Der Tagesspiegel-Dresscode

Der Berliner „Tagesspiegel“ spielt zurzeit den Vorkämpfer für züchtige Kleidung. Gemeint ist zwar nicht die Burqa, aber die Redaktion hat nackten Männeroberkörpern, Frauenbeinen, Bauchnabeln und tiefen Dekolletés den Kampf angesagt. Und, natürlich, Femen – wir alle sind Femen wenn wir im Sommer etwas mehr zeigen, meint der Tagesspiegel.

Was für verklemmte Typen sitzen denn dort in der Redaktion? Es fing an mit Katja Reimann, die sich über unzüchtige Männer empört. „Er trug eine Jeans und Turnschuhe und vom Gürtel an aufwärts nichts. Kein Haar auf der Brust, kein Tattoo, gebräunt, die Brustwarzen klein und hart – es windete gerade im U-Bahn-Schacht. Da stieg er ein und fuhr wer weiß wohin. Halb nackt, der junge Mann. Einen Tag später sah ich den nächsten, am Fußgängerüberweg, dann wieder einen, auf dem Rad. Sein T-Shirt hing, zusammengerollt, lässig durch eine Gürtelschlaufe gezogen, am Bein herab.“

Die arme Frau. Es muss ein schöner Anblick gewesen sein, wenn ich das so lese. Mir hätte das gefallen. Sehr sexy. Dass sie sich hinterher über Männer beklagt, die ihre „ungepflegten Fußnägel, die bleichen Beine in den kurzen Hosen und eben die Plauze schamlos jedem präsentieren, der sie nicht sehen möchte“ , das verstehe ich. Sowas hässliches sehe ich auch nicht gerne. Natürlich nicht. Aber darum geht es ihr nicht, sonst hätte sie ja nicht mit einem schönen Athleten angefangen, den sie nicht sehen will.

Wenn ein nackter Oberkörper nicht mehr privat ist, mit all seinen Narben und Pickeln, was ist es denn dann? Stadtmänner ohne Hemd sind wie Menschen, die Geheimnisse weitererzählen, die man nicht wissen will. Wer den Oberkörper  inmitten der Stadt zur Schau stellt, nimmt sich jedes Geheimnis – und bedrängt jene, die an so viel Fleisch kein Interesse haben. Ich habe nichts gegen nackte Männer, jedenfalls nicht generell. Aber wen ich mir ansehe, möchte ich bitte selbst entscheiden.“ Gute Frau! Geheimnisvolle nackte Oberkörper! Die Geheimnisse, die in den Hirnen vieler Menschen vor sich gehen, die sich zwar kleiden, aber schlecht und hässlich kleiden, die möchte ich auch lieber nicht wissen. Aber sie deshalb öffentlich auf meinen Dresscode zu verpflichten, käme mir auch nicht in den Kopf. Soviel geschmacks-Pluralismus muss ich eben ertragen. Und sexy Männer mit nacktem Oberkörper „Kein Haar auf der Brust, kein Tattoo, gebräunt, die Brustwarzen klein und hart“ – ein Genuss.

Eine Woche später schlägt die männliche Seite der Redaktion mit einem ähnlich puritanisch-spießigen Text zurück. „Mit der Hitze drängt auch die Inszenierung der Leiber in den öffentlichen Raum – und Männer ziehen dann gerne obenrum blank. Gar nicht so schlimm, findet Lutz Haverkamp: Denn die wahren Optik-Terroristen sind doch weiblich, oder?“ Kaum zu fassen. Was ist denn das für ein Mann? Ist er verklemmt? Schwul? Muslimisch? Protestantischer Fundamentalist? Frauenhasser?

Im sommerlichen Berlin gilt es eine Menge Elend zu ertragen. Optisches Elend. Es ist eine visuelle Zumutung für Männer wie für Frauen vermutlich auch, was so alles ungestraft in dieser Stadt rumlaufen darf…. Da gibt es allerlei Leggins, Schlabbershirts, Miniröcke und Brutalausschnitte, die schlicht eine Beleidigung des guten Geschmacks sind. Und um es klar zu sagen: Unabhängig von Alter,Faltenfreiheit, Körperbau und erotischer Ausstrahlung nerven die ach so politisierten Brüste der in dieser Stadt zuletzt reichlich hyperaktiven Femen-Aktivistinnen ebenso wie die nur viertelverborgenen der Studentinnen in der U-Bahn.“ Das meint Herr Haverkamp mit verdrießlichem Gesicht, und dieses unrasierte, stoppelige Miesepetergesicht zeigt er auch noch im Tagesspiegel. Eine Beleidigung des guten Geschmacks.

Germanisch-preußische Miesepetrigkeit ist wohl der tiefere Hintergrund solcher selten blöder Suaden. Wieviele schöne Menschen – auch und gerade Frauen – habe ich schon gesehen, die sich leider hässlich kleiden und mit weniger und anderen Kleidern um ein Vielfaches schöner wären? Mehr Farbe ins Leben, mehr Erotik ins Leben, mehr Schmuck ins Leben, mehr Flirts, mehr Lächeln, und das Leben wird so viel schöner.

Frauen sind hier schon immer wesentlich mehr engagiert als Männer. Aber Männer, die Frauen ein unerotisches Outfit und wahrscheinlich auch noch ein ähnlich miesepetriges Gesicht wie Herr Haverkamp verordnen wollen, das ist schon außergewöhnlich. Aber auch außergewöhnlich ahnungslos: „Warum, fragt mann sich da manchmal, sind viele Berlinerinnen so viel weniger stolz als Italienerinnen und Spanierinnen? Dort ist es für die meisten Frauen selbstverständlich, mit einem gewissen Maß an Selbstachtung – sprich einem Mindestmaß an Kleidung im engeren Sinne – auch nur kurze Aufenthalte in der Öffentlichkeit zu absolvieren. Mögen sich die Berlinerinnen nicht? Fehlt ihnen die Selbstachtung?

Junger Mann, Sie haben keine Ahnung. Ja, viele Berlinerinnen haben in puncto Schönheit, Eleganz und Erotik gegenüber dem Erscheinungsbild von Italienerinnen, Spanierinnen, aber auch Polinnen, Tschechinnen, Brasilianerinnen und vielen anderen noch manches aufzuholen. Aber nicht weil sie mehr Haut zeigen, eher im Gegenteil.

Lieber Tagesspiegel , klar, es gibt hässliche Menschen die zuviel Haut zeigen. Aber es gibt auch hässliche Menschen, die durch ihre Klamotten noch hässlicher werden als sie ohnehin schon sind. Und es gibt schöne Menschen, die sich durch hässliche Klamotten erst hässlich machen. Und es gibt schöne Menschen, die schön anzusehen sind – auch gerade wenn wenn sie viel Haut zeigen. Ich mache das selber gerne und sehe das auch gern, bei Frauen genauso wie bei Männern. Bei Männern ist es leider seltener, aber das kann sich ändern. Bitte verschonen Sie uns doch mit diesen puritanischen „verhüllt euch“-Kommentaren. Rufen Sie auf zu mehr Schönheit – aber das hat herzlich wenig damit zu tun ob jemand sich verhüllt oder viel Haut zeigt. Aber wenn Sie wollen, dass aus Berlin Minden wird und die Leute hier so rumlaufen wie auf diesem Blog über das Modemekka Minden so wunderbar beschrieben – nein danke.

Oder wie es ein Leserkommentar schreibt: „Er oder Sie, darf spazieren. Auch halbnackt bei Hitze. Und Sie und Ihre Kollegin dürfen frei schreiben. Unzensiert. Leben und leben lassen!!“

Jetzt brauchen wir nur noch die Hitze, damit das ganze nicht nur Theorie bleibt….

Ein schöner Mann….und eine schöne Frau…

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3 Antworten zu Der Tagesspiegel-Dresscode

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