Fremde Federn: Die Verkäuferin

Das Verkaufspersonal in den heutigen Läden, Kaufhäusern, Shops, Boutiquen usw. ist überwiegend weiblich – die Verkäuferin gilt als „typisch weiblicher“ Beruf, auch wenn es natürlich auch Verkäufer gibt – nicht nur im Baumarkt.

Das war nicht immer so. In dem wunderbaren Blog von Billierosie kann man nachlesen, dass es im viktorianischen England des 19. Jahrhundert keine Verkäuferinnen gab. In den Läden arbeiteten ausschließlich Männer, jedenfalls waren für den Kunden nur Männer sichtbar. Verboten war diese Arbeit für Frauen nicht, aber kein Ladenbesitzer stellte sie ein. Schlagzeilen machte 1861 in Glasgow eine 16jährige, die sich als Mann verkleidet mehrfach in Läden einstellen ließ bis es aufflog.

Einkaufen war damals kein Vergnügen, schreibt Billierosie, sondern „uniquely unpleasant“, in den Worten einer aristokratischen Lady. Was müssen das für dröge Typen gewesen sein, die Verkäufer von damals. Shopping als Freizeitvergnügen – damals noch nicht.

Es waren nicht nur die emanzipatorischen Aktivitäten der „Society for the Employment of Women“, sondern natürlich auch wirtschaftliche Zwänge, die den Weg zur Verkäuferin ebneten. Für Männer gab es immer mehr besser bezahlte Alternativen, so dass Ladenbesitzer irgendwann an den Frauen nicht mehr vorbeikamen.

1909 brachte Harry Gordon Selfridge  den Durchbruch. Er eröffnete das erste moderne Kaufhaus, das sich zum Ziel setzte, Shopping zum Vergnügen zu machen. Zu diesem Vergnügen gehörten auch attraktive Verkäuferinnen  statt der drögen ineffizienten Typen von früher.

„And the lovely, stylish young women who were employed in the Selfridge department store seduced their customers with richly coloured silks from the Orient; softly sensuous velvets from Arabia and Haute Couture designs from Paris. The shop girl had arrived.”

Lesenswert.

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Maybe I am shopping too much…

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Etwas mehr Respekt, bitte

Im Herbst soll das neue Prostitutionsgesetz im Bundestag verabschiedet werden. Das Gesetz sieht unter anderem eine gesetzliche Meldepflicht für Prostituierte vor. Weiterhin sollen Bordelle und andere Arbeitsstätten dazu verpflichtet werden, Listen der bei ihnen tätigen Sexarbeiterinnen zu führen. Dagegen wehren sich die Betroffenen, leider stehen sie weitgehend allein. Demokraten und Bürgerrrechtler, die sich sonst um die Bürgerrechte jedes Salafisten sorgen, halten die Klappe. Es sind ja nur Huren. Die darf man diskriminieren. Die sind weniger wert als ein Nazi, ein Salafist, ein Gewaltverbrecher. Bei diesen Typen achtet die liberale Öffentlichkeit peinlich darauf, dass sie auf keinen Fall unfreundlich behandelt werden, sondern jedes Promille ihrer Bürgerrechte voll ausschöpfen können. Sexarbeiterinnen haben dieses Privileg nicht. Die sind entweder Dummchen, Opfer, oder Hexen.

Es gibt viele zweifelhafte Berufe, oder sagen wir mal Tätigkeiten, die man zumindest schärfer kontrollieren, wenn nicht gleich verbieten sollte. Hedgefonds-Manager, Hassprediger, Immobilienspekulanten, Waffenhändler, und noch einiges mehr fällt mir da so ein. Keine derartigen Initiativen sind in Sicht. Es gibt eigentlich keinen einzigen Beruf, bei dem es eine gesetzliche Registrierungspflicht gibt. Aber die deutsche Regierung hat sich vorgenommen, die Sexarbeiterinnen schärfer zu kontrollieren. Eine Zwangsregistrierungspflicht ist vorgesehen. Die Konsequenz ist nicht nur das Zwangsouting sondern auch ständige Kontrollen, die auch in den privaten Wohnungen stattfinden können.

Schikanen gibt es ja schon genug, von kommunalen Sexsteuern bis Sperrgebieten, verdachtsunabhängigen Razzien ohne richterlichen Durchsuchungsbeschluss und so weiter. Nur für Sexarbeit bieten Jobcenter „Ausstiegshilfen“ an, statt Beratung wie die Sexarbeiterin ihre Rechte besser wahrnehmen kann und Marktchancen besser nutzen kann, um ihr Einkommen zu steigern. Und natürlich, leider gibt es auch viele Kunden, die sich mies benehmen, weil sie genau wissen, eine Sexarbeiterin die anonym bleiben will oder muss, hat leider weniger Möglichkeiten sich zu wehren.

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Was soll dieser Drang, ständig „etwas gegen die Prostitution“ machen zu müssen? Was soll diese Verachtung gegenüber Sexarbeiterinnen? Dabei geht es keineswegs nur um Gesetze. Fast alle Sexarbeiterinnen verschweigen selbst ihrem engeren Umfeld diese Tätigkeit, oft genug in Teilzeit ausgeübt, zur Finanzierung des Studiums, von ein bisschen Luxus, oder des reinen Überlebens. Kommt es raus, sind sie stigmatisiert, werden aus der „ehrenwerten Gesellschaft“ ausgeschlossen. Dabei sind fast alle von ihnen weitaus anständigere, ehrlichere Menschen als die Spitzen der „ehrenwerten Gesellschaft“.

Was soll diese elende, verlogene Doppelmoral? Sexarbeiterinnen tun nicht nur niemandem etwas zuleide, im Gegensatz zu vielen anderen Berufsgruppen,  sondern machen viele Menschen – in allererster Linie Männer – glücklich. Für eine kurze Zeit, ab und zu, regelmäßig oder unregelmäßig. Für viele einsame Männer ist die Sexarbeiterin ihres Vertrauens schon fast eine Seelsorgerin: manche kommen, nur um mal jemanden zum Reden zu haben, mit ein bisschen Zärtlichkeit. Natürlich ist es eine Illusion, es ist nur eine Geschäftsbeziehung. Aber der katholische Priester als Seelsorger ist auch nur eine Illusion, und zwar eine langweiligere  – der tut nämlich auch nur seinen Job.

Der Mensch hat sexuelle Bedürfnisse, so wie Essen und Trinken, ein warmes Zuhause, und vieles andere. Noch nie war die traditionelle abendländische Ehe der alleinige Ort, diese Bedürfnisse zu erfüllen. Im Gegenteil – der Versuch, dieses „Idealmodell“ durchzusetzen, endet oft genug in Frustration und Einsamkeit.

Warum kann eine reife, liberale, tolerante Gesellschaft nicht sexuelle Dienstleistungen als die Bereicherung des Lebens anerkennen, die sie de facto schon immer waren? Warum ist es okay, wenn eine Frau nach einem anstrengenden Arbeitstag sich im Fitness-Studio weiter anstrengt, aber nicht wenn sie sich bei einer Tantra-Massage erholt? Warum muss sich ein Mann schämen, wenn er zu einr Sexarbeiterin geht, aber nicht wenn er in den Spielsalon geht? Ist eine professionell erbrachte sexuelle Dienstleistung  von Menschen nicht viel schöner, als vereinsamt zuhause mit elektrischen Geräten zu spielen, seien es Sextoys oder Computer?

Wieviele Paare trauen sich nicht einmal, offen über Sexualität zu sprechen, über Wünsche und Vorlieben, die deshalb oft Jahrzehnte unterdrückt werden? Sie kommen nicht einmal auf die Idee,dass ihre Beziehung vielleicht sogar harmonischer werden könnte, wenn man nicht alle Aspekte der Sexualität in dieser einen Beziehung suchen muss. Viel gefährlicher sind heimliche Affären, aus denen wirklich Liebe entstehen kann – bei professionellen Dienstleisterinnen besteht diese Gefahr nicht.

Unsere angeblich so tolerante und aufgeklärte Gesellschaft muss hier noch sehr viel dazulernen. In früheren Jahrhunderten war man teilweise viel offener und realistischer. Als 1414-1418 das katholische Kirchenkonzil in Konstanz tagte, gehörten Hunderte von  Sexarbeiterinnen selbstverständlich zum Tross der angereisten Kirchenfunktionäre. In Konstanz wurde deshalb 1993 mit der „Imperia“ das weltweit größte Denkmal für eine Prostituierte errichtet – bemerkenswerterweise auf einem Grundstück, das der Deutschen Bahn gehört. Imperia hält zwei nackte Männlein in den Händen, einen Papst und einen Kaiser.

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Ich bewundere diese mutige Entscheidung, diese Statue aufzustellen. Tatsächlich haben die Sexarbeiterinnen des Konzils mehr Respekt verdient als die Kirchenfunktionäre, die den Reformator Jan Hus mit falschen Versprechungen nach Konstanz lockten und ihn dann bei lebendigem Leib als Ketzer verbrannten. Ich wünsche mir noch viele mehr solche Denkmäler wie die Imperia.

Political Correctness, religiöser Fundamentalismus, radikale Bürger-Spießigkeit und individuelle Verklemmtheit sind die Melange, die diese Intoleranz gegenüber professionell angebotenen sexuellen Dienstleistungen hervorbringen. Dienstleistungen, die das Leben schöner machen können, die wir schätzen, weiterentwickeln und schöner machen sollten, statt sie verkrampft zu bekämpfen. Die Menschen, die diese Dienstleistungen erbringen, haben Respekt und Anerkennung verdient, denn sie tun der Gesellschaft mehr Gutes als viele andere Berufsgruppen.

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Auch sie verdient Respekt

 

 

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Lila

Ein heißer Sommertag, leider kein Wochenende. Wer weiß, vielleicht einer der letzten in diesem Sommer. Eine lange Bahnreise steht bevor, auf die ich wirklich keine Lust habe. Leider ist der Termin wichtig. Und das Werk, das ich präsentieren soll, immer noch nicht fertig. Es fällt mir nicht leicht, schon das ärgert mich, es gibt in dieser Materie einfach keine klare Linie, zuviele Widersprüche und Unklarheiten.

Dennoch, ich lasse mir davon die Laune nicht verderben. Ich habe noch genug Zeit bis zuir Abreise, und ich habe Lust auf ein anderes Outfit. Lila. Heute und morgen alles lila. Ein schönes leichtes lila Sommerkleid, lila Wäsche, lila Schuhe, lila Nagellack an Fingern und Zehen. Lila Lippenstift. Lila Armreif, lila Ohrhänger, nur eine lila Halskette habe ich nicht. Die darf dann schwarz sein, das sieht auch gut aus. Ein lila Strähnchen wäre die ideale Abrundung, aber das geht nicht so auf die Schnelle.

Ist das zu schrill? Wahrscheinlich. Was ich sagen werde, ist eigentlich jetzt schon egal, die einen finden mich wegen des Outfits toll, die anderen werden mich genau deswegen ablehnen. Naja, das ist auch ein bisschen eine Versicherung dagegen, dass ich möglicherweise inhaltlich nicht sehr brillant sein werde, wenn mir auf der Reise nicht noch eine Reihe gute Ideen kommen sollten.

Der Zug ist gut gefüllt, aber nicht überfüllt. Dennoch, gut dass ich einen Platz reserviert habe. Selbst in der ersten Klasse nicht mehr viele freie Plätze. Aber zum Glück, direkt gegenüber an meinem Tisch: ein freier Platz. Wie gerne würde ich jetzt die Beine ausstrecken und auf den gegenüberliegenden Sitz legen. Aber das ist unhöflich.

Ich fasse mir ein Herz, ich frage den jungen Mann schräg gegenüber obe r was dagegen habe, wenn ich meine Beine auf den Sitz neben ihm lege. Nein, hat er nicht, sagt er freundlich.

Vertieft in meine Lektüre merke ich nach einer Viertelstunde, dass er ununterbrochen meine Beine ansieht. Ich sehe ihn an. Er ist höchstens Mitte zwanzig, sehr „korrekt gekleidet“. Wie kann man bei diesem Wetter mit Anzug und Krawatte herumlaufen. Blond, feine lange Hände. Er merkt, dass ich merke, dass er meine Beine bewundert. „Sie haben sehr schöne Beine“ sagt er verlegen. Holländischer Akzent. Er sieht mich mit einem fast schon verliebten Blick an.

„Danke. Ja, danke.“

Ich grübele weiter in meinen Texten, werde langsam nervös weil mir einfach nicht recht einfallen will, welchen roten Faden meine Präsentation haben soll. Ich komme gar nicht erst auf die Idee, dass mich seine Bewunderung für meine Beine stören könnte. Eigentlich nehme ich sie nur am Rand war.

Irgendwann, nach einer gefühlten halben Ewigkeit, habe ich allmählich Klarheit was mein roter Faden wird. Laptop raus, jetzt geht es an die Arbeit.

Die Beine sind jetzt unter dem Tisch. Der junge Holländer sieht jetzt mit schönen blauen Augen unentwegt den Teil von mir bewundernd an, der über dem Tisch zu sehen ist.

Merkt er nicht, dass er viel zu jung für mich ist?

Egal. Eigentlich stört es mich nicht. Die meisten Frauen würde es stören. Er hat Glück. Mich stört es nicht. Nein, es gefällt mir sogar zunehmend.

Bei einem irgendwann fälligen Besuch der Toilette kommt mir eine verwegene Idee. Typisch für mich. Ich ziehe den BH aus. Er ist sowieso unbequem, aber mein einziger in lila. Das Kleid ist eigentlich einen Hauch zu transparent dafür, aber das ist mir jetzt einfach egal.

Ich gehe an meinen Platz zurück. Der Holländer schaut mich ungläubig an, ich lächele und mache mich wieder an die Arbeit am Laptop.

Seine Augen hängen an mir, wie an einer Göttin. Gut gelaunt arbeite ich weiter. Ich glaube langsam, mit diesem Werk brauche ich wohl doch nicht zu verstecken. Der Text sprudelt nur so in die Tasten, kaum zu fassen. Ich fange schon an zu glauben, es wird doch eine gute Präsentation.

Als ich fertig bin und den Computer zuklappe, sieht mich der junge Mann erwartungsvoll an. Nein, auf ein Gespräch habe ich jetzt aber echt keine Lust. Ich frage ihn, ob ich die Beine wieder hochlegen darf. Natürlich hat er keine Einwände. Ich döse noch ein bisschen, eine kleine Verschnaufpause vor dem Auftritt. Etwas Schöneres hätte ihm gar nicht passieren können, er betrachtet mich mit einer Verzückung als wäre ich Mona Lisa.

Als er aussteigen muss, fällt mir zum Glück noch rechtzeitig ein, dass ich auch bald am Ziel ankommen werde und vielleicht besser nochmal in die Toilette sollte und den unbequemen lila BH wieder anziehen sollte.

Beschwingt spaziere ich zu einer erfolgreichen Präsentation. Aus einer vermeintlich nervigen Anreise ohne gute Idee mit folglich unvermeidlich schlechter Präsentation wurde eine reizvolle, produktive Fahrt, bei der ich einen jungen Gentleman ohne jeden Aufwand glücklich gemacht habe. What a wonderful day…

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Crisis

Krise. Ich kann mir nicht helfen, irgendwie bin ich in einer Krise. And when I am in crisis, or when emotions start to overwhelm me, I am thinking in English. Sorry about that.

Ich bin eine lebenslustige, fröhliche Lady und wollte diesen Blog immer als einen Blog machen, der genauso ist. Ich finde Blogs nicht attraktiv, die nur die ganze Zeit darüber jammern, wie schlecht die Welt ist, und darüber immer zynischer werden. Something like that only drags you down… who wants to read that?

Leider wird mein Blog immer mehr so wie ich es nie wollte. Weil ich selbst immer mehr so werde. All der Horror aus Palästina, aus Irak, aus Syrien. One of my dearest friends being killed in this goddamn place. I am still crying for Hanan. I am crying for all the courageous women of this region who find themselves back in the Middle Ages, killed and tortured by madmen, by mad MEN, many of them from Europe. And it goes on and on. It makes ME mad. But here, it makes hardly anyone else mad.

My identity crisis as a Deutsche who is not Deutsch enough to feel at home in this country. I feel so alien in this country like never before.  Looking at what happens in Ferguson, my other country looks just like a failed state, like a civil war in the making. Gimme a break, this ain’t no country to live either.

Where can I go? Where is my place in this world?

I just don’t know. I am lost.

Nein, ich will mich nicht so runterziehen lassen. But it happens.

Ich werde mein Bestes tun, diesen Blog nicht in einen zynischen Weltschmerzblog abgleiten zu lassen. Wenn es mir nicht gelingt, bitte sagt es mir. Dann höre ich auf. I promise.

So much  for now – „in eigener Sache“. Sorry for this chaotic stuff.

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Ich werde die Ferienwohnung nicht denunzieren

Ferienwohnungen sind für Vermieter in touristisch attraktiven Städten wie Berlin oder New York lukrativer als normale Mietwohnungen.

Gentrifizierung ist in immer mehr Städten ein reales soziales Problem. Ich habe hier auch schon darüber geschrieben. Sie wird ausgelöst von einer Vielzahl von Faktoren. Die soziale Spaltung, die zunehmende Ungleichheit, sie machen sich auch im Wohnungsmarkt bemerkbar. Das billige Geld, die niedrigen Zinsen treibt Anleger in die Immobilie. Die Attraktivität einer Stadt verstärkt den Run auf diese Stadt und macht genau die Attraktivität kaputt. Stadtverwaltungen und Regierungen, die lieber tatenlos zusehen als gestaltend in Märkte einzugreifen. Nur zu oberflächlichem Handeln ist man ab und zu bereit. Man könnte Ferienwohnungen verbieten, so wie Berlin, obwohl die sicherlich nicht zu den Haupttriebkräften der Gentrifizierung gehören.  Wer in Berlin Wohnungen über AirBnb und andere Plattformen anbietet, lebt seit neuestem riskant – sofern die notorisch unfähige Berliner Verwaltung ihm überhaupt nauf die Schliche kommt.

Aber dafür gibt es ja den Denunzianten. Der kann da nachhelfen.

Denunziant, das klingt so schlimm. Damit will niemand etwas zu tun haben.

Aber man kann es auch anders sehen. Man will etwas Gutes tun, gegen Gentrifizierung nicht nur jammern sondern praktisch einschreiten, und den Vermieter kann man eh nicht leiden. Also, die Wohnung kann man ja anzeigen. Vielleicht sogar anonym, mit einem Robin Hood-Gefühl.

In unserem Haus befindet sich eine Ferienwohnung. Sie ist nicht gemeldet und nicht genehmigt. Strenggenommen also illegal.

Soll ich die Vermieterin denunzieren? Sie, die mit Gentrifizierung gutes Geld macht, alteingesessene und/oder einkommensschwächere Menschen um eine Wohnung bringt? Die die Invasion der Billig- und Sauf-Touristen nun auch in unseren Stadtteil bringt, wo es bisher kein sehr verbreitetes Phänomen war?

Nein, das werde ich nicht tun. Ich bin kein Hilfssheriff für eine unfähige Stadtverwaltung und keine Denunziantin.

Ich denke an die Gäste dieser Wohnung, viele sieht man gar nicht oder kaum, andere aber doch. Da war das Pärchen aus Belarus, das seine Hochzeitsreise in ihre Traumstadt Berlin führte und die sich kein Hotel leisten konnten. Der turbantragende indische Sikh mit dem meterlangen Bart, der Frauen grundsätzlich wie Luft behandelt und Männer höflich grüßt. Natürlich auch die jungen Leute aus Spanien oder England, die mal die Sau rauslassen wollten, wie ich es in dem Alter auch gemacht habe. Das kulturbeflissene Ehepaar aus Bayern, das von Berlin eigentlich nur die Museen sehen wollte.

Und da waren die drei polnischen Studentinnen, die ein Paket für uns angenommen hatten und es am Abend  vor ihrer Abreise vorbeibrachten, weil wir keinen Benachrichtigungszettel hatten…sie waren hin und weg vom großen Whirlpool mitten in der Wohnung. Das Angebot, ihn auszuprobieren, nahmen sie an und daraus wurde schließlich eine fröhliche Whirlpool-Party bis in die Nacht.

Ich möchte sie nicht missen, diese Menschen. Ich freue mich dass sie da sind. Auch deshalb werde ich die Ferienwohnung nicht denunzieren. All dieser Menschen wegen, und weil die Vermieterin nett ist. Aber wenn noch jemand eine zweite Ferienwohnung hier aufmacht, dann werde ich wohl doch was machen. Glaube ich jedenfalls.

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Der Zahnarzt und die Zahnarzthelferin

Es sollte nur ein Routinebesuch werden, bei der Zahnärztin meines Vertrauens. Ein schwüler Sommer-Nachmittag, ständig droht ein Gewitter. Du fängst an zu schwitzen in dem Augenblick, in dem du dich bewegst. Schon morgens ziehe ich nur das Nötigste an, ein leichtes Kleid. Dennoch schwitze ich den halben Tag. Statt Gelateria nun also…Zahnärztin.

Dachte ich. Aber sie ist nicht da. Stattdessen eine Vertretung, ein Mann. Ein Zahnarzt.

Leider wird es kein Routinebesuch. Er findet Karies. Da müsse man mal nachsehen.

Ich bekomme Panik. Nichts ängstigt mich so wie Zahnärzte. Das durchdringende Gekreische eines  Bohrers, die reine Folter für mich.

Und Panik bedeutet, bei diesem Klima, Schwitzen.

Ich liege vor dem Zahnarzt, und schitze wie ein Wasserfall. Mein Silberschmuck wird sich verfärben, wie immer wenn ich so heftig schwitze.

Mein Kleid wird feucht. Nein, es wird nass. Und damit durchsichtig.

Er fummelt im meinem Mund herum, mit allerlei Geräten. Er redet mir gut zu, im Tonfall eines Lehrers der ein Schulkind tröstet. Das regt mich auf. Aber ich kann nur die Klappe halten. Ich kann ja nichts sagen. Meine Nippel werden hart, wie immer wenn ich im emotionalen Ausnahmezustand bin. Über mir der Zahnarzt. Unter ihm eine nassgeschwitzte Frau, im vermutlich längst ganz transparenten Kleid. Hilfe. Ein Glück, wenigstens trage ich einen Slip.

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Jemand massiert mir zärtlich die linke Schulter. Es tut gut. Sehr gut. Es erregt mich geradezu. Aber das ist nicht der Zahnarzt. Die Zahnarzthelferin. „Suhail, bitte beruhigen Sie sie.“ Sagt der Zahnarzt.  Suhail, die Zahnarzthelferin. Sie lächelt mich an, eine wunderschöne Araberin. Ich lächele sie auch an. Ihre Augen sind unwiderstehlich. Ich vergesse völlig den Zahnarzt. Sie massiert und streichelt meine Schulter, meinen Hals.

Im Wechselbad der Gefühle zwischen Panik und anregender Massage passiert nur eines: ich schwitze noch mehr.

Suhail lächelt. Die Sprüche des Zahnarztes nehme ich gar nicht wahr.

Suhail hat eine Hand frei, sie streichelt meinen Hals. Irres Gefühl. Ich merke gar nicht mehr was der Zahnarzt macht. Sie schaut mir unentwegt in die Augen. Unwiderstehliche Augen.

Die Behandlung ist beendet. Benommen stehe ich auf. Suhail lächelt mich an, ich küsse sie auf die Wange. Das ist ihr peinlich, aber sie lächelt mich dennoch glücklich an.

Der Arzt fragt mich, ob ich duschen möchte.

Warum, frage ich. Ich sei doch total nassgeschwitzt, antwortet er.

In der Tat, ich könnte in einem Wet-Shirt-Contest mitspielen.

Danke, nicht nötig. Wie geht es weiter, frage ich.

Er sieht mich ziemlich verständnislos an und sagt, Frau S. werde mich weiterbehandeln, ich solle einen Termin vereinbaren.

Danke, mache ich.

In der Toilette sehe ich, mein Kleid ist wirklich ganz durchsichtig geworden. Die Haare sehen furchtbar aus. Aber draußen regnet es. Also werde ich sowieso nass, wenn ich rausgehe. Ich spaziere raus, in den Regen. Kein Schirm. Am liebsten würde ich das Kleid ausziehen, aber das mache ich dann doch nicht. Frische Luft. Wunderbar.

Suhail. Ich hätte mich bestimmt in sie verliebt, wenn das noch länger gedauert hätte. Den ganzen Abend denke ich an sie. Fast schon freue ich mich auf den nächsten Termin.

 

 

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Germans, Americans and the World. A tale of two nations looking at the Middle East and terrorism

The unfolding genocide in Iraq and Syria is shocking the world, or maybe it only seems to shock the world. A few thousand Salafist madmen, at least half of them foreigners from Europe and other countries, are rushing from victory to victory. The 800,000-strong regular Iraqi army is no match for them, and the supposedly tough Kurdish Peshmerga fighters barely can withstand the IS assault.

I will not delve into an analysis of who is IS, who supports them and so on. This article is about the German and American public’s reaction to the terrible events in Iraq and Syria. They are radically different, must be seen against a radically different background, and yet – they are strikingly similar in their consequences for Iraqis and Syrians.

Germany is a belated nation, just like America. Splendid isolation served America well in its early years, forming a nation firmly believing in American exceptionalism, in keeping out of foreign conflicts. The first and second world wars changed everything. America emerged as a superpower, trying to shape the world, driven by a mission, driven by an ideology, soon driven by corporate interests. The public went along, by and large, until the Viet Nam war and a little later the humiliating defeat of the Shah and the embassy hostages.

The neoconservative revolution, Ronald Reagan’s and the Bush dynasty’s rise to power were fueled by this sense of defeat. However, America was not yeat ready for more costly, bloody wars and bodybags of American soldiers coming home. The picture only changed with 9-11. The nation went to war in Afghanistan, in Iraq, and yet it never had a clue what those countries are, what America wanted there, what American policies had inflicted upon these countries before. No surprise. Half the nation has never set foot in another country. When  George Bush jr became president he knew nothing about the world.

Washington is the center of the universe. Decisions to go to war,  to support foreign fighters, to topple a foreign regime – purely results of an assessment of the U.S. national interest, or the interests of the current administration, and the domestic repercussions of these decisions. Whether any such action helps to make a country more peaceful, more democratic, more prosperous, helps advance human rights is not a factor in these decisions.

Yes, Iraq must have been a terrible place under Saddam Hussein, a regime propped up by the West and the Soviets alike against the dreaded Khomeini regime. Saddam went to war with Khomeini, you could almost say on behalf of the West, for eight years. When he invaded Kuwait, he became an enemy and had to be contained. The West’s cynicism became plain to see for everyone when Kurds in the North and Shias in the South revolted against Saddam after the Gulf War 1991, and the US armed forces did exactly nothing until Saddam had them under control again,killing tens of thousands. Iraq’s people suffered massively from sanctions and occasional bombing until the full-scale invasion 2003. The worst was still to come, as we all know.

Every single Western intervention has made things worse for the Iraqi people – and maybe at some point, the non-interventions were the worst of all. This is very important. Once you have started the mess, you can not sit idly by when things unfold, like a firefighter that sets his neighbour’s house afire and decides, any further intervention with this house are no good. When you have created this mess, you are responsible to limit the fallout and you can not just disappear. The Kurds,  the Yezidis,  and the Shias were let down in 1991, and they are let down now. The only responsible thing now is to go in and eradicate IS until their last terrorist is dead or locked up. This is the moral responsibility of a nation that has brought so much pain and horror to the people of Iraq.

But it won’t happen. Americas serves its own interests, nothing else, and the Iraqi people are just expendable and irrelevant factors in this powerplay. Who cares about genocide? It is far away. The president might do a little bit to serve his own image, and that’s what he does,  that’s it.

Deutschland macht es anders. Deutschland will seit 1945 mit Kriegen, mit Geopolitik nichts mehr zu tun haben.  Auch wenn Leute wie Gauck das schlecht finden, es wird sich nicht ändern. Man macht Geschäfte mit allen Seiten, man verdient gut daran, auch an den vielen Rüstungsexporten. Deutsche Wertarbeit, weltweit gefragt. Da ist man auch beliebter als die kriegslüsternen Amerikaner. Von der Welt verstehen die meisten Deutschen zwar ungefähr genausoviel wie die meisten Amerikaner, nämlich nichts, aber das würde man sich nie eingestehen. Man reist schließlich ständig ins Ausland, es gibt wohl kaum einen Deutschen, der noch nie im Ausland war. Doch wissen die Deutschen über die Länder, die sie dauernd bereisen, eigentlich nichts. Zwanzig mal in Mallorca gewesen, aber über die spanische Politik weiß man gar nichts: den Bürgerkrieg, die Nazibomben auf Guernica, das Franco-Regime, kastilischer Zentralismus gegen katalonische Sezessionsbestrebungen – keine Ahnung, nie gehört. Viele Arbeitslose soll es da geben, das ist wohl noch angekommen, aber das war es. Die Ignoranz für Länder außerhalb Europas ist noch weit krasser.

Mit der gleichen Ignoranz betrachten die Deutschen den Nahen Osten. Nein, es geht in der öffentlichen Debatte nicht so sehr um deutsche Interessen (das würde man sich im Gegensatz zu Amerika nie eingestehen), sondern um deutsche Moral. Nie wieder Krieg, hat man sich geschworen. Das Wichtigste an irgend so einem Krieg ist, wie halten wir uns raus, wie vermeiden wir es uns die Finger schmutzig zu machen. Wir dürfen auf keinen Fall Waffen an die Kurden liefern. Da machen wir uns doch mitschuldig. Wir sind zwar Spitze beim Rüstungsexport, aber bitte nur heimlich. Nein, allzuviele Flüchtlinge wollen wir auch nicht aufnehmen, aber wir könnten Geld an Jordanien geben für Flüchtlingshilfe. Wir wollen aber auch nichts gegen Salafisten im Inland tun, das wäre doch gegen den Rechtsstaat. Deutschlands instinktive Antwort auf Guantanamo ist, unsere Polizei schützt Salafistendemos vor den erbosten Kurden in Deutschland. Da fühlt sich der Deutsche als der wahre Demokrat, moralisch überlegen, ein Beispiel für die ganze Welt. Vierhundert deutsche Salafisten morden im Irak und Syrien, Deutschland ist froh dass sie ausgereist sind und woanders morden. Man könnte sie vorher verhaften, aber das geht auf keinen Fall, lieber lassen wir sie abhauen, auch wenn sie dann viele unschuldige Menschen umbringen. Es sind ja nur Iraker und Syrer, keine Deutschen. Es geht Deutschland nichts an. Es reicht gerade noch für ein paar Krokodilstränen über massenhaft ermordete Jesiden, Iraker, Syrer. Von Deutschen mitgemordet.

I am American, estranged from America, and I am German, for many years quite proud to be German too.  For the first time in many years I feel alienated, even offended by the public discourse in this country, Germany. The wars in Bosnia and Kosovo were not enough. Germans remain pacifists, morally superior to America, because they did not create the mess in the first place and therefore they can morally afford to do nothing in the face of genocide. German pacifists are people who refuse to stop innocent women and children from being slaughtered by their own countrymen – as long as they commit these crimes in Iraq and not in Germany. Disgusting.

Ich stelle mir vor, ich bin eine jesidische Frau, ein deutscher Salafist hat gerade meinen Mann vor meinen Augen geköpft, jetzt werde ich gefoltert, vergewaltigt, versklavt, in die Wüste gejagt. Der deutsche Pazifist sagt, tut mir leid, daran ist George Bush schuld, der hat den Golfkrieg angefangen, ich helfe dir nicht, höchstens werfe ich ein paar Lebensmittelkonserven aus der Luft ab. Aber das war’s, beschwer dich bei Bush, alle weiteren Aktionen machen dein Schicksal nur noch schlimmer.

Mir kommen nicht nur die Tränen, sondern vor allem das Kotzen angesichts von soviel selbstgerechten pseudomoralischen Zynismus.

Das Gemeinsame am so radikal unterschiedlichen Diskurs in Amerika, in Deutschland ist: die leidgeprüften Menschen im Irak, in Syrien interessieren weder Amerikaner noch Deutsche auch nur einen feuchten Dreck. Dass Hunderttausende auf der Flucht vor einer Terroristenarmee nicht warme Worte brauchen, sondern jemanden der die Terroristen zuverlässig und vor allem schnellstmöglich erledigt, wird ignoriert. Ja, es wäre besser gewesen wenn sich Europäer und Amerikaner seit 100 Jahren aus der Region herausgehalten hätten. Es gäbe weder Irak noch Syrien, schon gar kein Israel. Was aus der Zerfallsmasse des Osmanischen Reiches geworden wäre, wäre ohne Europäer entschieden worden. Jede weitere Intervention – aber auch zu bestimmten Zeitpunkten Nicht-Intervention! – hat das Elend nur vergrößert. Wer so viel Mist verursacht hat, muss sich behutsam nach und nach aus dem Schlamassel herausziehen, aber so schnell kann man seine Verantwortung nicht so abschütteln dass man einfach sagt, es geht uns jetzt nichts mehr an, macht was ihr wollt, und verreckt meinetwegen.

Deutsche und Amerikaner tun genau dieses, und fühlen sich dabei auch noch moralisch sehr wohl dabei. Jeweils auf ihre Art.

I am embarrassed for both my passports, simultaneously. For the first time in my life. Thank you for reading all this stuff.

 

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