Sexismus, Herr Brüderle und die Rudeljournalisten

Herr Brüderle ist mir nicht sympathisch. Und die Vorstellung, mit ihm nachts an Hotelbars herumhängen zu müssen mit einer Horde weiterer FDPler und Journalisten, allesamt männlich….nein, wie gruselig. Aber was derzeit in der Presse abgeht, ist auch kein Ruhmesblatt für meine werten Kolleginnen und Kollegen. Hans-Ulrich Gördes vom „stern“ hat es, wenn auch bezogen auf die Steinbrück-Stories, als „Rudeljournalismus“ bezeichnet, und er hat recht.

Wer ist  Brüderle? Der alte Trottel von der FDP, der inhaltlich zwar auch nichts anderes sagt als seine ein gefühltes halbes Jahrhundert jüngeren Partei-Promis, aber eben irgendwie seriöser daherkommt einfach nur weil er so viel älter ist als diese Bubis. Dummes Zeug hat er schon oft erzählt. Die Rudeljournalisten brauchten schlagartig ein neues Ziel, nachdem sich Steinbrück abgelutscht hat und Rösler sich einstweilen retten konnte. Brüderle bietet sich jetzt an, und da erinnert sich eine Journalistin, dass Brüderle vor einem Jahr sich mal abends an der Hotelbar über sie ausließ, sie passe mit ihrer Figur ja gut in ein Dirndl.

Sexismus? Vielleicht, aber sexismus very light. Da gibt es noch ganz andere Kategorien. Aber darum geht es längst nicht mehr. Die meisten, die sich jetzt so unheimlich betroffen schlagartig äußern und dies jahrelang nie getan haben, sind nicht ehrlich. Manche machen das nur weil es jetzt gerade en vogue ist. Manche heucheln rum und sind doch bekannt dafür, dass sie alles andere als Unschuldslämmer in dieser Hinsicht sind. Wieder andere meinen es so wie sie schreiben und sind eigentlich nur schreckliche politisch korrekte Puritaner die am liebsten alle Lebensfreuden unter Generalverdacht stellen würden. Ja, und dann gibt es auch noch die Kolleginnen, denen geht es nicht um Brüderle sondern darum, die Macho-Alltagskultur zu bekämpfen, und denen gehört meine volle Sympathie. Aber das sind auch diejenigen, die das schon vor Brüderle angeklagt haben und es auch noch tun werden, wenn die Rudeljournalisten ihre nächste Zielscheibe gefunden haben und den Alltags-Sexismus wieder wie bis vor einer Woche ein völlig uninteressantes Thema finden.

Und ich bekenne es: auch ich bin ständig sexistisch. Ich liebe es, sexistische Sprüche über meine männlichen Zeitgenossen zu machen, und wenn ich aus Versehen mal wieder die Grenzen des guten Geschmacks überschritten habe, dann hilft nur noch ein sexistischer Spruch über mich selbst. Politisch korrekt ist das nicht, und mein outfit ist es oft genug auch nicht. Aber es macht viel mehr Spaß, als grau und seriös gekleidet und immer korrekt langweiligen smalltalk  zu machen, nur noch Mineralwasser zu trinken, vor lauter Angst anzuecken. Hiiiilfe.

Und wenn es mir  mal passieren würde, nachts einem Brüderle an der Hotelbar zu begegnen, ich würde eine Zote nach der anderen über ihn in Lederhosen, mit Gamsbarthüten und auf der Alm do gibt’s koi Sünd‘  oder sonstwas ablassen. In der Disziplin „sexistisch über das andere Geschlecht ablästern“ würde ich gegen den mit Sicherheit haushoch gewinnen.

Ach und PS: wieviel Alltags-Sexismus wir erleben müssen, das wird laufend aktuell dokumentiert www.everydaysexism.com

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Über sunflower22a

I am a mystery.
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Eine Antwort zu Sexismus, Herr Brüderle und die Rudeljournalisten

  1. tom schreibt:

    Zunächst mal müsste erst mal geklärt werden, was Sexismus denn nun eigentlich sein soll. Ich glaube der Begriff ist „feministischerseits“ absichtlich missverständlich. Nach der „reinen Lehre“ soll ja Sexismus nur heißen: Diskriminierung eines Menschen aufgrund seiner Geschlechtszugehörigkeit. Eine solche Diskriminierung könnte sich auch gegen Männer richten – richtet sich vielleicht ja auch heute und in unseren Breiten gegen Männer (ich nenne mich Maskuslist).

    Nach dem gängigen Alltagsverständnis hat „Sexismus“ aber auch etwas mit (angeblich zu viel) Sex zu tun. Hier meldet sich für mich klar Prüderie bzw. sexuelle Scheinheiligkeit zu Wort – und nichts anderes.

    Ich habe mal in einem Forum geschrieben: Sexismus ist sein eigenes Gegenteil. Ich meine damit: der Sexismus-Vorwurf richtet sich ja schwerpunktmäßig gegen („die“) Männer. Und weil dieser Sexismus-Vorwurf – jedenfalls meiner Wahrnehmung nach – ganz häufig Ausdruck weiblicher sexueller Scheinheiligkeit Männern gegenüber ist, ist er selbst Sexismus – ganz besonders dann, wenn von „den“ Männern gesprochen wird.

    Im Brüderle-Fall war die Scheinheiligkeit sowieso ganz und gar offenbar.

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