Männer von ihrer primitivsten Seite

Revolutionen schaffen nicht immer eine bessere Welt, eigentlich ist ihre diesbezügliche Erfolgsquote eher gering. Oft genug spülen sie nicht nur niederträchtige Typen an die Macht, sondern auch niederträchtige Elemente im Innersten der Menschen nach oben. Wenn alle sozialen Ordnungen zusammenbrechen, brechen auch moralische Hemmungen leicht weg.

Ein Paradebeispiel ist Ägypten. Was so hoffnungsvoll begann, war rasch ein Fehlschlag, und heute wünschen sich so manche schon wieder den alten Mubarak zurück. Die Episode der Muslimbrüder ist vorüber, zum Glück. Die de-facto Militärdiktatur von heute hat nicht nur die Muslimbrüder in den Knast geworfen, aondern auch die Demokraten und freiheitlich gesinnten Revolutionäre der ersten Stunden. Sie wandern immer am schnellsten in die Knäste, wenn sich Diktaturen (wieder) etablieren. Immerhin, eine gute Nachricht: die progressive Aktivistin Mahienour al-Massry ist nach einem Hungerstreik wieder frei, wie die Website Women Living Under Muslim Laws berichtet.

Aber darüber will ich hier gar nicht schreiben. Was im heutigen Ägypten wirklich am abstoßendsten, am ekelhaftesten ist, ist die grassierende allgegenwärtige Macho-„Kultur“ unter den Männern. Ich habe in diesem Blog hier und hier schon darüber geschrieben. Seitdem ist es anscheinend nur noch schlimmer geworden.

Noch vor zehn Jahren konnten sich Ägyptens Frauen einigermaßen frei bewegen, die Mutigen konnten sich westlich kleiden und daran glauben, dass sie die gleichen Rechte haben wie die Männer. Das war die Zeit, als ich Kairo öfter besuchte. Heute ist sexuelle Belästigung, verbal und körperlich, allgegenwärtig auf den Straßen Ägyptens. Für eine einzelne Frau wird es immer gefährlicher, sich auf den Straßen Kairos zu bewgen. Colette Ghunin zeigt das sehr plastisch in einem mit versteckter Kamera aufgenommenen Video. Sie stellten sich einfach auf eine Brücke und filmten die fast ausschließlich männlichen Passanten, ihre gierigen und verächtlichen Blicke, ihre angedeuteten Übergriffe, ihre dummen Visagen.

„The fact is that every time a woman walks outside, no matter what she’s wearing, a large majority of men stare, unabashedly. They scan her entire body as if she is a mere object, not  a valued human being. The high frequency of stares makes it the most common form of sexual harassment, violating women’s ability to feel safe while walking in the streets.”

Nein, sie trug keine westliche Kleidung, sondern traditionelle ägyptische. Nur damit keine Missverständnisse aufkommen, sie habe irgendetwas „provoziert“.

Das Video schlug eine wie eine Bombe, breitete sich im Internet rasant aus und wurde gefeatured in Egyptian Streets, Huffington PostBuzzFeed, Digg, France24, CNN’s New Day, Spiegel,und vielen anderen.

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Zusammen mit Tinne van Loon will Colette jetzt ein größeres Dokumentar-Video machen, ein „Anti-Harassment Documentary: The People’s Girls بنات الناس“. Dafür brauchen sie $25,000, die sie auf Kickstarter einsammeln wollen. Tolle Sache, ich darf meine lieben Leserinnen und Leser bitten hier auch was dazu beizutragen. Hier der Teaser:

“Creepers on the Bridge” ist ein deprimierendes Stück Realität. Wie können Männer nur so primitiv, dumm, ekelhaft sein?

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Fremde Federn: Living in white

Weiße Wohnungen sind hell, aber wirken oft kühl, vor allem wenn sie aufgeräumt und relativ leer sind. Ich bevorzuge es lieber bunt, rot, und dass es eher unübersichtlich und chaotisch ist, das ist, nun ja, das ist eben so. Like it or not.

Dass ich weiße, eher leere Wohnungen charmant finde, kommt selten vor. Insbesondere wenn sie auch noch von einer Skandinavierin namens Marie Olsson Nylander ist.

Aber hier ist ein Beispiel einer weißen Wohnung die wirklich Charme hat. Schöne Bilder in dem schönen Style-Blog Sage & Clare. Schön, ja, schön! Es ist so gar nicht mein Stil, aber so eine Wohnung hat auch ihren Charme. Have a look here.

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Weiß ist wirklich eine Farbe, auf die Sage & Clare steht. Auch die Fotostrecke „White Dunes, Gypsy Hues“  ist sehr schön anzusehen – und sie hat mit Skandinavien wirklich nichts zu tun. Hier kannst du von einem verträumten, schönen, sinnlichen Orient träumen, den es mal gab und der akut vom Aussterben bedroht ist. Ein schöner Traum, diese Bilder.

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Ali Baba und die 40,000 Spekulanten

Natürlich sind es mehr als 40,000 Spekulanten, die beim größten Börsengang aller Zeiten Aktien des chinesischen Internetgiganten Ali Baba gekauft haben. Oder gedacht haben, sie gekauft zu haben. Sie haben nämlich gar keine Anteile an dem chinesischen Unternehmen gekauft, das wahlweise als „chinesisches Amazon“, „chinesisches Google“ oder „chinesisches Twitter“ bezeichnet wird. Nach chinesischer Rechtslage dürfen Ausländer nämlich solche Internetfirmen in China gar nicht besitzen.

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25 Milliarden kamen so zusammen, und was real verkauft wurde waren nur Aktien einer Holding, registriert in den Cayman Islands. Der Holding gehören andere Briefkastenfirmen in den Cayman Islands oder British Virgin Islands.

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Man kann dem Ali Baba-Mogul Jack Ma noch nicht einmal einen Vorwurf machen. Er kann seine Firmen gar nicht anders an ausländische Aktienmärkte bringen als über solche komplizierten Konstruktionen, alles andere wäre illegal nach chinesischem Recht.

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Was er nun gemacht hat, ist möglicherweise auch illegal. Vielleicht ist es auch legal, nach chinesischem Recht. Es ist eine offene Frage, wo kein Kläger ist ist natürlich auch kein Richter. Aber wenn er mal Ärger mit der Regierung bekommen sollte, dann wird es den Kläger und den Richter sicherlich geben.

Dahinter steckt eine Konstruktion unter dem Namen „Variable Interest Entity“ (VIE). Im Kern geht es bei dieser Struktur darum, dass Besitz und Kontrolle einer Firma in China verbleibt, aber die Gewinne in offshore-Holdings verlagert werden über ein Netz von Gewinnabführungs-Verträgen. Was Investoren kaufen, sind also keine Unternehmensanteile, sondern nur anteilige Anrechte auf diese Profite. Diese Verträge sind allerdings nur in China einklagbar, und es ist unklar, ob sie nach chinesischem Recht überhaupt zulässig sind. Eine Pyramidenstruktur auf wackligem Fundament. Ein Hintergrundpapier der U.S.-China Economic and Security Review Commission analysiert das sehr genau.

Kernaussage: „In  sum,  this  intricate ruse  is a way of making the business appear to be Chinese owned to Chinese regulators while claiming to be a foreign-owned business to foreign investors. Neither claim is technically true, and the arrangement is highly risky and potentially illegal in China.”

Die beste Sicherheit dürfte wohl die Tatsache sein, das seine Reihe Söhne hochrangiger Parteifunktionäre selbst Großinvestoren bei Ali Baba sind. Das mag Ali Baba vor dem Gesetz schützen, aber vielleicht kommen diese Prinzen demnächst auf die Idee, die 25 Milliarden der Investoren „zweckentfremden“  zu wollen? Alles sehr riskant und fragwürdig. Aber die Leute kaufen es wie die Wilden.

Die Spekulationskultur ist lebendiger denn je. Kein Wunder, wenn es zuviel Geld gibt, in den Händen viel zu weniger Leute, die nicht wissen wo sie noch investieren sollen. Das erste Problem ist, dass es überhaupt zu einer solchen Konzentration von Vermögen kommen konnte. Das zweite, dass es zuviele institutionelle Anleger gibt, deren Motivation noch nicht einmal unehrenhaft sein muß wie im Falle von Pensionsfonds, die aber in der Konsequenz dieselben Probleme verursachen wie jeder andere gewinnorientierte Fonds. Das dritte, das sbei einem Crash dieser Konstruktionen oder auch nur einem langsamen Niedergang die Kosten meist auf die Allgemeinheit verlagert werden.

In diesem ganzen System ist nicht nur ein Wurm drin, sondern 40,000. Mindestens.

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Ali Baba’s party looks different these days…

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What is your Personal Erotic Myth?

Kürzlich habe ich eine interessante Webseite entdeckt, “The Good Men Project”. Im About steht:

“The Good Men Project is a glimpse of what enlightened masculinity might look like in the 21st century,” the press raved when we launched. We had set out to start an international conversation about what it means to be a good man in the 21st century. And with over 5 million visitors coming to join in every month, it looks as if we’ve done exactly that.”

Klingt interessant. Natürlich auch für Frauen. Da gibt es wertvolle Tips wie „Be The Greatest Lover She’s Ever Known”. Da steht nichts wirklich Neues, aber für manche Männer mag es neu sein. „Once you understand how to connect with a woman, how to elicit her deepest desires and how to make sex about more than just your pleasure, you will be the man women brag to their friends about as the greatest sex they’ve ever had.” Es gibt Beziehungstipps bis zum bitteren Ende, und so weiter.

Wirklich sehr interessant fand ich einen Beitrag über „personal erotic myths“, PEMs. Die meisten Menschen haben einen solchen persönlichen „erotischen Mythos“, eine oft unbewusstes, heimliches erotisches Verlangen, das sie im „normalen Leben“ entweder gar nicht wirklich bewusst wahrnehmen oder unterdrücken. Das können die üblichen Fetisch-Stories sein, Träume und Fantasien von Dominanz und Unterwerfung, von Sex an bestimmten ungewöhnlichen Orten, von Rollenspielen und so weiter. Sie können sich im Leben ändern oder überlagern.

Vor allem aber können sie viel Schaden anrichten, wenn man sie zu unterdrücken oder verdrängen versucht. Manche halten sich für vom Teufel besessen, manche verfluchen dieses innere Verlangen als unmoralisch und sündig, sie schämen sich dafür, oder haben Angst dass so etwas irgendjemand erfahren könnte, einschließlich des Beziehungspartners. Manche leben es heimlich aus und führen ein Doppelleben, ständig in Angst vor Entdeckung.

Der Autor Galen Fous, ein Sexualtherapeut,  beschreibt ein typisches Beispiel. „My client was a woman in her early 40’s, with a particular life-long desire for rough sex, Daddy/daughter play, dressing slutty, and other taboo aspects, that she was unable to reveal or share with past partners. She was currently in an 8 year relationship with a man who was very sweet and loving, but was not the aggressive masculine persona who inhabited her sexual fantasies. She had reached a place where she knew her desire was demanding to be expressed, even to the point of leaving her relationship if necessary.

Wie kann sie mit diesem Teil ihrer Persönlichkeit klarkommen, ohne darüber unglücklich zu werden? Der einfachste Weg ist gleichzeitig der schwerste: darüber reden. Kaum möglich bei all den Tabus, die die Gesellschaft errichtet hat. Wird der Partner schockiert sein? Wird er dich verlassen? Wird er dir sagen, dass er so etwas nicht will? Was dann? Hilfe! Oder lässt er zu, dass sie diesen Teil ihrer Persönlichkeit mit anderen auslebt?

Wenn das möglich ist, dann hat so jemand unglaublich viel erreicht. Aber das ist extrem schwierig, nur wenigen gelingt es.

“The outcome can be an empowered liberating engagement and acceptance of their deepest, edgiest desires and a start to healing the trauma, shame, self-judgment and fear their sexual desire may have been entangled in within the unconscious psyche. “

Von Begriff PEM hatte ich bisher nichts gehört, aber was es ist das wissen wir vermutlich alle. Ich habe schon früh aufgehört meine zu unterdrücken. Erotisches verlangen nach einer anderen Frau hat mich anfangs sehr beunruhigt, aber wenn du deine Bisexualität einfach akzeptierst und nicht unterdrückst oder verheimlichst, bist du einfach ein glücklicherer Mensch. Aber das ist wahrscheinlich mehr als ein „Personal Erotic Myth“. Dazu gehört wohl, dass ich mich gerne sexy und sinnlich kleide, und manchmal mehr Licht und Luft an den Körper lasse als es den gängigen Regeln und Moralvorstellungen entspricht. Ich genieße es in vollen Zügen, es ist einfach schön. Soll der Rest der Welt doch denken was er will. Es ist anfangs schwer, aber es lohnt sich.

Was ist euer PEM? Wovon träumt ihr heimlich, was würdet ihr gerne ausleben? Ich bin neugierig.

“To explore the depths of our darkest desires is a challenging, but empowering and healing process. It requires one to cultivate the deepest intention to become more conscious, aware, embodied, open, honest, curious, vulnerable, fierce, consensual and more. It is my premise that if these very compelling parts of our sexual nature’s are kept in hidden, secretive shadowy behaviors, they will inevitably blow up in destructive ways within our family, social and work life. I feel that we are in an unprecedented era where the soul of Eros is forcing humanities hand in a way. Its time to fess up, stop pretending we have no wild or dark side….or else the havoc of the sexual shadow (repression, cheating, hiding, porning, sexual violence or other unhealthy diversions) running amuck in the world right now, will get worse.”

Ich kann Galen Fous nur zustimmen.

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Fremde Federn: Ungeduld

Rote Welt ist ein Blog, den ich kürzlich entdeckt habe. Ein wirklich gut gemachter Blog, Kompliment an die Autorin. Ein Text hat mich sehr angesprochen, über (Un)Geduld und Geschwindigkeit. Eines meiner größten Laster ist meine Ungeduld. Ich ärgere mich darüber, aber ich kann es offenbar nicht ändern. Dieser ästhetisch wunderbar gemachte Text ist wirklich lesenswert.

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Angst vor der eigenen Courage

Schottland hat abgestimmt. Die Angst vor der eigenen Courage hat gewonnen. Oder die Vernunft. Man kann es so sehen oder auch anders. Wenn zwei Drittel der Schotten in ihren eignenen Parlamentswahlen die Scottish National Party wählen, aber 55% letztlich doch nicht unabhängig werden wollen – was heißt das?  Die rationale Erklärung lautet: sie haben optimal taktiert und bekommen maximale Zugeständnisse, aber gehen kein Risiko ein. Die psychologische Erklärung lautet: sie wollen die Unabhängigkeit, sie trauen sich aber (noch) nicht weil das ein zu riskantes Unternehmen ist.

Nichts davon ist wohl 100% richtig und nichts davon ist 100% falsch. Es liegt bestimmt irgendwo dazwischen. Wäre ich Schottin, ich hätte bestimmt für die Unabhängigkeit gestimmt. Allein schon um dem blasierten Westminster-Establishment eins auszuwischen. Allein schon, wenn ich höre, an der Londoner Börse herrscht Alarmstimmung, „die Anleger fürchten die schottische Unabhängigkeit“, das reicht mir schon um für die Unabhängigkeit zu stimmen. Mag sein dass das irrational ist. Aber diese Ängste vor der Unabhängigkeit waren ja auch irrational und wurden geschürt. Wer gegen die Unabhängigkeit stimmte, tat das genauso aus irrationalen Gründen wie diejenigen die ja gestimmt haben.

Whatever.

Schottland wird nach dieser Abstimmung nicht mehr so sein wie vorher, „Groß-“Britannien auch nicht mehr. Sie werden weiter dezentralisieren, und wer weiß in 20 Jahren haben sie ihre Ängste soweit abgelegt dass sie es so machen wie vor 20 Jahren die Bürger eines Landes, das heute niemand mehr kennt: die Tschechoslowakei. Sie haben sich ohne großes Tamtam einfach friedlich getrennt, und seitdem hat man von Konflikten zwischen Tschechen und Slowaken nichts mehr gehört.

Aber auch Europa wird nach der beeindruckenden schottischen Abstimmung nicht mehr so sein wie vorher. Schottland, und – ja, auch Großbritannien – haben der Welt gezeigt, wie man solche Separatismusfragen lösen sollte: man lässt die Leute friedlich abstimmen. Wenn sie sich dann für Unabhängigkeit entscheiden, then it will break the heart of the prime minister, aber dann ist das eben so. Wenn sie am Ende dagegen stimmen, auch okay, dann wird aber nicht geschossen sondern das war dann Demokratie in Aktion. Dieser Lektion werden sich die Zentralisten in Madrid, Paris, Kiew, Ankara und sonstwo nicht mehr entziehen können. Gut so.

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Safiras Rache

Blogger-Kollegin westendstorie hatte eine Idee: sie placierte ein Bild auf ihren Blog und hat ihre Leser eingeladen, aus dem Bild eine Story zu machen. Das Bild sprach mich direkt an, und ich habe ihr eine schöne Story geliefert. Die möchte ich den Leserinnen und Lesern meines eigenen Blogs nicht vorenthalten.

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Chemnitz, Frühjahr 2017. Safira Z. ist sauer. Sie ist schon länger sauer. Sauer über jahrelange, jahrzehntelange Diskriminierung, Gängelung, Geringschätzung, Versteckspiel. Sie will nicht mehr jammern. Sie will sich jetzt wehren. Sie hat einen Plan. Einen diabolischen Plan.

Sie schaut sich ihr Land an. Die demografische Keule zeigt längst ihre Wirkung. Überall Alte. Nichts gegen alte Menschen. Sie wird ja auch nicht jünger. Am allerältesten sehen die politischen Parteien aus, denen sterben die wenigen Mitglieder regelrecht weg. Regelrechte Rentnerversammlungen sind das. Und über genau die Parteien hat sich Safira am meisten geärgert.

Sie arbeitet als Freiberuflerin, aber sie genießt keine der vielen Vergünstigungen, die anderen Freiberuflerinnen offenstehen. Sie bietet nämlich sexuelle und erotische Dienstleistungen an. Die Nachfrage dafür ist zwar stabil, aber die Parteien haben sie in den letzten Jahren sehr drangsaliert. Vor allem die Zwangsregistrierung für Sexarbeiterinnen macht sie wütend. Seit das Register im Rathaus gehackt wurde und ins Netz gestellt wurde, wissen jetzt alle was sie macht.

Sie macht es weiter, aber es wurde nicht einfacher dadurch. Aber sie will sich heute abend rächen. Rächen an Werner K. Werner K., langjähriger Abgeordneter des Bundestages. Ihr langjähriger Kunde. Sie hat ihm jahrelang Vergünstigungen gewährt, als Gegenleistung für das Versprechen im Bundestag etwas gegen die Diskriminierung ihres Berufs zu tun. Aber er hat sie belogen, natürlich, wie so viele. Er war immer ein Hardliner. Er könne nicht anders, sagte er, er sei ja in der CDU. Da könne man nicht offen für Huren eintreten, ohne seine Karriere zu gefährden. Nur als Hardliner könne er etwas für sie tun. Nichts hat er getan, sagte ihr andere Kunden aus derselben Partei.

Heute will sie genau das tun: seine Karriere gefährden. Oder um ehrlich zu sein, sie beenden. Sie kandidiert gegen ihn. Sie will selber Abgeordnete werden.

Vor zwei Wochen ist sie in die CDU eingetreten. Sie hat sich bei anderen Kunden erkundigt, die Stimmungslage erfragt, die Schwächen des Werner K. erkundet, welche Feinde er in der örtlichen Partei hat. Sie weiß jetzt, dass er sich viele Feindegemacht hat. Viele haben offene Rechnungen mit ihm. Aber niemand wagt es, gegen ihn anzutreten.

Sie wagt es.

Er stellt sich vor. „Gibt es weitere Kandidaten?“, fragt der Versammlungsleiter.

Sie meldet sich.

Werner K. lacht sich halb kaputt. „Was willst du denn hier? Spinnst du?“

Das war sein Ende.

„Kennst du sie?“ fragt jemand.

„Äh, nein, natürlich nicht.“

„Natürlich, Werner, erst letzte Woche warst du doch wieder bei mir. Direkt nach der Fraktionssitzung. Und hast wieder abgelästert über Karl-Heinz B., über Tillich, über viele andere die ich nicht kenne.“, erwidert sie. Totenstille im Saal.

„Kommen wir zur Sache“, sagt der Versammlungsleiter. „Also Sie kandidieren? Sind Sie Mitglied? Wie ist Ihr Name?“

Werner K.‘s Bewerbungsrede wird zum Desaster. Mit hochrotem Kopf stottert er irgendwas, niemand versteht es. Es ist peinlich.

Safiras Bewerbungsrede wird zum rhetorischen Feuerwerk. Sie hätte sich das nie zugetraut. Sie reißt den Saal mit. Sie trifft die richtige Tonlage, redet über Lüge in der Politik, über Ehrlichkeit und Doppelmoral, über Jesus und Maria Magdalena, über Menschlichkeit.

Sie gewinnt die Abstimmung klar. Das CDU-Direktmandat gilt als sicher.

Safiras zweite Karriere begann an diesem Abend.

 

PS: nur wenige Tage danach flog Dominatrix Terri-Jean Bedford aus einer Anhörung im Parlament von Kanada. Sie hatte mit einer erfolgreichen Klage vor dem Obersten Gerichtshof die Regierung gezwungen, Gesetze aufzuheben, die ihre Berufsfreiheit und die ihrer Kolleginnen verfassungswidrigen Restriktionen unterwarf. Darüber habe ich hier geschrieben. Jetzt will die Regierung das berüchtigte „schwedische Modell“ einführen und die Kunden kriminalisieren. Immerhin, sie wurde zu der Anhörung eingeladen. Als man ihr die Redezeit kürzte, drohte sie damit, Abgeordnete zu nennen, die schon bei ihr Kunden waren. Sie flog unverzüglich raus. Wunderschön nachzulesen hier. “C-36 is a doomed rearguard action — aimed at winning donations and votes — and the Conservatives know it. What they don’t know: whose names are on Bedford’s list”.

http://video.ca.msn.com/?mkt=en-ca&vid=cbcc2014-1009-1509-0018-251395544700&src=v5:share:sharepermalink:&from=sharepermalink

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