Beklemmung

Sparen, rationalisieren, und vor allem Personal wegrationalisieren – das sind die heiligen Kühe von heute. Sie sind ein Irrweg, sie bringen uns am Ende alle ins Elend.

Ein vollautomatisches Hotel. Auch das ist schon Realität. Online gebucht, kommst du an ein Hotel, da ist nicht etwa eine schöne Rezeption mit einer einladenden Lounge, weit gefehlt. Eine kalte, seelenlose Tür an einem kalten, seelenlosen Bürogebäude mit einem Automaten, in den du deine Kreditkarte einsteckst. Die Tür öffnet sich, ein Bildschirm erklärt dir, wo dein Zimmer ist und spuckt eine Plastikkarte aus. Dein Zimmerschlüssel. Mit einem Aufzug fährst du in den 6.Stock, ein menschenleerer Flur, dunkelgrauer Boden, kalkweiße Wände, deine Zimmertür, Chipkarte rein, und dann findest du ein Zimmer, grauer Boden, kalkweiße Wände, kein Bild an der Wand, kein Badezimmer sondern eine „Nasszelle“ (no other language than German can invent such a word), 100% funktional, 0% Wohlfühlfaktor. Knast oder Hotel? Immerhin, keine vergitterten Fenster.

Beklemmend wird es beim Frühstück. Leider muss ich sehr früh raus. Der Frühstücksraum ist im 5.Stock. Schlaftrunken wandele ich die Gänge entlang und suche den Aufzug. Um drei Ecken finde ich ihn. Eine Treppe in den 5. Stock scheint es nicht zu geben.

Im Frühstücksraum – gähnende Leere. Aber ein Frühstücksbuffet. Das müssen Menschen hier hergestellt haben. Das können Maschinen noch nicht, glaube ich. Kaffee aus dem Automaten. Orangensaft aus dem Automaten. Milch aus dem Automaten.

Ich setze mich. Dann kommt der erste Mensch herein, den ich in diesem Hotel sehe. Ein sinister daherschauender Typ, der mich mit bohrendem Blick fixiert. „Guten Morgen“ sage ich, er erwidert nichts. Er setzt sich an den Nachbartisch, holt sich kein Frühstück. Glotzt mich an.

Unwillkürlich schaue ich aus dem Augenwinkel nach, ob es hier Überwachungskameras gibt. Scheinbar nicht.

Mir wird zunehmend unheimlich. Der Typ verfolgt jede meiner Bewegungen.

Soll ich schnellstens verschwinden?

Nein, das sehe ich nicht ein. Ich habe ein Recht auf mein Frühstück.

Welche Dummheit. Jetzt kannst du noch abhauen.

Überraschung. Der Typ holt sich einen Kaffee. Nur das. Und lässt mich nicht eine Minute aus den Augen.

Ich habe mal einen Karatekurs gemacht. Aber nicht morgens um 6.

Wenn ich jetzt abhaue, folgt er mir bestimmt. Vor dem Aufzug kriegt er mich. Kein Aufzug kommt sofort.

Kann denn nicht endlich mal jemand anders dazu kommen?

Ich nehme das Smartphone, tue so als würde ich eine Nummer wählen und mache ein Pseudo-Telefonat. „Schatz, ich bin noch in diesem Hotel, ein menschenleeres Loch, im Frühstücksraum. Ich rufe dich gleich wieder an, wenn ich rausgehe, ja?“

War das clever? Anscheinend. Der Typ lässt mich zum ersten Mal aus den Augen und geht zum Frühstücksbuffet.

Ich bin fertig. Nichts wie weg. Nie wieder automatisches Hotel ohne Menschen.

A0060

Veröffentlicht unter Gesellschaft, Ladies (and gentlemen) | Verschlagwortet mit , , , , | 3 Kommentare

Der Mensch zerstört, was er liebt

Die Katastrophe in Syrien und Irak nimmt der Rest der Welt in bequemen Fernsehsesseln wahr, und geht dann wieder zur Tagesordnung über.  Wie praktisch, dass Kobane so nahe an der türkischen Grenze liegt, da kann man mit dem Teleobjektiv von einem sicheren Logenplatz aus alles mitverfolgen.  Eigentlich wollte ich über das alles  nichts mehr schreiben, weil es mich fertig macht. Ich mache es doch.

Wer diese Region aus anderen Zeiten kennt, wer dort Menschen kennt, wer damit Städte, Landschaften, Gerüche, Gefühle verbindet, kann angesichts dieser Tragödie nur heulen. Horden tollwütiger junger Männer, die es in ihrem verhunzten nutzlosen Leben zu nichts anderem gebracht haben als zum Killer, bringen Mord, Totschlag, Sklaverei und Erniedrigung über Millionen Menschen. Die „westliche Wertegemeinschaft“ tut nahezu nichts, außer ein paar Luftschlägen und der verspäteten Lieferung einiger weniger Waffen. Sie lässt die tollwütigen Salafisten-Horden in Europa gewähren, rekrutieren, öffentlich auftreten. Allen voran ihr Verbündeter Erdogan.

In Arabien, in Kurdistan geht eine Gesellschaft unter, vergleichbar mit den verheerenden Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs in Europa, oder dem Untergang des multikulturellen Jugoslawien in dem Augenblick, in dem es hätte demokratisch werden können. In wenigen Jahrzehnten wird aus einer der vielfältigsten, multikulturellsten Regionen eine triste Ansammlung von ethnischen und religiösen Monokulturen.

Was in Europa im Zweiten Weltkrieg und im Jugoslawienkrieg passierte, wiederholt sich jetzt wieder. Multikulturelle, lebendige, vielfältige Gesellschaften gehen vor unseren Augen unter.

Das Palästina des Osmanischen Reiches, der britischen Mandatszeit – alles Geschichte, zerstört von europäischen religiösen Kolonialisten. Übrig geblieben ein erniedrigtes rechtloses Volk, die Palästinenser,  zusammengepfercht im Gazastreifen und einem von zionistischen Siedlungen perforierten Westjordanland, und ein immer mehr in nationalchauvinistischen Wahn abgleitendes Israel. Die Katastrophe braut sich zusammen.

Das Syrien des Osmanischen Reiches, der französischen Mandatszeit, der ersten Jahre der Republik – eine vibrierende arabische Zivilisation voller Minderheiten, voller Vielfalt, mit jahrtausendealter reicher Geschichte. Das Land versinkt jetzt im Massenmord, und wenn eines Tages die tollwütigen IS-Horden besiegt sind, wird das Land nie wieder sein was es war. Konfessioneller und ethnischer Hass, Sunniten gegen Schiiten, Alawiten, Jesiden, Christen oder Araber gegen Kurden, aus Nachbarn wurden in Windeseile Feinde. Genau dasselbe im Irak. Sunniten und Schiiten massakrieren sich in immer brutalerer Weise. Am Ende wird der Irak zerfallen in ein weitgehend ethnisch gesäubertes Kurdistan, und in zwei arabische Staaten, der eine sunnitisch, der andere schiitisch. Sie werden ein Schatten ihrer jahrtausendealten vielfältigen Geschichte sein.

Wir besuchen vibrierende multikulturelle Städte am liebsten, wir leben in ihnen am liebsten, weil sie der Inbegriff menschlicher Kultur sind. Monokulturen sind langweilig. Berlin ist spannender als Rostock. Istanbul ist spannender als Ankara. New York ist faszinierend, Kansas City todlangweilig und unerträglich. Wer besucht ethnisch homogene Plattenbausiedlungen in einer abwechslungslosen Landschaft? Niemand. Und doch zerstören immer wieder tollwütige Horden von männlichen Underdogs all das, was wir in Jahrhunderten aufgebaut haben, binnen weniger Jahre, egal ob sie SS heißen oder Tschetniks, ob Ustascha oder IS, ob zionistische Siedler oder Taliban, was auch immer. Wie schon die Kreuzfahrer oder die Konquistadoren, der Hass auf fremde Kulturen eint sie. Wie viele Kulturen wurden von solchen hasserfüllten Männern schon zerstört? Es geht immer weiter. Es ist immer noch nicht Geschichte. Nationalismus und religiöser Wahn. Diese Krankheiten sind millionenfach schlimmer als Ebola oder Aids. Am anfälligsten dafür sind Männer zwischen 15 und 30. Warum nur bekommt die Menschheit das nicht in den Griff?

134312678591175

Veröffentlicht unter Gesellschaft, Palestine and the Middle East, Politik | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 3 Kommentare

Die elegante Heidi

Kunst an Häuserwänden ist manchmal wunderschön, oft langweilig, manchmal hässlich. Vor allem aber ist sie meist vergänglich. Sie wird übermalt, verwittert, abgerissen, wegsaniert. Das ist nicht unbedingt schlimm, das Leben ist ein Kommen und Gehen, man kann nicht alles für die Ewigkeit konservieren.

Eines der schönsten Wandgemälde Berlins ist an der Autobahn gegenüber dem ICC zu bewundern. Kein Banksy, kein Graffiti Hero hat es gemalt, klandestin in der Nacht. Es wurde vor Jahrzehnten von unbekannten Malern ganz kommerziell an eine Wand gemalt. Es zeigt Heidi Hetzer, Opel-Autohausbesitzerin und offenbar eine flamboyante Autofahrerin. Diese zeitlose, elegante Schönheit. Ich bewundere dieses Bild, ich kann mich daran gar nicht sattsehen.

DSC02821

Bestimmt eine der schönsten Wandmalereien Berlins. Sowas können unsere Graffitikünstler nicht, die malen sowieso lieber hässliche Buchstaben als schöne Menschen. Seit Jahrzehnten schon ziert sie diese Hausfassade. In unnachahmlicher Schönheit, Eleganz und Grazie steuert sie einen Cabrio in den 50er Jahren über den Kudamm, den Champs Elysee oder eine andere Prachtstraße.

Für sie scheint immer die Sonne, und der Wind zerzaust ihr nie das Haar. Die Hände geschützt von schönen Lederhandschuhen. Der Lippenstift ist immer makellos, auch nach Jahrzehnten. Eine wirkliche Dame, wie es sie heute kaum noch gibt. Und hoffentlich bleibt sie hier noch viele Jahrzehnte, das ICC mag vergehen, irgendwann weiß man in Berlin wahrscheinlich gar nicht mehr was ein Auto ist  aber diese Dame, sie muss bleiben!

Heidi Hetzer ist jetzt 77 und hat im August eine zweijährige Reise um die Welt angetreten, in einem 84 Jahre alten Oldtimer. Nach 10000 Kilometern und 16 durchquerten Ländern hat sie sich irgendwo in Zentralasien zum zweiten Mal von ihrem männlichen Mitfahrer getrennt. Der erste war ein 25jähriger Reisefotograf und musste schon bald aussteigen. Er war ihr zu sehr ein „Sensibelchen“ und bekam es mit der Angst zu tun, wenn sie seiner Ansicht nach zu schnell fuhr.

20141005-009

Jetzt fährt sie alleine weiter. Nachzuverfolgen auf www.heidi-um-die-welt.com. Ich bwundere sie. Wenn ich 77 sein werde, will ich das auch machen. Ich hoffe, dass man es dann noch gefahrlos tun kann.

20141005-017

Veröffentlicht unter Ladies (and gentlemen) | Verschlagwortet mit , , , , , , | 4 Kommentare

Bald Kopftuchzwang für Frauen an Amerikas Schulen?

Es ist unglaublich, mit welcher Obsession in nahezu allen Kulturkreisen versucht wird, Frauen vorzuschreiben wie sie sich zu kleiden haben. Dass die islamische Welt in dieser Hinsicht an der Spitze steht, dürfte wohl unbestritten sein. Aber an immer mehr Schulen in den Hinterweltler-Provinzen der USA entwickeln Schulleitungen und manchmal auch Eltern zunehmend Ehrgeiz, den „Rückstand“ zur islamischen Welt aufzuholen.

An der Devils Lake High School in North Dakota wird jetzt versucht, einen Dresscode durchzusetzen, der Frauen das Tragen von Skinny Jeans, Leggins und Yogahosen verbietet. Offizielle Begründung: solche Kleidungsstücke verführen die Jungs dazu “to focus on something other than schoolwork“. Diese Begründung kennen wir ja aus Saudi-Arabien, da müssen Männer auch davor bewahrt werden, durch den Anblick unverschleierter Frauen auf dumme Gedanken zu kommen.

Selbst in New York Citys verschlafenem Stadtbezirk Staten Island kam jetzt ein Schulleiter auf die Schnapsidee, einen strikten Dresscode einzuführen – berichtet die New York Post:

The code doesn’t just cover tank tops and short-shorts, but miniskirts, leggings, skinny jeans, headbands, halter tops, sweats, hats, hoodies, sunglasses and more.

Die Schülerinnen dachten wohl an einen verspäteten Aprilscherz und ignorierten die neue Anordnung. Konsequenz: 200 mal wurde Arrest verhängt, 90% der Betroffenen waren natürlich Schülerinnen. Danach eskalierte der Streit noch mehr und dürfte demnächst vor Gericht weitergehen, weil Eltern dagegen klagen wollen. Viele Schülerinnen ignorieren den dresscode wie Rebecca Brunetta und protestieren massiv dagegen: “These students are rebelling to the point of basically wearing undergarments”.

 140910_tottenville_jcrice_52.jpg

Massiven Widerstand gab es auch in Evanston, Illinois. Dort kamen Hunderte Schülerinnen in einem akt offener Rebellion in Leggins und Yoga Pants zur Schule, um gegen das Verbot zu protestieren. Die Schulleitung hatte es verhängt, weil sie die Kleidung der Mädchen für die schlechten Schulleistungen der Jungs verantwortlich gemacht hatte….dazu fällt dir wirklich gar nichts mehr ein.

Noch krasser geht es an der Oakleaf High School in Florida zu. Die 15jährige Miranda Larkin, neu an der Schule, wurde an ihrem dritten Tag an dieser High School gezwungen, ein hässliches überdimensioniertes neongelbes T-Shirt mit der Aufschrift „Dress Code Violation“ zu tragen, um sie öffentlich zu demütigen.

 

Mit diesem Outfit darf Ashley Crtalic nicht am Unterricht der Skyview High School in Billings, Montana teilnehmen:

Ashley Crtalic 5422eb40a234b.preview-300

Solche Beispiele gibt es immer häufiger in the land of the free, das immer weniger frei wird. Wahrscheinlich verstoßen solche verharmlosend „dress codes“ genannten Vorschriften sogar gegen die Verfassung. Viel schlimmer sind die Botschaften, die damit an die Teenager vermittelt werden: Frauen muss man genau vorschreiben, wo die Grenzen sind. Frauen dürfen keinen Spaß daran haben, schön und sexy zu sein, sondern dafür müssen sie sich schämen. Wenn Frauen sich „zu sexy“ kleiden, lenken sie Männer ab, bringen Männer in Versuchung und sich selbst in Gefahr. Sie sind dann selbst schuld an sexueller Gewalt. Solche stereotypen, anachronistischen Geschlechterrollen sind nicht nur sexistisch, sondern eine Beleidigung für alle Frauen und  Männer, die denken können. Wenn Schulen direkt oder indirekt solche Botschaften an ihre Schülerinnen und Schüler transportieren, machen sie alles falsch  was sie falsch machen können – sie sollten das genaue Gegenteil vermitteln.

tumblr_n4aadvfl941siad2ko1_1280

Wie absurd das alles ist, wird sofort deutlich, wenn man den Spieß mal umdreht. Wenn man Männern alles verbieten würde, was Frauen „ablenken“ könnte. Das kann je nach Frau sehr unterschiedlich sein, die eine findet schöne Schuhe attraktiv, andere einen eleganten Schal, wieder andere werden aber durch die manchmal ungemein hässlichen Klamotten von Männern „abgelenkt“ und abgetörnt. Am besten führen wir Uniformen ein.

Was steckt hinter solchen  dumpfen, offenbar nicht auszurottenden Einstellungen aus der Vorgeschichte der Menschheit? Negativ eingestellte verklemmte Leute, die es nicht ertragen können, wenn andere lebenslustig sind, Spaß haben, die darauf neidisch sind, und die nicht nur alles was mit Sexualität sondern vieles andere was einfach nur schön und sinnlich ist am liebsten verbieten würden. Leute wie der türkische Vizepremier Bülent Arinc, der Frauen das Lachen in der Öffentlichkeit verbieten will. Solche Typen gibt es zuhauf, überall auf der Welt. In den USA und islamischen Ländern vielleicht noch mehr als anderswo. Aber was ich nicht verstehen kann, ist: warum nehmen alle anderen Leute solche übelgelaunten, negativen Typen überhaupt ernst statt sie einfach laut auszulachen?

tumblr_n1c0qjnl3H1scp6t2o1_500

 

PS Und wie krank Amerika wirklich ist…School Will Allow Students To Pose With Guns In Yearbook Photos

Veröffentlicht unter Gesellschaft, Ladies (and gentlemen) | Verschlagwortet mit , , | 4 Kommentare

Die Ideologie des “Steuerwettbewerbs“ und wie sie uns ausplündert

Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass eine Reihevon Konzernen wie Apple, Facebook, Amazon oder Google so gut wie keine Steuern bezahlen. Mit sehr komplizierten Konstruktionen können die Steuergesetze Irlands, der Niederlande und Luxemburgs so genutzt werden, dass solche Konzerne offiziell nirgendwo in der Welt mehr steuerpflichtig sind, also staatenlose Ausländer sind. Was eine natürliche Person tunlichst vermeiden will, ist für einen Konzern höchst attraktiv. „Double Irish with Dutch Sandwich“ wird die in Europa extremste erlaubte Form der legalen Steuerflucht genannt. Dagegen geht nach langem Zögern die EU-Wettbewerbskommission jetzt vor, und stuft das ganze Konstrukt als illegale Subvention ein. Auf die betroffenen Konzerne könnten milliardenschwere Steuernachzahlungen zukommen. Auf die betroffenen Konzerne könnten milliardenschwere Steuernachzahlungen zukommen. Exzellent beschrieben beim International Consortium for Investigative Journalism – aber natürlich nicht in den mainstream Medien, die plappern lieber über Unwichtigeres.

940px-appleprotest

Harald Schumann hat im Tagesspiegel eine schöne Kolumne dazu geschrieben, in der er das Grundübel so klar wie selten in der europäischen Mainstream-Presse benennt: die neoliberale Ideologie des Steuerwettbewerbs,  die sich tief in die Hirne der Menschen gefressen hat.

„Nach dieser Vorstellung sollen alle Staaten miteinander im Wettbewerb stehen, selbst dann, wenn sie wie die EU einen gemeinsamen Binnenmarkt mit einem gemeinsamen Wirtschaftsrecht unterhalten. In der Folge verstricken sich die EU-Staaten seit Jahren immer tiefer in einen gegenseitigen Unterbietungswettbewerb, um damit Unternehmen zu ködern und die Wirtschaft zu fördern – und das nicht nur bei den Steuern. Das Gleiche betreiben die mehrheitlich wirtschaftsliberalen Regierungen der EU auch bei Löhnen und Sozialabgaben, mit der Folge, dass sich die ungleiche Verteilung bei Einkommen und Vermögen fortwährend verschärft.“

Eine Ideologie, die nur den Konzernen nützt und ihnen hilft, uns alle zu plündern.

Es jahrelang gedauert, bis die extremen Steuergesetze Irlands, der Niederlande und Luxemburgs ins Visier der Diskussion und schließlich der Wettbewerbskommission gerieten.

Gleichzeitig hat in letzter Zeit die britische Regierung, heute wohl die extremste neoliberale Regierung in Europa, schon die nächste Attacke vorbereitet, um eine vernünftige Besteuerung von Konzernen zu untergraben. David Quentin’s tax and law blog erklärt am besten, um was es geht –  “an explanation of how nasty, disingenuous and hypocritical the thinking behind it is.”

Mit dem “Patent Box” genannten Gesetz wird die effektive Körperschaftssteuer von 21% auf 10% abgesenkt, für alle Profite die aus Patenten entstehen. Die Regierung Cameron begründet das Projekt ganz offen damit, die britische Steuergesetzgebung „wettbewerbsfähiger“ zu machen. Im Vorbereitungsprozess für das Gesetz wurde auch ein Gutachten von PriceWaterhouseCooper eingeholt, in dem ganz offen erklärt wurde, dass solche Steuerschlupflöcher der Öffentlichkeit einfacher zu verkaufen seien als allgemeine Steuersenkungen für Unternehmen, obwohl diese natürlich besser wären.

„However, since in some countries incentives can be viewed politically as more feasible than reducing overall corporate tax rates, an alternative tax reform scenario could be the adoption of a patent box regime. Such a regime likely would encourage companies to locate the high-value jobs and activity associated with the development, manufacture, and exploitation of patents in-country.”

PWC gibt selber zu, die öffentliche Begründung für die “Patent Box”, damit hochinnovative Unternehmen anzuziehen, unglaubwürdig sei – die würden sowieso schon massiv subventioniert.

Der britische Finanzsstaatssekretär David Gauke sprach bei einer Präsentation der „Patent Box“ in der Londoner City vor einem Business-Publikum offen aus, um was es geht:

„Because in a global business environment, it isn’t politicians – even those politicians like me, who are responsible for national tax policies – that make the ultimate call about which tax systems are the most competitive or the most attractive. It’s businesses like yours, and you vote with your feet.”

Neoliberale Politik in Reinkultur. Es wird Zeit, damit aufzuräumen.

tumblr_nayaujONIN1r1gonlo1_500

So etwas diabolisches muss man sich erst einmal ausdenken…

Veröffentlicht unter sunflower's business views | Verschlagwortet mit , , , , , , | 3 Kommentare

Fremde Federn: A Powerful Photo Collection on Female Masculinity

Schöne Frauen – das sind üblicherweise feminine Frauen. Frauen können aber auch schön sein, wenn sie sich maskulin geben. Nicht immer, aber diese Fotokollektion bei everydayfeminism zeigt viele davon. Betont männlich auftretende Frauen, die mich beeindrucken. Noch mehr gibt es bei Meg Allen.

3Y0B5760

 As Meg Allen describes, “BUTCH is a celebration of those who choose to exist and identify outside of this binary that has never allowed any accepted crossover. BUTCH is inviting viewers into private lives of female masculinity and suggesting a resilience in nature’s insistence that there is more depth to masculinity and femininity than societal norms care to entertain.

toddy_34

Schön anzusehen. Frauen dürfen das eigentlich nicht. Aber wenn sie es tun, sind sie weniger gesellschaftlicher Repression ausgesetzt als wenn Männer sich wie Frauen kleiden und benehmen.

Veröffentlicht unter Ladies (and gentlemen) | Verschlagwortet mit | Ein Kommentar

Die Verachtung der Städter für das Land

Meine liebe Freundin C. ist auf das Land gezogen. Nicht ins Umland. Richtig aufs Land. Immer wenn ich sie besuche stelle ich fest, wie sie sich seitdem verändert hat. Sie verändert auch mich immer mehr, wenn ich mit ihr stundenlang diskutiere, es färbt ab. Auf mich, das Großstadtkind. Mein ganzes Leben habe ich in big cities verbracht. Ich liebe sie. Nirgendwo anders könnte ich leben.

Aber ich merke allmählich, was sie anrichten. Sie, die Großstädter, Leute wie ich. Billiges Essen. Das ist der Dreh- und Angelpunkt, um Großstädter – vor allem Hauptstädter – bei Laune zu halten, um Wahlniederlagen, Volksaufstände, Revolutionen zu verhindern. Weltweit.

Aber den Preis dafür zahlt das Land, die Landwirtschaft, die Bauern. Landbewohner, die keine Perspektive mehr haben und dann auch in die Stadt ziehen. Bauernhöfe, die aufgeben, weil sie wirtschaftlich kaputt gemacht werden. In den Agrarsteppen Ostdeutschlands bekommen Agrar-Investoren das Land der bundeseigenen „Boden-Verwertungs- und Verwaltungs-Gesellschaft“, BVVG. Sie bieten am meisten. Der kleine Bauernhof kann nicht mithalten.

Konsequenz: Die Agrarindustrie übernimmt das Land, investoren- und renditegetriebene kapitalistische Firmen ohne Bezug zu dem Land, das sie übernehmen. Tausende Hektar Monokulturen in der Hand weniger proftorientierter Fonds.

Damit übernehmen sie auch uns. Sie verwandeln ehemals blühende, vielfältige Landschaften, für viele Menschen die Heimat, in Agrarmonokulturen. Quadratkilometerweise derselbe Landbesitzer oder –pächter, dieselbe Monokultur, hochmechanisiert, mit so gut wie keinen wirklichen Arbeitsplätzen mehr. Ob Bio oder nicht, spielt längst keine Rolle mehr – die Strukturen sind immer mehr dieselben. Mit der Vielfalt stirbt die Identität einer Region, sie hört auf Lebensraum zu sein, Heimat zu sein. Sie wird austauschbare Produktionsfläche.

Was wir heute mit unserer Geiz-ist-geil-Billigfraßkultur machen, beispielsweise so etwas wie hier, ist die nackte Verachtung der Arbeit der Bauern. Sie kämpfen um ihre wirtschaftliche Existenz, während sich die Ernährungsindustrie und der Handel die Renditen in die Taschen stopfen. Die soziale Spaltung, die zunehmende Armut sorgt dafür, dass Millionen auf  billiges Essen angewiesen sind – Geiseln der Agrarindustrie für die Ausbeutung und Vernichtung bäuerlicher Landwirtschaft und eigenständiger Perspektiven für ländliche Räume. Wir sind an dem Punkt, wo die brutale Ausbeutung osteuropäischer Migranten auf Feldern und in Schlachthöfen gerechtfertigt wird mit der Notwendigkeit, Essen muss billig sein. Billiger als in jedem anderen Land Europas. Deutschland, das Land der übelsten Dumpinglöhne in den Schlachthöfen.

Wir müssen das Stadt-Land-Verhältnis neu denken. Der Schlüssel dazu ist das Essen – der Preis des Essens, der Ausdruck unserer Wertschätzung der Arbeit der Bauern. Die Realität heute ist: die Verbraucher in den Städten verachten die Bauern, verachten den Wert ihrer Arbeit und ihrer Erzeugnisse. Nicht moralisch, nein, sondern mit dem Geldbeutel. Wir wollen gutes Essen, Mindestlöhne in der Landwirtschaft, keine Tierquälerei – aber nichts dafür bezahlen. Das ist verlogen.

Liebe C., ich danke dir, das habe ich jetzt verstanden.

Und ich habe verstanden: Wenn wir das nicht angehen, haben wir nichts verstanden.

MINOLTA DIGITAL CAMERA

Schmeckt es nicht wunderbar, der Billigfraß?

Veröffentlicht unter Gesellschaft, Politik, sunflower's business views | Verschlagwortet mit , , , | Ein Kommentar