Für bessere Frauenzeitschriften

Frauenzeitschriften können so doof sein wie sie wollen, sie werden gelesen. Zugegeben, von mir auch. Du kannst nicht immer anstrengende, inhaltsschwere Texte lesen, du willst nicht immer am Bildschirm die nicht endenwollende Flut der Mails abarbeiten. Manchmal willst du einfach nur in einem bunten Heft voller oberflächlicher Plaudertexte blättern, voller Texte die du in der einen oder anderen Form schon öfter gelesen hast. Sie werden mit schöner Regelmäßigkeit neu veröffentlicht, Textbausteine recycelt, egal. Du weißt es, und die Heftchen kosten ja auch nicht viel.

Aber manchmal gehen sie dir auch echt auf die Nerven. Richtig allergisch bin ich gegen alles, was auch nur ansatzweise nach der konservativen Gegen-Kulturrevolution aussieht, die in den USA grassiert und hier rüberzuschwappen droht. Leider sind die Verlage vieler Frauenzeitschriften…aus genau diesem Land. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das so ganz ohne Auswirkungen bleibt.

Nehmen wir die Juliausgabe der „myself“, der kleinen Schwester der Vogue. Condé Nast Publications, Incorporated. Da fällt mir doch gleich eine der Titelstories ins Auge „Business-Outfits für heiße Tage, Alle unter 200 Euro“ auf.  Sowas ist ja immer wichtig, das kaufe ich mir. Deswegen hatte ich schon öfter mal Ärger mit irgendwelchen Klosterschülerinnen.

Da blätterst du auf, und was für ein Geplapper empfängt dich? „Die hochgeschlossene Bluse sorgt für Seriosität“…“Cashmere-Cardigan von Jakes über Peek&Cloppenburg, 110 Euro“ (langärmelig, hochgeschlossen, könnte Hillary Clinton sicher gut stehen, erfordert bestimmt starke Klimaanlagen)…“Schwarz und Weiß strahlen automatisch Seriosität aus. Dieser Look funktioniert wirklich in jeder Branche. Eine strenge Bluse zur Hose ersetzt sogar den Blazer.“  Hiiiiilfe.

Noch krasser kommt es dann auf der Seite „Lieber nicht“: Farbige Bluse, Zehensandalen („zu nackt sollte man im Büro nicht auftauchen. Das gilt auch für die Füße“), „Die Zeiten, als man nichts Ärmelloses im Büro tragen durfte, sind vorbei. Aber Spaghettiträger gehören hier nach wie vor nicht hin“ …. Und die Krönung: „Tragen Sie nie ein Kleid, bei dem Ihre Kollegen anfangen zu spekulieren, ob und was für einen BH Sie tragen. Dann hört Ihnen garantiert niemand zu.“ Als Beispiel bringen sie exakt dieses

 akris-spring-summer-2013-pfw64

Aber bei dem ebenfalls präsentierten Positivbeispiel kannst du über genau diese Frage genauso gut spekulieren:

 akris-spring-summer-2013-pfw56

Welch ein Schwachsinn das Blatt hier von sich gibt, merkst du beim Weiterblättern. Da kommt die Story „Ich mag meinen Job (wieder)  – Typisch: Zwischen 30 und 45 erfasst viele plötzlich die Mid Career Crisis. Drei Fälle, drei Lösungen.“ Interessant. Das Phänomen ist mir auch nicht ganz unbekannt. Aber wen präsentieren sie da? Die Bankmanagerin, seit 5 Jahren Abteilungsleiterin, die im Job irgendwann nicht weiterkam, andere an sich vorüberziehen sah. „Was mich zusätzlich frustrierte: Ich hatte das Gefühl, dass mein Aussehen etwas mit dem beruflichen Stillstand zu tun hatte: klein, zierlich, und dann sehe ich auch noch jünger aus als ich bin. Vielleicht lag es daran, dass man mir nicht mehr Verantwortung zutraute.

Ja, die Banken. Unseriöse Branche durch und durch, ständig am Rande der kriminellen Geschäfte. Und kaschiert wird das durch einen angeblich besonders seriösen Dresscode. Die schlimmsten Gangster tragen Kostüm oder Krawatte, die Kleinkriminellen brauchen das nicht. Aber das nur nebenbei. Weiter geht es.

Wie ich mir half? Zum Glück bin ich ein extrovertierter Typ….Was sich seitdem verändert hat? Zum Beispiel mein Outfit im Job. Früher hielt ich mich zurück, heute traue ich mich, auch mal kräftige Farben zu tragen. In Männerrunden fällt das schon auf, aber es hilft.“ Aha. Totalverstoß gegen alle Dresscodes der myself. Und die nächste der drei Beispieldamen, in der PR-Branche, die wird im knallroten Kleid im Sitzungsraum, barfuß, rotlackierte Zehennägel abgebildet. Na, die hat ihre Midlife Crisis wohl erfolgreich bewältigt, und die albernen Klostergouvernanten-Dresscodes gleichmit.

Ladies, vergesst die schwachsinnigen Büro-Dresscodes, bei denen ein Plapperblatt vom anderen abschreibt, ohne zu merken, dass im selben Blatt verkündet wird, dass dir das nicht guttut. „Zu nackt sollte man nicht im Büro auftauchen“, okay, aber  wenn „Tragen Sie nie ein Kleid, bei dem Ihre Kollegen anfangen zu spekulieren, ob und was für einen BH Sie tragen. Dann hört Ihnen garantiert niemand zu“ zur Richtlinie wird, kannst du eigentlich nur noch gepanzert rumlaufen. Ob mir die Leute zuhören oder nicht, hängt immer noch davon ab, was ich sage und wie ich es sage. Aber nicht davon, ob oder welchen BH ich trage, oder vermutlich trage. Ganz im Gegenteil.

Und übrigens, die ganze wunderbare schöne Frühjahrskollektion von Akris gibt es hier zu sehen.

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