Ist Monogamie unnatürlich?

Diese provokante Frage stelle ich mir oft, aber jetzt stellt sie ausgerechnet CNN. Genauer gesagt,  Kommentatorin Megan Laslocky behauptet sogar unverblümt: „Face it: Monogamy is Unnatural“. Monogamie werde schon dadurch immer schwieriger, dass wir immer älter werden und sie deshalb immer schwerer durchzuhalten sei. Über 50 Jahre mit nur einem einzigen Partner, wer halte das schon durch? Auch die Heirat aus Liebe sei ja ein relativ junges Phänomen, keine 300 Jahre alt, und sie habe sich im wesentlichen nur im westlichen Kulturkreis durchgesetzt. Heirat als sozio-ökonomische Transaktion sei eigentlich über weite Teile der menschlichen Geschichte der Normalzustand gewesen, und die Toleranz gegenüber Seitensprüngen habe erst mit dem Konzept der „Heirat aus Liebe“ abgenommen und Eifersucht parallel dazu wichtiger geworden.

Im Tierreich gebe es so gut wie keine Art, die tatsächlich monogam lebe – auch wenn die Menschen immer wieder versucht hätten so etwas herbeizufantasieren. Tatsächlich gebe es einige Vogelarten, die sozial weitgehend monogam leben aber Sex durchaus mit verschiedenen ihrer Artgenossen hätten. Megan plädiert für mehr Toleranz und Ehrlichkeit – und weil sie Amerikanerin ist und in einem amerikanischen Medium schreibt, versichert sie am Schluss natürlich dass sie weder Promiskuität noch Satanismus praktiziere noch eine Hure sei. Die spinnen eben, die Amis.

Aber sie hat damit eine interessante und vermutlich auch überfällige Debatte angestoßen, auch über Polyamorie. Cathy Reisenwitz stellt dazu auf Sex and the State interessante  Überlegungen an. Sie vermutet, Polyamorie sei eine sexuelle Orientierung, so wie lesbisch oder heterosexuell. Polyamorie oder Monogamie ist demnach genausowenig wie Heterosexualität, Homosexualität oder Bisexualität etwas Absolutes, sondern komme in graduell unterschiedlicher und auch sich immer wieder verändernder Ausprägung im Leben eines Menschen vor. Sie selber verorte sich in dieser Skala irgendwo zwischen hetero und bi hin und her schwankend. Und so sei das wohl auch bei der Monogamie, die bei vielen Menschen auch nichts Absolutes sei sondern zumindest in manchen Lebensphasen einer Polyamorie weicht. Zwischen der eigenen Selbsteinschätzung, der öffentlichen Rolle und dem realen Verhalten gebe es durchaus Unterschiede – so wie sich die meisten Leute für monogam erklären aber im realen Leben eben nicht nur monogam gelebt haben.

Ich frage mich, ob viele Leute sich nicht zuallererst selber belügen, ihre eigene nur partiell monogame Realität sich selber nicht eingestehen, und damit natürlich nicht nur sich selbst hinters Licht führen, sondern auch ihren Partner. Reisenwitz hat völlig recht, wenn sie sagt, Ehrlichkeit sei absolut zentral in jeder nicht-monogamen Beziehung – aber das ist vermutlich objektiv einfacher gesagt als subjektiv getan. Untreue in der Monogamie und praktizierte Nicht-Monogamie unterscheiden sich in genau diesem Punkt, da hat sie recht. Wenn mein Partner weiß, dass ich nicht monogam lebe, ist es etwas völlig anderes als wenn ich das heimlich mache. Eine gewisse gegenseitige Akzeptanz von Polyamorie setzt völlige Ehrlichkeit voraus.

Hier kommt natürlich auch die gesellschaftliche Akzeptanz ins Spiel. Es ist ja noch nicht lange her, da wurde Homosexualität als Krankheit betrachtet, als Verbrechen (in Teilen der Welt heute noch). Und dann gibt natürlich auch niemand zu, dass er nicht  heterosexuell ist, oder nicht 100% heterosexuell ist.

Wenn Polyamorie mit demselben gesellschaftlichen Stigma bedacht ist, müssen sich polyamore Menschen verstecken, so tun als wären sie monogam – und betrügen früher oder später nicht nur ihren Partner sondern auch sich selbst. „Outen“ sie sich, sind sie rasch gesellschaftliche Außenseiter. Aber das ist rein kulturell bedingt. Traditionelle islamische oder afrikanische Stammesgesellschaften praktizieren Polygamie als etwas Selbstverständliches (ich werte das nicht; in so einer erzpatriarchalen Gesellschaft möchte ich aber keine Frau sein). In einer Region im Himalaya wird traditionell Polyandrie praktiziert – eine Frau hat mehrere Männer.

Ich glaube, in einer wirklich freien, auch kulturell freien Gesellschaft ist die friedliche Koexistenz von (meist unglücklichen) Singles, (oft auch nicht sehr glücklichen) heterosexuellen Paaren und den gerade noch tolerierten homosexuellen Paaren noch lange nicht das Ende der Geschichte. Eine Frau, die gleichzeitig einen Mann und eine Frau liebt? Ein Mann, der gleichzeitig zwei Männer oder zwei Frauen liebt? Erträgt unsere Gesellschaft so etwas? Liegt es der menschlichen Natur solcherlei Lebensformen in friedlicher Koexistenz zu ertragen oder zu akzeptieren? Wäre es der Untergang des Abendlandes? Und was sagt das Bundesverfassungsgericht dazu?  Wie sieht denn das Steuer-Splitting zu dritt aus? Fragen über Fragen…

I love you – all three

0352AS (44)

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2 Antworten zu Ist Monogamie unnatürlich?

  1. Jasmin schreibt:

    Ich denke, dass Polygamie ein Teil unserer Natur ist. Gerade wenn man sich mal beispielsweise Bonobo-Affen anschaut, welche den Menschen genetisch am ähnlichsten sein sollen, dann weiß man, dass der intra-kollektive Austausch von Geschlechtsverkehr friedlich von statten gehen kann. In einem schweizerischen Dorf soll es einen beachtlichen polygamen Trend geben, der leider nur immer wieder von der Hürde der staatlichen Gesetze beeinträchtigt wird. (Quelle: Puls4)

  2. Fibel schreibt:

    Sind Menschen nun genetisch bedingt monogam oder doch eher polygam veranlagt? Sind wir gar von Natur aus untreu? Fraglich ist, ob man immer alles einfach auf die Natur schieben kann. Leben wir immer noch in der Steinzeit, so dass fremdgehende Männer eben einfach „nicht anders“ können, weil das Fremdgehen in den Genen liegt? sind wir nicht eher dem Steinzeitalter entwachsen unterliegen jedoch einer „evolutionsbiologischen Prägung“? Dies würde bedeuten, das Frauen vor der Menopause eher einem Seitensprung zugeneigt sind, einfach weil sie in der Zeit fruchtbarer sind und bei Männern wiederum ab 40 die Bereitschaft zum Fremdgehen sprunghaft ansteigt. Die Frage ist, ob die biologischen Theorien überhaupt so eindeutig sind. Immerhin schreiben wir das Jahr 2014 und müssen uns nicht willenlos unserem Trieb unterwerfen, sondern können treu sein, wenn wir es wollen, oder?
    Das Thema wird als Expertenrat auf nachfolgender Seite sehr interessant von verschiedenen Seiten beleuchtet: http://www.seitensprung-fibel.de

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