Argentiniens Sexarbeiterinnen werden zu Straßenkünstlerinnen

In Argentinien greift AMMAR, die  Selbsthilfeorganisation der Sexarbeiterinnen  jetzt zu ungewöhnlichen Methoden, um besseren rechtlichen Schutz einzufordern: Sie machen eine großangelegte Anzeigenkampagne auf bemalten Wänden. Professionell durchgezogen von der Werbeagentur Ogilvy & Mather, ist es eine gezielte Sympathiekampagne: weg vom Stigma der gesellschaftlich Marginalisierten, hin zum normalen Menschen. Diese Wand trägt die Botschaft: 86% der Sexarbeiterinnen sind Mütter. Wir brauchen besseren Schutz bei der Arbeit.

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Die 1994 gegründete AMMAR war schon immer einen Schritt weiter als vergleichbare Organisationen in anderen Ländern – sie sind beispielsweise Mitglied im Gewerkschaftsbund Argentiniens. Die Regierung erkennt dies aber nicht an, dennoch: ein wichtiger Fortschritt. Eine Hurengewerkschaft im DGB? Unvorstellbar.

Aber ansonsten ist die Lage in Argentinien eigentlich wie in Europa: Prostitution ist legal, aber irgendwie anrüchig, und so tut man auch nichts zum Schutz der Prostituierten, weil man sie ja eigentlich abschaffen will. Konsequenz: es handelt sich um eine weitgehend unregulierte Wirtschaftsbranche, in der Sexarbeiterinnen vor Ausbeutung aller Art kaum geschützt sind.

AMMAR unterschied deshalb anfangs zwischen „freiwilligen Sexarbeiterinnen“ und Prostituierten. In dieser Logik sind Prostituierte aus wirtschaftlicher Not unfreiwillig zur Prostitution gezwungen, während die freiwillige Sexarbeiterin eben eine für sie schöne Arbeit macht. Eine nette Idee, der ideologischen Polarisierung der Prostitutions-Diskussion zu entgehen. Aber nicht unumstritten – auch in AMMAR gibt es Mitglieder, die sich selbst als Prostituierte bezeichnen und sich dafür auch nicht schämen wollen. Wie dem auch sei – 93% der Mitglieder von AMMAR bezeichnen sich als einzige Geldverdienerin in der Familie, und ihre Stigmatisierung als Prostituierte und ihr unklarer Rechtsstatus sind für sie ein reales Problem.

86% sind Mütter und verdienen rechtlichen Schutz bei ihrer Arbeit – aber auch wenn sie keine Mütter wären, sie verdienen es auch als Frau und als Mensch. Selbstbewusst öffentlich für seine Rechte einzutreten, ist der wichtigste Schritt dazu, sie irgendwann auch durchzusetzen. Argentiniens Sexarbeiterinnen sind diesbezüglich Weltspitze.

Mehr Schutz am Arbeitsplatz!

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Über sunflower22a

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