Fifty Shades of Feminism

Fifty Shades of feminism…eine wohl gewollte Analogie zu einem aktuellen Bestseller, und wirklich ein treffender Titel für eine neue erschienene Essay-Sammlung. Lisa Appignanesi, Rachel Holmes und Susie Orbach ist ein lesenswerter Band gelungen. Im Vorwort schreiben sie noch, dass sie anfangs Zweifel hatten, eine qualifizierte Sammlung ohne irrwitzigen Zeitaufwand zusammenstellen zu können – am Ende haben sie die Qual der Wahl zwischen Hunderten guter Beiträge gehabt, und sie haben es bravourös gemeistert, die besten zusammenzustellen.  Nennen wir es mal einen repräsentativen Querschnitt, und deshalb ist auch viel Traditionsfeminismus drin, mit dem ich nicht viel anfangen kann.

Das Buch sticht vor allem aber deshalb heraus, weil es eine Sammlung ist, die eine wirkliche globale Autorinnenschaft versammelt, mit allen ihren unterschiedlichen Sichtweisen, und nicht nur die übliche „weiße“, euro-amerikanische Perspektive präsentiert. Im Gegenteil – so manche Autorin spricht auch offen an, welche Probleme sie mit dem „weißen Mittelschichts-Feminismus“ in Amerika oder Europa hat. Sayantani DasGupta diskutiert offen die „imperialistische Verwendung  der Frauenunterdrückung als Rechtfertigung für politische Aggression” und wie der Feminismus als Waffe gegen den „globalen Süden“ und auch Frauen im globalen Süden verwendet werden. Sind Leute wie Condoleezza Rice eine Inkarnation von Frauenemanzipation, eine aggressive Militaristin die Kriege anzettelt, angeblich um Frauen im Irak oder Afghanistan zu helfen, aber leider in der Realität meist mit dem gegenteiligen Effekt?

Nein, die Fan-Community von Condoleezza hält sich in überschaubaren Grenzen. Aber psychologisch sind viele westliche Feministinnen sicher nicht ganz frei von solchen Gefühlen. Ich auch nicht. Beim Anblick eines Taliban habe ich sofort solche Reflexe. Wenn Condi und die US Army einen Talibantrupp plattmachen, ja, das finde ich emotional irgendwie echt gut. Die Islam-Gangster in Mali wegzuhauen, ich bin dafür. Aber darum geht es nicht, das sind die extremeren Fälle. Es sind viel subtilere Einstellungen und Blicke auf andere Kulturen, um die es hier geht, nicht nur den Islam.

Siri Hustvedt beginnt ihren Essay mit „As a white, educated, American woman from a middle-class family, I have not suffered the horrors of overt, brutal misogyny. I was never subjected to genital mutilation or sold to a man as his wife or sex slave.” Es geht um die Gefühle, die Frau empfinden muss, die nicht die Gnade einer solchen Geburt hatte. Viele der Essays haben solche Untertöne, wir im Westen haben es ja so gut. Der beste Ort, die beste Zeit in der Menschheitsgeschichte, eine Frau zu sein: der Westen anno 2013.

Was soll die palästinensische Frau in Gaza empfinden, wenn sie so etwas liest? Wenn sie überhaupt dazu kommt, so etwas zu lesen? Sie empfindet bestimmt dasselbe wenn sie im Fernsehen eine israelische Politikerin sieht, die die Unterdrückung der Palästinenser rechtfertigt. Sie wundert sich schon lange nicht mehr, wenn US-Republikaner angeblich die Frauen Kabuls befreien wollen, aber die Unterdrückung der Frauen Saudi-Arabiens oder Palästinas völlig okay finden. Wir glauben im Westen doch immer noch, wir sind das zivilisierte Zentrum der Welt – klar, Ausnahmen sind möglich, aber die bestätigen doch nur die Regel, weil wir diese Ausnahmen auch abstellen. Siehe Hitler, Franco, Stalin.

Lange haben die aufstrebenden Eliten und neuen Mittelschichten außerhalb des Westens genauso gedacht und sich kulturell und wirtschaftlich am Westen orientiert. Das ist vorbei. Im Mittleren Osten informieren sich die Leute über Al Jazeera, nicht mehr über CNN. Lateinamerika, China, Indien – auch dort ist es so. Der Kolonialismus in den Köpfen schwindet. Er ist endgültig überwunden, wenn man sich auch nicht mehr gegen den Westen abgrenzt oder ihn ständig bekämpfen muss, sondern man ihn einfach nicht mehr so wichtig findet.

Für die Feministin im Süden ist die amerikanische Feministin heute wahrscheinlich nur noch in einem Punkt relevant: Sie zeigt deine Position in der Gesellschaft, wenn du alle anderen Schranken zur Gleichberechtigung überwunden hast. Du hast eine wunderbare Ausbildung, besser oder gleichgut wie die Männer. Du hast genausoviel Geld. Du bist weiß, oder du bist zwar nicht völlig weiß aber deswegen wirst du nicht mehr diskriminiert, weil die Männer auch nicht mehr völlig weiß sind. Du hast natürliches, kein aufgesetztes Selbstbewusstsein, weil du ohne jede “Diskriminierungserwartung” aufgewachsen bist. Du kannst Kinder kriegen und sie sind nicht unbedingt das Ende deiner Karriere. Religion spielt schon gar keine Rolle. Nur noch das Geschlecht unterscheidet dich von deinen männlichen Konkurrenten. Und da bleibt eben der Unterschied, und da liegt der Sexismus offen zutage. Tatsache, schon Marx hat das mal geschrieben, in Sachen Analyse des Patriarchats war der alte Herr schon weiter als viele der (weiblichen oder männlichen) Dampfplauderer von heute. Und so siehst du, es ist am Ende eben doch Sexismus.

Aber solche Frauen in Europa, in Amerika, sie haben es weit gebracht und damit auch viel zu verlieren. Sie haben manche Kompromisse gemacht und werden sie weiter machen, das kann man ihnen auch nicht verübeln, sie denken und empfinden anders als wenn sie sich noch als Unterdrückte wahrnehmen würden. Aber für Frauen anderswo sind sie kein Referenzrahmen. Die Feministin in Saudi-Arabien, im Gazastreifen, in Pakistan, in Ägypten…sie kämpft einen anderen Kampf. Nämlich einen, der nicht zu trennen ist vom Kampf ihrer Gesellschaft, ihres Volkes um Freiheit – Freiheit von israelischer Kolonialbesatzung, feudaler oder militärischer Diktatur, krasser Ausbeutung durch reiche Eliten. Dinge, von denen die Amerikanerin oder Europäerin keine Ahnung hat. Ihre Heldinnen heißen Taslima Nasrin, Malala Yousafzai, Leyla Zana. Taslima Nasrin, die Autorin aus Bangladesh, die als erste der Krake des Islamismus in ihrem Land entgegengetreten ist. Malala Yousafzai, das junge Mädchen aus Pakistan, das den Taliban offen entgegengetreten ist um ihr Recht auf Bildung zu verteidigen und dafür fast erschossen worden wäre. Leyla Zana, die kurdische Abgeordnete, die die Türkei jahrelang in den Knast geworfen hat, weil sie im Parlament auf kurdisch die Brüderlichkeit (ja) und Gleichberechtigung zwischen Türken und Kurden, zwischen Männern und Frauen gefordert hat. Frauen wie die Inderinnen, die sich die alltägliche Männergewalt nicht mehr bieten lassen und auf die Straße gehen. Frauen wie die Ägypterinnen, die sich nach der Revolution nicht mehr an den Herd und in den Harem zurückschicken lassen. Nur die wenigsten würden sich als Feministinnen bezeichnen. Aber sie sind weitaus mutiger als die meisten Feministinnen im Westen – weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt.

Der Westen anno 2013 – der beste Platz den es je für Frauen auf dieser Welt gab. Und darüber sind sie so glücklich, dass sie nicht mehr darüber nachdenken wollen, welchen Anteil der Westen anno 2013 eigentlich an all dem Elend im Rest der Welt hat, in dem wir ja glücklicherweise nicht leben.

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Eine Antwort zu Fifty Shades of Feminism

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