Die Frau, das unbekannte Wesen

Wenn ein Mann, dazu noch ein Journalist,  ein Buch schreibt mit dem Titel „“What Do Women Want? Adventures in the Science of Female Desire“„  dann ist erst einmal viel, sehr viel Skepsis angebracht. Du vermutest erst einmal eher oberflächliches Geplauder. Niveau FHM Magazine oder so. Aber bei Autor Daniel Bergner findest du das Gegenteil. Das Buch ist bahnbrechend. Bei all dem Geplauder über Sex, gerade in Frauenzeitschriften, werden doch überwiegend Klischees und Halbwahrheiten in immer neuen Varianten reproduziert. Ich lese auch Frauenzeitschriften, aber bei den ganzen Sex- und Beziehungsratgebern greife ich mir oft genug einfach an den Kopf (auch wenn sie zugegebenermaßen nicht mehr ganz so daneben liegen wie früher). Entweder ich bin völlig anders gelagert, oder dieses Geplapper ist halt Geplapper. Und zwar, no surprise, überwiegend von Frauen.

Wenn du Bergner liest, erkennst du: letzteres ist der Fall. Surprise. Ausgelöst von einer Titelstory im New York Times Magazine, hat sich  Bergner viel mit der sexualwissenschaftlichen Forschung auseinandergesetzt und mit Forscherinnen und Forschern gesprochen. Und dabei festgestellt, wie gesellschaftliche Stereotypen schon die Sexualforschung vorgeprägt haben, voreingenommen gemacht hat – und vieles gar nicht erst erforscht haben, weil es nicht hineinpasst in diese Stereotypen.

Glauben wir nicht alle tief im Inneren, dass weibliche Sexualität viel zurückhaltender, ausgeglichener, zivilisierter, zarter, vielschichtiger ist als die männliche? Die ist bekanntlich plump, eindimensional, und leicht auch mal gewalttätig. Die Frau neigt zur Treue, der Mann zum Fremdgehen. Haha.

Bergner findet heraus, dass das alles ziemlicher Quatsch ist. Die Sexualität der Frau ist im Prinzip genauso triebhaft und animalisch wie die männliche. Und wenn man sie nicht kulturell bremst, genauso hemmungslos. Nicht einmal der Trend zur Monogamie ist ausgeprägter als beim Mann, sondern eher schwächer.

Klingt unglaubwürdig? Ist es nicht. Instinktiv war das schon immer meine Meinung, und ich dachte ich bin irgendwie anders als die meisten Frauen.Aber: wenn du dir mal überlegst, worüber Frauen am liebsten reden, wenn sie unter sich sind, liegen Bergners Thesen ziemlich nahe an der Wahrheit. Jetzt brauchen wir ausgerechnet einen Mann, der das mal recherchiert und aufschreibt. Auch für diese Kuriosität hat Bergner eine Erklärung: die sexuellen Instinkte der Frau sind potenziell so mächtig, dass alle Kulturen und Gesellschaften enorm viel Aufwand getrieben haben, sie unter Kontrolle zu bringen – unter aktiver Mitwirkung der Frauen, versteht sich. Und das wirkt bis heute.

Women’s desire — its inherent range and innate power — is an underestimated and constrained force, even in our times, when all can seem so sexually inundated, so far beyond restriction,” so Bergner. Es sei ein wissenschaftlich nicht belegbarer Mythos, dass die weibliche Sexualität viel eher auf Monogamie ausgerichtet sei als die männliche. Meine war das in der Tat noch nie, aber viele Frauen tun ja immer so als wäre dies bei ihnen der Fall…wer will denn schon eine „Schlampe“ sein.

Aber diese falsche Selbsteinschätzung vieler Frauen ist auch für viele Männer sehr alarmierend – ihre Partnerin könnte tief in ihrem Inneren weitaus weniger monogam sein als vermutet. Kulturell wohl schon, aber rein sexuell nicht. Die Forscher/innen haben die unglaublichsten Experimente angestellt, Sensoren um Penisse gewickelt und in die Vagina gesteckt, Blutdruck und Hirnaktivität gemessen – und festgestellt, dass unbewusste sexuelle Erregung unterschiedlichster Art bei Frauen sich auf weniger monogame Art abspielt als bei Männern. Sie geben es aber nicht zu – die gleichzeitig stattfindenden Selbsteinschätzungen ergaben bei Männern relativ übereinstimmende Ergebnisse mit den physiologischen Messwerten, während sie bei Frauen teilweise sehr weit auseinanderklafften.

Während die Vagina-Sonde starke Erregung bei der Beobachtung von weiblichen Masturbationsszenen oder von lesbischem Sex meldete, gaben die meisten weiblichen Versuchspersonen nur „geringe Erregung“ im Fragebogen an – bei heterosexuellen Sexszenen war es anders herum. Sexualforscherin Meredith Chivers, eine der wichtigsten Interviewpartnerinnen Bergners, drückte es so aus: die weibliche Sexualität sei anscheinend aufgeteilt zwischen zwei völlig separaten Systemen, dem physiologischen und dem subjektiven.

Diese Differenzen treten Chivers zufolge am stärksten bei Szenen auf, die kulturell am stärksten tabuisiert sind. Zum Beispiel Sex-Fantasien mit völlig unbekannten Männern, einfach so – weil sie dir begegnen und wahnsinnig attraktiv sind. Gesellschaftlich total stigmatisiert – da kommt wieder das Bild der „Schlampe“ – aber unbewusst törnt das viele Frauen total an. Das unglaublich erotische Gefühl, begehrt zu werden – wie oft unterdrücken wir es weil es gesellschaftlich nicht akzeptiert ist.

Eine andere wichtige Interviewpartnerin Bergners ist die Sexualforscherin Lisa Diamond, die sich besonders für bisexuelle Frauen interessiert. Sie erforschte das Sexualverhalten lesbischer Frauen und fand heraus, dass nur ein Drittel sich wirklich überhaupt nicht für Männer interessieren. Die anderen sind mal lesbisch, teilweise jahrelang, und dann wieder heterosexuell. Marta Meana, eine andere Sexualforscherin, widmet sich ebenfalls diesem Thema des begehrt-werdens – und fand heraus, dass dies ein überaus narzisstisches Gefühl sei – Frauen wollen begehrt werden, und zwar keineswegs nur von ihrem Beziehungspartner, sondern grundsätzlich. In ihren Fantasien wollen Männer Befriedigung vermitteln, Frauen Befriedigung bekommen – und landen oft in einem echten Dilemma: dieses Begehrt-werden-wollen macht sie oft blind für die Gefahr, die von einem bestimmten Mann drohen kann, der sie begehrt, bis hin zu Unterwerfungsfantasien bei denen es oft wirklich gefährlich wird.

Es scheint, dass es in unserer angeblich so tabulosen Gesellschaft durchaus noch echte Tabus gibt, unbewusste Tabus die wir erst langsam erkennen. Die Tiefen und Untiefen der weiblichen Sexualität, von Jahrhunderten der „Zivilisation“ gründlich verschüttet, sind sicher eines, mit großer Ausdauer aufrechterhalten von freudlosen Traditions-Feministinnen, Religionsextremisten und vielen vielen  vom Alltagstrott frustrierten Frauen. Wenn Frauen diesen Schutt abräumen, wird unsere Gesellschaft nicht wiederzuerkennen sein, und die „Opferrolle“ wird Vergangenheit sein, in der sich viele Frauen so gemütlich eingerichtet haben.

0332AS (44)

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