Der skandinavische Kreuzzug gegen die Sex-Industrie und ihre Beschäftigten

Volksheim. So nannte sich Schweden in seiner tief von der Sozialdemokratie geprägten Zeit nach dem Krieg. Diese Volksgemeinschaftsideologie wirkt in allen Ländern Skandinaviens bis heute sehr tief, sie wird nicht so sehr politisch artikuliert als vielmehr tagtäglich gelebt und empfunden. Aller nach außen zur Schau gestellten Liberalität und Progressivität zum Trotz – Ausländer und Andersdenkende haben es in Skandinavien schwer. Es herrscht ein unglaublicher Gruppendruck.

Nur selten wird der Gruppendruck bei den Nachfahren der Wikinger so stark, dass er sogar in Gesetze gegossen wird. Nämlich bei der Bekämpfung sogenannter „Laster“ und „Sünden“. Das ist in Skandinavien vor allem der Alkohol und der käufliche Sex. Wer skandinavische Touristen an den Gestaden des Mittelmeers bei ihren Alkoholexzessen hat zusehen muss, kann erahnen welcher Druck auf diesen Menschen lastet. Horrende Preise, spezielle Läden, und eigentlich brauchst du eine Ausrede wenn du nicht nur am Wochenende Alkohol trinken willst („ich bekomme Besuch, deswegen brauche ich heute ausnahmsweise eine Flasche Wein“ und so weiter).

Pornografie und Prostitution fallen unter dieselbe Kategorie. Das Laster muss bekämpft werden. Warum eigentlich? Schweden hat, maßgeblich betrieben von Kirche und Traditionsfeministinnen, die Prostitution schon verboten. Genauer gesagt, sie bedroht Freier mit Strafe – liberalerweise nicht die Sexarbeiterin. Der wird nur der Kunde weggenommen. Das ist der Unterschied zu patriarchal geprägten Ländern: dort geht der Freier straffrei aus, die Anbieterin sexueller Dienstleistungen wandert hinter Gitter.  Ich mag mir gar nicht ausdenken, was schwedische Männer im Ausland tun, wenn sie dort ein Bordell sehen, hoffentlich unterscheidet sich das von den Alkoholexzessen.

Island will jetzt einen Schritt weitergehen. Pornografie soll verboten werden, online und offline. Dänemark hat das auch schon ausprobiert, ohne großen Erfolg. In Island ist schon vieles verboten. Wer Prostituierte beschäftigt, muss seit 2009 mit Haftstrafen rechnen – weil Prostituierte nämlich „Opfer“ sind. Auch freischaffende Prostituierte bewegen sich lieber in Grauzonen, sowohl ihre Kunden als auch sie selbst geraten leicht mit der Justiz in Konflikt. Stripclubs sind seit 2010 verboten. Auch hier werden nämlich „Opfer“ beschäftigt. Hier enden die Parallelen mit Saudi-Arabien: Island ist das einzige Land der Welt mit einer bekennend lesbischen Premierministerin. Allerdings wohl nur noch wenige Tage – am 27.April wird gewählt, und die Regierung dürfte wohl verlieren. Sexspielzeug wird nicht reguliert, das gibt es überall im Supermarkt. Die Opfer in Form ausgebeuteter chinesischer Fabrikarbeiterinnen sind ja weit weg, um die muss man sich in Island nicht kümmern.

Pornografie ist in Island seit 1869 verboten, theoretisch drohen Haftstrafen bis zu 6 Monaten. Jetzt soll natürlich nur die „gewaltverherrlichende“ Pornografie verboten werden, aber wer definiert das schon? Immerhin gibt es hier auch schon einige Dissidentinnen. Hildur Sverrisdottir hat ein Buch über die sexuellen Fantasien von Frauen herausgegeben und ist Mitglied des Stadtrats der Hauptstadt Reykjavik. Sie fragt: was ist schlimmer, ein freiwillig aufgenommener Sado-Maso-Porno oder Nacktfotos, zu denen eine Frau gezwungen wurde, was man den Bildern aber nicht ansieht? Wen soll so ein Gesetz eigentlich schützen, die Pornodarstellerin (die vielleicht gar nicht geschützt werden will) oder die Frauen und Männer, denen es nicht passt, dass es so etwas überhaupt gibt? Betrifft das Gesetz auch Pornofilme, die bei den Feminist Porn Awards ausgezeichnet werden? Als Begründung wird üblicherweise angeführt, Pornografie verführe Männer zu Vergewaltigungen – leider durch nichts belegbar. Das Gegenteil natürlich auch nicht. Und so bleibt die Frage, was das ganze Moralisieren eigentlich soll. Schützen wir Sexarbeiterinnen so wie wir beispielsweise Textilarbeiterinnen in Bangladesh oder i-phone-Arbeiterinnen in China auch schützen sollten, nämlich indem wir faire Arbeitsbedingungen durchsetzen und überwachen und nicht indem wir ihre Branche kriminalisieren. Skandinavier und vor allem Skandinavierinnen sollten das vielleicht ein bisschen toleranter und weniger verbissen angehen.

In Island gilt diese freundliche Lady als „Opfer“, und bald vielleicht sogar als Kriminelle…

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Über sunflower22a

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