Geliebte Kinder und verwaltete Kinder

In China sind Kinder seit neuestem per Verfassung verpflichtet, ihre Eltern zu ehren. Da gab es wohl ein Problem, und das glaubt man in typisch chinesischer Weise lösen zu können. In Deutschland kündigte eine gewisse Familienministerin Schröder zur gleichen Zeit an, in diesem Jahr werden 800000 zusätzliche Kitaplätze zu Verfügung stehen und der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz damit erfüllbar. Na so eine Überraschung aber auch. Zuerst wollte die Union von dieser ganzen Betreuerei nicht viel wissen, dann kam der Rechtsanspruch auf den Kitaplatz, dann war das alles nicht bezahlbar und deshalb kam das angeblich billigere Betreuungsgeld, und jetzt auf einmal kurz vor der Wahl ist alles kein Problem mehr.

Das kennen wir ja mittlerweile von dieser Partei. So richtig glauben will die Sache aber eigentlich niemand. Städtetag und Kinderschutzbund melden Zweifel an. Bertelsmann-Stiftung und Kinderschutzbund befürchten, die Qualität der Betreuung sinke massiv, der Personalschlüssel werde erheblich verschlechtert, nur um auf dem Papier den Erfolg melden zu können. Pädagogische Arbeit bleibe auf der Strecke, die Kinder würden nur noch verwaltet und die Erzieherinnen ausgebeutet.

Ich kann das alles nicht wirklich beurteilen. Wahrscheinlich haben die Kritiker recht. Von Kindererziehung und –betreuung verstehe ich sowieso nicht viel. Ich habe keine Kinder, die meisten meiner Freunde und Bekannten auch nicht. Manchmal bedauere ich das sehr, aber ich habe es mir nie wirklich zugetraut. Wenn ich Kolleginnen sehe, wie sie mit all den Anforderungen zurechtkommen, die ein Kind an die moderne Lebensweise stellt, bewundere ich sie. Ein Kind hat in meinen Lebensentwurf nie so richtig reingepasst, vor allem auch weil ich immer davor zurückgeschreckt bin, mich wirklich fest an einen Partner zu binden. Und ein Kind sollte doch beide Eltern haben, Patchwork hin oder her. Natürlich, auch Bequemlichkeit spielt eine Rolle. Kurzum, eigentlich verstehe ich etwas von Kindererziehung nur aus der Perspektive, dass ich auch mal ein Kind war, das erzogen wurde – und mich daran noch ganz gut erinnere.

Die Vorstellung, derart in Terminpläne gezwängt zu werden, wie das mit heutigen Kindern geschieht, wäre mir ein totaler Alptraum gewesen. Ganztagesschule – ein Grauen. Selbst Sportvereine jammern inzwischen, ihnen laufe der Nachwuchs davon, weil die Kleinen…schlicht keine Zeit mehr dafür haben. Wenn es dann noch begüterte und überfürsorgliche Eltern sind, stecken sie ihre Kinder zusätzlich noch in tausend wichtige Kurse, von Klavier bis Reiten bis Chinesisch…Hilfe! Wahrscheinlich führst du schon im Grundschulalter einen Outlook-Terminkalender, und ab diesem Zeitpunkt weiß die NSA lückenlos was du gemacht hast. Verglichen damit hatte ich eine sehr glückliche Kindheit und Jugend. Freundinnen zu treffen ging noch ganz spontan und ohne Terminkalender. Nicht mal ein Smartphone brauchten wir dafür.

Kürzlich habe ich ein Graffiti gesehen, das mich sehr beeindruckt hat:

 IMG_2353 - Kopie

Selten hat jemand in einem einzigen Satz so viel Wahres gesagt. Ich habe das Gefühl, in dieser ganzen Betreuungsdebatte kommt genau das zu kurz. Lieben wir unsere Kinder, oder verwalten wir sie? Wenn wir unsere Kinder lieben wollen, brauchen nicht nur wir dafür mehr Zeit, sondern auch die Kinder. Aber Eltern und Kinder haben immer weniger Zeit füreinander. Außer vielleicht bei Hartz 4-Empfängern, die haben wenigstens eines im Überfluss: Zeit.

Aber die Mittelschicht kämpft nicht nur materiell gegen den Abstieg. Sie arbeitet härter und der Reallohn sinkt dennoch. Und sie hat immer weniger Zeit, ist allzeit verfügbar, erreichbar, flexibilisiert, wettbewerbsfähig, wie der Hamster im Rädchen.

Irgendwas geht in unserer Gesellschaft fundamental schief. Dieser calvinistische Arbeitswahn, im globalisierten Dauerwettbewerb mit dem konfuzianischen Arbeitswahn, das kann doch nicht der Sinn des Lebens sein. Statt immer noch mehr Konsum, immer noch mehr „Wachstum Wachstum über alles, über alles in der Welt“, brauchen wir etwas anderes. Mehr Zeit. Mehr Ruhe. Mehr Nichtstun. Nein, Müßiggang ist nicht aller Laster Anfang. Arbeitswahn hat in der Geschichte der Menschheit weit mehr kaputtgemacht als der Müßiggang. Unser Problem ist nicht spätrömische Dekadenz, sondern spätkapitalistische Dekadenz. Politik und Wirtschaft tun absolut alles, um diesen Zustand solange wie möglich weiterzuerhalten. Deshalb  bauen sie die Kinderbetreuung aus, damit möglichst viele Frauen in dieser kapitalistischen Maschine mitverwertet werden können. Und dann hat die Mutter zwar genug Geld, dem Kind ständig das neueste schwachsinnige Smartphone zu kaufen (Konsum steigern! Wachstum ankurbeln! Das ist die erste Bürgerpflicht!). Aber sie hat nicht genug Zeit, mit ihm einfach mal ganz banal irgendwas zu spielen. Meinetwegen eine Sandburg bauen oder im Wald herumzustreunen. Das wäre viel wichtiger.

Ich bin für sinnvolle Kinderbetreuung. Hundert Prozent. Alles andere wäre erzreaktionär. Aber ich glaube, es ist an der Zeit, mal darüber zu sprechen, wie man den Arbeits- und Wachstumswahn soweit zurückfahren kann, dass Kind und Karriere dahingehend vereinbar werden, dass die Karriere nicht mehr so viel Zeit frisst. Und das Kind mehr Zeit bekommt. Dann kann das Kind geliebt werden – und später als Frau oder Mann auch lieben.

Über sunflower22a

I am a mystery.
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Ladies (and gentlemen) abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Geliebte Kinder und verwaltete Kinder

  1. dermultiplepapa schreibt:

    Hallo!
    ich habe Deinen Blog erst gestern entdeckt.

    Hierzu möchte ich mal etwas sagen: Es ist nicht nur in der Politik so, daß Kinder zieklich vernachlässigt werden. Krippen und Kitas verkommen zu Verwahrstellen. Viele Ansichten und Verhaltensweisen der Älteren basieren noch immer auf der schwarzbraunen „Pädagogik“ des Dritten Reichs.. Und wenn ich sehe, wie manche Eltern mit ihren Kindern umgehen, wird mir schlecht. Da werden Kinder abgelegt, auch zum Schlafen allein in ein dunkles Zimmer, sie werden schreien gelassen und und und. Es wird sehr lieblos mit ihnen umgegangen. Und das, wo wir hierzulande eigentlich eine der besten gesetzlichen Voraussetzungen haben: Hier kann ein Elternteil bis zu drei Jahre zu Hause bleiben und es wird zumindest (wenn sich alle an die Gesetze halten, aber das ist ein anderes Thema) dafür gesorgt, daß sie materiell nicht umkommen. Aber unterschwellig kommt der Zwang, das Kind doch allein zu lassen und wieder zu arbeiten, immer wieder durch.

    Ich habe das „Glück“, daß ich jetzt Erwerbsunfähigkeitsrentner bin und immer für meine jetzt knapp 13 Monate alte Tochter da sein kann. Im Moment liegt sie auf meinem Schoß und schläft. Nur finanziell ist es mit der mickrigen Rente nicht weit her.

    Bis vor wenigen Jahren konnte ich mir auch noch nicht vorstellen, daß ich überhaupt irgendwann Nachwuchs haben werde. Auch weil ich mir nicht zugetraut habe, einem Kind gerecht zu werden.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s