Sexualität in der arabischen Welt

Es ist ein hochinteressantes Projekt, das die Immunologin und Journalistin Shereen El Feki fünf Jahre lang gemacht hat: Sie hat Menschen in der arabischen Welt nach ihrer Einstellung zu einem heiklen Thema: Sexualität. Der Tagesspiegel berichtet heute über ihr morgen erscheinendes Buch.

Es muss ihr wohl oft wie eine Reise in das Land der Ahnungslosen vorgekommen sein:

Sechs dunkle Augenpaare starrten mich an. Vielmehr nicht mich, sondern einen kurzen lilafarbenen Stab in meiner Hand. „Das ist ein Vibrator“, antwortete ich auf Englisch und zermarterte mir das Hirn nach dem richtigen arabischen Wort. „Ein Ding, das sich sehr schnell dreht“, fiel mir ein. Da diese Beschreibung aber auch auf einen Handmixer zutrifft, beschloss ich, bei meiner Muttersprache zu bleiben, um der zunehmenden Verwirrung, die ich in dem Raum spüren konnte, entgegenzutreten. Eine der Frauen, die es sich auf einem Divan neben mir gemütlich machte, begann ihren Hijab abzustecken, worauf das schwarze Haar wie in einer Kaskade ihren Rücken herabfiel, während sie das Kopftuch sorgfältig zur Seite legte. „Was tut dieses Ding?“, fragte sie. „Nun, es vibriert“, antwortete ich. Ich nippte an meinem Minztee und biss in ein Stück siruptriefendes Baklava, um mir vor der unvermeidlichen Nachfrage eine kurze Atempause zu verschaffen. „Aber wozu?“

Nicht einmal vor Interviews mit prominenten Salafisten schreckte sie zurück. Und – für mich erstaunlicherweise – kommt sie zu einem durchaus optimistischen Schluss: solange es nicht offen und provokativ geschieht, wird es ihr zufolge zunehmend gesellschaftlich akzeptiert, dass nicht alle Menschen den überkommenen Vorstellungen entsprechen. „Ich glaube, dass eine Gesellschaft, die Menschen nicht nur erlaubt, eigenständige Entscheidungen zu treffen und ihr sexuelles Potenzial auszuschöpfen, sondern ihnen auch die Bildung, die Instrumente und die Chancen vermittelt, um dies zu verwirklichen, während sie zugleich die Rechte anderer respektiert, ein fruchtbarerer Boden für Entwicklung ist. Ich glaube nicht, dass dies grundsätzlich unvereinbar ist mit den gesellschaftlichen Wertvorstellungen in der arabischen Welt, die früher offener für das gesamte Spektrum der menschlichen Sexualität war und dies wieder werden könnte. Es widerspricht auch nicht zwangsläufig der tonangebenden Religion der Region: Durch ihre Interpretationen des Islam haben viele Muslime sich selbst und ihrer Religion Fesseln angelegt. In meinem Buch kommen diejenigen zu Wort, die die Fesseln abstreifen wollen: Forscher, die es wagen, die gelebte Sexualität zu erforschen; Gelehrte, die altüberlieferte Texte, welche Menschen heute in ihrer Entscheidungsfreiheit stark einschränken, neu interpretieren; Juristen, die für ausgewogenere Gesetze kämpfen; Ärzte und Therapeuten, die die negativen körperlichen und seelischen Folgen aufzufangen versuchen; mutige religiöse Führer, die Toleranz predigen, statt wie früher von Verdammnis zu sprechen; Aktivisten, die auf den Straßen unterwegs sind und sich bemühen, Sex sicher zu machen; Schriftsteller und Filmemacher, die die Grenzen der sexuellen Ausdrucksmöglichkeiten hinterfragen; Blogger, die einen neuen Raum für die öffentliche Debatte schaffen. Aber wir hören auch die Stimmen derjenigen, die sich ihnen entgegenstellen; die sich wandelnde politische Landschaft der arabischen Region eröffnet nach Jahren des Stillstandes neue Chancen für beide Seiten.“

Man kann nur hoffen dass das stimmt und die überholten Sozialstrukturen der arabischen Welt endlich in Bewegung kommen, und zwar in die richtige Richtung. Diktaturen und Islamisten brauchen unfreie Individuen. Frei werden Individuen aber nicht nur an der Wahlurne, sondern im Alltag. Und eben auch im Bett. Die Überwindung der archaischen Moralvorstellungen und des patriarchalen Denkens sind ein wichtiger Schlüssel zur Freiheit. Erst dann können die Länder und Völker der Region aufhören, sich ständig selbst im Weg zu stehen – und im Ernstfall Spielball anderer zu sein.

Ich bin gespannt auf dieses Buch. Shereen El Feki, Sex und die Zitadelle. Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt. 24,90 Euro.

Über sunflower22a

I am a mystery.
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