Gasthaus Goldenes Dachl in Innsbruck

InnsbruckEssen und TrinkenRestaurantOesterreichisches Restaurant

Dieses Etablissement lebt von seinem Namen und seiner Lage direkt neben dem Goldenen Dachl. Das war es, ansonsten erinnert es eher an eine Bahnhofsgaststätte alten Stils. Schon die Einrichtung – 60er Jahre. Dunkel, muffig, Funzelbeleuchtung, Stühle und Sitzbänke in einem seit Jahrzehnten nicht mehr lieferbaren Stoffmuster. Das eigentlich interessante hier ist aber das Publikum: Alles Touristen, die nie wiederkehren werden – in ihrem Reiseführer steht Goldenes Dachl, und danach gehen sie hier essen.

Da sind die drei italienischen Alpinisten, die der einzigen Signora in ihrer Gruppe lautstark und wild gestikulierend immer abenteuerlichere Stories von ihren Bruchlandungen auf der Piste erzählen, und welch ein Wunder es doch sei dass sie sich noch nichts gebrochen haben. Die Signora versucht ihnen anfangs fachkundig zu erzählen, was sie falsch gemacht haben und wie sie Stürze vermeiden – später, als es immer mehr Richtung Pistenlatein geht, erklärt sie kalt rational analysierend warum das alles physikalisch unmöglich ist. Die Italienerin von heute ist auch nicht mehr das was sie einmal war – früher hätte sie die drei bewundert, oder zumindest so getan.

Als sie gehen, kommen eine üppig geschminkte Russin mit ihrer erwachsenen Tochter, beide im Pelzmantel und mit Diamantschmuck, und ihr an Putin erinnernder Begleiter, der sich alle Mühe gibt, wie ein cooler Möchtegern-Oligarch zu wirken. Sie scheinen sich nicht ganz einig zu sein, ob sie nun in einem Nonplusultra alpenländischer Gastronomie gelandet sind, oder ob der Reiseführer sich einfach auch mal geirrt haben könnte, jedenfalls diskutieren sie ständig mit Verweis auf mehrere Reiseführer, die sie auf dem Tisch ausgebreitet haben.

Oder die beiden dicken, schnauzbärtigen Tschechen (oder Polen? So gut sind meine Sprachkenntnisse nicht), die sich so ähnlich sehen als wären sie Zwillinge. Sie bestellen zum Entsetzen ihrer schlanken, blonden Begleiterinnen gekochten Kalbskopf. Die beiden Ladies sehen sich auch ziemlich ähnlich und bestellen lieber Salat. Als der Kalbskopf kommt, kreischen die beiden bisher stillen Kinder laut los – das Mädchen vor Entsetzen, der Junge vor Begeisterung.

Da ist die schöne Chinesin im Leoparden-Mini mit der Bottega Veneta-Tasche (vermutlich sogar echt), die die Nase rümpft als sie zur Tür reinkommt und wieder gehen will, aber von ihrem amerikanischen Ehemann reingezogen wird. Der ist offensichtlich stark austrophil und ganz entzückt. Wahrscheinlich kauft er sich zum Abschluss der Reise Lederhosen und Trachtenjankerl, und wenn er zuhause in Los Angeles das zum erstenmal anzieht, wird die Chinesin ihn entweder zum Psychiater schicken oder ihn verlassen.

Oder das schwäbische Paar am Nachbartisch, das sich mit unverkennbarer Detailkenntnis über die Unterschiede zwischen schwäbischen und Tiroler Käsespätzle unterhält und, wenig überraschend, zu der Erkenntnis kommt, die schwäbischen seien halt doch besser.

Neben ihnen sitzt, aus Platzmangel am selben Tisch, der einsame Japaner (oder Koreaner?) mit der Riesen-Kamera, der offenbar kein Wort einer europäischen Sprache spricht und immer nur verlegen lächelt, wenn er angesprochen wird. Wie er es geschafft hat, etwas zu bestellen, ist mir schleierhaft. Aber auch er bekommt sein Essen.

Ja und die Innsbrucker, gibt es die hier nicht? Doch, es gibt sie. Es ist genau das Publikum, das man sonst in traditionellen Bahnhofskneipen findet, aber solche Bahnhofskneipen gibt es im hypermodernen, zur Shopping Mall ausgebauten Innsbrucker Bahnhof längst nicht mehr. Leute wie der alte Mann in der viel zu weiten Hose und der ausgeleierten grauen Strickweste, graues Gesicht und grauer Vollbart, vermutlich seit 2 Wochen nicht mehr gewaschen. Er kippt sich irgendwelche undefinierbaren Flüssigkeiten an der Bar rein und qualmt (erstaunlicherweise darf man das hier). Hier kann er internationalen Flair um sich haben, Reisende, etwas Abwechslung aus dem tristen Alltag, Teil der großen weiten welt sein.

Ich könnte dieses Soziogramm noch stundenlang beobachten. Aber plötzlich kommt unser Essen. Stimmt, wir sind ja in einem Gasthaus. Das Essen hier ist nichts worüber man schreiben muss, sondern völlig nebensächlich.

 

Über sunflower22a

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