau das, was einmal die Attraktivität und das Lebensgefühl einer Straße, eines Kiezes ausgemacht hat – weil es das ganze Umfeld homogenisiert und sterilisiert. „Accumulation by dispossession“ ist eine gute Formel, die Harvey dafür benutzt.

Wie eigentlich immer bei linken Autoren und Aktivisten, ist auch Harvey beeindruckend in der Analyse, aber was daraus folgt ist reichlich theoretisch und abstrakt. „Urban cross-alliances“ propagiert er, die müssten gebildet werden – so schreibt der Stratege und Theoretiker am Reißbrett. Die lassen sich aber nicht von Intellektuellen erschaffen. In Istanbul gibt es seit den Protesten vom Gezi-Park das Phänomen „Istanbul United“ – das sind die bislang bis aufs Blut verfeindeten Fußball-Ultras der drei großen Istanbuler Fußballclubs Besiktas, Fenerbahce und Galatasaray, die jede Menge Polizei-Nahkampferfahrung haben und in den letzten Monaten zum ersten Mal gemeinsam , und auch gemeinsam mit all den anderen Protestierern, gekämpft haben.

Herr Harvey, die haben das einfach gemacht. Auch ohne Ihr Buch. Harveys Buch lebt von der guten Analyse, nicht von seinen arg theoretischen Vorschlägen. Es macht nachdenklich. Aber warum in Deutschland die Menschen in den Städten so erstaunlich wenig aufmüpfig sind, von den Elendszonen im Ruhrgebiet bis zur hippen Partystadt Berlin bis zur unbezahlbaren Schickeriastadt München – das würde mich mal interessieren. Geht es „uns“ etwa noch zu gut, verglichen mit Madrid oder Athen? „Ein verschuldeter Hausbesitzer, der seine Hypothek bedienen muss, streikt nicht“ – eines der Leitmotive des New Deals der USA vor 80 Jahren – in den USA längst geplatzt, bei uns wohl noch nicht.

Ich gebe es zu, ich habe oft Angst vor der Zukunft. Ich glaube auch, wir haben materiell die besten Jahre  schon hinter uns. Die sozialen Konflikte nehmen deswegen zu, die Hemmungslosigkeit der Reichen auch, und es wird schwerer, ein gutes Leben zu führen. Ich zähle mich zur Mittelschicht- wie lange noch?

Aber aufs Land ziehe ich nicht. Die Stadt gehört uns allen, richtig analysiert Herr Harvey. Irgendwie muss es doch möglich sein, der Clique von Immobilienwirtschaft, Finanzkapital und Politik  etwas entgegenzusetzen, damit Städte auch in 20 Jahren noch Orte sind, an denen es  sich gut leben lässt. Wo Menschen sich nicht tot arbeiten müssen, gar nicht im Überfluss leben wollen, wo wir uns an unserer Vielfalt erfreuen statt uns abzugrenzen. Wo niemand stinkend reich und niemand stinkend arm ist – und wir alle uns den schönen Dingen des Lebens widmen können statt der Angst. Die Alternative ist Detroit.

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„I love big city life..“

Über sunflower22a

I am a mystery.
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8 Antworten zu Kampfplatz Stadt

  1. kiezneurotiker schreibt:

    Toller Text. Hut ab. Ich kann es auch nicht erklären, warum es so ruhig ist. Ich glaube, Deutschland hat die wilde Phase mit Straßenkämpfen und so in 20ern hinter sich gebracht. Jetzt heißt es nur noch: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht und Muttis Mehltau liegt wie Blei über dem Land.

    Das Buch von Herrn Harvey kostet 17, 99 als Ebook. Für knapp über 200 Seiten. Ich versteh das nicht…

  2. tikerscherk schreibt:

    Schließe mich Kiezneurotiker an: klasse Text!

  3. anonym schreibt:

    komm ja nur wegen der Bilder, was interessiert mich schnöder Text 😉

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