Fremde Federn: Being a sex work researcher

Die grassierende Prüderie ist nicht nur ein Problem für sex-positive Menschen. Insbesondere Frauen sind auch außerhalb des islamischen Kulturkreises immer stärkerem gesellschaftlichem und politischem Druck ausgesetzt, sich an die „traditionellen Normen“ zu halten: verstecke deine Sexualität, sei monogam, möglichst heterosexuell, zieh dich anständig an, und außerdem: Sexarbeit und Prostitution gehört verboten.

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Selbst wissenschaftliche Forschung über Sexarbeit, wenn sie nicht dem direkten Ziel der Stigmatisierung und Kriminalisierung von Sexarbeit dient, gerät inzwischen immer stärker unter Druck. Gemma X schreibt auf ihrem lesenswerten Blog Plasticdollheads how it is to be a sex work researcher, und attackiert radikal den heutigen Diskurs von sogenannten “Feministinnen” und reaktionären Religiösen gegen die sexuelle Selbstbestimmung der Frauen. Vor allem attackiert sie die neoviktorianische Prüderie, die mit geradezu islamistischem Furor alles Erotische aus der Öffentlichkeit verbannen will, etwa die Page Three Girls in den Boulevardblättern.  Sehr lesenswerter Blog, der die Wut der Autorin gegen die herrschende Doppelmoral immer wieder exakt auf den Punkt bringt. Schaut mal rein, ich kann es nur wärmstens empfehlen.

 

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Sexuelle Übergriffe als Geschäftsmodell

Die überall grassierenden online-Petitionen können dir ziemlich auf die Nerven gehen. Manchmal lese ich sie und unterschreibe. Kürzlich hat mich eine wirklich schockiert. „RSD-Seminare und zukünftige Einreise von Julien Blanc und Owen Cook verhindern“, war der Titel, und dann kommt die Erklärung:

Die Organisation Real Social Dynamics (RSD), unter anderem vertreten durch Julien Blanc und Owen Cook (Tyler Durden), bietet derzeit in Deutschland sogenannte Bootcamps über das Aufreißen von Frauen an. Was zunächst harmlos klingt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als Aufruf zu sexueller Gewalt. Wie Spiegel, Focus und Süddeutsche Zeitung berichten, fordert Julien Blanc Männer zum Beispiel dazu auf, Frauen am Hals zu würgen oder an den Haaren zu packen und ihren Kopf in den männlichen Intimbereich zu drücken. Er selbst und sein Kollege Owen Cook (Tyler Durden) berichten sogar davon, Frauen vergewaltigt zu haben. Solche Seminare können zu einem Anstieg sexueller Übergriffe in der Umgebung führen, schließlich ermuntert Blanc die Teilnehmer, das „Erlernte“ in der „freien Wildbahn“ auszuprobieren.

Was fällt der Petitions-Initiatorin Sarah H dazu ein: „Bei aller Liebe zur Meinungsfreiheit muss doch gesagt werden, dass die Freiheit des einen aufhört, wo die Grundrechte des anderen verletzt werden.“ Sehr zurückhaltend formuliert, liebe Sarah. Warum fordert sie, die Einreise zu verhindern und nicht, ihn bei der Einreise zu verhaften? Verstehe ich nicht.

Dieser Typ und RSD waren schon in anderen Ländern Gegenstand von Kontroversen. Australien hat ihn ausgewiesen und lässt ihn nicht mehr einreisen. Ähnliche Kampagnen laufen in Canada, wo diese „Seminare“ kürzlich abgesagt werden mussten, weil diese Typen Angst um ihre Sicherheit hatten, in Singapur und Japan. Korea hat erklärt, er werde nicht einreisen dürfen. Aber die Deutschen, die lassen ihn natürlich rein.-Hier geht alles.

Diese Typen bezeichnen sich selbst als „pick-up artists“, and what they pick up is clear: girls. Was diese Typen ihren „Kunden“ beibringen, erzählen und dokumentieren sie recht freimütig in allerlei Videos, die im Web kursieren. In Japan können weiße Männer alles machen was sie wollen, meinen sie, zum Beispiel auf offener Straße Frauen packen und ihren Kopf vor ihren Penis drücken, zeigt er hier und erklärt „The hottest women are often the most insecure, so don’t forget to treat them like trash“ (Vorsicht, ekelerregende Inhalte). RSD-Webtexte und Videos haben Titel wie “God Is On My Side: Intense Self-Amusement Tactics That Will Let You Choke Girls For Fun” oder “Make Her Obey: How To Never Give Her A Chance To Say No” oder “How To Make Her Feel Super Comfortable With Anything You’ll Do To Her” oder “How Can You Develop A Razor Sharp Instinct Of When and How to Take Your Interactions with Women To Higher Physical Intensity”

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Ein Arschloch namens Ozzie erklärt dort: “You don’t care if the girl likes you or not…Just like on a fishing expedition, you go out every night, throw the line and hook overboard and come home with some fish. — Focus on your enjoyment, not waiting for permission….Get physical right away…Ways to decisively lead the girls in a physical way so that you can more quickly and easily isolate a girl so that you are left alone with her in a more intimate situation.”. Mir kommt das Kotzen.

Was sind das für Männer, die bis zu 2000 Dollar bezahlen für Seminare „how to pick-up women using emotional tricks and physical force“? Lindy West hat es im Guardian sehr treffend beschrieben:  Blanc is an “an odious brand of conman who specialises in ‘helping’ lonely, desperate, socially inept men by turning them into repulsive, entitled, sexually aggressive creeps with horrible fashion sense.”

Die harmlosere Variante lädt sich Computerspiele, mit denen sie ihre Vergewaltigungsfantasien ausleben können.

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Einer davon hat irgendwann erkannt, dass er im Grunde nur einer besonders perversen Bande von Betrügern auf den Leim gegangen ist und in seinem Blog relative ehrlich darüber geschrieben:

„I realized that it was all a fucking lie. A land of the blind leading the blind….and worst of all …..desperate men who lacked women in their lives and BADLY people who NEED a therapist….trying to prove to themselves or the world something…trying to prove to themselves they aren’t the loser they were in high school/their social circles/ etc out of some mental health issue. And perhaps me trying to prove to myself that I wasn’t the loser my 4th girlfriend broke up with me stating she should have never been in a relationship with me (harsh words). Instead, these men turn to even worst men: those looking to make money from this field”.

Am 11.Dezember wollten diese Typen tatsächlich ein „Seminar“ in München veranstalten, im Hotel Vier Jahreszeiten. Das ging gründlich schief. Auf der Webseite „Würgen ist nicht flirten“ kann man sehen, wie diese perversen Typen aus dem Hotel vertrieben wurden. Gratuliere! Wäre gern dabei gewesen!

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Ich finde es extreme verstörend dass solche Typen frei herumlaufen. Wer Terroristencamps leitet oder besucht, wird verhaftet. Wer Camps zur Erniedrigung und Misshandlung von Frauen anbietet, dem sollte es nicht besser gehen. Wenn so einer einreisen will, muss da ein Haftbefehl auf ihn warten. Es muss Grenzen geben. Solche Geschäftsmodelle müssen unterbunden werden.

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Na wartet, euch werden wir das Handwerk legen.

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Fremde Federn: Gesichter der Lust

Erosa.de ist ein schönes, angenehmes Erotikblog – „die schönsten Seiten der Lust“. Hier verwiesen sie selbst auf eine andere website: Beautiful Agony zeigt euch die Gesichter der Lust. Wie sie sich beim Orgasmus verziehen und trotz der entstehenden Grimassen durch die ausgestrahlte sexuelle Energie nur noch an Schönheit gewinnen.“

Beautiful Agony – „an ethical erotica website“, wow, ich bin beeindruckt – schreibt über sich selbst:

“Beautiful Agony began as a multimedia experiment, to test a hypothesis that eroticism in human imagery rests not in naked flesh and sexual illustration, but engagement with the face. We wondered whether film of a genuine, unscripted, natural orgasm – showing only the face – could succeed where the most visceral mainstream pornography fails, and that is, to actually turn us on.”

Yes it turns me on. Fast hätte ich ihnen ein Selfie von mir geschickt. Aber ich habe es dann doch gelassen…

 

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Unfairer Steuerwettbewerb und wie er unsere Gesellschaft zerstört

Luxemburg hat den angeblichen „Whistleblower“ gefunden und angeklagt, der für die LuxLeaks verantwortlich sein soll. Sicherlich Staatsfeind Nr.1 in dem kleinen Land. Es ist angeblich ein Mitarbeiter von PriceWaterhouseCoopers. PWC, kein Wunder.

Die vier global führenden Wirtschaftsprüfergesellschaften PWC, Ernst & Young, KPMG und Deloitte beraten in ganz großem Stil Konzerne dabei, wie sie via Luxemburg und anderen Steueroasen ganz legal Riesensummen an Steuern hinterziehen können. Die Leute, die das konkret machen, lernen das ausgerechnet an staatlichen Universitäten.

„Die großen Vier haben systematisch ein Netz gespannt – über die Hochschullandschaft hinweg. Sie stiften und sponsern, sie finanzieren und referieren, sie sitzen vielerorts mit im Boot oder sind zumindest ganz nah dran. PwC fördert laut Eigenauskunft derzeit gut ein Dutzend Doktoranden- und Assistentenstellen, an knapp 100 Hochschulen engagiere man sich finanziell, die wenigsten davon seien privat. EY ist an 50 Hochschulen aktiv, punktuell an 50 weiteren, etwa 15 Mitarbeiter von EY forschen neben dem Job an einer Uni. KPMG schickt jährlich circa 120 Kollegen zu Lehrveranstaltungen und Vorträgen.

   Und: Sie „lassen“ konkret ausbilden. So haben die vier Beratungskonzerne gemeinsam einen berufsbegleitenden Master-Studiengang mit Schwerpunkt in Wirtschaftsprüfung und Steuern initiiert, er wird an vier Standorten angeboten. Eben auch in Mannheim. Dort läuft das Studium an der örtlichen Business School. Sie wurde vor gut zehn Jahren als Einheit aus der Fakultät Betriebswirtschaft herausgelöst, getragen wird sie von einer Stiftung und von der Uni. Doch die meisten Professoren stammen aus der Uni, die Lehre für die Big-Four-Studenten gilt als vergütete Nebentätigkeit. Zudem sind die Steuer-Studenten normal eingeschrieben, haben alle Rechte auf dem Campus. Sie arbeiten parallel meist als Consultant, überwiegend bei den Big Four. Diese zahlen auch die Studiengebühren: um die 30 000 Euro pro Studienplatz.“ So schreibt es die Süddeutsche Zeitung.

Alles das ist eigentlich keine Überraschung, nichts Neues, genauso wie die  großen Banken sind die vier großen Wirtschaftsprüfergesellschaften bei näherem Hinsehen nichts anderes als die angelsächsisch-nordwesteuropäische Variante der organisierten Kriminalität, in Italien Mafia genannt. Der Unterschied ist nur, Angelsachsen und Nordwesteuropäer – Protestanten, sozusagen – mögen es gerne geordnet, legal, nicht so chaotisch wie diese Italiener. Also wird organisierte Kriminalität dort sauber reguliert, und zwar so kompliziert dass kein normaler Mensch merkt was für ein Geschäft da reguliert wird.

Die Luxemburg-Leaks haben in wunderschöner Weise zutage gefördert, was eigentlich schon lange bekannt ist: große Konzerne und Unternehmen entziehen sich systematisch einer fairen Besteuerung, indem sie sich nach Belieben ins Ausland verlagern und am Ende kaum noch Steuern bezahlen. Nach Jahrzehnten aktiver Politik zur Förderung der Globalisierung und des freien Handels können Staaten heute kaum noch etwas dagegen tun. Darüber kann man sich empören, moralisch entsetzt sein, und das ist gut so.

Welche langfristigen Folgen dies ökonomisch hat, zeigt ein schöner Beitrag bei Bloomberg News. Die US-Regierung rechnet damit, dass sie 2015 2.2 Milliarden Steuern nicht einnimmt, weil Unternehmen ihren juristischen Sitz in ausländische Steueroasen verlagert haben – eine Verdopplung des Wertes für 2014. Mir kommt das noch recht wenig vor, aber das ist nicht der Punkt. Die Steuerlast amerikanischer Unternehmen ist insgesamt zurückgegangen, aber die derjenigen, die sich in ausländische Steueroasen zurückgezogen haben, noch viel mehr. Kein Wunder, das ist ja das Ziel der Verlagerung: dieser Steuervorteil beträgt 6.6-17.4 Prozentpunkte. Ein enormer Wettbewerbsvorteil. Den nutzen sie mittlerweile, um andere Unternehmen plattzumachen oder zu übernehmen, die noch nicht ins Ausland abgewandert sind. Bloomberg zitiert die Pharmafirma Actavis, die letztes Jahr den Firmensitz nach Irland verlagert hat. Seitdem hat Actavis vier US-Konkurrenten übernommen, die damit ebenfalls in Irland steuerpflichtig sind und dementsprechend Hunderte Millionen Dollar weniger an das US-Finanzamt zahlen – und in Irland auch fast nichts. Bloomberg listet detailliert auf, wie die Steuerflüchtlinge zunehmend zu einer Bedrohung für die „ehrlichen“ Unternehmen werden. Sie übernehmen, feindlich oder freundlich, Unternehmen die noch im Lande geblieben sind und höhere Steuern zahlen. Durch die Übernahme werden sie zu einer Filiale einer „ausländischen“ Firma, und dadurch sinkt die Steuerlast ebenfalls dramatisch. Firmen-Übernahmen durch „ausländische“ US-Firmen werden teilweise schon durch die damit zusätzlich gesparten Steuern finanziert.

Parasitäre Ökonomie ist noch ein harmloser Begriff für solche Unternehmen. Organisierte Kriminalität trifft es aber auch nicht genau, weil es ja alles „legal“ ist. Schließlich haben diese Firmen ihre Komplizen in Parlamenten und Regierungen, ganz wie Italiens Mafia auch, die dafür sorgen, dass das alles legal ist.

In den 35 Jahren neoliberaler Politik ist so vieles so gründlich an die Wand gefahren worden, dass es wahrscheinlich genauso lange dauern dürfte, das alles wieder rückgängig zu machen.

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Na meine Süße, sie wollen jetzt was gegen Steueroasen tun. – Haha, zu spät, wir haben unsere Schäfchen längst in Sicherheit gebracht.

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Fremde Federn: Die 10 besten TED-Talks zum Thema Sex

Ein wirklich gutes Erotikportal ist erosa.de – ich kann es nur weiterempfehlen. Der neueste Post bietet niveauvolle erotische Unterhaltung, nämlich eine Sammlung von TED talks. „TED-Talks stehen für qualitativ hochwertige Vorträge und Gesprächsrunden“, meint erosa.de – nun, das stimmt zwar nicht immer, aber immerhin manchmal.

 Es erwarten euch Sex-Positive Vorträge, die viele neue Informationen bieten, anregend sind aber sicher auch für den einen oder anderen Lacher sorgen. Von Mary Roach erfahrt ihr Dinge über den Orgasmus, von denen ihr garantiert noch nie etwas gehört habt. Ihr wisst nicht, was Sex und Mathematik gemeinsam haben sollten, dann schaut euch den Vortrag von Clio Cresswell an – sie klärt euch auf. Was ein hydrostatisches Skelett mit dem Penis zu tun hat und warum er etwas ganz besonderes ist, erfahrt ihr bei Diane Kelly. Jenna McCarthy gibt euch Tipps, damit ihr bis zu eurem Lebensende eine glückliche Ehe führen könnt. Neben diesen sehr unterhaltsamen Darstellungen gibt es auch welche, die vor allem zum Nachdenken anregen. So zum Beispiel der Vortrag von Shereen El Feki über Sex und Ehe in den arabischen Ländern. Die darauf folgenden vier Videos widmen sich vor allem der Stellung von Sex in der Gesellschaft. Welche Auswirkungen die kulturelle und gesellschaftlich auferlegte Scham gegenüber Sex auf das Verhalten der Menschen haben kann. Wie sehr die westliche Philosophie die Identität eines Menschen an sein Verhalten innerhalb des Schlafzimmers bindet. Und wie wichtig es deshalb ist, Sex als etwas ganz normales zu behandeln, was einfach zum Leben dazugehört. Sheila Kelly spricht über die Notwendigkeit sich auszuziehen – sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn.

Die letzten beiden Videos beschäftigen sich mit Pornografie. Cindy Gallop spricht darüber, warum sie die Seite makelovenotporn ins Leben gerufen hat und warum sie die stereotype Pornoproduktion kritisch sieht. Zu guter Letzt klärt Gary Wilson darüber auf, wie exzessiver Pornokonsum unser Gehirn beeinflussen kann und welche Folgen das hat. Ganz zum Schluss gibt es dann noch zwei Bonus-Videos zum Thema Liebe.

Schaut sie euch an, danke an erosa.de für die tolle Auswahl. Am besten im Bett oder im whirlpool. Viel Spaß!

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Heldinnen: Reyhaneh Jabbari

Reyhaneh Jabbari wurde am 25. Oktober in Teheran gehängt. Sie hatte ihren Vergewaltiger  erstochen. Er war Geheimdienstoffizier. Gegen Geheimdienstoffiziere einen Prozess zu gewinnen, ist nahezu unmöglich, selbst im „freien Westen“. Alle Gnadenappelle mutzten nichts, der reformistische Präsident Rohani ist machtlos gegen den Justizapparat seines Landes. Klar, die Justiz soll ja unabhängig sein. Ein US-Präsident hätte ohne zu zögern sein Begnadigungsrecht in Anspruch genommen, Rohani hat das gar nicht.

Nach dem schiitischen Recht hätte Reyhaneh den Justizmord abwenden können, wenn sie mit der Familie des getöteten Geheimndienstoffiziers einen Ausgleich erzielt hätte. Diese Familie war dazu bereit, wenn Reyhaneh den Vorwurf der Vergewaltigung zurückgezogen hätte. Dazu war sie unter keinen Umständen bereit. Lieber wollte sie sterben.

Dafür bewundere ich sie, auch wenn ich das nicht übers Herz gebracht hätte. Ich wäre eingeknickt. Reyhaneh nicht.

Reyhaneh, deine Schwestern bewundern dich. Märtyrerin nennt man dich im Iran, aber ich hasse diesen Begriff. Ich hasse diesen Kult des Todes. Dein Abschiedsbrief an deine Mutter hat mich zu Tränen gerührt:

Dear Sholeh, today I learned that it is now my turn to face Qisas (the Iranian regime’s law of retribution). I am hurt as to why you did not let me know yourself that I have reached the last page of the book of my life. Don’t you think that I should know? You know how ashamed I am that you are sad. Why did you not take the chance for me to kiss your hand and that of dad?

The world allowed me to live for 19 years. That ominous night it was I that should have been killed. My body would have been thrown in some corner of the city, and after a few days, the police would have taken you to the coroner’s office to identify my body and there you would also learn that I had been raped as well. The murderer would have never been found since we don’t have their wealth and their power. Then you would have continued your life suffering and ashamed, and a few years later you would have died of this suffering and that would have been that.

However, with that cursed blow the story changed. My body was not thrown aside, but into the grave of Evin Prison and its solitary wards, and now the grave-like prison of Shahr-e Ray. But give in to the fate and don’t complain. You know better that death is not the end of life.

You taught me that one comes to this world to gain an experience and learn a lesson and with each birth a responsibility is put on one’s shoulder. I learned that sometimes one has to fight. I do remember when you told me that the carriage man protested the man who was flogging me, but the flogger hit the lash on his head and face that ultimately led to his death. You told me that for creating a value one should persevere even if one dies.

You taught us that as we go to school one should be a lady in face of the quarrels and complaints. Do you remember how much you underlined the way we behave? Your experience was incorrect. When this incident happened, my teachings did not help me. Being presented in court made me appear as a cold-blooded murderer and a ruthless criminal. I shed no tears. I did not beg. I did not cry my head off since I trusted the law.

But I was charged with being indifferent in face of a crime. You see, I didn’t even kill the mosquitoes and I threw away the cockroaches by taking them by their antennas. Now I have become a premeditated murderer. My treatment of the animals was interpreted as being inclined to be a boy and the judge didn’t even trouble himself to look at the fact that at the time of the incident I had long and polished nails.

How optimistic was he who expected justice from the judges! He never questioned the fact that my hands are not coarse like those of a sportswoman, especially a boxer. And this country that you planted its love in me never wanted me and no one supported me when under the blows of the interrogator I was crying out and I was hearing the most vulgar terms. When I shed the last sign of beauty from myself by shaving my hair I was rewarded: 11 days in solitary.

Dear Sholeh, don’t cry for what you are hearing. On the first day that in the police office an old unmarried agent hurt me for my nails I understood that beauty is not looked for in this era. The beauty of looks, beauty of thoughts and wishes, a beautiful handwriting, beauty of the eyes and vision, and even beauty of a nice voice.

My dear mother, my ideology has changed and you are not responsible for it. My words are unending and I gave it all to someone so that when I am executed without your presence and knowledge, it would be given to you. I left you much handwritten material as my heritage.

However, before my death I want something from you, that you have to provide for me with all your might and in any way that you can. In fact this is the only thing I want from this world, this country and you. I know you need time for this. Therefore, I am telling you part of my will sooner. Please don’t cry and listen. I want you to go to the court and tell them my request. I cannot write such a letter from inside the prison that would be approved by the head of prison; so once again you have to suffer because of me. It is the only thing that if even you beg for it I would not become upset although I have told you many times not to beg to save me from being executed.

My kind mother, dear Sholeh, the one more dear to me than my life, I don’t want to rot under the soil. I don’t want my eye or my young heart to turn into dust. Beg so that it is arranged that as soon as I am hanged my heart, kidney, eye, bones and anything that can be transplanted be taken away from my body and given to someone who needs them as a gift. I don’t want the recipient know my name, buy me a bouquet, or even pray for me. I am telling you from the bottom of my heart that I don’t want to have a grave for you to come and mourn there and suffer. I don’t want you to wear black clothing for me. Do your best to forget my difficult days. Give me to the wind to take away.

The world did not love us. It did not want my fate. And now I am giving in to it and embrace the death. Because in the court of God I will charge the inspectors, I will charge inspector Shamlou, I will charge judge, and the judges of country’s Supreme Court that beat me up when I was awake and did not refrain from harassing me. In the court of the creator I will charge Dr. Farvandi, I will charge Qassem Shabani and all those that out of ignorance or with their lies wronged me and trampled on my rights and didn’t pay heed to the fact that sometimes what appears as reality is different from it.

Dear soft-hearted Sholeh, in the other world it is you and me who are the accusers and others who are the accused. Let’s see what God wants. I wanted to embrace you until I die. I love you.

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Zwei Jahre

Happy Anniversary, schreibt mir Word Press. Keep up the good blogging, they say. Ich habe heute gar nicht Geburtstag. Aber mein Blog hat Geburtstag. In der Tat, zwei Jahre mache ich das schon. Das hätte ich damals nicht gedacht. Aus einem ungelenken Versuch hat die gelernte Journalistin eine Website gemacht, die meinen eigenen Ansprüchen einigermaßen genügt und inzwischen knapp tausendmal am Tag aufgerufen wird. Einfach so. Ich mache keine Werbung dafür, ich habe keinen Business Plan, ich nehme dafür nichts ein und gebe auch nicht viel dafür aus. Liebe visitors, ich danke euch für euer Interesse an meinem Blog und staune ein wenig immer noch darüber.

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Der Blog hat sich ein wenig verändert, wie ich mich auch selbst verändert habe. Es ist manches Trauriges passiert in diesem Jahr, das mich in eine echte Krise gestürzt hat, und mein Blog ist glaube ich nicht mehr ganz so unbekümmert wie er angefangen hat. Du kannst dich nicht von allem was in anderen Teilen der Welt passiert einfach so abschirmen. Zu Palästina und Nahost schreibe ich viel weniger, weil es mich so fertigmacht. Aber ich werde das wieder verstärken, versprochen. Bald kommt wieder was zu Palästina. Sehr aufwühlend ist auch meine Auseinandersetzung mit Religionen. Ich bin kein religiöser Mensch, aber manche religiöse Menschen wie Nilüfer oder die unsterbliche Hanan faszinieren  mich sehr und ich habe die Zeiten schon lange hinter mir, mich über sie lustig zu machen.

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Auch zu den schönen Dingen im Leben habe ich weniger geschrieben, aus demselben Grund. Auch das ändert sich bestimmt wieder. Manchmal habe ich ein bisschen Kampagne gemacht, zum Beispiel gegen all die Verlogenheit der Repressionspolitik gegen Sexarbeiterinnen und gegen Prostitution, für mich eine moderne Hexenjagd. Neu angefangen habe ich mit sunflower’s business views, sozusagen mein Wirtschaftsteil, weil ich es teilweise kaum noch ertrage wie über Wirtschaft berichtet wird und auch ich es leider oft genug selbst tun muss.

Immer wieder frage ich mich, ob nicht so mancher Beitrag ziemlich leichtsinnig ist und hoffe dann, dass niemand dahinterkommt wer das ist die ihn geschrieben hat. Leichtsinnigkeit ist eine Eigenschaft, die ich wohl nicht loswerde. Hilfe!

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Mein beliebtester Beitrag war einer, von dem ich das nie gedacht hätte, einer den ich aus einer Laune heraus einfach so gepostet habe. Zwanzigtausendmal angeklickt, kaum zu glauben. 15000mal wurden dieser, 13000mal dieser Beitrag gelesen, 10000mal dieser.  Ausbauen sollte ich wohl die „Fremden Federn“ – Links zu und Hinweise auf tolle Beiträge anderer Blogger.

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Sehr kommentarfreudig seid ihr nicht, liebe Leserinnen und Leser, aber bei einigen Themen locke ich euch aus der Reserve. Palästina und Israel, zum Beispiel – hierfür gab es am meisten Kommentare.  Wenn ich über Männer schreibe, gibt es oft viel Widerspruch, oder manche mir unverständlichen Züge des Germanentums, beispielsweise gemeingefährliche Gewalttäter einfach nicht einsperren zu wollen oder sich für moralisch besser zu halten weil man bei Völkermord lieber tatenlos zusieht als den Opfern beizustehen. Das lest ihr nicht gerne.

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Immer wieder beschäftigt mich die Frage, where is my place on this world. Wer als nomadische Globetrotterin aufwächst, lernt die Welt besser kennen als andere Menschen, hat aber auch weniger heimatliche Identifikation mit einem Teil der Welt. Ich hätte früher nie gedacht wie sehr mich das beschäftigen wird, und das Gefühl nirgendwo hinzugehören mich belasten kann. Die Auseinandersetzung mit zwei Heimatländern zerfrisst mich manchmal geradezu. Ich verstehe es selbst nicht, aber es ist so. Manchmal kommen mir unvermittelt die Tränen, wenn ich dieses grauenvolle Lied wieder höre „Driving home for Christmas“, nicht weil die Musik so schrecklich ist sondern weil ich dann nicht weiß, wo mein home ist. I am cosmopolitan, yes, but what if it doesn’t mean you’re at home everywhere but you’re alien everywhere?

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Germany. My love-hate relationship with this country was about to take a turn this year. Alienation from my second nation has been one of the recurring features of my life this year. Strange people, strange feelings. They look at you as if you’re sick when you say are proud to be German, and they do likewise when you are proud not be German. I believe it is impossible to really be part of it unless you are born here, raised here, educated here. No matter what is your citizenship. You cannot learn to become German, you will always be an outsider.

Wo bin ich zuhause? Manchmal denke ich über Stadt und Land nach, wie in diesem Beitrag. Manchmal über andere Länder. Eigentlich war es schon fast so weit. Es liegt nur an Vladimir V.Putin, dass ich noch hier bin. Ja. Er wollte mich nicht.

There was this vacancy in the Moscow office. I thought, why not. Mother Russia, I’ll come.

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I don’t speak Russian, I hardly know more than a few people in Russia. No problem. I have moved to other countries without knowing much about them. Russia fascinates me in a way. There is a lot to discover. An adventure. One part of me, my adventurous personality, wanted to say yes, do it. There is another part of me, saying please get settled, for how long do you want to be the globetrotting nomad. As always, the adventurous part wins, the reasonable part is losing out. My flatmates, my friends, almost everybody said: please stay, please don’t go. But if I do it, they’d come and visit me. Flights to Moscow are cheap.

So I’ll move to Moscow. I take a summer tourist trip to Moscow, it’s fascinating, a lot more cosmopolitan than this self-centered village called Berlin. I avoid the tourists in Moscow, I get in touch with Russians, they are much more easy-going than I expected. Alina, I thank you forever for inviting me to your party, the total stranger that you met barely three hours before. I imagine myself living here, having friends here, trying to avoid living only in the expatriate community, and so on. My blog would change, maybe I would close the German one and reopen it as podsolnechnik.ru. Doesn’t sound that great, though. Or I’d just continue in English but probably for a different audience.

It was a fascinating idea, alas, Mother Russia did not want me. No work permit for sunflower. The wrong passports, I guess, Americans and Germans are in confrontation with Russia these days. No way.

So be thankful, Vladimir Vladimirovich may be a ruthless politician but he has saved my dear readers this nice little blog that you keep visiting and that you seem to enjoy.

Russian winters are long and cold, so now I have accepted it. I won’t try again. When the bugs get me next time, it may be another country. Maybe Poland. EU citizens don’t need work permits there, how nice. Don’t worry, I am just contemplating it.

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Ich danke euch. Schreibt mehr Kommentare, das würde mich freuen. Eure Blogs lese ich auch gerne, auch wenn ich es nicht immer schaffe. Stay tuned. Alle zwei Tage gibt es weiterhin neues von sunflower. Danke fürs Lesen, thank you, Большое спасибо.

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