Nackte Männer

Angeblich ist dem Mann der Voyeurismus in die Wiege gelegt und der Frau der Exhibitionismus. Frauen machen sich schön, und Männer sehen gern schöne Frauen. Mit Kleidern, mit wenig Kleidern und natürlich gerne auch ohne Kleider. Wie so viele alte Rollenbilder beginnt sich auch das zu ändern. Immer mehr Männer legen Wert auf ein gepflegtes Äußeres, wenn auch nicht unbedingt in Deutschland.

Wenig tut sich aber, wenn Frauen mal schöne Männer ohne Kleider sehen wollen. In der Antike war das nicht so ein Problem, viele der alten Statuen der Griechen und Römer zeigen wirklich schöne nackte Männer. Michelangelos Davide ist ein Klassiker.

Michelangelos_David

Die Künstler späterer Jahrhunderte haben sich mit großer Hingabe auf die Frau konzentriert. Schöne Frauen nackt zu malen, zu zeichnen, in Skulpturen zu gießen oder zu hauen – die Kultur der Welt hat hier viel zu bieten. Das meiste geschaffen natürlich von Männern.

Aber warum gibt es so wenig männliche Aktbilder? In der modernen Werbung gibt es immerhin einige ansprechende nur sehr spärlich verhüllte Männer, Calvin Klein oder diverse Rasierwasser und Shampoo-Marken werben damit. Aber die sind schon wieder so übertrieben gestylt, wie die nackten Frauen in der Werbung auch, dass das nicht mehr wirklich schön oder erotisch ist. Vor allem sind schöne reifere Männer kaum als Akt zu sehen, wer steht schon auf 18jährige Teenies? Wenn du nicht eine bisexuelle Ader hast, wird dir als Frau in Sachen erotischer oder auch weniger erotischer Aktbilder wirklich wenig geboten.

Das Problem fängt schon damit an, dass viele Männer einfach derart wenig Wert auf einen ansprechenden Körper legen. Wenn sie älter werden, haben sie durchaus wie die Frau auch das Potenzial, schöner und erotischer zu werden als im Jünglingsalter. Aber, leider, sie können auch zunehmen und dicker werden. Für viele Männer ist das eben so. Da kann man aber auch etwas dagegen tun, auch wenn das wirklich sehr anstrengend sein kann und manche unangenehmen Verzichtskomponenten auf bestimmte Sorten Essen beinhalten kann. Wenn die Haut faltig wird, kann man auch was dagegen tun – die Kosmetikshops rüsten auf und entdecken den Mann als Zielgruppe. Aber das zeitraubende Eincremen, überhaupt der stundenlange Aufenthalt im Bad – nein, das liegt den Männern irgendwie nicht. Und natürlich haben Männer ein Problem mit Haaren, die gerne überall da wachsen, wo sie nicht hingehören, aber ausgerechnet da ausfallen, wo sie hingehören. Aber auch dagegen kann man was tun. Denn solche pelzigen Typen sind leider einfach nicht erotisch.

Im Internetmagazin Guernica berichtet jetzt der Autor Michael Thomsen, wie er sich als männliches Nacktmodell engagieren ließ. Seine Herangehensweise war mir direkt sehr sympathisch: es war nicht als Marketing-Gag gedacht, sondern mehr als Protest gegen die „dumb, objective seriousness we often project on writing“. Er placierte die Bilder in eine Essaykollektion zu überwiegend nicht sexuellen Themen. Schreiben ist für ihn in gewisser Weise so etwas ähnliches wie sich zu enthüllen – weil man beim Schreiben eben auch Dinge von sich preisgibt. Er gesteht, er hatte Hemmungen so etwas zu tun – „This is a career-ending experiment driven by a self-destructive ego” – aber er sah einfach nicht ein, warum er sich der Stigmatisierung insbesondere männlicher Nacktheit durch Religion und politische Korrektheit unterwerfen sollte. Und er kommt direkt zur Sache: kontrovers ist nicht das nackte männliche Bein oder der Oberkörper, sondern der Penis. Der musste mit einem Feigenblatt verhüllt werden, als die verklemmte Queen Victoria Michelangelos Davide in Florenz besichtigte. Heute wird der Penis politisch aufgeladen: “In the modern redux, penis is patriarchy, and patriarchy is violence. But must showing one’s penis be to endorse power and privilege? An, er, intimate reconsideration of male nudity.“ – das ist der Prolog zu Thomsens Essay. Deswegen bekommst du selbst auf Postern mit nackten Männern fast nie den Penis zu sehen.

Thomsen schildert in ziemlichem Soziologenkauderwelsch seine inneren Konflikte, die er mit sich ausfechten musste, bevor er zur Tat schritt. Natürlich wollte er nicht das Patriarchat ignorieren, oder unterstützen. Natürlich wollte er mit der miesen Pornografie von Playgirl nichts zu tun haben. Natürlich wollte er nicht so tun als lebe er in einem kulturellen oder politischen Vakuum. Those who are caught with their penis in plain sight are secret egomaniacs or exploited models willing to sell images of their body to an anonymous masturbator waiting in the wings.” Dann stellt er fest: “Self-exploitation and egomania were familiar qualities to me as a writer”.

Was wollte er also? „I wanted to create something to enshrine, and if possible celebrate, the absurd distinction between dialectical seriousness and mammalian irrationality…. I wanted to see if it was possible to create a form that joined the imperial truth-making of writing with disjunctive artifacts of nudity meant to intrude on that process from a world where critical analysis is as superficial a pastime as breaking wind or stretching a limb. And that was how I came to be naked one day, having pictures of my penis taken.Aha, verstanden…

Als er dann zur Tat schritt, bekam er fast die Panik. Eine Bekannte stellte sich als Fotografin zur Verfügung, eine Profi-Fotografinm, wohlgemerkt. Er schildert wie er völlig verkrampft anfing. Wie er nach jedem Klick ängstlich zur Fotografin starrte ob das denn jetzt gut war oder nicht. Aber sie reagierte überhaupt nicht. Sein eigener Körper kam ihm fremd vor, wie ein Objekt mit dem er nichts zu tun hat. Erst nach einer Stunde ließ die Ängstlichkeit nach. „I was less concerned with imagining how other people would judge my body and slowly became aware of how pleasurable it felt just to be naked, the spotlight-warmed air blooming around my skin as I moved through postures that had no functional purpose.

Genauso waren danach die Bilder – die ersten hundert waren „absurd“. All of the tension and stress of the early photos translated as emptiness on camera. The shots looked inhuman.” Erst später sahen die Bilder menschlich aus, er lächelt sogar und freut sich.

Ja und dann? Die üblichen Fragen „I don’t know what the consequences of these naked pictures will be.  Will these pictures automatically disqualify me from any job I might ever apply to again?

Er fragt sich dann, warum er eigentlich ein derart verklemmtes Verhältnis zu seiner eigenen Nacktheit entwickeln konnte. Natürlich lag es daran, wie er aufgewachsen ist. Nein, nicht in einem konservativen prüden Elternhaus. Es waren die sexuell offenen 90er Jahre: „The suggestions of nudity were everywhere, but the only worthwhile forms of it seemed to be outside of my own body, and the bodies of everyone I knew. Nudity was a privilege of the already perfect, and we were surrounded by laughingly happy examples of how imperfect we were.” Genau das Gefühl, das viele Frauen auch haben – nackt ist okay, aber nackt darfst du dich nur zeigen wenn du einen perfekten Körper hast, und den hast du leider nicht.

Damit sollten wir Schluss machen. Ein Lob für Guernica für diesen Beitrag. Die Bilder selber lagern sie dennoch lieber aus – soweit reicht die Courage dann doch nicht. Nackter Mann mit Penis auf der Webseite, uiuiui, dann wird die Website ja „NSFW“, not safe for work. Die Bilder gibt es hier zu sehen.

Passend dazu: Eine empfehlenswerte Ausstellung gibt es jetzt im Berliner Schloss Britz in Neukölln: Der Mann –nackt. Sie folgt „dem entkleideten männlichen Körper durch seine Lebensphasen – von der jugendlichen Unbekümmertheit des Knaben, über Krisen der Identität und Souveränität des Mannes bis zu Hinfälligkeit aber auch Triumph des Alters. Die gezeigten Werke illustrieren die Suche nach Alternativen zur traditionellen Männlichkeit, sie werfen einen Blick auf Stärke und Verletzlichkeit ebenso wie auf erotische Inszenierung und die Darstellung von Macht.“ Sehr treffend beschrieben. Für ganze 7 Euro gibt es 80 Werke zu sehen, bei denen die Besucherin auf ihre Kosten kommt. Gefällt mir, wie man das heute so nennt. Schön sind längst nicht alle dieser Männer, aber ausdrucksstark.

Plakat01_web

Über sunflower22a

I am a mystery.
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5 Antworten zu Nackte Männer

  1. tikerscherk schreibt:

    Hallo sunflower 22a (ist es ok in Zukunft die 22a abzukürzen, und hat sie eine Bedeutung?)
    Ich habe ein paar Anmerkungen zu deinem Beitrag:

    “Denn solche pelzigen Typen sind leider einfach nicht erotisch.” Geschmackssache würde ich sagen. Auch nicht unbedingt mein Fall, aber es gibt genug Frauen, die auf “Bären” stehen.

    “In the modern redux, penis is patriarchy, and patriarchy is violence.”
    “Deswegen bekommst du selbst auf Postern mit nackten Männern fast nie den Penis zu sehen.”
    Gut möglich. Aber bei Postern von Frauen sieht man i.d.R. auch nur die sogen. sekundären Geschlechtsmerkmale. Woran liegt das?

    Schade, dass der Autor Michael Thomsen auf den Fotos so grauenhaft geschminkt ist.
    Das zieht das Ganze irgendwie ins Lächerliche.
    Unverstellte Nacktheit gefällt mir besser.

    Alles in allem sehr interessant!

  2. sunflower22a schreibt:

    Die 22a kannst du gerne weglassen. Sowohl sunflower als auch sunflower2 als auch sunflower22 waren schon vergeben, das ist der ganze Hintergrund von 22a.
    Klar ist „pelzig“ Geschmackssache, wie so vieles. Ich präsentiere hier nur pointiert meine Sicht der Dinge, wohl wissend dass man vieles auch anders sehen kann. Vor allem Geschmackssachen. Diese Vielfalt ist ja das Schöne.
    Warum bei primären Geschlechtsmerkmalen die allgemeine Verklemmung einsetzt, bei Frauen genauso wie bei Männern, bis hin zu juristischen Verboten, das ist mir auch unerklärlich. Ich glaube, dazu mache ich mal einen Blogbeitrag – stay tuned…
    Michael Thomsen wirkt geschminkt irgendwie lächerlich. Allerdings. Ziemlich lächerlich sogar. Aber das macht nichts. Er beschreibt ja sehr ausführlich wie unsicher er sich gefühlt hat, und in diesem Kontext ist das alles nachvollziehbar. Wahrscheinlich musste er alles irgendwie ins Lächerliche ziehen, um sich überhaupt zu trauen so etwas zu machen. Beim nächsten Mal macht er es dann vielleicht, schminkt sich dann anders, rasiert sich und dann kommt vielleicht eine richtig erotische Fotostrecke heraus. Aber dazu gehört vermutlich noch mehr Mut.

  3. tikerscherk schreibt:

    Eine Freundin von mir ist Cutterin. Sie arbeitet auch für einen Privatsender. Bei erotischen Filmen, in denen tatsächlich ein Penis zu sehen ist, muss sie alle Sequenzen rausschneiden, in denen sich der Penis auf über 45% aufstellt.
    Wer hat solche Angst davor?
    Bin gespannt auf deinen Beitrag zum Thema.

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  5. Pingback: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt | sunflower22a

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