Eine Liebeserklärung an Arabien und den Mittleren Osten

Aus meiner Feder mag das sehr merkwürdig klingen, schließlich stehe ich für so ziemlich das Gegenteil von all dem, was wir aus dieser Region tagtäglich erfahren. Sinnlose Gewalt, religiöse Fanatiker, abgedrehte Diktaturen, Patriarchat in seiner schrecklichsten Ausprägung, israelischer Kolonialismus…eine Region zum Weglaufen. Würde ich dort leben, wäre Auswandern auch meine erste Option. Nur muss ich beruflich immer wieder da hin, und wenn es nicht gerade die richtig gefährlichen Ecken der Region „MENA“ (Middle East-North Africa) sind, freue ich mich merkwürdigerweise immer wieder darauf (zugegeben, ich freue mich dann nach einer Woche auch wieder wegzukommen).

Ich gebe es zu, das Schicksal dieser Menschen in MENA rührt mich immer wieder zu Tränen. Arabien, Persien, Pakistan, die Türkei haben so tolle Menschen, so reiche Kulturtraditionen, dass der Niedergang in das heutige Elend von Fundamentalismus, Diktatur und Korruption mir das Herz zerreißt. Als die wunderbare Nofretete vor 3500 Jahren  ihr Sonnenkönigreich errichtete, krochen in Germaniens Sümpfen noch fellbehangene Barbaren herum und wussten nicht einmal, dass irgendwann mal in ferner Zukunft, 1500 Jahre später,  die Römer den Versuch unternehmen  würden, ihnen die Zivilisation schmackhaft zu machen. Ein kleines Dorf namens Berlin wurde etwa 2700 Jahre später gegründet.

Die geniale Sheherazade wurde Königin Persiens,  nachdem sie in 1001 Nacht dem Schah ihre Geschichten erzählte (ich glaube, ich höre nach 1001 Blogbeiträgen auch auf – wer wird dann mein König?). Der Kalif Harun al-Raschid mischte sich unerkannt unters Volk, um zu erfahren wie es wirklich denkt. Die absolut progressiven Philosophen des islamischen Andalusien im 11.Jahrhundert, propagierten Toleranz und Säkularismus in der islamischen Welt– und wurden schließlich von den fanatischen Katholiken Spaniens plattgemacht, denen genau solche Gedanken so fern wie der Mond waren. In Al-Andalus herrschte weitaus mehr Toleranz und kulturelle Vielfalt als in den bornierten, bettelarmen christlichen Diktaturen Europas des Mittelalters. Während Andalusiens Muslime auf Körperpflege großen Wert legte, galt es unter den Christen Spaniens als Sünde, sich zu waschen – sie müssen entsetzlich gestunken haben. Damals wäre ich ins islamische Andalusien ausgewandert.

Aber das alles ist lange her. Auch in der Gegenwart gibt es immer noch wahnsinnig schöne Kultur in der Region. Wer je das Glück hatte, ein Konzert von Nusrat Fateh Ali Khan  zu besuchen, dem viel zu früh verstorbenen pakistanischen Musiker, die weiß wovon ich rede. (Nein, niemand hat ihn erschossen. Er starb 49jährig an Übergewicht.) So fremd diese Klänge anfangs sein mögen, sie gehen direkt ins Herz. So etwas gibt es in Europa seit Beethoven nicht mehr. Die wunderbar vielfältige moderne Musikszene des Libanon, mitten im ständigen Krieg, oder in der Türkei – oder die unglaubliche avantgardistische Kunstszene Palästinas und der palästinensischen Diaspora – wie ein Volk in derart existenzieller Bedrohung so etwas hervorbringen kann, ist einfach bewundernswert. Dass sie in dieser Situation auch Hamas und Al-Qaida hervorbringen – das kann nicht überraschen. In Deutschland reichte im letzten Jahrhundert wesentlich weniger Not aus, um die  Nazis und das Dritte Reich hervorzubringen. Gegen Hitler verblassen auch die Taliban und Khomeini. Und am meisten bewundere ich die Frauen in MENA, die unter unglaublichen Risiken und Gefahren beharrlich ihre Rechte erkämpfen.

Ja, tausendundeins Dinge laufen schief in MENA. Sexuell und ganz generell frustrierte Heerscharen junger Männer kommen auf tausendundeins dumme Gedanken, laufen bekloppten religiösen Extremisten hinterher, bekämpfen ihre eigenes vielfältiges kulturelles Erbe und kämpfen fanatisch für monotone Einfalt. Sie behandeln ihre Schwestern, Mütter und Töchter wie Menschen zweiter Klasse. Bürgerlichen Gemeinsinn gibt es nicht, jeder schaut nur auf seinen eigenen Vorteil. Deswegen hat auch noch niemand das zionistische Kolonisationsprojekt wirklich stoppen können. Die Ölmilliarden zerstören jedes gesellschaftliche Fundament für eine demokratische Gesellschaft. Es ist zum Heulen, was aus der Region geworden ist. Und der „arabische Frühling“ – wirkliche Euphorie löst der auch nicht mehr aus.  Syrien ist eine einzige Tragödie – das kleine Häufchen Demokraten wird inzwischen nicht nur von den Schergen des Assad-Regimes zusammengeschossen, sondern auch noch von marodierenden Jihadisten, gegen die Assad definitiv die bessere Wahl ist. Wenn du nur noch zwischen Pest und Cholera wählen kannst, ist alles aus.

Immerhin gehen inzwischen in der Türkei, in Ägypten, im Iran und in Tunesien die Menschen auf die Straße gegen islamistische Regierungen – ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass die Länder der Region eines Tages ihren eigenen Weg jenseits von Islamismus, Diktatur und USA-Satellitenstaaten gehen, einen friedlichen, nicht repressiven Weg in dem Sheherazade und Nofretete sich wiedererkennen würden. Einen Weg, in dem religiöse Mystik ihren Platz hat, aber auch Vielfalt und Toleranz, und die Männer Frauen nicht mehr unterdrücken sondern bewundern. Eines ist jedenfalls sicher: dazu wird es nur kommen, wenn Amerika und Europa sich einfach mal raushalten. Ganz und gar – von der US-Armee bis Femen. Verpisst euch alle. Ihr macht alles nur noch schlimmer.

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Über sunflower22a

I am a mystery.
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