Männer sind echt arm dran. Frauen leider auch.

Ich mag Männer, die wissen was sie wollen. Männer, die das was sie wollen, zielstrebig realisieren. Sowas imponiert mir. Im Prinzip jedenfalls – mit den angestrebten Zielen und angewandten Methoden bin ich allerdings häufig nicht so ganz einverstanden und freue mich dann, wenn er sie nicht erreicht….nun gut.

Ich bin nicht immer so zielstrebig, und drehe manche überflüssige Umwege bevor ich auf die Ziellinie komme. Ich habe das Gefühl, das geht vielen Frauen so. Aber ich kann mich irren. Vielleicht ist es heute nicht mehr so ausgeprägt.

Liest man aber das Gejammer über den Abstieg des Mannes in den westlichen Gesellschaften, stellt sich allerdings die Frage, ob dieser Männertyp vom Aussterben bedroht ist. Gestern schrieb Walter Hollstein, Autor des Buches  mit dem vielsagenden Titel „Was vom Manne übrig blieb“, in der Süddeutschen Zeitung einen Gastbeitrag. Unter der Überschrift „Not am Mann – Sie leben häufiger allein, leiden an der Welt und sterben eher:  Aus dem starken ist das schwache Geschlecht geworden“ beschreibt er die Krise des modernen Mannes. Bindungslos, bindungsunwillig und bindungsunfähig  seien sie geworden – seit 1991 schnellte die Quote der männlichen Singles um 81% nach oben, die der weiblichen nur um 16%, vor allem im „heiratsfähigen Alter“. Und die alleinlebenden Männer haben jede Menge Probleme. 39% der 19-34jährigen leben im „Hotel Mama“, 17% der 35-64jährigen von staatlicher Unterstützung. Schulabbrecher sind in ihrer großen Mehrheit männlich. Inzwischen liegt die Männer-Arbeitslosigkeit über der der Frauen.

Und es wird noch schlimmer – die Wirtschaft boomt in den „weiblichen“ Dienstleistungssektoren, und schrumpft in der „männlichen“ Industriearbeit. Immer mehr männliche Losertypen prägen schon ganze Stadtviertel in Grossbritannien, und das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat in seiner Studie „Not am Mann“ vor allem in Ostdeutschland  „eine Schicht von überwiegend männlichen Personen“ ausgemacht, „die sich mit minimalen Bedürfnissen einrichten und am allgemeinen gesellschaftlichen Leben kaum mehr teilnehmen“.

Damit nicht genug – „die Zukunftsängste der jungen Männer sind erheblich größer als die der jungen Frauen. Jungen Männern wird  ein deutliches Leiden an der Komplexität, Unübersichtlichkeit und Dynamik der Gesellschaft zugeschrieben…Männer heute befürchten, dass in Wahrheit die Frauen die wichtigen Entscheidungen fällen und sie, die Männer, gar nicht mehr brauchen.“

Soweit Walter Hollstein. Mir kommen echt die Tränen. Schuldgefühle kommen hoch, Feminismus und Emanzipation sind bestimmt an allem schuld. Schon in der Schule waren doch die Mädchen immer die Strebertypen. Wir haben die Männer fertiggemacht. Nein, natürlich nicht. Sowas blinkt nur für ein paar Millisekunden durch. Dann denke ich wieder klar.

Es mag sein, dass an Hollsteins Thesen was dran ist – auch wenn ich ehrlich gesagt nicht erkennen kann, warum „die Gesellschaft“ daran schuld sein soll. Nichts und niemand hindert doch einen Mann daran, es anders zu machen, außer er selber. Er müsste doch eigentlich nur dem althergebrachten Rollenklischee entsprechen, etwas dynamisch und charmant sein, ein bisschen was lernen, und schon wäre er genauso fit wie die Frauen in der Welt des Jahres 2013. Wenn er dann noch ein bisschen Interesse an Frauen entwickelt, warum sollte er keine finden? Von der Notwendigkeit von Männerquoten sind wir jedenfalls noch weit entfernt, außer vielleicht in Kindergärten und Grundschulen.

Man kann die Welt aber auch anders sehen als Herr Hollstein. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat jetzt einen Bericht veröffentlicht, aus dem hervorgeht, wie gefährlich Frauen weltweit leben. 35% aller Frauen werden Opfer gewalttätiger Übergriffe, bei 30% aller Frauen ist der Täter – der Ehemann. 38% aller weiblichen Mordopfer werden von ihrem Ehemann umgebracht. Ständige Gewalt durch den Ehemann führt zu hohen Depressions- und Alkoholismusquoten unter diesen Frauen. Sexuelle Übergriffe – im Klartext Vergewaltigungen – führen zu deutlich höheren Quoten an HIV/Aids und Geschlechtskrankheiten und natürlich zu ungewollten Schwangerschaften und damit zu Abtreibungen.

Der Ehemann – für viele Frauen offenbar der gefährlichste Zeitgenosse. Immerhin 7,2% der Frauen weltweit geben an, Vergewaltigungsopfer anderer Männer als des Ehemanns geworden  zu sein. Bestimmt mit hoher Dunkelziffer – der WHO-Bericht gibt an, viele Frauen versuchen nach gewalttätigen Übergriffen beim Arzt aus Scham die Ursache zu verschleiern. Der Gesundheitssektor weltweit ist nach wie schlecht darauf vorbereitet, solchen Frauen zu helfen.

Herr Hollstein, diese Frauen tun bestimmt alles, damit sich ihr Schicksal ändert. Oft haben sie kaum Chancen, weil sie arm und ungebildet sind und in archaischen Sozialstrukturen leben müssen. Der europäische Mann, auch der größte Loser, ist in der glücklichen Lage, dass er sich aus seiner Jammerlappen-Situation viel leichter befreien kann als die allermeisten Frauen weltweit. Mein Mitleid hält sich deswegen ziemlich in Grenzen. Lieber Herr Hollstein, bei aller Larmoyanz: Sagen Sie das den europäischen Männern doch auch mal.

losers

Über sunflower22a

I am a mystery.
Dieser Beitrag wurde unter Ladies (and gentlemen) abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s