Sextouristinnen

Sextourismus ist ein primär männliches Phänomen, wie man in Bangkok und anderen südostasiatischen Ländern sehen kann. Aber auch Frauen praktizieren das zunehmend. Morgen, am 3.Januar, kommt ein Film in die Kinos, der Sextouristinnen porträtiert: „Paradies Liebe“. ich bin gespannt. Vorab eine Kritik von der Premiere in Cannes:

Die pubertierende Tochter und die Katzen werden kurzerhand bei einer Freundin abgestellt, denn für die ist jetzt keine Zeit. Teresa (bravourös dargestellt von Margarethe Thiesel) fährt in Urlaub. Endlich weg aus dem kalten, miefigen Österreich und hinein ins exotisch-warme Kenia. Am Land an sich ist sie eher nicht interessiert, wohl aber am separierten, überwachten Resort mit Strandabschnitt, an dem die weißen Urlauber auf der einen Seite bewegungslos in der Sonne braten, während auf der anderen einheimische Strandverkäufer bewegungslos darauf warten, dass sich eine/r von ihnen auf die andere Seite verirrt. Die Fronten sind klar: schwarz/weiß, reich/arm, aber auch Mann/Frau.

Wie schön sie sind, diese „Neger“ und sie riechen so gut nach Kokosnuss, stellen Teresa und ihre rastalockige Freundin alsbald fest. Diese weiß auch Rat gegen Teresas Einsamkeit und Liebessehnsucht. Ein schwarzer Mann wird’s richten, die haben nicht so viele Ansprüche, sind gut gebaut und – um es mit Gloria Fürstin von Thurn und Taxis zu sagen – „der Neger an sich schnakselt ja gerne.“ Schnakseln, denkt sich Teresa wär nicht schlecht, doch vor allem will sie Liebe, jemand, der ihr in die Augen schaut und ihr Innerstes sieht, denn ihr Äußeres, so ist sie sich sicher, lockt keinen Mann mehr hinterm Ofen hervor. Zumindest keinen Europäer. Anfänglich zaghaft, doch bald sehr fordernd, versucht Teresa ihr Glück und begibt sich auf die Suche nach einem Mann.

Paradies: Liebe ist der erste Teil einer Trilogie des Österreichers Ulrich Seidl und der Auftakt könnte stärker nicht sein. Anfänglich besticht der Film durch seinen trockenen Humor, der vor allem auf kleinen Alltagsepisoden und bildhafter, ja manchmal gar an Buster Keaton erinnernde Bildkomik beruht. Die Absurdität des alltäglichen Menschen zu zeigen, genau das erwartet man ja auch von Seidl. Diese Art der Entlarvung ist Teil seiner Handschrift. Doch das ist nur die Oberfläche des Filmes. Darunter brodelt es gewaltig. Seidls Film entpuppt sich nach und nach als knallharter Sozialkommentar und vor allem als Film, der bis zum bitteren Ende dabei bleibt, der seine Geschichte konsequent durchkonjugiert. Je länger man Teresa folgt, desto schwieriger wird das hinsehen und aushalten. Aber es muss eben auch einmal ordentlich wehtun.

Der Balanceakt, den Seidl dabei leistet, ist enorm. Es wäre ein leichtes, sich als Regisseur mit moralischen Maßstäben oder emotional distanziert dem Thema und den Protagonisten zu nähern. Es wäre ebenso ein leichtes die Frauen und die Einheimischen abzustempeln und in Schubladen zu packen. Es wäre so einfach einen Film zu liefern, bei dem der Zuschauer erhaben sein kann über diese peinlichen Menschen, denn wir würden so etwas natürlich nie tun. Nichts davon beliefert Seidl. Im Gegenteil, Paradies: Liebe stellt zwar aus, macht sich aber nie über seine Figuren lustig oder erniedrigt diese. Vielmehr nivelliert der Film auf intelligente und recht subtile Art alle Beteiligten – den Zuschauer und den Regisseur eingeschlossen. Alle sind ein bisschen hässlich, alle sind Opportunisten auf die eine oder andere Art.

Wie komplex die Geschichte ist, lässt sich allein am detailliert observierten Werdegange Teresas von der einsamen Frau zur Sextouristin begreifen. Der Film beginnt mit einem starken Bild. Teresa arbeitet beruflich mit geistig Behinderten. Eingeführt wird sie als die Regeln bestimmende Kraft. Ihre Zöglinge sind auf dem Jahrmarkt, sitzen fein aufgereiht in Autoscootern und warten auf ihr Zeichen, um kontrolliert unkontrollierten Spaß zu haben. Sie ist die Zeremonienmeisterin. Zuhause ist sie ebenfalls die kontrollierende Figur. Ihre Tochter hat ihren Anweisungen zu folgen, tut sie es nicht, wird Teresa doch sehr ungehalten. Diese kleinen Episoden vor dem Urlaub werden nicht umsonst gezeigt. Es ist nicht weit von Behinderten und pubertären Töchtern, die in Abhängigkeit leben, hin zum Leben als „Sugar Mama“ in Kenia. Das System ist das Gleiche. Die klischeehaften Vorstellungen vom Zauber Afrikas, der diesem unterliegende Rassismus und dem noch immer vorhandenen Kolonialismus, der sich jetzt politisch korrekter Tourismus nennt, sind die Katalysatoren. Und so ist es letztendlich Teresa, die sich ihren Traum vom Mann, der ihr in die Augen sieht, zwangserfüllt. Wenn der Mann es nicht so tut, wie sie es will, so bringt sie es ihm eben genauestens bei. Denn bei ihr daheim küsst man mit Zunge (in Kenia ganz und gar nicht Brauch) und streichelt den Busen (erst einen, dann den anderen, dann beide) anstatt ihr in die Nippel zu „zwickerln“. Teresa dominiert ihre „Boys“ wie ihre Behinderten, wie ihre Tochter. Was dabei verloren geht, und zwar auf beiden Seiten, ist der Mensch, der zu Körper und Objekt verkommt.

Und hier wird Paradies: Liebe noch spannender. Denn es ist nicht nur der „arme schwarze Mann“, der Objekt der Begierde wird. Die Ausbeutung beruht auf Gegenseitigkeit. Wenn Teresa sich ins Haus ihrer Liebhaber einladen lässt, ist sie genauso nur Objekt eines Mannes. Sie hat das Geld, er hat den Penis. Doch Seidl geht weiter. Auch der Zuschauer spielt mit – anfangs als opportunistischer Voyeur, der sich ergötzt am Spießbürgertum und den naiven Träumen dicker Frauen mittleren Alters. Doch alsbald ist man fast Teil der Damenrunde, die sich junge Männer aufs Zimmer bestellt, die eigenen Vorurteile spuken im Kopf. Es wird unangenehm, der Film bleibt nicht auf der Leinwand, er wandert in den Kopf. Selbst Seidl wird in gewisser Hinsicht mit zum Ausbeuter, schließlich lässt er kenianische Männer vor der Kamera auf Betten tanzen, mit kleinen Schleifchen um ihren Penis, während vier kreischende Frauen (und letztendlich das gesamte Kinopublikum) ihre Körper anstarren. In einigen Momenten, wenn kann man ihnen ihr Unwohlsein genau vom Gesicht ablesen. Ob sie wissen, dass ihre Penisse gerade in Cannes vor einem ausverkauften Saal gezeigt werden?

Trotzdem man muss Seidl zur besonderen Körperlichkeit seines Werkes gratulieren, denn er präsentiert Körper auf der Leinwand, die so fast gar nicht in Kino und Fernsehen vorhanden sind. Die Frauen sind mittleren Alters, großbusig und übergewichtig, der Gegenentwurf zum filmischen Bild der Frau. Die Präsentation ihrer nackten und vor allem sexualisierten Leiber, der Kontrast zu den nackten, dunklen Körpern der Männer (die hier interessanterweise niemals Lust zu haben scheinen) ist ein Anblick, der verstört. Nicht weil sie so hässlich sind. Im Gegenteil, es wird vielmehr klar, dass man so etwas gar nicht mehr zu sehen bekommt und dass man selbst auch bald mittleren Alters und sehr wahrscheinlich untersetzter Natur sein wird. Und dann? Vielleicht ein Keniaurlaub?

(Beatrice Behn)

Video-Kostprobe und Originalquelle: http://www.kino-zeit.de/blog/cannes/paradies-liebe

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